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  "category": "Demokratie und Diktatur",
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      "title": "Das Ende von Weimar 1930–1933",
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      "short": "Das Ende der Weimarer Republik einfach erklärt: Präsidialkabinette Brüning, Papen, Schleicher, Art. 48 und Art. 25, Weltwirtschaftskrise, Aufstieg der NSDAP, Machtübertragung an Hitler 1933, Gründe des Scheiterns und Forschungsstreit, mit Originalquelle und echter Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-weimar-ende -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Ende der Weimarer Republik 1930–1933</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Kommt im Abitur etwas zum Ende der Weimarer Republik dran, sollst du zeigen, dass du Zusammenhänge verstehst; Punkte gibt es für Erklären und Bewerten, nicht fürs Auswendiglernen von Daten. Im März 1930 zerbrach die letzte Regierung, die sich auf eine Mehrheit im Reichstag stützte. Danach regierten die Kanzler Brüning, Papen und Schleicher mit dem Vertrauen des Reichspräsidenten Hindenburg statt mit dem Parlament: Sie ließen Gesetze als Notverordnungen nach Artikel 48 erlassen und den Reichstag nach Artikel 25 auflösen, wenn er widersprach. In der Weltwirtschaftskrise mit über sechs Millionen Arbeitslosen wurde die NSDAP 1932 zur stärksten Partei, eine eigene Mehrheit bekam sie nie. Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler, auf Drängen konservativer Politiker um Papen; Historiker sprechen deshalb von einer Machtübertragung. Warum die Republik scheiterte, erklärt kein einzelner Grund, und wie man die Gründe gewichtet, ist bis heute umstritten.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was der Lehrplan sagt</span><p>Gefordert: „Krise und Zerstörung der Weimarer Demokratie: Präsidialkabinette“; eA zusätzlich verschiedene Forschungsansätze zu den Gründen des Scheiterns (<a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/erhoeht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LehrplanPLUS G12 eA</a>).</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><p>Grundlegende Daten und Begriffe (GDB) in diesem Lernzettel: 1929 Beginn der Weltwirtschaftskrise, 30. Januar 1933 Hitler Reichskanzler, Weimarer Republik, Weimarer Reichsverfassung.</p></details></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>In einer <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">parlamentarischen Demokratie<span class=\"wort-erkl\">eine Demokratie, in der die Regierung das Vertrauen der Mehrheit im Parlament braucht und von ihm gestürzt werden kann</span></span> braucht die Regierung eine Mehrheit im Parlament. Die Weimarer Verfassung von 1919 sah das vor (Art. 54). Sie gab aber auch dem Reichspräsidenten, den das Volk direkt wählte, viel Macht: Er ernannte den Kanzler, durfte den Reichstag auflösen und im Notfall selbst Verordnungen mit Gesetzeskraft erlassen.</p>\n<p>Ab 1930 wurde aus dem Notfall der Normalfall. Die Regierung kam ohne Parlament aus, solange der Präsident mitmachte. Man nennt diese Regierungen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Präsidialkabinette<span class=\"wort-erkl\">Regierungen, die sich nicht auf eine Mehrheit im Reichstag stützen, sondern auf das Vertrauen des Reichspräsidenten und seine Notverordnungen</span></span>. Sie waren noch keine Diktatur, aber sie gewöhnten Politik und Bevölkerung daran, dass das Parlament nicht mehr entscheidet. In der Klausur sollst du diesen Abbau der Demokratie in Stufen erklären und die Gründe des Scheiterns gewichten.</p>\n</div>\n\n<h4>Das Material: die Verfassung, die das möglich machte</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919 (Auszüge)</span>\n<p>Art. 25 (1): „Der Reichspräsident kann den Reichstag auflösen, jedoch nur einmal aus dem gleichen Anlaß.“</p>\n<p>Art. 48 (2): „Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen […].“</p>\n<p>Art. 48 (3): „Von allen gemäß Abs. 1 oder Abs. 2 dieses Artikels getroffenen Maßnahmen hat der Reichspräsident unverzüglich dem Reichstag Kenntnis zu geben. Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichstags außer Kraft zu setzen.“</p>\n<p>Art. 53: „Der Reichskanzler und auf seinen Vorschlag die Reichsminister werden vom Reichspräsidenten ernannt und entlassen.“</p>\n<p>Art. 54: „Der Reichskanzler und die Reichsminister bedürfen zu ihrer Amtsführung des Vertrauens des Reichstags. […]“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Reichsgesetzblatt 1919, S. 1383, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>So greifen die Artikel ineinander: Der Präsident ernennt einen Kanzler ohne Mehrheit (Art. 53). Dieser lässt Gesetze als Notverordnung erlassen (Art. 48 Abs. 2). Verlangt der Reichstag die Aufhebung (Art. 48 Abs. 3) oder droht ein Misstrauensvotum (Art. 54), löst der Präsident ihn auf (Art. 25). Bis zur Neuwahl regiert die Regierung weiter mit Notverordnungen. Genau das geschah im Juli 1930 zum ersten Mal.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Gesetze des Reichstags und Notverordnungen des Reichspräsidenten</span>\n<table>\n<thead><tr><th>Jahr</th><th>Gesetze des Reichstags</th><th>Notverordnungen</th></tr></thead>\n<tbody>\n<tr><td>1930</td><td>98</td><td>5</td></tr>\n<tr><td>1931</td><td>34</td><td>42</td></tr>\n<tr><td>1932</td><td>5</td><td>60</td></tr>\n</tbody>\n</table>\n<p class=\"ks-quelle\">Hans Schneider, „Das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933“, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 198 f.; 1930 (5 Notverordnungen, 98 Gesetze) und 1932 (5 Gesetze) ebenso LeMO (Deutsches Historisches Museum), Jahreschronik 1932, die für 1932 66 Notverordnungen nennt. Die Zahlen für 1931 stammen nur von Schneider. Die Zählungen weichen je nach Quelle etwas ab, die Entwicklung ist in beiden Quellen dieselbe.</p>\n</div>\n\n<h4>Der Abbau der Demokratie in Stufen</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>27. März 1930, Ende der Großen Koalition:</strong> Die Regierung Hermann Müller (SPD) tritt zurück. Streitpunkt ist die Arbeitslosenversicherung, die in der Krise kein Geld mehr hat: Die DVP will Leistungen kürzen, die SPD höhere Beiträge. Es ist die letzte Regierung mit einer Mehrheit im Reichstag.</li>\n<li><strong>1930 bis Mai 1932, Brüning:</strong> Hindenburg beauftragt Heinrich Brüning (Zentrum), sein Kabinett „nicht auf der Basis koalitionsmäßiger Bindungen“ zu bilden. Brüning setzt einen harten Sparkurs durch, die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Deflationspolitik<span class=\"wort-erkl\">der Staat spart, kürzt Löhne, Gehälter und Unterstützung und erhöht Steuern, damit der Haushalt ausgeglichen ist und die Preise sinken; in der Krise verschärft das die Not</span></span>. Als der Reichstag am 18. Juli 1930 eine Notverordnung aufhebt, löst Hindenburg ihn auf und setzt die Verordnung neu in Kraft. Bei der Wahl am 14. September 1930 steigt die NSDAP von 12 auf 107 Sitze. Danach <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">toleriert<span class=\"wort-erkl\">duldet: Die SPD stimmte Anträgen auf Aufhebung der Notverordnungen und Misstrauensanträgen nicht zu, ohne in der Regierung zu sein</span></span> die SPD Brüning, um Neuwahlen und eine noch stärkere NSDAP zu verhindern.</li>\n<li><strong>1932, Hindenburg gegen Hitler:</strong> Bei der Wahl des Reichspräsidenten wird Hindenburg im zweiten Wahlgang am 10. April mit 53 Prozent gegen Hitler (36,8 Prozent) wiedergewählt, getragen von SPD und Zentrum. Ende Mai entzieht er Brüning trotzdem das Vertrauen.</li>\n<li><strong>Juni bis November 1932, Papen:</strong> Franz von Papen regiert mit einem Kabinett, das im Reichstag nur die DNVP stützt. Er hebt das Verbot von SA und SS auf und setzt am 20. Juli 1932 im <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Preußenschlag“<span class=\"wort-erkl\">Absetzung der preußischen Regierung unter Otto Braun (SPD) durch Notverordnung; Papen übernahm als Reichskommissar die Macht im größten Land</span></span> die SPD-geführte Regierung Preußens ab. Bei der Wahl am 31. Juli wird die NSDAP mit 37,3 Prozent stärkste Partei; NSDAP und KPD haben zusammen eine Mehrheit, mit der keine Regierung möglich ist, aber jede Regierung gestürzt werden kann. Am 12. September verlangt der Reichstag mit 512 gegen 42 Stimmen die Aufhebung einer Notverordnung; Papen lässt ihn erneut auflösen. Am 6. November verliert die NSDAP Stimmen (33,1 Prozent).</li>\n<li><strong>Dezember 1932 bis Januar 1933, Schleicher:</strong> General Kurt von Schleicher sucht eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Querfront“<span class=\"wort-erkl\">Plan Schleichers, Gewerkschaften und den Flügel der NSDAP um Gregor Strasser hinter einer Regierung zu sammeln und die NSDAP so zu spalten</span></span> und scheitert. Hindenburg verweigert ihm die Auflösung des Reichstags mit verschobener Neuwahl; Schleicher tritt am 28. Januar 1933 zurück.</li>\n<li><strong>30. Januar 1933, Hitler Reichskanzler:</strong> Papen, Hindenburgs Sohn Oskar und Staatssekretär Meißner überzeugen den Präsidenten. Im Kabinett sitzen neben Hitler nur zwei Nationalsozialisten, Frick und Göring; die Konservativen glauben, Hitler kontrollieren zu können. Schon am 1. Februar wird der Reichstag aufgelöst.</li>\n</ol>\n<p class=\"ks-quelle\">Chronologie: LeMO (Deutsches Historisches Museum), Jahreschroniken 1930 und 1932; Bundeszentrale für politische Bildung, Informationen zur politischen Bildung „Weimarer Republik“, Kapitel „Zerstörung der Demokratie 1930–1933“ (2021).</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Abbau der Demokratie 1930 bis 1933 <span>· Die Stufen vom Ende der Großen Koalition bis zum 30. Januar 1933.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 200\" role=\"img\" aria-labelledby=\"wei-t wei-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"wei-t\">Abbau der Demokratie in Stufen 1930 bis 1933</title>\n<desc id=\"wei-d\">27. März 1930 Ende der Großen Koalition, 18. Juli 1930 Auflösung des Reichstags und erneute Notverordnung, 14. September 1930 NSDAP steigt von 12 auf 107 Sitze, 20. Juli 1932 Preußenschlag, 30. Januar 1933 Hitler Reichskanzler.</desc>\n<rect x=\"10\" y=\"12\" width=\"330\" height=\"30\" rx=\"8\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.08\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"20\" y=\"32\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">27.3.1930</text>\n<text x=\"94\" y=\"32\" font-size=\"11\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Große Koalition zerbricht</text>\n<rect x=\"40\" y=\"48\" width=\"300\" height=\"30\" rx=\"8\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.11\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"50\" y=\"68\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">18.7.1930</text>\n<text x=\"124\" y=\"68\" font-size=\"11\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Reichstag aufgelöst, Notverordnung</text>\n<rect x=\"70\" y=\"84\" width=\"270\" height=\"30\" rx=\"8\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.14\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"80\" y=\"104\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">14.9.1930</text>\n<text x=\"154\" y=\"104\" font-size=\"11\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">NSDAP: 12 → 107 Sitze</text>\n<rect x=\"100\" y=\"120\" width=\"240\" height=\"30\" rx=\"8\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.17\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"110\" y=\"140\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">20.7.1932</text>\n<text x=\"184\" y=\"140\" font-size=\"11\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">„Preußenschlag“</text>\n<rect x=\"130\" y=\"156\" width=\"210\" height=\"30\" rx=\"8\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.20\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"140\" y=\"176\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">30.1.1933</text>\n<text x=\"214\" y=\"176\" font-size=\"11\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Hitler Reichskanzler</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik, Stufen.</strong> Daten wie im Abschnitt „Der Abbau der Demokratie in Stufen“.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Warum die Republik scheiterte: die Gründe einzeln und zusammen</h4>\n<p>Die Lehrpläne verlangen, dass du lang- und kurzfristige Gründe unterscheidest und ihren Zusammenhang mit dem Aufstieg der NSDAP erklärst. Lern die Gründe einzeln, aber schreib sie in der Klausur als Kette:</p>\n<ul>\n<li><strong>Langfristig, Belastungen seit 1918/19:</strong> der Versailler Vertrag und die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Dolchstoßlegende<span class=\"wort-erkl\">die Lüge, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg unbesiegt gewesen und von Revolutionären in der Heimat „von hinten erdolcht“ worden</span></span>, die viele der Republik anlasteten; Eliten in Militär, Justiz, Verwaltung und Großgrundbesitz, die die Republik ablehnten; viele Bürger, denen eine republikanische Gesinnung fehlte und die Demokratie und Parlament verachteten.</li>\n<li><strong>Verfassung:</strong> Die starke Stellung des Präsidenten (Art. 25, 48, 53) machte es möglich, am Parlament vorbei zu regieren. Die Verfassung erzwang das nicht; sie ließ es zu.</li>\n<li><strong>Parteien:</strong> Nach dem Ende der Großen Koalition fanden die Parteien keinen Kompromiss mehr. Ab Juli 1932 hatten NSDAP und KPD, die beide die Republik zerstören wollten, zusammen die Mehrheit.</li>\n<li><strong>Kurzfristig, die Weltwirtschaftskrise:</strong> Anfang 1932 waren über sechs Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, jeder dritte Arbeitnehmer. Not und Angst vor dem Absturz trieben Wähler zu den radikalen Parteien.</li>\n<li><strong>Die NSDAP selbst:</strong> moderne Propaganda, Gewalt der SA auf der Straße, das Versprechen einer „Volksgemeinschaft“ und Hitler als Gegenbild zu den „Parteien“.</li>\n<li><strong>Entscheidungen von Personen:</strong> Hindenburg und sein Umfeld wollten einen autoritären Staat ohne SPD. Papen half Hitler ins Amt, weil er glaubte, ihn mit konservativen Ministern unter Kontrolle halten zu können.</li>\n</ul>\n<p>So hängen die Gründe zusammen: Die Krise machte die NSDAP groß. Die Verfassung gab dem Präsidenten die Mittel, ohne Parlament zu regieren. Die Eliten nutzten diese Mittel, um die Demokratie abzubauen, und holten am Ende die NSDAP als Massenbasis in die Regierung.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: zwangsläufig oder gemacht?</h4>\n<ul>\n<li><strong>„Machtergreifung“ oder „Machtübertragung“:</strong> Die Nationalsozialisten feierten den 30. Januar als „Machtergreifung“. Heute betonen viele Historiker, dass er zunächst eine Machtübertragung war, die Aufgabe der Macht durch die alten Eliten. Hitlers Kanzlerschaft sei nicht unvermeidlich, sondern gewollt gewesen, zuletzt auch von Hindenburg.</li>\n<li><strong>Die Borchardt-Kontroverse:</strong> Lange galt als sicher, dass Brünings Sparpolitik die Krise verschärfte und so Hitler den Weg bereitete. 1979 widersprach der Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt: Brüning habe in einer Zwangslage gesteckt und keine echte Alternative gehabt, die Wirtschaft sei schon vor der Krise geschwächt gewesen. Kritiker hielten dagegen, es habe Berater gegeben, die zu anderen Wegen rieten. Der Streit dauerte rund zwei Jahrzehnte.</li>\n<li><strong>Strukturen oder Personen:</strong> Wer die Belastungen seit 1918 betont, sieht die Republik von Anfang an schwach. Wer die Entscheidungen von 1932/33 betont, sieht eine Zerstörung, die hätte verhindert werden können. Der Historiker Karl Dietrich Bracher nannte Papen den „Mörder einer Demokratie“.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb, Informationen zur politischen Bildung „Weimarer Republik“, Kapitel „Zerstörung der Demokratie 1930–1933“ (2021): Machtübertragung, Borchardt 1979, Bracher über Papen.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Handlungsspielraum:</strong> Wer hätte 1930 bis 1933 anders entscheiden können (Parteien, Brüning, Hindenburg), und gab es Alternativen?</li>\n<li><strong>Gewicht:</strong> Welcher Grund war notwendig, welcher nur verstärkend? Ohne Krise kein Massenerfolg der NSDAP, ohne Hindenburgs Entscheidung kein Kanzler Hitler.</li>\n<li><strong>Zeit:</strong> Langfristige Belastung oder kurzfristiger Auslöser?</li>\n<li><strong>Verfassung und Praxis:</strong> Lag der Fehler im Text der Verfassung oder darin, wie Präsident und Kanzler ihn nutzten?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Abituraufgabe, erhöhtes Niveau, Prüfungsteil A (Beispielaufgabe des Staatsinstituts für Schulqualität in München)</span>\n<p>1. Erläutern Sie den Abbau der Demokratie in der Endphase der Weimarer Republik! (16 BE, AFB II)</p>\n<p>Dazu von uns: 2. Beurteilen Sie, ob das Scheitern der Weimarer Republik zwangsläufig war. (AFB III)</p>\n<p class=\"ks-quelle\">ISB München, Illustrierende Prüfungsaufgaben Geschichte, Beispielaufgaben eA, Aufgabe II 1, und „Erläuterungen und Lösungsvorschläge eA“ (Stand August 2025), S. 10 (<a href=\"https://www.isb.bayern.de/fileadmin/user_upload/Gymnasium/IlluPA/G/IlluPA_Geschichte_Erlaeuterungen_und_Loesungsvorschlaege_eA.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF beim ISB</a>).</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1, was der amtliche Lösungsvorschlag erwartet:</strong> wachsende Gefahr durch teilweise zusammenarbeitende antidemokratische Kräfte, Hetze und Gewalt; wachsende Bedeutung antiparlamentarischer Parteien, vor allem der NSDAP, bei den Reichstagswahlen; Unfähigkeit der Parteien zum Kompromiss nach dem Ende der Großen Koalition; „gezielte Aushebelung des Reichstags durch die Kombination der Art. 25 und 48“ und die allein dem Präsidenten verantwortlichen Präsidialkabinette; mangelndes Eintreten breiter Teile der Bevölkerung für die Demokratie; Ernennung Hitlers und die „legalistische Organisation einer Mehrheit aus NSDAP und DNVP“.</p>\n<p><em>So kann ein Absatz klingen:</em> Nach dem Rücktritt der Regierung Müller im März 1930 regierte Brüning ohne parlamentarische Mehrheit. Als der Reichstag im Juli 1930 eine Notverordnung aufhob, ließ Hindenburg ihn nach Art. 25 auflösen und setzte die Verordnung erneut in Kraft. Damit war das Recht des Reichstags aus Art. 48 Abs. 3 ausgehebelt. Wie weit das Parlament an Bedeutung verlor, zeigen die Zahlen: 1930 beschloss der Reichstag noch 98 Gesetze, 1932 nur noch 5, während 60 Notverordnungen ergingen.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Erwartet wird ein Sachurteil mit Kriterium (Handlungsspielraum). <em>Für</em> „zwangsläufig“: Belastungen seit 1918, fehlende republikanische Gesinnung, Weltwirtschaftskrise, ab Juli 1932 eine Mehrheit der Republikgegner im Reichstag; Borchardts These von der Zwangslage. <em>Dagegen:</em> Die NSDAP erreichte nie eine eigene Mehrheit und verlor im November 1932 Stimmen; Hindenburg hätte Hitler nicht ernennen müssen; die Konservativen wählten das Bündnis mit ihm bewusst (Machtübertragung). Ein gelungener Schluss: Die Belastungen machten das Scheitern wahrscheinlich, die Machtübertragung an Hitler aber war eine Entscheidung und nicht zwangsläufig. Für die oberen Noten: Du kennzeichnest Deutungen als Positionen der Forschung (Borchardt, „Machtübertragung“).</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre mit M 1, warum die Tolerierung durch die SPD für Brüning so wichtig war, und was sich änderte, als die SPD ab Sommer 1932 im Reichstag zusammen mit NSDAP und KPD gegen Papen stimmte.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Nach Art. 48 Abs. 3 konnte der Reichstag mit Mehrheit verlangen, dass Notverordnungen aufgehoben werden. Ohne die Stimmen der SPD kam diese Mehrheit gegen Brüning nicht zustande. Die SPD ermöglichte so das Regieren per Notverordnung. Papen hatte nur die DNVP hinter sich: Am 12. September 1932 stimmten 512 Abgeordnete gegen 42 für die Aufhebung seiner Notverordnung. Papen antwortete mit der Auflösung nach Art. 25. Das Parlament konnte die Regierung zwar ablehnen, aber nicht mehr bilden.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>„Hitler wurde gewählt.“</strong> Die NSDAP hatte bei freien Wahlen nie eine eigene Mehrheit; Hitler wurde ernannt.</li>\n<li><strong>„Machtergreifung“ ohne Anführungszeichen.</strong> Der Begriff ist NS-Propaganda; schreib „Machtübertragung“ oder setz ihn in Anführungszeichen.</li>\n<li><strong>Präsidialkabinette als Diktatur.</strong> Sie waren autoritär, aber noch an die Verfassung gebunden; Wahlen, Presse und Parteien gab es noch.</li>\n<li><strong>Ein einziger Grund.</strong> Gefragt ist fast immer die Gewichtung mehrerer Gründe, lang- und kurzfristig.</li>\n<li><strong>Artikel 48 allein.</strong> Erst die Kombination mit Art. 25 und Art. 53 hebelte den Reichstag aus.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Partizipation&card=by-ge-weimar-gruendung\">Novemberrevolution 1918 und Weimarer Verfassung</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-ns-staat\">Der NS-Staat: Gleichschaltung, Ideologie, Widerstand</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-statistik\">Statistiken und Diagramme auswerten</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-darstellung\">Darstellungen analysieren: Texte von Historikern</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=by-ge-op-beurteilen\">Beurteilen, bewerten, Stellung nehmen, diskutieren (AFB III)</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-weimar-ende -->"
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      "title": "Der NS-Staat: Gleichschaltung, Ideologie, Widerstand",
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      "short": "NS-Staat einfach erklärt: Machtergreifung 1933/34 mit Reichstagsbrandverordnung, Ermächtigungsgesetz und Gleichschaltung, NS-Ideologie und „Volksgemeinschaft“, Führerstaat zwischen Monokratie und Polykratie, mit Originalquellen und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-ns-staat -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>NS-Staat 1933–1945</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zum NS-Staat eine Quelle oder Darstellung und sollst sie einordnen und beurteilen; Punkte gibt es für Belege am Material und ein begründetes Urteil, nicht fürs Aufzählen von Jahreszahlen. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler, und in rund 18 Monaten wurde aus der Republik eine Diktatur. Die wichtigsten Schritte waren die Reichstagsbrandverordnung (28. Februar 1933), die die Grundrechte aufhob, das Ermächtigungsgesetz (24. März 1933), mit dem die Regierung ohne Reichstag Gesetze machen durfte, und die Gleichschaltung von Ländern, Gewerkschaften und Parteien. Der Weg sah legal aus, war es aber nur zum Schein, denn Terror und Verfassungsbruch begleiteten jeden Schritt. Im Kern der NS-Ideologie stand ein Rassendenken: Die „Volksgemeinschaft“ versprach allen „Volksgenossen“ Zugehörigkeit und schloss Juden und andere als „gemeinschaftsfremd“ Erklärte aus. Ob Hitler alles allein lenkte oder ob viele Ämter um Macht konkurrierten, ist ein Forschungsstreit (Monokratie oder Polykratie).</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was der Lehrplan sagt</span><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Amtlicher Wortlaut anzeigen</summary><p>Gefordert: Aufbau des NS-Staats, Weltanschauung („Volksgemeinschaft“, Antisemitismus), Propaganda und Führerkult. Nur eA: Faschismus im Kontext der Moderne und „Möglichkeiten des Widerstands im NS-Staat“; im gA-Lehrplan stehen beide nicht. Quelle: LehrplanPLUS Geschichte 12, <a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/erhoeht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">erhöhtes Niveau</a> und <a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/grundlegend\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">grundlegendes Niveau</a>.</p>\n<p>Grundlegende Daten und Begriffe (GDB) in diesem Lernzettel: „Ermächtigungsgesetz“, „Gleichschaltung“, Nationalsozialismus, „Volksgemeinschaft“, Antisemitismus, 20. Juli 1944 Attentat auf Hitler (eA).</p></details></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Eine Demokratie lebt von drei Dingen: Grundrechten, die jeden schützen, einem Parlament, das Gesetze macht und die Regierung kontrolliert, und der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Gewaltenteilung<span class=\"wort-erkl\">die Macht im Staat ist verteilt: Parlament (Gesetze), Regierung (Ausführung), Gerichte (Rechtsprechung); keiner darf alles</span></span>. Die Weimarer Verfassung von 1919 hatte all das. Der NS-Staat hat diese drei Dinge in kurzer Zeit abgeschafft, aber fast immer mit Gesetzen und Verordnungen, die nach Recht und Ordnung aussahen.</p>\n<p>Genau darum geht es in vielen Klausuren: Du sollst zeigen, wie aus einer Republik eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Diktatur<span class=\"wort-erkl\">eine Herrschaft ohne freie Wahlen, ohne Kontrolle der Macht und ohne geschützte Grundrechte</span></span> wurde, warum viele Menschen mitmachten und was die Ideologie dahinter war. Die Nationalsozialisten nannten das „Machtergreifung“. Historiker betonen, dass es keine Eroberung gegen den Willen der alten Eliten war: Hindenburg und konservative Politiker übertrugen Hitler die Macht und arbeiteten mit ihm zusammen.</p>\n<p>Wichtig für jede Antwort: Viele Wörter dieser Zeit stammen von den Tätern („Volksgemeinschaft“, „Gleichschaltung“, „Röhm-Putsch“). Du setzt sie in Anführungszeichen, damit klar ist, dass du sie zitierst und nicht übernimmst.</p>\n</div>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Der Weg in die Diktatur 1933/34 <span>· Sieben Schritte auf einer Linie, vom 30. Januar 1933 bis zum August 1934.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 290\" role=\"img\" aria-labelledby=\"ns-t ns-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"ns-t\">Der Weg in die Diktatur 1933/34</title>\n<desc id=\"ns-d\">Zeitleiste in sieben Schritten: 30. Januar 1933 Hitler Reichskanzler, 28. Februar Reichstagsbrandverordnung, 5. März Wahl mit 43,9 Prozent für die NSDAP, 24. März Ermächtigungsgesetz, ab März Gleichschaltung, 30. Juni 1934 Morde an der SA-Führung, 2. August 1934 Führer und Reichskanzler, Reichswehr auf Hitler vereidigt.</desc>\n<text x=\"180\" y=\"14\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.9\">Von der Republik zur Diktatur in rund 18 Monaten</text>\n<line x1=\"96\" y1=\"37\" x2=\"96\" y2=\"265\" stroke=\"currentColor\" stroke-opacity=\"0.35\" stroke-width=\"2\"/>\n<circle cx=\"96\" cy=\"37\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.2\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"41\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">30.1.1933</text>\n<text x=\"108\" y=\"41\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Hitler wird Reichskanzler</text>\n<text x=\"108\" y=\"53\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">nur 3 Nationalsozialisten im Kabinett</text>\n<circle cx=\"96\" cy=\"75\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.3\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"79\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">28.2.1933</text>\n<text x=\"108\" y=\"79\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Reichstagsbrandverordnung</text>\n<text x=\"108\" y=\"91\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Grundrechte außer Kraft, Massenverhaftungen</text>\n<circle cx=\"96\" cy=\"113\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.4\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"117\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">5.3.1933</text>\n<text x=\"108\" y=\"117\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Reichstagswahl</text>\n<text x=\"108\" y=\"129\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">NSDAP nur 43,9 %, KPD-Sitze annulliert</text>\n<circle cx=\"96\" cy=\"151\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"155\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">24.3.1933</text>\n<text x=\"108\" y=\"155\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Ermächtigungsgesetz</text>\n<text x=\"108\" y=\"167\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Regierung macht Gesetze ohne Reichstag</text>\n<circle cx=\"96\" cy=\"189\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.6\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"193\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">ab März 1933</text>\n<text x=\"108\" y=\"193\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">„Gleichschaltung“</text>\n<text x=\"108\" y=\"205\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Länder, Gewerkschaften, Parteien</text>\n<circle cx=\"96\" cy=\"227\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.7\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"231\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">30.6.1934</text>\n<text x=\"108\" y=\"231\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Morde an der SA-Führung</text>\n<text x=\"108\" y=\"243\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">am 3. Juli nachträglich für „rechtens“ erklärt</text>\n<circle cx=\"96\" cy=\"265\" r=\"4.5\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.9\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"78\" y=\"269\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">2.8.1934</text>\n<text x=\"108\" y=\"269\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">„Führer und Reichskanzler“</text>\n<text x=\"108\" y=\"281\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Reichswehr auf Hitler persönlich vereidigt</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Die sieben Schritte des Wegs in die Diktatur auf einer Linie, nicht maßstabsgetreu; der Weg dauerte insgesamt rund 18 Monate.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Der Weg in die Diktatur, Schritt für Schritt</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>30. Januar 1933, Ernennung:</strong> Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler einer Koalition aus NSDAP und DNVP. Nur drei Nationalsozialisten sitzen im Kabinett (Hitler, Göring, Frick); Papen wird Vizekanzler. Zwei Tage später löst Hindenburg auf Wunsch Hitlers den Reichstag auf.</li>\n<li><strong>28. Februar 1933, <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Reichstagsbrandverordnung<span class=\"wort-erkl\">Notverordnung des Reichspräsidenten „zum Schutz von Volk und Staat“ nach dem Brand des Reichstags in der Nacht zuvor; hob die Grundrechte „bis auf weiteres“ auf</span></span>:</strong> Nach dem Brand des Reichstagsgebäudes am Abend des 27. Februar setzt Hindenburg auf Grund von Artikel 48 die wichtigsten Grundrechte außer Kraft. Kommunisten und andere Gegner werden massenhaft verhaftet. Artikel 48 erlaubte das nur „vorübergehend“; die Verordnung gilt „bis auf weiteres“ und wird zur Grundlage des Terrors.</li>\n<li><strong>5. März 1933, letzte Mehrparteienwahl:</strong> Trotz Terror und Propaganda erreicht die NSDAP nur 43,9 Prozent und braucht weiter die DNVP. Die Sitze der KPD werden annulliert.</li>\n<li><strong>24. März 1933, <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Ermächtigungsgesetz“<span class=\"wort-erkl\">„Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“: Die Regierung darf Gesetze ohne Reichstag beschließen, auch solche, die von der Verfassung abweichen</span></span>:</strong> Am 23. März stimmt der Reichstag in der Kroll-Oper zu, umstellt von SA und SS. Nur die 94 anwesenden SPD-Abgeordneten stimmen dagegen; das Zentrum stimmt zu. Damit ist die Gewaltenteilung aufgehoben.</li>\n<li><strong>Ab März 1933, <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Gleichschaltung“<span class=\"wort-erkl\">NS-Begriff dafür, alle Teile von Staat und Gesellschaft unter die Kontrolle der NSDAP zu bringen und Andersdenkende auszuschalten</span></span>:</strong> Die Länder verlieren ihre Eigenständigkeit (Gesetze vom 31. März und 7. April 1933, Reichsstatthalter). Am 2. Mai besetzen SA, SS und Polizei die Gewerkschaftshäuser. Das Gesetz vom 7. April 1933 entlässt Beamte, „die nicht arischer Abstammung sind“, und politische Gegner. Am 14. Juli 1933 ist die NSDAP per Gesetz „einzige politische Partei“.</li>\n<li><strong>30. Juni 1934, Morde an der SA-Führung:</strong> Hitler lässt SA-Stabschef Ernst Röhm und weitere SA-Führer ermorden, dazu konservative Gegner wie den früheren Reichskanzler Kurt von Schleicher. Die Nationalsozialisten sprachen vom „Röhm-Putsch“; einen Putsch gab es nicht. Ein Gesetz vom 3. Juli erklärt die Morde nachträglich als „Staatsnotwehr“ für „rechtens“.</li>\n<li><strong>2. August 1934, „Führer und Reichskanzler“:</strong> Nach Hindenburgs Tod vereinigt ein Gesetz vom Vortag die Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler. Die Reichswehr wird am selben Tag auf Hitler persönlich vereidigt, nicht mehr auf die Verfassung.</li>\n</ol>\n\n<h4>Das Material: zwei Texte, die die Republik beendeten</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933, Einleitung und § 1 (Auszug)</span>\n<p>„Auf Grund des Artikels 48 Abs. 2 der Reichsverfassung wird zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte folgendes verordnet:</p>\n<p>§ 1 Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnungen von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Reichsgesetzblatt 1933 I, S. 83, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24. März 1933, Art. 1 und 2 (Auszug)</span>\n<p>„Artikel 1: Reichsgesetze können außer in dem in der Reichsverfassung vorgesehenen Verfahren auch durch die Reichsregierung beschlossen werden. […]</p>\n<p>Artikel 2: Die von der Reichsregierung beschlossenen Reichsgesetze können von der Reichsverfassung abweichen, soweit sie nicht die Einrichtung des Reichstags und des Reichsrats als solche zum Gegenstand haben. Die Rechte des Reichspräsidenten bleiben unberührt.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Reichsgesetzblatt 1933 I, S. 141, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei. Das Gesetz war nach Art. 5 bis zum 1. April 1937 befristet und wurde danach verlängert.</p>\n</div>\n<p>Zusammen erklären beide Texte, warum man von <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Scheinlegalität<span class=\"wort-erkl\">auch Pseudolegalität: etwas sieht nach Recht und Gesetz aus, beruht aber auf Gewalt, Drohung und Missbrauch der Verfassung</span></span> spricht. M 1 stützt sich auf den Notstandsartikel 48, der die Republik schützen sollte, und nutzt ihn gegen sie. M 2 kam mit der nötigen Zweidrittelmehrheit zustande, aber nur, weil die KPD-Sitze annulliert waren, 26 SPD-Abgeordnete verhaftet oder geflohen waren und SA-Männer im Saal standen. Gegen das Gesetz sprach für die SPD Otto Wels: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Rede Wels, 23. März 1933: Verhandlungen des Reichstags, 8. Wahlperiode 1933, S. 25, nach documentArchiv.de. Abstimmung und Umstände: Deutscher Bundestag, Kalenderblatt „Ermächtigungsgesetz“ (2023); Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), „Vor 85 Jahren: Reichstag verabschiedet Ermächtigungsgesetz“.</p>\n\n<h4>Die Ideologie: was die Nationalsozialisten wollten</h4>\n<p>Eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ideologie<span class=\"wort-erkl\">ein geschlossenes Weltbild, das alles aus wenigen Grundannahmen erklärt und keinen Widerspruch zulässt</span></span> ist mehr als ein Parteiprogramm. Die NS-Ideologie war kein ausgearbeitetes System, aber ihre Elemente hingen eng zusammen. Lern sie einzeln und so, wie sie sich gegenseitig stützen:</p>\n<ul>\n<li><strong>Rassismus</strong> ist die Grundlage: Menschen werden in angeblich „höhere“ und „niedere“ Rassen eingeteilt, Geschichte erscheint als Kampf der Rassen ums Überleben (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Sozialdarwinismus<span class=\"wort-erkl\">die falsche Übertragung von Darwins „Kampf ums Dasein“ auf Völker und Gesellschaften: der Stärkere habe das Recht zu herrschen</span></span>).</li>\n<li><strong>Antisemitismus</strong> ist der Kern dieses Rassismus: Juden gelten nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als „Rasse“ und als Feind hinter allem, was die Nationalsozialisten ablehnten, von Demokratie bis Kommunismus.</li>\n<li><strong>„Volksgemeinschaft“:</strong> Alle „Volksgenossen“ sollen eine Gemeinschaft ohne Klassen und Parteien bilden („Gemeinnutz vor Eigennutz“). Wer als „gemeinschaftsfremd“ galt, wurde ausgeschlossen und verfolgt: Juden, Sinti und Roma, politische Gegner, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, als „asozial“ Abgestempelte.</li>\n<li><strong>Radikalnationalismus</strong> und <strong>„Lebensraum im Osten“:</strong> Das eigene Volk steht über allem; es brauche neues Land, das im Osten Europas erobert werden sollte. Hier hängt die Ideologie direkt mit dem Krieg zusammen.</li>\n<li><strong>Führerprinzip:</strong> Entscheidungen fallen nicht durch Wahl und Mehrheit, sondern von oben nach unten; an der Spitze steht der „Führer“, dem alle Gehorsam schulden.</li>\n<li><strong>Antiliberalismus, Antiparlamentarismus, Antiindividualismus:</strong> Abgelehnt werden Freiheitsrechte des Einzelnen, das Parlament mit seinen Parteien („Parlamentswirtschaft“) und die Idee, dass der Einzelne zählt. Es zählt nur die Gemeinschaft.</li>\n<li><strong>Antimarxismus:</strong> Kommunisten und Sozialdemokraten gelten als Feinde der „Volksgemeinschaft“, weil sie vom Klassenkampf sprechen.</li>\n</ul>\n<p>So greifen die Teile ineinander: Weil der Rassismus Menschen in wertvoll und wertlos teilt, kann die „Volksgemeinschaft“ nur durch Ausschluss entstehen. Weil das Volk angeblich ums Überleben kämpft, braucht es „Lebensraum“ und einen Führer statt eines Parlaments. Der Ausschluss blieb kein Programm: Schon am 14. Juli 1933 erlaubte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ Zwangssterilisationen. Dahinter stand die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Eugenik<span class=\"wort-erkl\">Lehre, die das Erbgut eines Volkes „verbessern“ wollte, etwa indem angeblich „Erbkranke“ keine Kinder bekommen sollten</span></span>.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 3 · Programm der NSDAP vom 24. Februar 1920, Punkt 4</span>\n<p>„Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">25-Punkte-Programm der NSDAP, Wortlaut nach documentArchiv.de (Druck: „Der Freiheitskampf“, Wahl-Sonder-Nummer 1930).</p>\n</div>\n<p>An M 3 siehst du den <strong>ideologischen Sprachgebrauch</strong>: „Volksgenosse“ klingt nach Zugehörigkeit, ist aber ein Ausschlusswort, denn es wird über „Blut“ bestimmt. Das ist der Kern von Prüfungsfragen zum NS-Sprachgebrauch: Freundlich klingende Wörter verdecken Gewalt („Schutzhaft“ für Verhaftung ohne Gericht, „Staatsnotwehr“ für Mord).</p>\n\n<h4>Warum viele mitmachten</h4>\n<p>Der NS-Staat herrschte nicht nur durch Terror. Er gewann auch Zustimmung, und genau das sollst du in Klausuren erklären können (Anziehungskraft der Diktatur). Beides gehört zusammen:</p>\n<ul>\n<li><strong>Terror:</strong> erste <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Konzentrationslager<span class=\"wort-erkl\">Lager, in denen Menschen ohne Gerichtsurteil festgehalten, misshandelt und ermordet wurden; die ersten entstanden im März 1933, etwa in Dachau</span></span> schon im März 1933, Gestapo, Sondergerichte, Angst vor Denunziation.</li>\n<li><strong>Zustimmung:</strong> sinkende Arbeitslosigkeit, außenpolitische Erfolge gegen den Versailler Vertrag, das Versprechen von Gemeinschaft und sozialem Aufstieg, Propaganda und Führerkult um Hitler.</li>\n<li><strong>Anpassung:</strong> Viele, etwa Beamte, Richter und Offiziere, machten weiter wie bisher und hielten das neue Regime für eine Rückkehr zu Ordnung. Widerstand war selten und lebensgefährlich.</li>\n</ul>\n\n<h4>Forschungsstreit: Lenkte Hitler alles allein?</h4>\n<p>Wer im NS-Staat wirklich entschied, ist unter Historikern umstritten. Das ist kein Detail, sondern eine Prüfungsfrage, vor allem im Leistungskurs.</p>\n<ul>\n<li><strong>Deutung „Monokratie“</strong> (Alleinherrschaft, auch „Führerabsolutismus“): Hitler war das Zentrum, seine Ziele aus der Ideologie bestimmten die Politik bis zum Massenmord. Vertreten etwa von Klaus Hildebrand, der der Gegenseite vorwarf, sie verharmlose die Diktatur und schiebe die Verantwortung beiseite.</li>\n<li><strong>Deutung „Polykratie“</strong> (Herrschaft vieler): Partei, SS, Ministerien, Wehrmacht, Wirtschaft und Sonderbeauftragte konkurrierten mit doppelten Zuständigkeiten. Martin Broszat beschrieb das 1969 in „Der Staat Hitlers“; Hans Mommsen nannte Hitler zugespitzt einen „schwachen Diktator“, der wichtige Entscheidungen oft scheute.</li>\n<li><strong>Heutige Sicht:</strong> Viele sehen beides zusammen. Der Konkurrenzkampf schwächte das Regime nicht, er trieb es an: Jede Stelle wollte zeigen, dass sie Hitlers Willen am besten erfüllt. Ian Kershaw hat das mit einer Formel aus der Zeit beschrieben: „dem Führer entgegenarbeiten“. Hitler blieb dabei die einzige Autorität, die alle Teile zusammenhielt.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Rüdiger Hachtmann, „Polykratie. Ein Schlüssel zur Analyse der NS-Herrschaftsstruktur?“, Docupedia-Zeitgeschichte, 1.6.2018 (mit den Belegen zu Broszat 1969, Mommsen, Hildebrand, Kershaw).</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<p>Für ein Sachurteil („Wie legal war die Machtübernahme?“, „Warum gelang sie so schnell?“) helfen dir diese Maßstäbe:</p>\n<ul>\n<li><strong>Form und Inhalt:</strong> Wurden Verfahren der Verfassung eingehalten (Form), und wurde zugleich die Verfassung zerstört (Inhalt)?</li>\n<li><strong>Zwang und Freiwilligkeit:</strong> Was geschah unter Terror, was aus Zustimmung oder Berechnung (Zentrum, DNVP, Reichswehr)?</li>\n<li><strong>Handlungsspielraum:</strong> Wer hätte anders handeln können, und zu welchem Preis?</li>\n<li><strong>Tempo und Folgen:</strong> Was war 1933 schon absehbar, was erst später?</li>\n</ul>\n<p>Für ein Werturteil misst du an Menschenrechten, Rechtsstaat und Gewaltenteilung und sagst offen, dass du heutige Maßstäbe anlegst (<a href=\"?category=Methoden&card=by-ge-urteil\">Karte Urteilen</a>).</p>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „weisen die Scheinlegalität nach“)</span>\n<p>1. Fassen Sie die Bestimmungen von M 1 und M 2 zusammen. (AFB I)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, wie die nationalsozialistische Regierung 1933/34 ihre Macht sicherte. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, inwieweit die Machtübernahme als „legal“ bezeichnet werden kann. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> M 1 ist eine Notverordnung des Reichspräsidenten nach Art. 48, begründet mit der „Abwehr kommunistischer“ Gewalt; sie setzt sieben Grundrechtsartikel „bis auf weiteres“ außer Kraft (persönliche Freiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht, Postgeheimnis, Schutz der Wohnung und des Eigentums). M 2 ist ein vom Reichstag beschlossenes Gesetz; es erlaubt der Regierung, Gesetze ohne Reichstag zu beschließen, auch verfassungsändernde, solange Reichstag, Reichsrat und Rechte des Reichspräsidenten als Einrichtung bestehen bleiben.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Erwartet werden die Schritte in ihrem Zusammenhang, nicht nur als Liste: Reichstagsbrandverordnung als Grundlage für Verhaftungen und Terror; Wahl vom 5. März unter diesen Bedingungen; Ermächtigungsgesetz als Ende der Gewaltenteilung; Gleichschaltung von Ländern, Gewerkschaften, Beamtentum, Parteien; Ausschaltung der SA-Führung und konservativer Gegner am 30. Juni 1934 (Bündnis mit der Reichswehr); Vereinigung der Ämter und Eid auf Hitler im August 1934. Gute Antworten zeigen das Zusammenspiel von Terror, Scheinlegalität und Zustimmung.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> Ein Urteil mit Kriterium (Form und Inhalt). <em>Für</em> „legal“: Ernennung nach Art. 53, Notverordnung nach Art. 48, Ermächtigungsgesetz mit verfassungsändernder Mehrheit, Ausfertigung durch den Reichspräsidenten. <em>Dagegen:</em> Die Mehrheit kam unter Drohung zustande (SA im Saal, KPD-Mandate annulliert, verhaftete SPD-Abgeordnete); Art. 48 wurde gegen die Verfassung gewendet, denn er erlaubte Grundrechte nur „vorübergehend“ außer Kraft zu setzen, M 1 dagegen „bis auf weiteres“; die Morde von 1934 wurden nachträglich für „rechtens“ erklärt, was kein Rechtsstaat kann. Erwartet wird ein Schlusssatz mit Grad, etwa: Die Machtübernahme war formal weitgehend an Verfahren gebunden, inhaltlich aber eine Zerstörung der Verfassung; „legal“ ist sie nur im Sinne einer Scheinlegalität. Für die oberen Noten: Hinweis, dass die Nationalsozialisten den Schein des Rechts bewusst nutzten, um Beamte, Justiz und Reichswehr zu gewinnen.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Ordne zu: Welches Element der NS-Ideologie zeigt sich jeweils? a) Gesetz gegen die Neubildung von Parteien (14. Juli 1933) b) Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (14. Juli 1933) c) Eid der Reichswehr auf Hitler (2. August 1934). Begründe jeweils in einem Satz.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>a) Antiparlamentarismus und Antiliberalismus: Parteien gelten als Spaltung der „Volksgemeinschaft“, deshalb soll es nur noch die NSDAP geben. b) Rassismus und Eugenik: Menschen werden nach angeblichem Erbwert eingeteilt, „Erbkranke“ sollen keine Kinder bekommen und gehören nicht zur „Volksgemeinschaft“. c) Führerprinzip: Gehorsam gilt einer Person, nicht mehr der Verfassung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>„Hitler wurde 1933 gewählt.“</strong> Die NSDAP erreichte nie eine eigene Mehrheit. Hitler wurde ernannt, und erst im März 1933 hatte die Koalition eine knappe Mehrheit, unter Terrorbedingungen.</li>\n<li><strong>„Das Ermächtigungsgesetz war legal, also war alles legal.“</strong> Form und Inhalt trennen: Das Verfahren wurde unter Zwang eingehalten, das Ergebnis zerstörte die Verfassung.</li>\n<li><strong>NS-Begriffe ohne Anführungszeichen.</strong> „Volksgemeinschaft“, „Gleichschaltung“, „Röhm-Putsch“ sind Wörter der Täter.</li>\n<li><strong>Ideologie als Liste.</strong> Zeig, wie die Elemente zusammenhängen: Rassismus begründet Ausschluss, „Lebensraum“ und Führerprinzip.</li>\n<li><strong>Polykratie als Entlastung.</strong> Dass viele Stellen konkurrierten, macht Hitler nicht weniger verantwortlich. Sag dazu, dass es sich um Deutungen von Historikern handelt.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-weimar-ende\">Das Ende von Weimar 1930–1933</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-holocaust\">Entrechtung und Völkermord 1933–1945</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-textquelle\">Textquellen analysieren</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-urteil\">Sachurteil und Werturteil</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-ns-staat -->"
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      "content": "<!-- core-card:ge-holocaust -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Holocaust 1933–1945</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zum Holocaust eine Quelle oder Darstellung und sollst sie einordnen und beurteilen; Punkte gibt es für Belege am Material und ein begründetes Urteil, nicht fürs Aufzählen von Jahreszahlen. Der Holocaust, hebräisch Shoa, ist der Mord an rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer. Die Verfolgung steigerte sich in Stufen: Ab 1933 wurden Juden aus Ämtern und Berufen gedrängt, 1935 machten die Nürnberger Gesetze sie zu Menschen minderen Rechts, im November 1938 folgte offene Gewalt. Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion ab Juni 1941 begann der systematische Massenmord, zuerst durch Erschießungen, ab Ende 1941 auch in Vernichtungslagern mit Gas. Ermordet wurden außerdem Hunderttausende Sinti und Roma und Menschen mit Behinderungen. Die Verfolgung geschah vor aller Augen, und viele Deutsche wussten mehr, als sie nach 1945 zugaben.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was der Lehrplan sagt</span><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Amtlicher Wortlaut anzeigen</summary><p>Gefordert auf beiden Niveaus: Entrechtung, Verfolgung und Ermordung, Völkermord an den Sinti und Roma, Holocaust bzw. Shoa und die „Frage nach Wahrnehmung […] und Beteiligung […] seitens der nichtjüdischen Bevölkerung“. eA ausdrücklich auch „Euthanasie“-Programme und der Zweite Weltkrieg als Vernichtungskrieg (<a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/erhoeht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eA</a>, <a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/grundlegend\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gA</a>).</p>\n<p>Grundlegende Daten und Begriffe (GDB) in diesem Lernzettel: 9. November 1938 Novemberpogrome, 1939 – 1945 Zweiter Weltkrieg, 8./9. Mai 1945 bedingungslose Kapitulation Deutschlands, „Nürnberger Gesetze“, Ghetto (eA), Holocaust bzw. Shoa, Konzentrations- und Vernichtungslager.</p></details></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Völkermord<span class=\"wort-erkl\">auch Genozid: die Absicht, eine Gruppe von Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion oder angeblichen „Rasse“ ganz oder teilweise zu vernichten, und die Taten dazu</span></span> beginnt nicht mit dem Mord. Er beginnt damit, dass Menschen zu „anderen“ erklärt, ausgegrenzt und rechtlos gemacht werden. Genau so verlief die Judenverfolgung im NS-Staat: Erst kamen Gesetze, dann Gewalt, dann Deportation und Mord.</p>\n<p>Grundlage war der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Antisemitismus<span class=\"wort-erkl\">Hass auf Juden; die Nationalsozialisten sahen Juden als eigene „Rasse“ und als Feind, egal ob jemand gläubig war oder nicht</span></span>, der Kern der NS-Ideologie. Die Nationalsozialisten nannten ihre Mordpläne mit Tarnwörtern „Endlösung der Judenfrage“ oder „Evakuierung“. In deiner Klausur setzt du solche Wörter in Anführungszeichen und sagst, was sie bedeuteten.</p>\n<p>Zwei Wörter für denselben Völkermord: <strong>Holocaust</strong> und das hebräische Wort <strong>Shoa</strong>. Für den Völkermord an den Sinti und Roma steht oft das Wort <strong>Porajmos</strong>.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Stufen der Verfolgung</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Ausgrenzung, ab 1933:</strong> Am 1. April 1933 rufen die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Anwälte auf; SA-Männer gehen gewalttätig gegen Juden vor. Das Gesetz vom 7. April 1933 entlässt Beamte, „die nicht arischer Abstammung sind“.</li>\n<li><strong>Entrechtung, 1935:</strong> Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Nürnberger Gesetze“<span class=\"wort-erkl\">zwei Gesetze vom 15. September 1935, in Nürnberg vom Reichstag einstimmig beschlossen: das Reichsbürgergesetz und das „Blutschutzgesetz“</span></span> machen Juden zu Staatsangehörigen ohne politische Rechte und verbieten Ehen mit Nichtjuden (M 1).</li>\n<li><strong>Offene Gewalt, November 1938:</strong> Nach dem Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf den Diplomaten Ernst vom Rath in Paris zerstören SA und SS in der Nacht vom 9. auf den 10. November Synagogen, Geschäfte und Wohnungen im ganzen Reich (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Novemberpogrome<span class=\"wort-erkl\">Pogrom: gewaltsamer Angriff auf eine Minderheit; der verbreitete Ausdruck „Reichskristallnacht“ verharmlost die Gewalt, weil er nur an zerbrochenes Glas denken lässt</span></span>). Juden werden misshandelt und ermordet, mehr als 25.000 jüdische Männer kommen in Konzentrationslager. Danach werden Juden ganz aus dem Wirtschaftsleben verdrängt und müssen eine angebliche „Entschädigung“ von einer Milliarde Reichsmark zahlen.</li>\n<li><strong>Ghettos, ab 1939:</strong> Mit dem Überfall auf Polen geraten die Juden im besetzten Polen unter deutsche Herrschaft. Die Besatzer sperren sie in <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ghettos<span class=\"wort-erkl\">abgesperrte Stadtviertel, in die Juden zwangsweise umgesiedelt wurden, mit Hunger, Seuchen und Zwangsarbeit; meist Zwischenstation vor der Deportation</span></span>. Allein in Ghettos und Lagern sterben 800.000 bis eine Million Juden an Hunger, Krankheit und Gewalt.</li>\n<li><strong>Massenmord im Krieg gegen die Sowjetunion, ab Juni 1941:</strong> Hinter den Truppen ziehen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Einsatzgruppen<span class=\"wort-erkl\">Einheiten der Sicherheitspolizei und des SD (Geheimdienst der SS), die der Wehrmacht folgten und Juden, Kommunisten, Roma und Zivilisten erschossen; Waffen-SS, Polizei, Armee und einheimische Helfer unterstützten sie</span></span>. An zwei Tagen, dem 29. und 30. September 1941, erschießen sie in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew mehr als 33.000 Juden. Insgesamt werden etwa zwei Millionen Juden in mehr als 1.500 Orten erschossen.</li>\n<li><strong>Deportation und Vernichtungslager, ab Herbst 1941:</strong> Ab dem 19. September 1941 müssen Juden im Reich einen gelben Stern tragen. Im Oktober werden die Deportationen deutscher Juden nach Osteuropa angeordnet, am 23. Oktober wird ihnen die Auswanderung verboten. Im Dezember 1941 beginnt in Chełmno der Mord mit Gas. Am 20. Januar 1942 stimmen Vertreter von SS, Partei und Ministerien auf der <strong>Wannsee-Konferenz</strong> die Organisation des Mordes an den Juden Europas ab (M 2). In den fünf Vernichtungslagern Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka und Auschwitz-Birkenau werden etwa 2,7 Millionen Juden ermordet, allein in Auschwitz etwa eine Million.</li>\n</ol>\n<p>So hängen Krieg und Völkermord zusammen: Der Krieg brachte die meisten Juden Europas in deutsche Hand, er verdeckte die Verbrechen, und der Krieg gegen die Sowjetunion war von Anfang an als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Vernichtungskrieg<span class=\"wort-erkl\">ein Krieg, der nicht nur militärisch siegen, sondern ganze Bevölkerungsgruppen vernichten sollte</span></span> geplant, in dem Massenmord als Kriegsmittel galt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Opferzahlen: United States Holocaust Memorial Museum (USHMM), Holocaust-Enzyklopädie, „Dokumentation der Opferzahlen des Holocaust und der NS-Verfolgung“; Babyn Jar: USHMM, „Kiew und Babi Yar“, und LeMO (Deutsches Historisches Museum), Jahreschronik 1941. Daten 1933 bis 1942: LeMO, Jahreschroniken.</p>\n\n<h4>Das Material: Gesetz und Tarnsprache</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · „Nürnberger Gesetze“ vom 15. September 1935 (Auszüge)</span>\n<p>Reichsbürgergesetz, § 2 (1): „Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, daß er gewillt ist, in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen.“</p>\n<p>Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, § 1 (1): „Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Reichsgesetzblatt 1935 I, S. 1146 f., Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei. Beide Gesetze beschloss der Reichstag „einstimmig“.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 (Auszug)</span>\n<p>„Unter entsprechender Leitung sollen im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. […]“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Protokoll, geführt von Adolf Eichmann („Geheime Reichssache“); Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Inland IIg 177; Wortlaut nach German History in Documents and Images (GHDI) und dem Faksimile der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Das Protokoll nennt „rund 11 Millionen Juden“, die „in Betracht“ kämen.</p>\n</div>\n<p>An M 2 siehst du, wie die Täter schrieben: „natürliche Verminderung“ heißt Tod durch Hunger und Zwangsarbeit, „entsprechend behandelt“ heißt ermorden. Kein Wort im Protokoll nennt den Mord offen, und doch ist er gemeint. M 1 zeigt die frühere Stufe: Ein Gesetz bestimmt über „Blut“, wer zur Gemeinschaft gehört. Wie die Stufen zusammenhängen, ist eine typische Prüfungsfrage.</p>\n\n<h4>Weitere Opfergruppen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Sinti und Roma:</strong> als „Zigeuner“ rassistisch verfolgt, erfasst und in Lager gesperrt. Mit dem Erlass Himmlers vom 16. Dezember 1942 wurden sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert; in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ermordete die SS dort die letzten rund 2.900 Menschen des „Zigeunerlagers“ in den Gaskammern. Insgesamt wurden in Europa mindestens 250.000, vielleicht bis zu 500.000 Roma und Sinti ermordet.</li>\n<li><strong>Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke:</strong> In der „Aktion T4“ (benannt nach der Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4) wurden von Januar 1940 bis August 1941 in sechs Anstalten 70.273 Menschen mit Gas ermordet; Personal und Technik wurden danach in den Vernichtungslagern eingesetzt. Insgesamt wurden 250.000 bis 300.000 Menschen mit Behinderungen ermordet. Das Wort <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Euthanasie“<span class=\"wort-erkl\">griechisch „schöner Tod“; Tarnwort der Nationalsozialisten für den Mord an Kranken und Menschen mit Behinderungen</span></span> ist ein Tarnwort der Täter.</li>\n<li>Außerdem: etwa 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, etwa 1,8 Millionen nichtjüdische Polen, politische Gegner, als „asozial“ oder „Berufsverbrecher“ Verfolgte, Zeugen Jehovas, Homosexuelle.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Zahlen: USHMM (s. o.) und „Euthanasieprogramm und Aktion T4“; 70.273 ebenso Deutsches Historisches Museum. Auschwitz-Erlass und 2./3. August 1944: LeMO, „Völkermord an Sinti und Roma“; Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau.</p>\n\n<h4>Wer wusste was, wer machte mit?</h4>\n<p>Viele Deutsche sagten nach 1945: „Davon haben wir nichts gewusst.“ Die Forschung hat das widerlegt. Boykott, Pogrome, Judenstern, Deportationen am helllichten Tag und Versteigerungen jüdischen Besitzes geschahen öffentlich; Soldaten berichteten von Erschießungen. Peter Longerich zeigt in seinem Buch „Davon haben wir nichts gewusst!“ (2006), dass das Regime ab Ende 1941 immer wieder öffentlich auf die „Vernichtung“ der Juden anspielte; viele vermieden es, genauer nachzufragen. Beteiligt waren nicht nur SS-Männer, sondern Beamte, Polizisten, Soldaten, Eisenbahner, Ärzte und Nachbarn, die von „arisiertem“ Besitz profitierten. Helfer, die Verfolgte versteckten, blieben eine kleine Minderheit.</p>\n<p>Unterscheide in der Klausur genau: <em>Wahrnehmen</em> (Verfolgung sehen), <em>Wissen</em> (vom Mord erfahren), <em>Beteiligung</em> (mitmachen oder profitieren) und <em>Nicht-Wissen-Wollen</em> (wegsehen).</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Plan oder Prozess?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Intentionalisten:</strong> Der Massenmord folgte aus Hitlers Antisemitismus und seinem Willen; im Mittelpunkt stehen Hitler und die Ideologie.</li>\n<li><strong>Funktionalisten (Strukturalisten):</strong> Der Mord entstand Schritt für Schritt aus Konkurrenz der Ämter, Kriegslage und Initiativen vor Ort; im Mittelpunkt stehen Bürokratie und Strukturen. Ihnen wurde vorgeworfen, damit die Schuld der Handelnden zu verdecken.</li>\n<li><strong>Heutige Sicht:</strong> Diese Debatte seit den 1970er-Jahren hat an Bedeutung verloren. Longerich hält fest, dass beide Seiten etwas Richtiges betonen: Wer einen Massenmord will, braucht Strukturen, und Strukturen handeln nur durch Menschen mit Absichten. Später stritten Historiker über die Täter: Daniel Goldhagen betonte den Antisemitismus der Täter, Christopher Browning die Lage, in der sie handelten („Disposition“ oder „Situation“).</li>\n<li><strong>„Zivilisationsbruch“:</strong> Der Historiker Dan Diner prägte diesen Begriff dafür, dass die Shoa alles sprengte, was man für möglich gehalten hatte: Die Vernichtung war kein Mittel zu einem anderen Zweck, sie war selbst das Ziel.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Peter Longerich, „Tendenzen und Perspektiven der Täterforschung“, Aus Politik und Zeitgeschichte 2007 (bpb); Hans Mommsen, „Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus“, Aus Politik und Zeitgeschichte (bpb); Zivilisationsbruch: bpb, Glossar Antisemitismus. Longerich 2006: Rezension von Hans Mommsen, Frankfurter Rundschau (Perlentaucher), und Times Higher Education.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Intention und Ergebnis:</strong> Was war gewollt, was entstand aus der Lage (Krieg, Besatzung)?</li>\n<li><strong>Verantwortung:</strong> Wer entschied, wer führte aus, wer profitierte, wer sah weg?</li>\n<li><strong>Handlungsspielraum:</strong> Welche Möglichkeiten hatten Einzelne (Verweigerung, Hilfe), und was riskierten sie?</li>\n<li><strong>Wert der Quelle:</strong> Täterquellen (Gesetze, Protokolle, Fotos der SS) zeigen den Blick der Täter; was zeigen sie nicht?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „erläutern den Zusammenhang von Vernichtungskrieg und Völkermord“)</span>\n<p>1. Analysieren Sie M 2 unter besonderer Berücksichtigung der Sprache. (AFB II)</p>\n<p>2. Erläutern Sie den Zusammenhang von Vernichtungskrieg und Völkermord an den europäischen Juden. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, inwieweit die Wannsee-Konferenz als Beginn des Holocaust gelten kann. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Quellenart: Ergebnisprotokoll einer geheimen Besprechung („Geheime Reichssache“), geführt von Eichmann, Adressaten sind die beteiligten Behörden. Inhalt: Deportation der Juden „im Osten“, Zwangsarbeit bis zum Tod, Ermordung der Überlebenden. Sprache: Tarnwörter („Endlösung“, „natürliche Verminderung“, „entsprechend behandelt“), Begriffe aus der Biologie („Auslese“, „Keimzelle“) und ein nüchterner Verwaltungston, der Mord als Organisationsfrage behandelt. Absicht: Zusammenarbeit der Behörden sichern, ohne den Mord offen zu nennen.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Der Überfall auf Polen und vor allem auf die Sowjetunion brachte Millionen Juden unter deutsche Herrschaft. Der Krieg gegen die Sowjetunion war als rassenideologischer Vernichtungskrieg geplant; hinter der Front erschossen Einsatzgruppen mit Unterstützung der Wehrmacht ab Juni 1941 Juden, im September 1941 allein in Babyn Jar mehr als 33.000. Aus Erschießungen wurde ab Ende 1941 der Mord in Vernichtungslagern. Der Krieg lieferte Gelegenheit, Tarnung und eine Radikalisierung, in der Massenmord als Kriegsmittel galt.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Dagegen:</em> Massenerschießungen liefen seit Sommer 1941, in Chełmno wurde seit Dezember 1941 mit Gas gemordet, und schon im Juli 1941 hatte Göring Heydrich mit der Planung beauftragt. Die Konferenz beschloss den Mord nicht, sie organisierte ihn. <em>Dafür, dass sie ein Einschnitt war:</em> Ministerien und Partei stimmten der Ermordung aller Juden Europas zu, das Protokoll rechnet mit 11 Millionen Menschen; danach begann der Mord in den Lagern der „Aktion Reinhard“ und in Auschwitz in vollem Umfang. Ein gelungenes Urteil: Die Konferenz war nicht der Beginn, sondern ein Schritt der Koordination in einem laufenden Massenmord. Für die oberen Noten: Du ordnest das in den Forschungsstreit ein (kein einzelner Beschluss, sondern ein Prozess mit Absicht).</p>\n</div></details>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Auch so wird gefragt: Bildquelle (Beispielaufgabe für das Abitur, erhöhtes Niveau, 34 BE)</span>\n<p>Gefragt war, ein Foto der Deportation aus dem Warschauer Ghetto (Mai 1943, aus dem Bericht des SS-Führers Jürgen Stroop) zu analysieren und mit Karten aus dem Geschichtsatlas Stellung zu nehmen, inwieweit es „Systematik und Dimension des Völkermords“ zeigt. Erwartet wurde: Das Foto dokumentiert beispielhaft das Ausmaß und zeigt die Perspektive der Täter, kann aber das „dichte, vernetzte System“ von Lagern und Deportationen nicht abbilden; das zeigt erst die Karte.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München, Illustrierende Prüfungsaufgaben Geschichte eA, Aufgabe II 2, mit „Erläuterungen und Lösungsvorschlägen“ (Stand August 2025), S. 10 f.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Ordne die Ereignisse den Stufen Ausgrenzung, Entrechtung, Gewalt, Mord zu und begründe kurz: a) Polizeiverordnung über den Judenstern (1. September 1941), b) Boykott vom 1. April 1933, c) Novemberpogrome 1938, d) Reichsbürgergesetz 1935, e) Babyn Jar 1941.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Ausgrenzung: b), weil jüdische Geschäfte und Praxen öffentlich gemieden werden sollten. Entrechtung: d), weil Juden die politischen Rechte verloren; a) gehört auch dazu, weil der Stern Juden öffentlich kennzeichnete und die Deportation vorbereitete. Gewalt: c), offene Zerstörung, Misshandlung, Verhaftung. Mord: e), systematische Erschießung. Die Stufen überlappen: Im Krieg liefen Entrechtung und Mord gleichzeitig.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Tarnwörter ohne Anführungszeichen.</strong> „Endlösung“ und „Euthanasie“ sind Wörter der Täter; statt „Reichskristallnacht“ schreibst du Novemberpogrome.</li>\n<li><strong>„Die Wannsee-Konferenz beschloss den Holocaust.“</strong> Der Mord lief schon; die Konferenz koordinierte ihn.</li>\n<li><strong>Nur Auschwitz nennen.</strong> Etwa zwei Millionen Juden wurden erschossen, nicht vergast.</li>\n<li><strong>„Niemand wusste etwas.“</strong> Das widerspricht dem Forschungsstand.</li>\n<li><strong>Andere Opfergruppen vergessen.</strong> Sinti und Roma und Menschen mit Behinderungen wurden ebenfalls aus rassistischen Gründen ermordet.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-ns-staat\">Der NS-Staat: Gleichschaltung, Ideologie, Widerstand</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-bildquelle\">Bildquellen analysieren: Foto, Gemälde, Plakat</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-karte\">Geschichtskarten und Historischer Atlas</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Ordnungen+in+Europa&card=by-ge-nation\">Nation und Nationalstaat: Deutschland, Frankreich, Polen</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-holocaust -->"
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      "title": "Bundesrepublik und DDR 1949–1989",
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      "short": "Bundesrepublik und DDR 1949 bis 1989 einfach erklärt: doppelte Staatsgründung, Grundgesetz und DDR-Verfassung im Wortlaut, Verfassung und Wirklichkeit, Wirtschaft und Zustimmung, 17. Juni 1953, Mauerbau, Protest in West und Ost, Stalin-Note als Forschungsstreit, mit Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-brd-ddr -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Bundesrepublik und DDR 1949–1989</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Die Aufgabe zu den zwei deutschen Staaten ab 1949 verlangt in der Klausur mehr als Erzählen: Du sollst Ursachen und Folgen erklären und am Ende selbst urteilen; Punkte gibt es für genaue Begriffe und Begründungen. 1949 entstanden aus den Besatzungszonen zwei deutsche Staaten: am 23. Mai die Bundesrepublik mit dem Grundgesetz, am 7. Oktober die DDR. Beide Verfassungen versprachen Grundrechte und Demokratie, doch nur im Westen galten sie wirklich; in der DDR bestimmte die SED, gewählt wurde mit Einheitslisten, und die Staatssicherheit verfolgte Gegner. Im Westen stützte der wachsende Wohlstand der Sozialen Marktwirtschaft die Zustimmung zur Demokratie, im Osten flohen bis zum Mauerbau am 13. August 1961 Millionen Menschen. Beide Staaten beanspruchten zunächst, für ganz Deutschland zu sprechen; die DDR strich die „deutsche Nation“ 1974 aus ihrer Verfassung. Ob die Teilung 1952 mit der Stalin-Note hätte überwunden werden können, ist bis heute ein Forschungsstreit.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was der Lehrplan sagt</span><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Amtlicher Wortlaut anzeigen</summary><p>Gefordert: Gründung im Kalten Krieg, „Verfassung und Verfassungswirklichkeit“, Wirtschaftsordnung und Systemakzeptanz; eA zusätzlich der „Umgang mit Protest in West und Ost am Beispiel der Friedens- und Umweltbewegung“ (<a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/erhoeht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eA</a>, <a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/grundlegend\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gA</a>).</p>\n<p>Grundlegende Daten und Begriffe (GDB) in diesem Lernzettel: 1949 Gründung der beiden deutschen Staaten, 17. Juni 1953 Aufstand gegen das DDR-Regime, Adenauer, Deutsche Frage, „Gastarbeiter“, Grundgesetz, Kalter Krieg, Mauerbau, NATO, Planwirtschaft, Reformen der sozial-liberalen Koalition, Soziale Marktwirtschaft, „Staatssicherheit“, Westintegration, „68er-Bewegung“.</p></details></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>1945 teilten die Siegermächte Deutschland in vier Besatzungszonen. Die Westmächte und die Sowjetunion zerstritten sich bald. Dieser Konflikt heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Kalter Krieg<span class=\"wort-erkl\">der Machtkampf zwischen USA und Sowjetunion nach 1945, ohne direkten Krieg, aber mit Wettrüsten</span></span>. Jede Seite baute ihren Teil nach eigenem Vorbild um: im Westen Demokratie und Marktwirtschaft, im Osten eine kommunistische Diktatur mit Planwirtschaft.</p>\n<p>In Klausuren vergleichst du beide Staaten meist an drei Fragen. Wie demokratisch waren sie wirklich (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Verfassung und Verfassungswirklichkeit<span class=\"wort-erkl\">was in der Verfassung steht und wie der Staat tatsächlich handelt</span></span>)? Warum stimmten die Menschen ihrem Staat zu oder nicht (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Systemakzeptanz<span class=\"wort-erkl\">wie sehr die Bevölkerung eine Staatsordnung annimmt, etwa weil sie Wohlstand, Sicherheit oder Freiheit bringt</span></span>)? Sahen sie sich als Teil einer Nation (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Deutsche Frage<span class=\"wort-erkl\">ob und wie die beiden deutschen Staaten wieder ein Staat werden können</span></span>)?</p>\n</div>\n\n<h4>Die doppelte Staatsgründung 1948/49</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Juni 1948, zwei Währungen:</strong> Am 21. Juni kommt in den Westzonen die D-Mark, drei Tage später eine eigene Währung in der Ostzone: zwei Wirtschaftsräume. Im Westen beginnt unter Ludwig Erhard die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Soziale Marktwirtschaft<span class=\"wort-erkl\">freier Markt und Wettbewerb, aber ein Staat, der soziale Härten ausgleicht und den Wettbewerb schützt („Wohlstand für alle“)</span></span>.</li>\n<li><strong>24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949, Berlin-Blockade:</strong> Weil die D-Mark auch in West-Berlin gilt, sperrt die Sowjetunion alle Zufahrten. Die Westmächte versorgen die Stadt über eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Luftbrücke<span class=\"wort-erkl\">Versorgung West-Berlins mit Flugzeugen, weil Straßen, Schienen und Wasserwege gesperrt waren</span></span>. Die Blockade scheitert, und aus Besatzern werden im Westen Schutzmächte.</li>\n<li><strong>23. Mai 1949, Grundgesetz:</strong> Der Parlamentarische Rat hat es am 8. Mai beschlossen. Es heißt bewusst nicht „Verfassung“, weil es nur für eine Übergangszeit gelten soll. Konrad Adenauer (CDU) ist von 1949 bis 1963 Bundeskanzler.</li>\n<li><strong>7. Oktober 1949, DDR:</strong> Ein „Volksrat“ setzt die DDR-Verfassung in Kraft. Er stammt von einem Volkskongress, der im Mai 1949 über eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Einheitsliste<span class=\"wort-erkl\">eine einzige Liste, auf der die Sitze schon vorher verteilt sind; man kann nur zustimmen oder ablehnen</span></span> gewählt worden war, die der SED die Mehrheit sicherte. Der Beschluss zur Staatsgründung war in Moskau gefallen.</li>\n</ol>\n<p>Für die Urteilsfrage: Der Westen ging bei Währung und Staat voran, der Osten zog nach. Die Sowjetunion hatte ihre Zone aber schon vorher nach ihrem Vorbild umgebaut. Beide Seiten trugen zur Teilung bei.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Lebendiges Museum Online (LeMO), Haus der Geschichte, Kapitel „Doppelte Staatsgründung“ und Biografie Adenauer.</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Die doppelte Staatsgründung 1948/49 <span>· Vier Schritte vom Streit um die Währung bis zu zwei Staaten.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 196\" role=\"img\" aria-labelledby=\"sg-t sg-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"sg-t\">Die doppelte Staatsgründung 1948/49</title>\n<desc id=\"sg-d\">Vier Schritte: zwei Währungen im Juni 1948, Berlin-Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949, Grundgesetz am 23. Mai 1949, DDR-Verfassung am 7. Oktober 1949.</desc>\n<rect x=\"100\" y=\"8\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"24\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">21. Juni 1948</text>\n<text x=\"6\" y=\"37\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">(24. Juni Ostzone)</text>\n<text x=\"110\" y=\"24\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Zwei Währungen</text>\n<text x=\"110\" y=\"38\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">D-Mark im Westen, eigene Währung im Osten</text>\n<rect x=\"100\" y=\"56\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"72\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">24. Juni 1948</text>\n<text x=\"6\" y=\"85\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">bis 12. Mai 1949</text>\n<text x=\"110\" y=\"72\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Berlin-Blockade</text>\n<text x=\"110\" y=\"86\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">Luftbrücke der Westmächte</text>\n<rect x=\"100\" y=\"104\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"127\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">23. Mai 1949</text>\n<text x=\"110\" y=\"120\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Grundgesetz</text>\n<text x=\"110\" y=\"134\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">Bundesrepublik, Adenauer Kanzler ab 1949</text>\n<rect x=\"100\" y=\"152\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"175\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">7. Oktober 1949</text>\n<text x=\"110\" y=\"168\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">DDR-Verfassung</text>\n<text x=\"110\" y=\"182\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">Volksrat, Beschluss in Moskau</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Vom Streit um die Währung zu zwei Staaten: Der Westen ging bei Währung und Staat voran, der Osten zog nach.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Das Material: was die beiden Verfassungen versprachen</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 (Auszüge)</span>\n<p>Präambel: „[…] hat das Deutsche Volk in den Ländern […], um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben, kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Es hat auch für jene Deutschen gehandelt, denen mitzuwirken versagt war. Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“</p>\n<p>Art. 1 (1): „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (3): „Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“</p>\n<p>Art. 21 (2): „Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen […], sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1949, S. 1–19, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1949 (Auszüge)</span>\n<p>Art. 1 (1): „Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik; sie baut sich auf den deutschen Ländern auf.“</p>\n<p>Art. 6 (2): „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhaß, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches.“</p>\n<p>Art. 9 (1): „Alle Bürger haben das Recht, innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze ihre Meinung frei und öffentlich zu äußern […].“ (2): „Eine Pressezensur findet nicht statt.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gesetzblatt der DDR 1949, S. 5–16, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Beide Texte beanspruchen ganz Deutschland: Das Grundgesetz handelt auch für die, „denen mitzuwirken versagt war“, die DDR-Verfassung nennt Deutschland „unteilbar“. Beide versprechen Grundrechte. Im Grundgesetz binden sie jeden Staatsteil „als unmittelbar geltendes Recht“, über Parteiverbote entscheidet ein Gericht. In der DDR stand neben der Meinungsfreiheit der unbestimmte Begriff „Boykotthetze“. Nach ihm wurden Angriffe auf das System, „und was man dafür hielt“, hart bestraft. Ein Gericht, bei dem Bürger ihre Grundrechte einklagen konnten, gab es nicht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gebrauch von Art. 6 als politisches Strafgesetz: Friedrich-Christian Schroeder, „Die neuere Entwicklung des Strafrechts in beiden deutschen Staaten“, Aus Politik und Zeitgeschichte 4–5/1988 (bpb); Deutsches Historisches Museum, Ausstellung „Verfassung“, Text zur DDR-Verfassung 1949 („mit dem jede Opposition kriminalisiert werden konnte“).</p>\n\n<h4>Verfassung und Wirklichkeit im Westen</h4>\n<p>Aus den Fehlern von Weimar entstand eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„wehrhafte Demokratie“<span class=\"wort-erkl\">auch streitbare Demokratie: eine Demokratie, die sich mit eigenen Mitteln gegen Feinde wehrt, die sie auf legalem Weg abschaffen wollen</span></span>:</p>\n<ul>\n<li><strong>Grundrechte zuerst:</strong> Menschenwürde in Art. 1, Grundrechte vor dem Bundesverfassungsgericht einklagbar. In Weimar konnte der Reichspräsident sie nach Art. 48 außer Kraft setzen.</li>\n<li><strong>Stabile Regierung:</strong> Den Kanzler stürzt nur, wer zugleich einen Nachfolger wählt (Art. 67, <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">konstruktives Misstrauensvotum<span class=\"wort-erkl\">der Kanzler kann nur abgewählt werden, indem eine Mehrheit einen neuen Kanzler wählt; so entsteht keine Regierung ohne Mehrheit</span></span>). Der Bundespräsident hat kein Notverordnungsrecht.</li>\n<li><strong>Parteiverbot:</strong> Das Bundesverfassungsgericht verbot 1952 die Sozialistische Reichspartei, eine Nachfolgerin der NSDAP, und 1956 die KPD. Das KPD-Verbot ist bis heute umstritten.</li>\n</ul>\n<p>Auch im Westen gab es Konflikte, etwa um Wiederbewaffnung und Notstandsgesetze. Sie wurden aber öffentlich ausgetragen, vor Gericht entschieden und bei Wahlen beantwortet.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb, „Verbot der KPD 1956“ und „Parteien und Verbote“; Bundesverfassungsgericht, Parteiverbotsverfahren.</p>\n\n<h4>Verfassung und Wirklichkeit im Osten</h4>\n<ul>\n<li><strong>Herrschaft der SED:</strong> Laut Verfassung war die Volkskammer das oberste Organ, tatsächlich bestimmte die Führung der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">SED<span class=\"wort-erkl\">Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, 1946 in der Ostzone durch die erzwungene Vereinigung von KPD und SPD entstanden; Staatspartei der DDR</span></span> Regierung und Justiz. Die anderen Parteien waren im Block mit der SED gebunden. Walter Ulbricht hatte schon 1945 gesagt: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“</li>\n<li><strong>„Staatssicherheit“:</strong> Am 8. Februar 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit gegründet, die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stasi<span class=\"wort-erkl\">Geheimpolizei der DDR, „Schild und Schwert der Partei“; überwachte die Bevölkerung mit offiziellen und geheimen Mitarbeitern</span></span>. Ihre Aufgaben waren nie gesetzlich begrenzt.</li>\n<li><strong>17. Juni 1953:</strong> Nach dem „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ (1952) wurde die Versorgung schlechter. Im Mai 1953 erhöhte die SED die Arbeitsnormen um rund zehn Prozent bei gleichem Lohn. Am 17. Juni protestierten rund eine Million Menschen in über 700 Orten, bald auch für freie Wahlen und die Einheit. Die Sowjetunion verhängte in 167 von 217 Kreisen den Ausnahmezustand, Panzer schlugen den Aufstand nieder, mehrere Dutzend Menschen starben.</li>\n<li><strong>13. August 1961, Mauerbau:</strong> Von 1949 bis zum Mauerbau verließen je nach Zählung 2,7 bis 2,8 Millionen Menschen die DDR, meist jung und gut ausgebildet. West-Berlin war das letzte Schlupfloch, bis die DDR auch dort die Grenze schloss. Sie nannte die Mauer „antifaschistischen Schutzwall“; tatsächlich hielt sie die eigenen Bürger fest.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Verfassung und Führungsrolle der SED“ (Ulbricht-Zitat), „Aufbau des MfS“, „17. Juni 1953“, „Flucht und Notaufnahme“ (2,8 Millionen); bpb, „Der 17. Juni 1953 im Überblick“ und „Fluchtbewegung“ (2,7 Millionen).</p>\n\n<h4>Wirtschaft und Zustimmung zum System</h4>\n<ul>\n<li><strong>West:</strong> Mit Währungsreform und Marshallplan-Hilfe begann das „Wirtschaftswunder“; die Soziale Marktwirtschaft brachte vielen Wohlstand und soziale Sicherheit. Ab 1955 warb die Bundesrepublik Arbeitskräfte an, zuerst aus Italien, die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Gastarbeiter“<span class=\"wort-erkl\">damaliges Wort für angeworbene ausländische Arbeitskräfte; es unterstellte, dass sie bald gehen; viele blieben</span></span>. Die Demokratie galt vielen als die Ordnung, die Wohlstand bringt.</li>\n<li><strong>Ost:</strong> Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Planwirtschaft<span class=\"wort-erkl\">der Staat legt in Plänen fest, was produziert wird, zu welchen Preisen und in welcher Menge; Betriebe gehören meist dem Staat</span></span> setzte auf Schwerindustrie statt Konsumgüter. Betriebe wurden zu Volkseigenen Betrieben, die Bauern wurden bis 1960 unter Druck in Genossenschaften (LPG) gezwungen. 1971 versprach Erich Honecker die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, also mehr Wohnungen und Konsumgüter. Der Alltag blieb von Mangel geprägt: Auf ein Auto wartete man im Schnitt 15 Jahre.</li>\n</ul>\n<p>Im Westen stärkten Wohlstand und Freiheit sich gegenseitig. Im Osten sollte Versorgung die fehlende Freiheit ausgleichen; weil sie hinter dem Westen zurückblieb, blieb die Zustimmung brüchig.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Wirtschaftswunder“, „Gastarbeiter“, „Sozialistische Zentralplanwirtschaft“, „VIII. SED-Parteitag“, „Mangelwirtschaft“; Kollektivierung 1960: bpb, „Gesetz über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“.</p>\n\n<h4>Wie sich beide Staaten selbst verstanden</h4>\n<p>Die Bundesrepublik beanspruchte, als einziger frei gewählter Staat für alle Deutschen zu sprechen (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Alleinvertretungsanspruch<span class=\"wort-erkl\">die Bundesrepublik sah sich als einzige legitime Vertretung Deutschlands und wollte verhindern, dass andere Staaten die DDR anerkennen</span></span>), und setzte auf <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Westintegration<span class=\"wort-erkl\">Adenauers Politik, die Bundesrepublik wirtschaftlich und militärisch fest in den Westen einzubinden</span></span>, 1955 mit dem NATO-Beitritt. Die DDR sang anfangs in ihrer Hymne von „Deutschland, einig Vaterland“. Ab Mitte der 1960er grenzte sie sich ab: 1967 eigene Staatsbürgerschaft, ab Anfang der 1970er-Jahre wurde der Hymnentext nicht mehr gesungen.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 3 · Verfassung der DDR, Artikel 1, Satz 1: Fassung von 1968 und Fassung von 1974</span>\n<p>1968: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation.“</p>\n<p>1974: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gesetzblatt der DDR 1968 I, S. 199–222, und Fassung vom 7. Oktober 1974 (GBl. 1974 I, S. 432), Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtliche Texte, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Satz 2 beider Fassungen nennt die Führung „der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“: Die Herrschaft der SED stand seit 1968 in der Verfassung. 1974 gab die SED die gemeinsame deutsche Nation auch im Text auf.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Gesamtdeutscher Anspruch“, „Abgrenzung vom Westen“, „Deutsche Frage“, „Militärallianzen“.</p>\n\n<h4>Umgang mit Protest in West und Ost</h4>\n<p>Nennt der Kasten oben die Friedens- und Umweltbewegung, gehört dieser Vergleich in deine Antwort.</p>\n<ul>\n<li><strong>West:</strong> Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„68er-Bewegung“<span class=\"wort-erkl\">Protestbewegung vor allem von Studierenden Ende der 1960er-Jahre, etwa gegen Vietnamkrieg und Notstandsgesetze</span></span> veränderte die Gesellschaft. Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">sozial-liberale Koalition<span class=\"wort-erkl\">Regierung aus SPD und FDP ab 1969, zuerst unter Willy Brandt</span></span> trat unter dem Leitwort „Mehr Demokratie wagen“ an: Wahlalter 18 ab 1970, BAföG 1971. Gegen den <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">NATO-Doppelbeschluss<span class=\"wort-erkl\">NATO-Beschluss vom 12. Dezember 1979: neue US-Raketen in Westeuropa aufstellen und zugleich Verhandlungen anbieten</span></span> demonstrierten Hunderttausende; der Bundestag stimmte der Stationierung am 22. November 1983 trotzdem zu. Aus der Umweltbewegung entstanden 1980 Die Grünen, 1983 im Bundestag. Protest wurde Teil der Politik.</li>\n<li><strong>Ost:</strong> Unter dem Dach der evangelischen Kirche entstanden Friedens- und Umweltgruppen, Zeichen seit 1980: „Schwerter zu Pflugscharen“. Die SED ging scharf dagegen vor, Jugendlichen mit dem Aufnäher wurden Konsequenzen angedroht. 1986 entstand in Ost-Berlin die Umweltbibliothek. Die Stasi überwachte die Gruppen, das Strafrecht („Staatsfeindliche Hetze“) bot jederzeit eine Handhabe. Protest blieb außerhalb der Politik, bis er 1989 die SED stürzte.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Sozialliberale Reformen“, „Friedensbewegung“, „Die Grünen“, „Opposition und Bürgerbewegung“; bpb, „22. November 1983: Bundestag bestätigt Entscheidung zum NATO-Doppelbeschluss“ und „Die Grünen“; Aufnäher: Deutsches Historisches Museum, „Friedensagitation“; evangelisch.de, Gespräch mit Harald Bretschneider (2019).</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: War die Teilung 1952 vermeidbar?</h4>\n<p>Am 10. März 1952 bot Stalin den Westmächten in einer Note ein vereintes Deutschland an, verlangte dafür aber strikte Neutralität. Der Westen lehnte ab und setzte auf Westintegration. Ob das eine verpasste Chance war, ist unter Historikern seit Jahrzehnten umstritten, auch nach Öffnung sowjetischer Akten.</p>\n<ul>\n<li><strong>Deutung „ernst gemeintes Angebot“:</strong> Wilfried Loth sieht in den Moskauer Akten das Bemühen, die Note für den Westen annehmbar zu machen.</li>\n<li><strong>Deutung „Störmanöver“:</strong> Hermann Graml weist auf Bedingungen hin, die für den Westen unannehmbar waren, etwa die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, und auf den Herrschaftswillen der Sowjetunion. Gerhard Wettig hält die Note für ein „Störfeuer“ gegen die Verhandlungen über eine westeuropäische Armee.</li>\n</ul>\n<p>Nenn beide Deutungen, sag, dass die Frage offen ist, und begründe, welcher du eher folgst.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Jürgen Zarusky (Hg.), „Die Stalin-Note vom 10. März 1952“ (2002), Beiträge von Loth, Graml und Wettig, nach den Rezensionen bei Perlentaucher; LeMO, „Deutsche Frage“.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<p>Maßstäbe für ein Sachurteil über den demokratischen Anspruch:</p>\n<ul>\n<li><strong>Freie Wahlen:</strong> Konnten die Bürger die Regierung abwählen?</li>\n<li><strong>Grundrechte:</strong> Galten sie auch gegen den Staat, und gab es ein Gericht, das sie schützte?</li>\n<li><strong>Gewaltenteilung:</strong> Waren Justiz und Parlament unabhängig von einer Partei?</li>\n<li><strong>Umgang mit Opposition:</strong> Wurde Protest ausgehalten, beantwortet oder verfolgt?</li>\n<li><strong>Abstimmung mit den Füßen:</strong> Wohin gingen die Menschen?</li>\n</ul>\n<p>Für ein Werturteil misst du offen an Menschenwürde, Freiheit und Rechtsstaat (<a href=\"?category=Methoden&card=by-ge-urteil\">Karte Urteilen</a>).</p>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „Beurteilen des demokratischen Anspruchs beider deutscher Staaten“)</span>\n<p>1. Arbeiten Sie aus M 1 und M 2 heraus, welche Ordnung die beiden Verfassungen von 1949 versprechen. (AFB I bis II)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, wie in beiden Staaten bis 1961 Verfassung und Verfassungswirklichkeit zueinander standen. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, inwieweit beide deutsche Staaten ihren demokratischen Anspruch einlösten. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Beide beanspruchen ganz Deutschland (M 1: Auftrag zur Einheit; M 2: „unteilbare demokratische Republik“) und versprechen Grundrechte. Erwartet wird der Befund, der nicht wörtlich dasteht: M 1 sichert die Grundrechte ab (unmittelbar geltend, Parteiverbot nur durch das Verfassungsgericht), M 2 enthält mit der „Boykotthetze“ einen unbestimmten Straftatbestand, der die Grundrechte aushöhlen kann.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> West: Grundrechte vor Gericht einklagbar, Regierungswechsel durch Wahlen, wehrhafte Demokratie mit Parteiverboten 1952 und 1956, Konflikte öffentlich ausgetragen. Ost: Einheitslisten statt Wahl, Führung der SED über Regierung und Justiz, Stasi seit 1950, politische Urteile nach Art. 6, Niederschlagung des 17. Juni 1953, Flucht von Millionen, Mauerbau 1961. Gute Antworten erklären den Widerspruch von Wortlaut und Praxis, statt Ereignisse aufzuzählen.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> Urteil mit Kriterien (freie Wahlen, Grundrechte, Gewaltenteilung). Die Bundesrepublik löste ihren Anspruch weitgehend ein; auch Streitfälle wie das KPD-Verbot wurden innerhalb der Verfassung entschieden. Die DDR löste ihn kaum ein: Sie „sah demokratisch aus“, die Macht lag bei der SED, Protest wurde mit Gewalt beantwortet. Für die oberen Noten: Die DDR verstand unter Demokratie die Führung durch die Partei der Arbeiterklasse, also etwas anderes als das Grundgesetz.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>a) Erkläre an M 3 in zwei Sätzen, wie sich das Selbstverständnis der DDR zwischen 1968 und 1974 änderte. b) Begründe in drei Sätzen, warum das Grundgesetz 1949 „Grundgesetz“ heißt und nicht „Verfassung“ (M 1).</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>a) 1968 nannte sich die DDR noch „Staat deutscher Nation“ und hielt damit an einer gemeinsamen Nation fest. 1974 strich sie den Bezug zur Nation und nannte sich „Staat der Arbeiter und Bauern“; sie wollte sich nach den Verträgen der Entspannungspolitik als eigener Staat vom Westen abgrenzen.</p>\n<p>b) Der Parlamentarische Rat wollte die Teilung nicht noch vertiefen. Das Grundgesetz sollte nur „für eine Übergangszeit“ gelten, bis das „gesamte Deutsche Volk“ die Einheit „in freier Selbstbestimmung“ vollendet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Die DDR-Verfassung für bare Münze nehmen.</strong> Meinungsfreiheit stand drin, Kritiker wurden trotzdem verurteilt.</li>\n<li><strong>Die Bundesrepublik als konfliktfrei darstellen.</strong> Auch dort gab es Streit; der Unterschied ist, wie er ausgetragen wurde.</li>\n<li><strong>Daten vertauschen.</strong> Grundgesetz 23. Mai 1949, DDR 7. Oktober 1949, Aufstand 17. Juni 1953, Mauerbau 13. August 1961, Öffnung der Mauer 9. November 1989.</li>\n<li><strong>Nur einer Seite die Teilung zuschreiben.</strong> Beide Seiten bauten ihre Zone nach eigenem Vorbild um; die Stalin-Note ist ein offener Forschungsstreit.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-holocaust\">Entrechtung und Völkermord 1933–1945</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-einheit\">Friedliche Revolution und Einheit 1989/90</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=by-ge-op-beurteilen\">Beurteilen, bewerten, Stellung nehmen, diskutieren (AFB III)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Internationale+Politik&card=by-ge-usa\">Die USA als Weltmacht seit 1945</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Internationale+Politik&card=by-ge-sowjetunion-russland\">Sowjetunion und Russland seit 1945</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-brd-ddr -->"
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März 1990 folgten die Währungsunion, der Zwei-plus-Vier-Vertrag mit den Siegermächten und am 3. Oktober 1990 der Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes. Wer die Revolution vor allem trug, die Opposition oder die vielen „Normalbürger“, ist unter Forschern umstritten.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was der Lehrplan sagt</span><p>Gefordert: innerstaatliche Voraussetzungen und „Rolle der Bürgerrechtsbewegung“; eA zusätzlich die „Bedeutung des Grundgesetzes im Prozess der Wiedervereinigung“, also die Verfassungsdiskussion (<a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/erhoeht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eA</a>, <a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/grundlegend\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gA</a>).</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><p>Grundlegende Daten und Begriffe (GDB) in diesem Lernzettel: ab 1989/90 Umbruch im Ostblock, 9. November 1989 Öffnung der innerdeutschen Grenze, 3. Oktober 1990 „Tag der Deutschen Einheit“, Grundgesetz.</p></details></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Revolution<span class=\"wort-erkl\">ein schneller, grundlegender Umsturz der politischen Ordnung, der von unten erzwungen wird</span></span> stellt man sich mit Barrikaden vor. 1989 war es anders: Die Menschen in der DDR stürzten eine Diktatur mit Kerzen, Gebeten, Demonstrationen und mit den Füßen, indem sie das Land verließen. Deshalb heißt der Umbruch <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">friedliche Revolution<span class=\"wort-erkl\">der gewaltfreie Sturz der SED-Herrschaft im Herbst 1989; „friedlich“, weil weder Demonstranten noch Staatsmacht Gewalt im großen Stil anwendeten</span></span>.</p>\n<p>In der Klausur unterscheidest du zwei Abschnitte, die oft verwechselt werden. Bis Ende 1989 ging es um Demokratie in der DDR: freie Wahlen, Reisefreiheit, Ende der Stasi. Ab Ende 1989 ging es zunehmend um die Einheit, und dabei redeten nicht nur Deutsche mit, sondern auch die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Beide Abschnitte hängen zusammen, haben aber verschiedene Akteure und Ziele.</p>\n</div>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Friedliche Revolution und Einheit <span>· Zwei Abschnitte auf einer Zeitleiste: erst Demokratie in der DDR, dann der Weg zur Einheit.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 412\" role=\"img\" aria-labelledby=\"ei-t ei-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"ei-t\">Friedliche Revolution und Einheit in zwei Abschnitten</title>\n<desc id=\"ei-d\">Zeitleiste mit zwei Abschnitten. Bis Ende 1989 Demokratie in der DDR: 9. Oktober Leipzig, 9. November Mauerfall, 1. Dezember Führungsanspruch der SED gestrichen. Ab Ende 1989 die Einheit, bei der die Siegermächte mitreden: 18. März 1990 Volkskammerwahl, 1. Juli Währungsunion, 23. August Beitrittsbeschluss, 12. September Zwei-plus-Vier-Vertrag, 3. Oktober Beitritt nach Artikel 23.</desc>\n<text x=\"180\" y=\"14\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.9\">1989/90: erst Demokratie in der DDR, dann Einheit</text>\n<circle cx=\"94\" cy=\"67\" r=\"4.5\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"105\" r=\"4.5\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"143\" r=\"4.5\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"211\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"249\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"287\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"325\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"363\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<rect x=\"14\" y=\"28\" width=\"332\" height=\"22\" rx=\"6\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.14\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"180\" y=\"43\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Bis Ende 1989: Demokratie in der DDR</text>\n<text x=\"78\" y=\"71\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">9.10.1989</text>\n<text x=\"106\" y=\"71\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Leipzig</text>\n<text x=\"106\" y=\"83\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">rund 70.000 auf dem Ring, „Keine Gewalt“</text>\n<text x=\"78\" y=\"109\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">9.11.1989</text>\n<text x=\"106\" y=\"109\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Mauerfall</text>\n<text x=\"106\" y=\"121\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Schabowski, Grenzsoldaten öffnen</text>\n<text x=\"78\" y=\"147\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">1.12.1989</text>\n<text x=\"106\" y=\"147\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">SED-Führungsanspruch gestrichen</text>\n<text x=\"106\" y=\"159\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">ab 7. Dezember Runder Tisch</text>\n<rect x=\"14\" y=\"172\" width=\"332\" height=\"22\" rx=\"6\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.14\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"180\" y=\"187\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Ab Ende 1989: Einheit, die Siegermächte reden mit</text>\n<text x=\"78\" y=\"215\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">18.3.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"215\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Erste freie Volkskammerwahl</text>\n<text x=\"106\" y=\"227\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Allianz für Deutschland rund 48 %</text>\n<text x=\"78\" y=\"253\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">1.7.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"253\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Währungsunion</text>\n<text x=\"106\" y=\"265\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Löhne, Renten, Mieten 1 : 1</text>\n<text x=\"78\" y=\"291\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">23.8.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"291\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Beitrittsbeschluss</text>\n<text x=\"106\" y=\"303\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">294 von 400 Stimmen</text>\n<text x=\"78\" y=\"329\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">12.9.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"329\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Zwei-plus-Vier-Vertrag</text>\n<text x=\"106\" y=\"341\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Siegermächte regeln die äußeren Fragen</text>\n<text x=\"78\" y=\"367\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">3.10.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"367\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Beitritt nach Artikel 23</text>\n<text x=\"106\" y=\"379\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">fünf neue Länder, Berlin Hauptstadt</text>\n<text x=\"180\" y=\"402\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Zwischen Mauerfall und Beitritt liegt fast ein Jahr.</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Blau der Abschnitt, in dem es um Demokratie in der DDR ging, gelb der Abschnitt, in dem es um die Einheit ging und auch die Siegermächte mitredeten; nicht maßstabsgetreu.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Warum es 1989 geschah: Ursachen außen und innen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Außen, Gorbatschow:</strong> Seit 1985 führte Michail Gorbatschow die Sowjetunion. Mit <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Glasnost<span class=\"wort-erkl\">russisch „Offenheit“: mehr öffentliche Kritik und Information</span></span> und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Perestroika<span class=\"wort-erkl\">russisch „Umbau“: Reform von Wirtschaft, Staat und Partei</span></span> wollte er das System retten. Er gab die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Breschnew-Doktrin<span class=\"wort-erkl\">Grundsatz, dass die Sowjetunion eingreift, wenn in einem Bruderstaat der Sozialismus gefährdet scheint, wie 1968 in Prag</span></span> auf. Polen und Ungarn reformierten, die SED unter Erich Honecker lehnte Reformen ab.</li>\n<li><strong>Außen, Ungarn:</strong> Ab Anfang Mai 1989 baute Ungarn die Grenzanlagen zu Österreich ab und öffnete im September die Grenze ganz. Zehntausende DDR-Bürger flohen über Ungarn, andere in die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau. Bis zum Mauerfall verließen etwa 200.000 Menschen die DDR.</li>\n<li><strong>Innen:</strong> Mangelwirtschaft, Umweltzerstörung und fehlende Freiheit. Bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 wiesen Oppositionelle, die die Auszählung beobachteten, Fälschungen nach; offiziell stimmten über 98 Prozent für die Einheitsliste. Das Vertrauen in die SED brach weiter ein.</li>\n</ul>\n\n<h4>Herbst 1989: der Sturz der SED</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>September, Bürgerrechtsgruppen:</strong> Am 9./10. September gründen Bärbel Bohley, Jens Reich und andere das Neue Forum mit dem Aufruf „Aufbruch 89“. Es folgen Demokratie Jetzt, der Demokratische Aufbruch und eine Sozialdemokratische Partei. Der Antrag des Neuen Forums auf Zulassung wird als „staatsfeindlich“ abgelehnt, bis Jahresende unterschreiben 200.000 Menschen den Aufruf.</li>\n<li><strong>9. Oktober, Leipzig:</strong> Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche ziehen rund 70.000 Menschen über den Ring und rufen „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“. Viele fürchteten ein Blutbad; die Staatsmacht weicht zurück, die sowjetischen Truppen bleiben in den Kasernen. Danach wachsen die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Montagsdemonstrationen<span class=\"wort-erkl\">wöchentliche Demonstrationen in Leipzig nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche, ab September 1989; bald auch in vielen anderen Städten</span></span> immer weiter.</li>\n<li><strong>18. Oktober, Honecker gestürzt:</strong> Die eigene Parteispitze zwingt ihn zum Rücktritt. Sein Nachfolger Egon Krenz verspricht eine „Wende“, um die Macht der SED zu retten.</li>\n<li><strong>9. November, Mauerfall:</strong> Politbüromitglied Günter Schabowski verkündet auf einer Pressekonferenz neue Reiseregeln, die nach seinen Worten „sofort, unverzüglich“ gelten. Tausende strömen an die Grenzübergänge, die Grenzsoldaten öffnen ohne klaren Befehl.</li>\n<li><strong>Dezember, Ende der SED-Herrschaft:</strong> Am 1. Dezember streicht die Volkskammer den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung. Ab dem 7. Dezember verhandeln am <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Runden Tisch<span class=\"wort-erkl\">Gesprächsrunde aus Regierung, alten Parteien, Bürgerrechtsgruppen und Kirchen, die bis zur freien Wahl die Regierung kontrollierte; nach polnischem Vorbild</span></span> alte Kräfte und Opposition über freie Wahlen, die Auflösung der Stasi und eine neue Verfassung.</li>\n</ol>\n<p class=\"ks-quelle\">Lebendiges Museum Online (LeMO), Haus der Geschichte, Kapitel „Deutsche Einheit“ (Glasnost und Perestroika, Kommunalwahlen, Massenflucht, Neues Forum, Montagsdemonstrationen, Führungswechsel, Fall der Mauer, Runder Tisch); Leipzig 9. Oktober: auch Martin Sabrow, „Mythos 1989“, Deutschland Archiv (bpb), 28.11.2019.</p>\n\n<h4>1990: der Weg zur Einheit</h4>\n<ul>\n<li><strong>Vom Volk zum einen Volk:</strong> Am 28. November 1989 legte Bundeskanzler Helmut Kohl im Bundestag überraschend ein Zehn-Punkte-Programm vor, das über gemeinsame Strukturen zur Einheit führen sollte. Ab Mitte November riefen Demonstranten „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland, einig Vaterland“. Viele Bürgerrechtler wollten dagegen eine erneuerte, eigene DDR.</li>\n<li><strong>18. März 1990, erste freie Volkskammerwahl:</strong> Die Wahlbeteiligung lag über 93 Prozent. Die „Allianz für Deutschland“ um die Ost-CDU, die die schnelle Einheit versprach, gewann rund 48 Prozent; das Bündnis 90 der Bürgerrechtsgruppen kam auf 2,9 Prozent. Lothar de Maizière (CDU) wurde Ministerpräsident.</li>\n<li><strong>1. Juli 1990, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion:</strong> Die D-Mark wurde Zahlungsmittel, Löhne, Gehälter, Renten und Mieten wurden 1 : 1 umgestellt, die DDR übernahm die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik. Kritiker warnten, viele Ostbetriebe würden dem Wettbewerb nicht standhalten.</li>\n<li><strong>23. August 1990, Beitrittsbeschluss:</strong> Die Volkskammer beschloss mit 294 von 400 Stimmen den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zum 3. Oktober. Am 31. August folgte der Einigungsvertrag.</li>\n<li><strong>12. September 1990, Zwei-plus-Vier-Vertrag:</strong> Die beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte regelten die äußeren Fragen (M 2). Gorbatschow hatte im Sommer zugestimmt, dass das vereinte Deutschland in der NATO bleiben darf; im Gegenzug gab es Wirtschaftshilfe, und auf dem Gebiet der DDR sollten keine NATO-Truppen stehen.</li>\n<li><strong>3. Oktober 1990:</strong> Die DDR tritt bei, die fünf neuen Länder entstehen, Berlin wird Hauptstadt.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Zehn-Punkte-Programm“, „Freie Volkskammerwahl“, „Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion“, „Einigungsvertrag“, „Zwei-plus-Vier-Vertrag“; Wahlergebnis auch: German History in Documents and Images (GHDI), „Ergebnis der Volkskammerwahlen, 18. März 1990“.</p>\n\n<h4>Das Material: zwei Wege im Grundgesetz und der Vertrag mit den Siegermächten</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Grundgesetz vom 23. Mai 1949, Artikel 23 und Artikel 146 (Fassung bis 1990)</span>\n<p>Art. 23: „Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiete der Länder […]. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.“</p>\n<p>Art. 146: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1949, S. 1–19, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland („Zwei-plus-Vier-Vertrag“), 12. September 1990 (Auszüge)</span>\n<p>Art. 1 (1): „Das vereinte Deutschland wird die Gebiete der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik und ganz Berlins umfassen. Seine Außengrenzen werden die Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland sein und werden am Tage des Inkrafttretens dieses Vertrags endgültig sein.“</p>\n<p>Art. 7 (2): „Das vereinte Deutschland hat demgemäß volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1990 II, S. 1318 ff., Wortlaut nach der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Dossier „Zwei-plus-Vier-Vertrag“. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>So liest du M 1. Das Grundgesetz bot zwei Wege. Nach Art. 23 konnten weitere Teile Deutschlands einfach beitreten, das Grundgesetz galt dann auch dort. Nach Art. 146 hätte das ganze deutsche Volk eine neue Verfassung beschließen können. Gewählt wurde Art. 23: schneller, und mit einer bewährten Verfassung. Viele Bürgerrechtler wollten Art. 146, damit auch die Erfahrungen aus der DDR in eine gemeinsame Verfassung eingehen. Der Runde Tisch legte im April 1990 einen eigenen Verfassungsentwurf vor; die neu gewählte Volkskammer lehnte es Ende April mit 179 zu 167 Stimmen ab, ihn weiter zu beraten.</p>\n<p>M 2 zeigt, warum die Einheit auch eine internationale Frage war. Seit 1945 hatten die vier Mächte Rechte für „Deutschland als Ganzes“. Erst mit Art. 7 endeten sie. Art. 1 machte die Grenzen endgültig, also auch die Oder-Neiße-Grenze zu Polen. Deshalb wurde Art. 23 nach dem Beitritt gestrichen: Es sollte keine „anderen Teile Deutschlands“ mehr geben, die beitreten könnten. Art. 146 blieb mit einem neuen Wortlaut, der von der „Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands“ spricht. Eine Verfassungskommission führte 1994 zu Änderungen des Grundgesetzes, etwa dem Umweltschutz als Staatsziel (Art. 20a).</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Streichung von Art. 23 und Neufassung von Art. 146: Einigungsvertrag, Art. 4 (gesetze-im-internet.de); Verfassungsentwurf und Abstimmung 179 zu 167: bpb, „Verpasste Chancen“, Aus Politik und Zeitgeschichte (In guter Verfassung, 2024). Art. 20a: Deutscher Bundestag, Textarchiv 2013, „Umweltschutz im Grundgesetz“; bpb, Lexikon Recht A–Z, „Umweltschutz“.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Wer hat die Revolution gemacht?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Deutung „Werk der Opposition“:</strong> Viele frühere Bürgerrechtler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk betonen, dass wenige Mutige den Umbruch erzwangen, während die Mehrheit lange abwartete.</li>\n<li><strong>Deutung „Aufstand der Normalbürger“:</strong> Der Religionssoziologe Detlef Pollack hält die Erzählung von der Bürgerbewegung als Hauptakteur für eine Legende; entscheidend seien die vielen gewöhnlichen Menschen gewesen, die flohen und demonstrierten.</li>\n<li><strong>Einordnung:</strong> Der Historiker Martin Sabrow zeigt, dass die Sichten weniger weit auseinanderlagen, als der heftige Streit 2019 vermuten ließ; auch Kowalczuk nennt die Ausreisebewegung einen herausragenden Faktor. Umstritten ist auch das Wort „Wende“: Egon Krenz nutzte es im Oktober 1989, um die SED an die Spitze der Veränderungen zu setzen. Viele lehnen es deshalb ab und sprechen von Revolution.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Martin Sabrow, „Mythos 1989“, Deutschland Archiv (bpb), 28.11.2019 (Pollack-Kowalczuk-Debatte, Wende und Revolution); LeMO, „Führungswechsel“ (Krenz, „Wende“).</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Akteure:</strong> Wer erzwang was? Opposition, Ausreisende, Demonstranten, SED-Reformer, Gorbatschow, Bundesregierung.</li>\n<li><strong>Gewichtung von außen und innen:</strong> Hätte es den Umbruch ohne Gorbatschow gegeben, und ohne die Menschen auf der Straße?</li>\n<li><strong>Tempo und Form der Einheit:</strong> Was sprach für den schnellen Beitritt (Abwanderung, Zustimmung der Siegermächte, Wahlergebnis), was für eine neue Verfassung (Mitsprache der Ostdeutschen)?</li>\n<li><strong>Folgen:</strong> Freiheit und Wohlstand einerseits, Arbeitslosigkeit und das Gefühl vieler Ostdeutscher, übernommen worden zu sein, andererseits.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „Bedeutung des Grundgesetzes im Prozess der Wiedervereinigung“)</span>\n<p>1. Geben Sie die in M 1 genannten Wege zur Einheit wieder. (AFB I)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, warum 1990 der Weg über Artikel 23 gewählt wurde. Beziehen Sie M 2 ein. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, inwieweit der Beitritt nach Artikel 23 der richtige Weg zur Einheit war. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Art. 23: Beitritt weiterer Teile Deutschlands, das Grundgesetz gilt dann dort. Art. 146: Ablösung des Grundgesetzes durch eine Verfassung, die das deutsche Volk „in freier Entscheidung“ beschließt.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Erwartet werden Gründe im Zusammenhang: anhaltende Abwanderung in den Westen und wirtschaftlicher Zusammenbruch der DDR; Wahlsieg der Allianz für Deutschland am 18. März 1990 mit dem Versprechen schneller Einheit; Währungsunion am 1. Juli als Vorstufe; das günstige Zeitfenster, solange Gorbatschow zustimmte; Art. 23 setzte eine bewährte Verfassung sofort in Kraft. M 2 zeigt, dass die Einheit nur mit Zustimmung der vier Mächte möglich war und die Grenzfrage endgültig regeln musste.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> Urteil mit Kriterium (Legitimität und Folgen). Dafür: Die frei gewählte Volkskammer beschloss den Beitritt mit großer Mehrheit, das Zeitfenster war unsicher, das Grundgesetz war erprobt. Dagegen: Die Ostdeutschen konnten über die gemeinsame Verfassung nicht abstimmen, der Entwurf des Runden Tisches wurde nicht beraten, und viele empfanden die Einheit als Übernahme. Ein mögliches Urteil: Der Beitritt war politisch nachvollziehbar und demokratisch beschlossen, ließ aber eine Chance zur gemeinsamen Verfassungsdebatte ungenutzt. Für die oberen Noten: Hinweis, dass auch heute über die Folgen gestritten wird.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>a) Ordne zu, ob es sich um eine äußere oder innere Ursache des Umbruchs handelt: Aufgabe der Breschnew-Doktrin, gefälschte Kommunalwahl im Mai 1989, Grenzöffnung Ungarns, Gründung des Neuen Forums. b) Erkläre in zwei Sätzen, was der Wechsel von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ zeigt.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>a) Außen: Breschnew-Doktrin, Grenzöffnung Ungarns. Innen: gefälschte Kommunalwahl, Neues Forum. Gute Antworten zeigen die Verbindung: Die Grenzöffnung wirkte nur, weil so viele Menschen gehen wollten.</p>\n<p>b) „Wir sind das Volk“ forderte Demokratie in der DDR: Das Volk, nicht die SED, soll bestimmen. „Wir sind ein Volk“ forderte die Einheit mit der Bundesrepublik; das Ziel vieler Demonstranten verschob sich nach dem Mauerfall von der Reform der DDR zur Wiedervereinigung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Mauerfall gleich Einheit.</strong> Zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 liegt fast ein Jahr.</li>\n<li><strong>Die Einheit als Werk von Politikern allein.</strong> Ohne Flucht und Demonstrationen hätte es keinen Mauerfall gegeben.</li>\n<li><strong>Art. 23 und Art. 146 verwechseln.</strong> Die DDR trat nach Art. 23 bei; Art. 146 wäre der Weg über eine neue Verfassung gewesen.</li>\n<li><strong>Die Siegermächte vergessen.</strong> Ohne den Zwei-plus-Vier-Vertrag gab es keine volle Souveränität.</li>\n<li><strong>„Wende“ unkommentiert verwenden.</strong> Das Wort stammt im politischen Gebrauch von Egon Krenz; „friedliche Revolution“ ist der Fachbegriff.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-brd-1990-2013\">Die Bundesrepublik 1990–2013</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-narration\">Eine historische Darstellung schreiben (Narration)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Internationale+Politik&card=by-ge-sowjetunion-russland\">Sowjetunion und Russland seit 1945</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-einheit -->"
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      "content": "<!-- core-card:ge-brd-1990-2013 -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Die Bundesrepublik 1990–2013</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Nach der Einheit 1990 musste die Bundesrepublik zwei sehr verschiedene Teile zusammenführen: Im Osten brachen viele Betriebe weg, Millionen Menschen verloren ihre Arbeit oder zogen in den Westen, und die SED-Diktatur wurde mit offenen Stasi-Akten aufgearbeitet. Wegen hoher Arbeitslosigkeit baute die Regierung Schröder ab 2003 mit der Agenda 2010 den Sozialstaat um, was heftigen Streit auslöste. Der Staat musste sich gegen rechtsextreme Gewalt und islamistischen Terror wehren und versagte beim NSU lange. Nach außen übernahm Deutschland eine neue Rolle mit Einsätzen der Bundeswehr im Kosovo und in Afghanistan, lehnte aber den Irak-Krieg ab. In der Klausur beurteilst du, wie Politik und Gesellschaft auf diese Herausforderungen reagierten.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was der Lehrplan sagt</span><p>Zeitraum gA 1990–2009, eA 1990–2013. Der Atomausstieg steht nur auf eA. Außenpolitik: gA „in einem internationalen Konflikt (z. B. Kosovo-Krieg, Irak-Krieg)“, eA an zwei Beispielen (z. B. Kosovo, ISAF, Irak) (<a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/grundlegend\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gA</a>, <a href=\"https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/gymnasium/12/geschichte/erhoeht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eA</a>).</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><p>Grundlegende Daten und Begriffe (GDB) in diesem Lernzettel: 3. Oktober 1990 „Tag der Deutschen Einheit“, 1992 Gründung der Europäischen Union, 11. September 2001 Anschlag auf das World Trade Center in New York, Globalisierung, Terrorismus, NATO, UNO.</p></details></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Diese Zeit ist noch nah: Deine Eltern haben sie erlebt. Gerade deshalb ist sie umstritten. Fast jedes Thema hat Folgen bis heute, von den Unterschieden zwischen Ost und West über den Streit um Hartz IV bis zur Frage, wann Deutschland Soldaten ins Ausland schicken soll.</p>\n<p>In der Klausur geht es meist um <strong>Herausforderungen</strong> und <strong>Reaktionen</strong>: Welches Problem stellte sich, wie reagierten Regierung, Parlament, Gerichte und Gesellschaft, und war die Antwort angemessen? Mit diesem Raster kannst du jedes der Themen unten bearbeiten.</p>\n</div>\n\n<h4>Folgen der Einheit</h4>\n<p>Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Treuhandanstalt<span class=\"wort-erkl\">1990 gegründete Behörde, die die volkseigenen Betriebe der DDR privatisieren, sanieren oder schließen sollte; bis 1994 tätig</span></span> privatisierte oder schloss die DDR-Betriebe. Viele waren gegen die westliche Konkurrenz nicht wettbewerbsfähig, viele Menschen im Osten wurden arbeitslos, Millionen zogen in den Westen. Der „Aufbau Ost“ kostete hohe Summen, finanziert unter anderem über den Solidaritätszuschlag ab 1991. Für viele Ostdeutsche war die Einheit Befreiung und Kränkung zugleich: mehr Freiheit und Wohlstand, aber Lebensläufe, die plötzlich nichts mehr galten.</p>\n\n<h4>Aufarbeitung der SED-Diktatur</h4>\n<p>Das <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stasi-Unterlagen-Gesetz<span class=\"wort-erkl\">Bundesgesetz vom Dezember 1991; es gab Betroffenen das Recht, ihre Akten des Ministeriums für Staatssicherheit einzusehen, und regelte die Nutzung durch Forschung und Medien</span></span> öffnete im Dezember 1991 die Akten für Betroffene. Zum ersten Mal konnten Opfer lesen, wer sie bespitzelt hatte. Zwei Enquete-Kommissionen des Bundestags untersuchten die Diktatur. Gerichte verurteilten Grenzsoldaten und Mitglieder der DDR-Führung wegen der Toten an der Mauer, umstritten war, ob das rückwirkend sei.</p>\n\n<h4>Agenda 2010: Umbau des Sozialstaats</h4>\n<p>Anfang der 2000er-Jahre waren über vier Millionen Menschen arbeitslos, die Kosten der Sozialversicherung stiegen. Am 14. März 2003 stellte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Bundestag sein Reformprogramm vor.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Gerhard Schröder, Regierungserklärung im Deutschen Bundestag, 14. März 2003 (Auszüge)</span>\n<p>„Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen. […] Daraus ergibt sich nur eine Konsequenz: Der Umbau des Sozialstaates und seine Erneuerung sind unabweisbar geworden. Dabei geht es nicht darum, ihm den Todesstoß zu geben, sondern ausschließlich darum, die Substanz des Sozialstaates zu erhalten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 15/32, S. 2479 ff.; Wortlaut nach dem Stenografischen Bericht (dserver.bundestag.de). Rede in öffentlicher Parlamentsdebatte.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Schröder begründet Kürzungen damit, den Sozialstaat zu retten. Kernstück war die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II („Hartz IV“, ab 2005) nach dem Grundsatz „Fördern und Fordern“. Es folgten Montagsdemonstrationen, Gewerkschaften protestierten, enttäuschte Sozialdemokraten gründeten eine neue Partei, die 2007 in der Linken aufging. Die SPD verlor 2005 die Wahl, Angela Merkel (CDU) wurde Kanzlerin.</p>\n\n<h4>Energiepolitik: Atomausstieg in drei Schritten</h4>\n<ul>\n<li><strong>2000/2002:</strong> Die rot-grüne Regierung vereinbarte mit den Energiekonzernen den Ausstieg und schrieb ihn ins Gesetz.</li>\n<li><strong>2010:</strong> Die Regierung Merkel verlängerte die Laufzeiten der Kraftwerke.</li>\n<li><strong>2011:</strong> Nach der Katastrophe von Fukushima (März 2011) beschloss der Bundestag den Ausstieg bis Ende 2022; die letzten drei Kraftwerke gingen im April 2023 vom Netz.</li>\n</ul>\n\n<h4>Extremismus und Terrorismus</h4>\n<ul>\n<li><strong>Rechtsextreme Gewalt:</strong> Ausschreitungen gegen Asylbewerber und Vertragsarbeiter in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992), Brandanschläge in Mölln (1992) und Solingen (1993) mit Toten. Die Politik reagierte auch mit dem <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Asylkompromiss<span class=\"wort-erkl\">Grundgesetzänderung von 1993 (Artikel 16a): Wer über einen sicheren Drittstaat einreist, kann sich in Deutschland nicht mehr auf das Asylrecht berufen</span></span> von 1993, Kritiker sahen darin ein Nachgeben gegenüber der Straße.</li>\n<li><strong>NSU:</strong> Der „Nationalsozialistische Untergrund“ ermordete 2000 bis 2007 zehn Menschen, neun davon mit Einwanderungsgeschichte, und eine Polizistin. Entdeckt wurde er erst 2011. Polizei und Verfassungsschutz hatten die Opferfamilien verdächtigt und die Taten lange falsch eingeordnet.</li>\n<li><strong>Islamistischer Terrorismus:</strong> Nach dem 11. September 2001 (mehrere Attentäter hatten in Hamburg gelebt) verschärfte der Staat Sicherheitsgesetze; 2007 wurde die „Sauerland-Gruppe“ vor einem Anschlag festgenommen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Neue Rolle in der Welt</h4>\n<p>1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Einsätze der Bundeswehr im Ausland im Rahmen von Bündnissen erlaubt sind, wenn der Bundestag zustimmt; die Bundeswehr ist seither eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Parlamentsarmee<span class=\"wort-erkl\">Grundsatz, dass bewaffnete Einsätze der Bundeswehr die vorherige Zustimmung des Bundestags brauchen</span></span>. 1999 beteiligte sich Deutschland am <strong>Kosovo-Krieg</strong> der NATO, ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats, der erste Kampfeinsatz seit 1945. Ab 2001/02 folgte der <strong>ISAF-Einsatz</strong> in Afghanistan, der längste und verlustreichste der Bundeswehr. Am <strong>Irak-Krieg</strong> 2003 beteiligte sich die Regierung Schröder dagegen nicht.</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Viele Themen hängen an der Einheit: Die Kosten des Aufbaus Ost belasteten die Sozialkassen und trugen zur Krise bei, auf die die Agenda 2010 antwortete; die Proteste gegen Hartz IV waren im Osten besonders stark, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten war. Die rechtsextreme Gewalt der 1990er-Jahre traf vor allem Ostdeutschland, aber auch den Westen (Mölln, Solingen), und der NSU entstand aus dieser Szene. Die neue Rolle in der Welt folgte aus der gewonnenen Souveränität 1990: Die Partner erwarteten mehr Verantwortung. Gemeinsam ist allen Themen die Frage, ob Politik schnell genug und richtig reagierte.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Erfolg oder Kränkung?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Einheit:</strong> Die einen sehen eine Erfolgsgeschichte: Freiheit, Rechtsstaat, erneuerte Städte und Infrastruktur. Andere sprechen von einer „Übernahme“ des Ostens, bei der Betriebe, Eliten und Erfahrungen der Ostdeutschen entwertet wurden.</li>\n<li><strong>Agenda 2010:</strong> Befürworter sehen in ihr eine Ursache für den Rückgang der Arbeitslosigkeit nach 2005. Kritiker verweisen auf den wachsenden Niedriglohnsektor und auf Druck auf Arbeitslose; manche Ökonomen meinen, die Beschäftigung sei vor allem aus anderen Gründen gestiegen.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutungen: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Angemessenheit:</strong> Passte die Reaktion zur Größe des Problems?</li>\n<li><strong>Folgen für wen:</strong> Ost und West, Beschäftigte und Arbeitslose, Opfer und Täter.</li>\n<li><strong>Grundwerte:</strong> Rechtsstaat, Sozialstaat, Völkerrecht, Menschenwürde.</li>\n<li><strong>Zeitperspektive:</strong> kurzfristige Kosten, langfristige Wirkung.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an den Lehrplan: „Politik und Gesellschaft von der Regierung Kohl bis in die Gegenwart (z.B. Auslandseinsätze der Bundeswehr, Arbeitsmarktreformen, Energiepolitik)“)</span>\n<p>1. Fassen Sie Schröders Begründung für die Reformen in M 1 zusammen. (AFB I)</p>\n<p>2. Erläutern Sie die Agenda 2010 vor dem Hintergrund der Lage nach der Einheit. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob die Agenda 2010 eine angemessene Antwort auf die Herausforderungen ihrer Zeit war. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Kürzung staatlicher Leistungen, mehr Eigenverantwortung und Eigenleistung; Umbau als „unabweisbar“; Ziel: den Sozialstaat nicht abschaffen, sondern seine „Substanz“ erhalten.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Hohe Arbeitslosigkeit, besonders im Osten nach dem Zusammenbruch der Industrie; steigende Lohnnebenkosten, auch durch Kosten der Einheit; Inhalte: Arbeitslosengeld II, „Fördern und Fordern“, Lockerungen am Arbeitsmarkt.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Dafür:</em> Rückgang der Arbeitslosigkeit nach 2005, Entlastung der Sozialkassen, Deutschland galt nicht mehr als „kranker Mann Europas“. <em>Dagegen:</em> Niedriglohnsektor, Angst vor sozialem Abstieg, Spaltung der SPD und Aufstieg der Linken, Zweifel, ob der Aufschwung wirklich auf die Reform zurückging. Ein gelungenes Urteil wägt wirtschaftliche Wirkung gegen soziale und politische Folgen ab. Für die oberen Noten: Du nennst den Forschungsstreit und trennst Absicht (M 1) und Wirkung.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Warum war der Kosovo-Einsatz 1999 so umstritten? Zwei Gründe.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Er fand ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats statt, und er war der erste Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Befürworter argumentierten mit dem Schutz der Kosovo-Albaner vor Vertreibung („Nie wieder Auschwitz“), Gegner mit dem Völkerrecht und der Lehre „Nie wieder Krieg“.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Atomausstieg erst nach Fukushima.</strong> Beschlossen schon 2000/2002, 2010 zurückgenommen, 2011 neu beschlossen.</li>\n<li><strong>Deutschland im Irak-Krieg.</strong> Die Regierung lehnte eine Beteiligung ab.</li>\n<li><strong>NSU als Einzeltäter.</strong> Es war eine Terrorzelle mit Unterstützerumfeld.</li>\n<li><strong>Rechtsextreme Gewalt nur im Osten.</strong> Mölln und Solingen liegen im Westen.</li>\n<li><strong>Agenda 2010 als CDU-Reform.</strong> Sie kam von der SPD-geführten Regierung Schröder.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Demokratie+und+Diktatur&card=by-ge-einheit\">Friedliche Revolution und Einheit 1989/90</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Internationale+Politik&card=by-ge-nahost\">Der israelisch-palästinensische Konflikt bis Oslo</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Ordnungen+in+Europa&card=by-ge-europa\">Von der Feindschaft zur Einigung Europas</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Internationale+Politik&card=by-ge-usa\">Die USA als Weltmacht seit 1945</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=by-ge-urteil\">Sachurteil und Werturteil</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-brd-1990-2013 -->"
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