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  "category": "Abitur 2027",
  "productId": "hamburg_deutsch",
  "version": "2027.1",
  "lastUpdated": "2026-10-02",
  "cardCount": 5,
  "cards": [
    {
      "id": "hh-de-lastminute-2027",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Vorbereitung in letzter Minute (2027)",
      "short": "Die letzten Tage vor der Deutschklausur: was in deinem Land drankommt, welche Lernzettel du jetzt öffnest und was du am Ende prüfst.",
      "cardType": "strategy",
      "content": "<!-- core-card:de-lastminute-2027 -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Prüfung</span><span>Abitur</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Dieser Lernzettel ist für die letzten Tage vor der schriftlichen Deutschprüfung. Oben steht, was in deinem Land amtlich gilt: Arbeitszeit, Auswahl, Hilfsmittel und Aufgabenarten. Darunter findest du die Lernzettel zu deinen Schwerpunkten, die du jetzt noch einmal öffnen solltest. Zum Schluss steht, was du in den letzten Minuten der Klausur prüfst. Uhrzeit und Raum erfährst du von deiner Schule.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span>\n<p>Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine. Grundlegendes Niveau 255, erhöhtes Niveau 315 Minuten; eine eigene Lese- oder Auswahlzeit gibt es nicht. Hilfsmittel: Ausgaben der verbindlichen Referenztexte ohne Notizen und ein Rechtschreibwörterbuch.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A-Heft Abitur 2027, S. 5 und 6</a></p></div>\n<!-- /land -->\n<h4>Deine Schwerpunkte</h4>\n<!-- land-extra -->\n<p>Öffne jetzt noch einmal diese Lernzettel:</p>\n<ul>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=hh-de-abitur2027-romantik\">Literatur um 1800 / Romantik</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=hh-de-abitur-kleist-krug\">Kleist: Der zerbrochne Krug</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=hh-de-abitur2027-erzaehlte-identitaet\">Erzählte Identität (Dschinns / Mittagsstunde)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=hh-de-abitur-sprache-politik\">Politische Sprache</a></li>\n</ul>\n<p>Aufgabenarten: Interpretation literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte, Erörterung literarischer oder pragmatischer Texte, materialgestütztes Verfassen informierender oder argumentierender Texte, Mischformen, kreative oder produktive Teilaufgabe im Anschluss.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n<h4>Was du noch klären solltest</h4>\n<ul>\n<li><!-- pruefungstag --><strong>Prüfungstag, Uhrzeit, Raum:</strong> Frag deine Lehrkraft oder schau in den Terminplan deiner Schule.<!-- /pruefungstag --></li>\n<li><strong>Welche Textausgabe zugelassen ist:</strong> Wenn Lektüren als Hilfsmittel erlaubt sind, ist oft genau festgelegt, welche Ausgabe und ob Notizen darin stehen dürfen. Frag deine Lehrkraft, bevor du dein Exemplar einpackst.</li>\n<li><strong>Wörterbuch:</strong> Frag deine Lehrkraft, ob du ein eigenes Rechtschreibwörterbuch mitbringst oder die Schule eines stellt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wofür es Punkte gibt</h4>\n<p>In Abituraufgaben zu Texten zählt die Verstehensleistung etwa 70 %, die Darstellungsleistung etwa 30 %; bei materialgestützten Aufgaben etwa 60 zu 40. Zur Darstellung gehören Aufbau, Fachsprache, Zitieren und Belegen, Ausdruck und Stil sowie Rechtschreibung und Grammatik. Gerade diese Punkte kannst du in den letzten Minuten noch sichern.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">IQB, Abituraufgaben Deutsch, Bewertungshinweise (Interpretation gA 2024; Materialgestütztes Verfassen eA 2024).</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">So wird gewertet <span>· Zwei Balken zeigen, wie viel Verstehen und wie viel Darstellung zählen. Du siehst, wo sich die letzten Minuten lohnen.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 136\" role=\"img\" aria-labelledby=\"lm-t lm-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"lm-t\">So werden Textaufgaben gewertet</title>\n<desc id=\"lm-d\">Zwei Balken: Bei Abituraufgaben zu Texten zählt die Verstehensleistung etwa 70 Prozent und die Darstellungsleistung etwa 30 Prozent, bei materialgestützten Aufgaben etwa 60 zu 40.</desc>\n<text x=\"6\" y=\"14\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Aufgaben zu Texten</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"20\" width=\"243.6\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"127.8\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Verstehen</text>\n<text x=\"127.8\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 70 %</text>\n<rect x=\"249.6\" y=\"20\" width=\"104.4\" height=\"36\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#16a34a\"/>\n<text x=\"301.8\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Darstellung</text>\n<text x=\"301.8\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 30 %</text>\n<text x=\"6\" y=\"76\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Materialgestützte Aufgaben</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"82\" width=\"208.8\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"110.4\" y=\"98\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Verstehen</text>\n<text x=\"110.4\" y=\"112\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 60 %</text>\n<rect x=\"214.8\" y=\"82\" width=\"139.2\" height=\"36\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#16a34a\"/>\n<text x=\"284.4\" y=\"98\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Darstellung</text>\n<text x=\"284.4\" y=\"112\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 40 %</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Die Gewichtung aus diesem Lernzettel als Balken.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Die letzten zehn Minuten in der Klausur</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Operator.</strong> Lies die Aufgabe noch einmal: Hast du wirklich interpretiert, erörtert, verglichen, und alle Teilaufgaben bearbeitet?</li>\n<li><strong>Zitate.</strong> Wörtlich, in Anführungszeichen, mit Zeile oder Vers.</li>\n<li><strong>Tempus und Modus.</strong> Präsens für deine Aussagen über den Text, Konjunktiv für fremde Thesen.</li>\n<li><strong>Bezüge.</strong> Heißt es „der Erzähler“ und „das lyrische Ich“, nicht „der Autor sagt“?</li>\n<li><strong>Rechtschreibung.</strong> Namen und Titel aus der Vorlage abgleichen, Kommas vor „dass“ und bei Einschüben.</li>\n</ol>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · eine echte Aufgabenstellung lesen</span>\n<p><em>1. Stellen Sie den Gedankengang des Textes von Andreas Frey dar und erläutern Sie die Intention des Textes.</em> (ca. 40 %)<br><em>2. Erörtern Sie ausgehend vom vorliegenden Text die Position des Autors.</em> (ca. 60 %)</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Abituraufgabe des IQB, Erörterung pragmatischer Texte, erhöhtes Niveau (Aufgabe 2024).</p>\n<p>Beantworte in einer Minute: Welche Operatoren stecken darin? Welcher Teil bekommt mehr Zeit? Worauf muss sich die Erörterung beziehen?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Drei Operatoren: darstellen, erläutern (Teil 1) und erörtern (Teil 2). Teil 2 wiegt mit ca. 60 % schwerer und bekommt deshalb mehr Schreibzeit. Die Erörterung geht „ausgehend vom vorliegenden Text“ von der Position des Autors aus, nicht vom Thema allgemein.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler kurz vorher</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Neuen Stoff anfangen.</strong> In den letzten Tagen wiederholst du, was du kannst, statt ein neues Werk zu lesen.</li>\n<li><strong>Die Auswahl verschleppen.</strong> Entscheide dich in der Auswahlzeit und bleib dann bei deiner Aufgabe.</li>\n<li><strong>Ohne Konzept losschreiben.</strong> Ein Plan mit Hypothese und Gliederung spart später Zeit.</li>\n<li><strong>Keine Zeit für die Kontrolle.</strong> In den letzten Minuten lassen sich Fehler in der Darstellung noch beheben.</li>\n<li><strong>Falsche Ausgabe mitbringen.</strong> Wenn eine Lektüre erlaubt ist, gilt oft nur eine bestimmte Ausgabe ohne Notizen.</li>\n</ul>\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=hh-de-ausdruck-fehler\">Typische Ausdrucksfehler vermeiden</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-de-methoden-zitieren\">Richtig zitieren</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-de-methoden-einleitungssatz\">Einleitungssatz schreiben (TATT-Formel)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=hh-de-ausdruck-ueberleitung\">Überleitungen schreiben</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:de-lastminute-2027 -->"
    },
    {
      "id": "hh-de-abitur2027-romantik",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Literatur um 1800 / Romantik",
      "short": "Literatur um 1800 und Romantik: Klassik, Motive, Mondnacht, Gedichtvergleich. Lernzettel fürs Abitur, ohne Pflichtbuch.",
      "cardType": "theme",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Literatur um 1800, besonders die Romantik</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du kein Pflichtbuch, sondern einen Text, den du nicht kennst: meist ein Gedicht, einen Erzählauszug oder zwei Gedichte zum Vergleich, manchmal eins davon aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. Punkte holst du, wenn du romantische Motive und Haltungen am Text zeigst und erklärst, was sie bewirken, nicht mit einer Liste von Epochenmerkmalen. Dafür brauchst du den Hintergrund: Um 1800 entstehen in Deutschland zwei literarische Antworten auf dieselbe Umbruchzeit. Die Weimarer Klassik um Goethe und Schiller sucht Maß, Harmonie und das Ideal des guten Menschen, die Romantik sucht das Unendliche, die Nacht, die Sehnsucht und das Wunderbare. Hintergrund sind die Aufklärung, die Französische Revolution und die Kriege Napoleons.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hamburg gibt es zu diesem Schwerpunkt keine benannte Pflichtganzschrift. Die Klausur legt dir ein Gedicht, einen Erzählauszug oder einen Sachtext zum Thema vor. Kleist hat seinen eigenen Lernzettel.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben der Behörde für Schule und Berufsbildung:</strong> Spiegelung kultur- und geistesgeschichtlicher Entwicklungen; literaturgeschichtliche Entwicklungen der Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Romantik; zentrale Themen und Motive der Romantik, exemplarisch auch deren Verarbeitung in Texten des 20./21. Jahrhunderts. gA und eA.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:feld:literatur-um-1800 -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Das Themenfeld heißt amtlich „Literatur um 1800“, mit besonderem Blick auf die Romantik. Drei Punkte stehen in den Vorgaben:</p>\n<ul>\n<li><strong>Spiegelung der Zeit:</strong> wie sich Aufklärung, Revolution und neue Philosophie in den Texten zeigen.</li>\n<li><strong>Literaturgeschichte:</strong> wie Klassik und Romantik nebeneinander entstehen und sich voneinander abgrenzen.</li>\n<li><strong>Themen und Motive der Romantik,</strong> auch so, wie Texte des 20. und 21. Jahrhunderts sie wieder aufnehmen.</li>\n</ul>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Motiv<span class=\"wort-erkl\">ein wiederkehrendes Bild oder eine typische Situation mit Bedeutung, etwa Nacht, Wanderschaft oder das Fenster</span></span> ist dein wichtigstes Werkzeug: Du findest es im Text, zeigst, was es dort bedeutet, und schließt erst dann auf die Epoche. Gedichte zitierst du mit Vers, Prosa mit Zeile.</p>\n</div>\n\n<h4>Was um 1800 passiert</h4>\n<ul>\n<li><strong>Aufklärung:</strong> Der Mensch soll seinen Verstand selbst gebrauchen. Vernunft wird zum Maßstab für alles. Die Romantik antwortet darauf später mit der Frage, was die Vernunft nicht erfasst: Traum, Gefühl, Unbewusstes.</li>\n<li><strong>Französische Revolution (1789):</strong> Freiheit und Gleichheit werden politische Forderungen. Manche Dichter begeistern sich zuerst und wenden sich nach der Schreckensherrschaft wieder ab.</li>\n<li><strong>Napoleon:</strong> Seine Kriege verändern Europa. 1806 endet das Heilige Römische Reich, nach den Befreiungskriegen ordnet der Wiener Kongress 1815 Europa neu, es folgt eine Zeit der Restauration.</li>\n<li><strong>Neue Philosophie:</strong> Kant, Fichte und Schelling fragen, wie viel von der Welt das Ich selbst hervorbringt. Für die Romantiker wird das Ich zum Ort, an dem Welt und Unendliches sich begegnen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Klassik und Romantik nebeneinander</h4>\n<ul>\n<li><strong>Weimarer Klassik</strong> (etwa 1786 bis 1805, von Goethes Italienreise bis zu Schillers Tod): Vorbild ist die Antike. Gesucht werden Maß, Harmonie und das Ideal der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Humanität<span class=\"wort-erkl\">Menschlichkeit als Ziel: der Mensch soll edel, hilfsbereit und gut werden</span></span>. Kunst soll den Menschen bilden, nicht einem Zweck dienen (Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, 1795).</li>\n<li><strong>Frühromantik</strong> (ab etwa 1795, Jena): die Brüder Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck. Ihre Zeitschrift „Athenaeum“ (1798 bis 1800) entwirft das Programm.</li>\n<li><strong>Hochromantik</strong> (Heidelberger Romantik): Achim von Arnim und Clemens Brentano sammeln Volkslieder („Des Knaben Wunderhorn“, 1805 bis 1808). In Kassel sammeln die Brüder Grimm Märchen („Kinder- und Hausmärchen“, ab 1812).</li>\n<li><strong>Spätromantik</strong> (etwa 1815 bis 1830): Joseph von Eichendorff, E. T. A. Hoffmann. Volksliedton, Wanderer, Nachtseiten der Seele.</li>\n<li><strong>Dazwischen:</strong> Kleist, Hölderlin und Jean Paul gehören zu keiner Gruppe ganz. Das ist kein Fehler deines Wissens, sondern selbst ein Merkmal der Zeit.</li>\n</ul>\n\n<h4>Das Programm der Romantik in zwei Sätzen</h4>\n<ul>\n<li>Friedrich Schlegel, 116. Athenaeums-Fragment (1798): „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie.“ <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Universalpoesie<span class=\"wort-erkl\">eine Dichtung, die alle Gattungen mischt, Poesie und Philosophie verbindet und nie fertig wird</span></span> heißt: Gattungen mischen, Poesie und Philosophie verbinden, das Leben poetisch machen. „Progressiv“ heißt: Sie wird nie fertig.</li>\n<li>Novalis, Notizen aus dem Frühjahr 1798: „Die Welt muß romantisirt werden.“ Gemeint ist: dem Gewöhnlichen einen geheimnisvollen, unendlichen Sinn geben.</li>\n</ul>\n<p>Daraus folgen zwei Formmerkmale. Romantische Texte bleiben oft absichtlich offen, als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Fragment<span class=\"wort-erkl\">ein Text, der bewusst unfertig bleibt, weil das Unendliche sich nicht abschließen lässt</span></span>. Und sie brechen gern ihre eigene Illusion: In Tiecks Komödie „Der gestiefelte Kater“ (1797) spielen Figuren das Publikum im Parkett und reden ins Stück hinein. Das heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">romantische Ironie<span class=\"wort-erkl\">der Text zeigt, dass er gemacht ist, und hebt seine eigene Stimmung auf</span></span>.</p>\n\n<h4>Motive, die du erkennen solltest</h4>\n<ul>\n<li><strong>Sehnsucht und Ferne:</strong> Das Ich will weg, ins Unbestimmte, und kommt selten an. Oft steht es am Fenster oder hört ein Posthorn.</li>\n<li><strong>Nacht und Traum:</strong> Die Nacht öffnet, was der Tag verdeckt (Novalis, „Hymnen an die Nacht“, 1800).</li>\n<li><strong>Wandern:</strong> Unterwegssein als Freiheit, gegen den geregelten Alltag des <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Philisters<span class=\"wort-erkl\">so nannten die Romantiker den engstirnigen Bürger, der nur an Arbeit, Besitz und Ordnung denkt</span></span>.</li>\n<li><strong>Natur als Seelenraum:</strong> Landschaft spiegelt das Innere. Wald, Mond und Rauschen sind keine Kulisse, sondern Stimmung.</li>\n<li><strong>Die blaue Blume:</strong> Bild der unerreichbaren Sehnsucht, aus Novalis’ Roman „Heinrich von Ofterdingen“ (1802).</li>\n<li><strong>Nachtseiten:</strong> Wahnsinn, Doppelgänger, das Unheimliche, etwa in E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (1816). Oft bleibt offen, ob das Wunderbare wirklich ist oder nur eingebildet.</li>\n<li><strong>Volkslied, Märchen, Mittelalter:</strong> Die Romantiker suchen eine ursprüngliche, gemeinsame Poesie.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Natur ohne Gefühl, Natur als Seele.</strong> Goethe schreibt schon 1783 in „Das Göttliche“: „Edel sey der Mensch, / Hülfreich und gut!“ und gleich danach: „Denn unfühlend / Ist die Natur“. Gut ist der Mensch, nicht die Natur. In Eichendorffs „Mondnacht“ dagegen ist es, „als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt“: Die Natur scheint zu fühlen. An diesem Gegensatz kannst du Klassik und Romantik unterscheiden.</li>\n<li><strong>Freiheit gegen Philisterleben.</strong> In Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1826) schickt der Vater den Sohn mit „Du Taugenichts!“ in die Welt. Der zieht mit der Geige los, während die anderen „graben und pflügen“: „Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüthe.“ Deutung: Der Text feiert das zweckfreie Leben und macht sich zugleich leise darüber lustig.</li>\n<li><strong>Sehnsucht, die nicht ankommt.</strong> In Eichendorffs „Sehnsucht“ steht das Ich „am Fenster“ und hört „aus weiter Ferne / Ein Posthorn“: „Ach, wer da mitreisen könnte“. Das Ich bleibt drinnen. Die Ferne gibt es nur im Lied der anderen.</li>\n<li><strong>Klassisch gesund, romantisch krank?</strong> Goethe sagte 1829 zu Eckermann: „Das Classische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“ Er meinte damit vor allem die neueste Literatur seiner Zeit. Das ist ein Urteil eines Beteiligten, keine Definition. Nutz es als These, die du an einem Text prüfst.</li>\n<li><strong>Romantik heute.</strong> Neuere Texte nehmen romantische Motive auf und brechen sie. In einer amtlichen Beispielaufgabe für den Leistungskurs wird Eichendorffs „Der verspätete Wanderer“ mit Günter Kunerts „Straßen“ (entstanden 1965 bis 1969 in der DDR) verglichen: Bei beiden ist das Leben eine Reise, aber bei Kunert führen die Straßen ins Leere, und die Gehenden fragen „vergebens / den leeren Himmel“.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hamburg</span>\n<p>Aufgabe I gehört zu diesem Themenfeld. Im Unterricht arbeitest du an repräsentativen Texten der Literatur um 1800. Neben Interpretation und Erörterung sind auch Mischformen und eine kreative Teilaufgabe im Anschluss möglich, und ein Gedicht kann einem Prosatext gegenübergestellt werden. Eine eigene Lese- oder Auswahlzeit gibt es nicht (grundlegendes Niveau 255, erhöhtes Niveau 315 Minuten).</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A-Heft Abitur 2027, S. 5 und 6</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt das Themenfeld meist so vor: Du interpretierst ein Gedicht oder einen Erzählauszug, oder du vergleichst zwei Gedichte, oft ein romantisches mit einem neueren. Die Aufgabe nennt dann eine Hinsicht, etwa „im Hinblick auf die Gestaltung des Motivs des Unterwegsseins“, und verlangt, die Entstehungszeit zu berücksichtigen.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Joseph von Eichendorff, „Mondnacht“ (entstanden um 1835, gedruckt 1837)</span>\n<p>Es war, als hätt’ der Himmel<br>Die Erde still geküßt,<br>Daß sie im Blütenschimmer<br>Von ihm nun träumen müßt’.</p>\n<p>Die Luft ging durch die Felder,<br>Die Aehren wogten sacht,<br>Es rauschten leis die Wälder,<br>So sternklar war die Nacht.</p>\n<p>Und meine Seele spannte<br>Weit ihre Flügel aus,<br>Flog durch die stillen Lande,<br>Als flöge sie nach Haus.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Text nach Eichendorffs Sämmtlichen Werken, Bd. 1, Leipzig 1864, S. 604 (Wikisource), in der Schreibung dieser Ausgabe.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> ein Naturgedicht der Spätromantik in drei Strophen, gesprochen erst ohne, dann mit Ich.<em>Das Gedicht beschreibt eine Mondnacht und führt erst in der letzten Strophe ein Ich ein.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Am Anfang steht „als hätt’“, am Ende „Als flöge“. Beides ist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Konjunktiv<span class=\"wort-erkl\">Möglichkeitsform: so wäre es, aber so ist es nicht wirklich</span></span>.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Der Kuss von Himmel und Erde und der Heimflug der Seele geschehen nur „als ob“.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> romantische Sehnsucht nach einer Heimat jenseits der sichtbaren Welt.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Eichendorffs „Mondnacht“ beschreibt keine Wirklichkeit, sondern einen Wunsch. Das zeigt schon der Anfang: „Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt“ (V. 1 f.). Durch den Konjunktiv wird die Vereinigung von Himmel und Erde zu einem Vergleich, sie geschieht nur in der Vorstellung. Die mittlere Strophe bleibt dagegen ganz im Indikativ und bei dem, was man wahrnimmt: Luft, Ähren, Wälder, Sterne. Erst in der dritten Strophe tritt das Ich hervor, und seine „Seele“ (V. 9) bekommt Flügel. Doch auch dieser Flug endet im Konjunktiv: „Als flöge sie nach Haus“ (V. 12). Das Gedicht ist also von zwei „als ob“ gerahmt. Darin zeigt sich die romantische Grundhaltung: Die Natur wird zum Ort, an dem eine unendliche Heimat aufscheint, aber sie wird nicht erreicht. Man kann das auch anders lesen, als sanfte Gewissheit eines Glaubens. Für beide Lesarten spricht der Text, entscheidend ist, dass die Heimkehr Bild bleibt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er beobachtet genau (Konjunktiv am Anfang und Ende, Indikativ in der Mitte), zitiert kurz mit Versangabe, sagt, was die Form bewirkt, nennt eine zweite Lesart und kommt erst am Ende zur Epoche. So beschreiben die Bewertungshinweise des IQB eine gute Interpretation: textnah, funktional, mit Blick auf alternative Lesarten und einer differenzierten Epocheneinordnung. Das Verstehen zählt etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Eichendorff, „Sehnsucht“ (erste Strophe, Erstdruck 1834): „Es schienen so golden die Sterne, / Am Fenster ich einsam stand / Und hörte aus weiter Ferne / Ein Posthorn im stillen Land. / Das Herz mir im Leib entbrennte, / Da hab’ ich mir heimlich gedacht: / Ach, wer da mitreisen könnte / In der prächtigen Sommernacht!“ Schreib einen Absatz: Wo steht das Ich, wohin will es, und was sagt der Ausruf am Ende über seine Lage?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Das Ich steht „am Fenster“ und „einsam“: Es ist drinnen, die Welt draußen. Das Posthorn kommt „aus weiter Ferne“, die Sehnsucht wird also durch ein Geräusch geweckt, nicht durch eine Reise. Der Wunsch „Ach, wer da mitreisen könnte“ steht im Konjunktiv und als Ausruf: Das Ich reist nicht, es wünscht sich nur, es könnte.</p>\n<p>Gute Absätze verbinden das mit dem Fenster als Grenze zwischen enger Wirklichkeit und weiter Welt und schließen auf die romantische Sehnsucht, die nicht erfüllt wird. Wer weiterliest, sieht: In den nächsten Strophen singen zwei junge Gesellen im Wandern von der Ferne, das Ich bleibt Zuhörer.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Gedichte mit Versangabe: „Als flöge sie nach Haus“ (V. 12). Bei zwei Gedichten nennst du einmal den Titel, danach Kurztitel und Vers. Ältere Schreibung (geküßt, Aehren) übernimmst du so, wie sie in deinem Prüfungstext steht.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Epochenwissen abladen.</strong> Merkmale der Romantik ohne Stelle im Text bringen kaum Punkte.</li>\n<li><strong>„Romantik heißt Gefühl und Natur“ als Ergebnis.</strong> Sag, welches Gefühl, an welcher Stelle, mit welcher Wirkung.</li>\n<li><strong>Das lyrische Ich mit dem Dichter gleichsetzen.</strong> Schreib „das lyrische Ich“, nicht „Eichendorff sehnt sich“.</li>\n<li><strong>Klassik und Romantik als feindliche Lager darstellen.</strong> Sie entstehen zur selben Zeit und haben gemeinsame Wurzeln. Zeig den Unterschied am Text.</li>\n<li><strong>Im neueren Text ein Motiv erfinden.</strong> Nimm nur auf, was wirklich da ist, und zeig, wo es gebrochen wird.</li>\n<li><strong>Das Wunderbare entscheiden, wo der Text es offenlässt.</strong> Oft ist genau die Offenheit deine Beobachtung.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
    },
    {
      "id": "hh-de-abitur-kleist-krug",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Kleist: Der zerbrochne Krug",
      "short": "Pflicht. 12. Auftritt gekürzt und Variant; Figurensprache.",
      "cardType": "theme",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Heinrich von Kleist: <em>Der zerbrochne Krug</em> (1811)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In „Der zerbrochne Krug“ verhandelt Dorfrichter Adam an einem einzigen Vormittag einen Fall, den er selbst verursacht hat: Er war nachts bei Eve und hat auf der Flucht den Krug ihrer Mutter zerbrochen. Gerichtsrat Walter schaut ihm dabei zu, und Adam verstrickt sich in immer neue Lügen, bis Frau Brigitte seine Perücke bringt und Eve ihn als Täter nennt. Im 12. Auftritt erklärt Eve, warum sie geschwiegen hat: Adam hat ihr eingeredet, Ruprecht müsse als Soldat nach Ostindien, und ihr ein falsches Attest angeboten. In der langen Fassung, dem Variant, traut Eve danach keiner Obrigkeit mehr, bis Walter ihr sein Wort mit Geld beweist. Für die Prüfung brauchst du beides: die Komik um Adam und den Vertrauensverlust bei Eve.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hamburg ist „Der zerbrochne Krug“ verbindlicher Referenztext, und der Titel schreibt sich „zerbrochne“. Achte beim Lesen auf den Richter, der die Wahrheit verdunkelt, und auf Eve, deren Vertrauen in Recht und Menschen bricht; die Behörde nennt außerdem die Figurensprache als Prüfungsaspekt.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben der Behörde für Schule und Berufsbildung:</strong> Heinrich von Kleist, <em>Der zerbrochne Krug</em> (1811). Der 12. Auftritt in der gekürzten und der Variant-Fassung. Sprachreflexion: Figurensprache unter Berücksichtigung von Symbolik und sprachlich-rhetorischen Mitteln. In der Prüfung eine Ausgabe ohne Materialanhang vorlegen; Worterläuterungen sind zulässig. gA und eA dasselbe Werk.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:kleist-krug -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Heinrich von Kleist hat ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Lustspiel<span class=\"wort-erkl\">älteres Wort für Komödie</span></span> geschrieben, das in einem einzigen Raum spielt: in der Gerichtsstube von Huisum, einem Dorf bei Utrecht in den Niederlanden. Es gibt keine Akte, nur 13 Auftritte hintereinander. Ein neuer Auftritt beginnt, wenn eine Figur kommt oder geht.</p>\n<p>Das Stück ist in <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Blankversen<span class=\"wort-erkl\">Verse ohne Reim mit fünf betonten Silben</span></span> geschrieben. Deshalb zitierst du mit Auftritt und Vers.</p>\n<p>Die Tat ist schon passiert, bevor das Stück beginnt. Gezeigt wird, wie sie ans Licht kommt. So ein Stück heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">analytisches Drama<span class=\"wort-erkl\">die Tat liegt vor dem Anfang, gespielt wird ihre Aufklärung</span></span>. Das Besondere: Der Mann, der aufklären soll, ist selbst der Täter. Das Publikum ahnt das früh, die meisten Figuren nicht. Daraus entsteht <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">dramatische Ironie<span class=\"wort-erkl\">das Publikum weiß mehr als die Figuren und hört, wie sie sich verraten</span></span>.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in 13 Auftritten</h4>\n<ul>\n<li><strong>1. bis 3. Auftritt, vor der Sitzung:</strong> Adam verbindet sich das Bein, sein Gesicht ist zerschunden, seine Perücke fehlt. Er erfindet Ausreden: ein Sturz am Ofen, eine Katze, die in die Perücke gejungt habe. Schreiber Licht meldet, dass Gerichtsrat Walter aus Utrecht die Dorfgerichte prüft und im Nachbarort Holla Richter und Schreiber suspendiert hat. Adam erzählt Licht einen Traum: Ein Kläger schleppt ihn vor Gericht, und er selbst sitzt dort als Richter.</li>\n<li><strong>4. und 5. Auftritt, Walter kommt:</strong> Walter will die Rechtspflege auf dem Land verbessern, heute aber nur „sehn“, nicht „strafen“. Eine geliehene Perücke gibt es nicht, also hält Adam kahlköpfig Gericht.</li>\n<li><strong>6. Auftritt, die Parteien:</strong> Frau Marthe Rull klagt gegen Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve. Ruprecht beschimpft Eve als „Metze“ (Hure) und will sie nicht mehr heiraten.</li>\n<li><strong>7. Auftritt, die Verhandlung:</strong> Adam droht Eve heimlich mit einem Attest, Walter verbietet ihm das Flüstern. Marthe beschreibt lang den Krug und seine Geschichte. Ruprecht erzählt die Nacht: Er sah Eve mit einem Mann im Garten, trat ihre Tür ein, der Krug fiel, und einer sprang aus dem Fenster. Ruprecht schlug ihm mit der Türklinke auf den Kopf und bekam Sand in die Augen. Er hält den Flickschuster Lebrecht für den Täter.</li>\n<li><strong>8. bis 10. Auftritt, Adam lenkt ab:</strong> Adam will, dass Eve Lebrecht oder Ruprecht nennt. Eve sagt nur, Ruprecht war es nicht, und schweigt über den Rest. Lebrecht war gestern in Utrecht. Frau Brigitte wird geholt. Beim Wein fragt Walter nach Adams Wunden, und Adam erklärt den Verlust der Perücke jetzt anders: Sie sei an der Kerze verbrannt.</li>\n<li><strong>11. Auftritt, die Entlarvung:</strong> Frau Brigitte bringt eine Perücke, die im Weinspalier unter Eves Fenster hing. Sie erzählt von einem Kahlkopf mit Pferdefuß und von einer Spur im Schnee bis zu Adams Haus. Adam spricht Ruprecht trotzdem schuldig. Da ruft Eve: „Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen!“ Ruprecht prügelt los, Adam flieht.</li>\n<li><strong>12. Auftritt, Eve erklärt:</strong> Eve bittet Walter, Ruprecht vor der Aushebung zu retten. Adam hatte ihr erzählt, die Truppen kämen nach Ostindien, und ihr nachts ein falsches Krankheitsattest angeboten. Walter erklärt den Brief für falsch, Adam wird suspendiert, Licht übernimmt das Amt.</li>\n<li><strong>Letzter Auftritt:</strong> Marthe fragt, wo in Utrecht die Regierung sitzt: „Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn?“ Der Fall ist geklärt, der Krug bleibt kaputt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Adam</strong>, Dorfrichter: Richter und Täter zugleich. Er hat die Macht über das Verfahren und nutzt sie, um sich zu schützen.</li>\n<li><strong>Walter</strong>, Gerichtsrat aus Utrecht: die höhere <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Instanz<span class=\"wort-erkl\">die nächsthöhere Stelle, die ein Urteil prüfen kann</span></span>. Er will Ordnung, schont aber auch den Ruf des Gerichts.</li>\n<li><strong>Licht</strong>, Schreiber: stichelt von Anfang an und stützt am Ende Brigittes Aussage. Adam weiß, dass Licht gern selbst Dorfrichter wäre.</li>\n<li><strong>Eve</strong>: weiß als Einzige, was passiert ist, und schweigt, um Ruprecht zu schützen.</li>\n<li><strong>Ruprecht</strong>, Sohn des Bauern Veit Tümpel: glaubt nur, was er sieht: „Was ich mit Händen greife, glaub’ ich gern“ (9. Auftritt).</li>\n<li><strong>Frau Marthe</strong>, Eves Mutter: klagt um den Krug und meint die Ehre der Tochter: „Dein guter Name lag in diesem Topfe“ (6. Auftritt).</li>\n<li><strong>Frau Brigitte</strong>, Ruprechts Tante: bringt das Beweisstück.</li>\n</ul>\n\n<h4>Der 12. Auftritt in zwei Fassungen</h4>\n<p>Kleist hat den 12. Auftritt für den Druck stark gekürzt und die ursprüngliche, lange Fassung als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Variant<span class=\"wort-erkl\">Kleists erste, lange Fassung des 12. Auftritts; sie steht im Anhang deiner Ausgabe</span></span> hinten angehängt. Du musst beide kennen.</p>\n<ul>\n<li><strong>Gekürzte Fassung:</strong> Eve erzählt in wenigen Sätzen vom Brief, von der Ostindien-Lüge und vom falschen Attest. Walter sagt, der Brief ist falsch, und Eve glaubt ihm sofort: „O Himmel! Wie belog der Böswicht mich!“ Die Verlobten versöhnen sich.</li>\n<li><strong>Variant:</strong> Eve erzählt alles selbst. Adam versprach ein Attest vom Arzt und wollte den Namen nachts in ihrer Kammer eintragen. Dort hängte er seine Perücke auf den Krug und riss vor dem Sprung aus dem Fenster Perücke und Krug vom Sims. Eve kann nicht lesen; Adam hat ihr den angeblichen Geheimbrief vorgelesen. Gelogen hat sie nach eigenen Worten nur durch Schweigen. Als Walter sagt, die Miliz bleibe im Land, glaubt sie auch ihm nicht. Erst ein Beutel mit zwanzig Gulden überzeugt sie.</li>\n</ul>\n<p><strong>Warum das wichtig ist:</strong> In der kurzen Fassung ist Eve Opfer einer Lüge, die schnell aufgeklärt wird. Im Variant sieht man, was die Lüge zerstört hat: Eve traut keinem Amt mehr, und Walter fragt sie, ob sie so wenig Vertrauen habe.</p>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Der Richter verhandelt gegen sich selbst.</strong> Adam träumt im 3. Auftritt, ein Kläger schleppe ihn „vor den Richtstuhl“, und er säße „gleichwohl auf dem Richtstuhl dort“. Das ist der Bauplan des Stücks. Kleist vergleicht in seiner Vorrede den misstrauischen Schreiber auf seiner Bildvorlage mit Kreon, der Ödipus ansieht: Wie in Sophokles’ „König Ödipus“ sucht einer den Täter und ist es selbst.</li>\n<li><strong>Sündenfall.</strong> Adam und Eve tragen die Namen aus der Bibel. Licht spielt gleich im 1. Auftritt darauf an: Adam stamme „von einem lockern Ältervater, / Der so beim Anbeginn der Dinge fiel“. Adams „Fall“ heißt also Sturz und Schuld zugleich.</li>\n<li><strong>Recht und Macht.</strong> Adam beruft sich auf „Statuten, eigentümliche, in Huisum, / Nicht aufgeschriebene“ (7. Auftritt): Recht ist, was der Richter sagt. Auch Walter schützt vor allem die Einrichtung: „Was euch schützt, / Ist einzig nur die Ehre des Gerichts“ (11. Auftritt). Am Schluss schickt er Licht, Adam zurückzuholen: Stimmen die Kassen, will er ihn nicht zur Flucht zwingen. Deutung: Das Stück zeigt nicht nur einen schlechten Richter, sondern ein Gericht, das sich selbst schont.</li>\n<li><strong>Sprache als Waffe.</strong> Adam spricht doppeldeutig mit Eve: „Ein Richter immer, weißt du, ist ein Richter, / Und einer braucht ihn heut, und einer morgen“ (9. Auftritt). Er wechselt die Ausreden (Ofen, Katze, Kerze). Eve dagegen kann nicht sagen, was sie weiß: „Es ist des Himmels wunderbare Fügung, / Die mir den Mund in dieser Sache schließt“ (9. Auftritt). Wer reden kann, hat Macht; wer schweigt, wird verdächtigt.</li>\n<li><strong>Der Krug als Bild der Geschichte.</strong> Auf dem Krug war die Übergabe der Niederlande an den spanischen König Philipp gemalt, und er wurde zu Beginn des Aufstands gegen Spanien einem Spanier abgenommen (7. Auftritt). Dass ausgerechnet ein Diener des eigenen Staates ihn zerbricht, liest der Germanist Dirk Grathoff als Zeichen einer neuen Zeit, in der der eigene Staat die Bürger bedrängt. Das ist eine Deutung, kein Fakt im Text.</li>\n<li><strong>Komik mit Ernst.</strong> Gelacht wird über den kahlen Richter und über Marthes Wortspiele („entscheiden“, „geschieden“, 6. Auftritt). Darunter liegen Erpressung und Angst, besonders im Variant.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Epoche</h4>\n<ul>\n<li>Den Anstoß gab 1802 in der Schweiz ein französischer Kupferstich, „Le juge, ou la cruche cassée“ (Der Richter oder der zerbrochene Krug). Kleist, Heinrich Zschokke und Ludwig Wieland verabredeten einen Dichterwettstreit dazu; nach Zschokkes Erinnerung gewann Kleists Lustspiel.</li>\n<li>Uraufführung am 2. März 1808 in Weimar, inszeniert von Goethe. Die Aufführung fiel durch.</li>\n<li>Das ganze Stück erschien erst 1811 bei einem Berliner Verlag, mit dem Variant im Anhang.</li>\n<li>Kleist (1777 bis 1811) schreibt zur Zeit von Klassik und Romantik, passt aber zu keiner: Sein Dorf wird nicht idealisiert, und romantische Sehnsucht fehlt. Der Germanist Harro Müller-Michaels spricht von einer „eigenen Spur“ neben Klassik und Romantik. Fragt eine Aufgabe nach der Literatur um 1800, taugt der Krug als Gegenbeispiel zu Klassik und Romantik.</li>\n</ul>\n<!-- bild:krug-titelseite-1811 -->\n<figure class=\"ks-abb ks-bild\">\n<img src=\"/images/blog/krug-titelseite-1811.webp\" width=\"369\" height=\"598\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Titelblatt eines alten Buchs: Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel, von Heinrich von Kleist, Berlin 1811\">\n<figcaption><strong>Titelblatt der Erstausgabe, Berlin 1811. Im Titel steht „zerbrochne“, so schreibst du es auch in der Klausur.</strong><br><span class=\"ks-quelle\">Quelle: Erstausgabe Berlin 1811, „Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel (Titelblatt)“, 1811. Gemeinfrei. <a href=\"https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Titelseite_von_Kleists_Der_zerbrochne_Krug_1811.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikimedia Commons</a></span></figcaption>\n</figure>\n<!-- /bild:krug-titelseite-1811 -->\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hamburg</span>\n<p>Aufgabe II hat den Krug als verbindlichen Referenztext. Den 12. Auftritt erarbeitest du in beiden Fassungen, dazu die Analyse der Figurensprache. Das Stück wird dir in der Prüfung vorgelegt. Eine eigene Lese- oder Auswahlzeit gibt es nicht (gA 255, eA 315 Minuten).</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A-Heft Abitur 2027, S. 5 bis 7</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Analysieren Sie die Figurensprache Adams im 9. Auftritt. Zeigen Sie, wie er mit Doppeldeutigkeiten das Verfahren lenkt.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zum Krug her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Nacherzählen sollst du das Stück in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Variant, 12. Auftritt</span>\n<p>WALTER gibt Eve neu geprägte Gulden, zeigt ihr darauf das Bild des spanischen Königs und fragt, ob sie meine, der König werde sie betrügen.</p>\n<p>EVE sieht auf den Münzen Gottes Antlitz und klagt, dass sie solche Münze nicht mehr erkenne.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Hier steht der Inhalt der Stelle in eigenen Worten; den Wortlaut und die Verszahlen nimmst du aus dem Variant deiner Ausgabe (Schluss, Gespräch zwischen Walter und Eve).</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Schluss des Variants. Adam ist geflohen, Eve hat alles erzählt und glaubt Walter nicht.<em>Der Auszug steht am Ende des Variants, nachdem Eve die Nacht geschildert hat.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Walter beweist sein Wort nicht mit Argumenten, sondern mit Münzen.</li>\n<li><strong>Zitat mit Wirkung:</strong> Eves Ausruf ist eine Selbstanklage: Sie hat verlernt, Echtes von Falschem zu unterscheiden.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Das Vertrauen kommt zurück, aber nicht durch das Recht.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Am Ende des Variants zeigt sich, wie tief Adams Lüge Eves Vertrauen zerstört hat. Walters Wort genügt ihr nicht mehr, deshalb beweist er seine Aufrichtigkeit mit einem Beutel Gulden. Er verweist auf das Bild des spanischen Königs auf den Münzen und fragt, ob der König sie betrügen werde. Eve sieht darauf Gottes Antlitz und klagt sich selbst an, dass sie solche Münze nicht mehr erkenne. Der Ausruf zeigt, dass sie die Unterscheidung von echt und falsch verloren hat, die ein Gericht eigentlich sichern soll. Brisant ist, dass ausgerechnet der spanische König bürgt, gegen den Eve zu Beginn des Variants die Freiheit der Niederländer verteidigt hat. Das Vertrauen kehrt also zurück, aber durch Geld und ein fremdes Herrscherbild, nicht durch das Recht. Der Schluss bleibt so brüchig wie der Krug.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ist textnah, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, sagt zu jeder Beobachtung, was sie bewirkt, und lässt eine Spannung stehen. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>11. Auftritt. Walter zu Adam: „Nichtswürd’ger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvoll / Vom Tribunal zu jagen! Was euch schützt, / Ist einzig nur die Ehre des Gerichts.“ Schreib einen Absatz: Was will Walter hier schützen, und wie passt das zum Schluss des Stücks?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Walter verurteilt Adam scharf („Nichtswürd’ger!“), jagt ihn aber nicht vor allen Leuten vom Richterstuhl. Er schützt also nicht Adam, sondern das Ansehen des Gerichts.</p>\n<p>Das passt zum Schluss: Walter suspendiert Adam, schickt aber Licht, ihn zurückzuholen, und will ihn nicht zur Flucht zwingen, wenn die Kassen stimmen. Die Ordnung wird gerettet, ohne dass das Gericht öffentlich beschädigt wird. Gute Absätze nennen diese Spannung zwischen Gerechtigkeit und Schutz der Einrichtung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Zitate aus dem Haupttext folgen dem Erstdruck von 1811 in heutiger Schreibung. Den Variant zitierst du nach deiner Ausgabe (Reclam druckt ihn mit Verszahlen im Anhang). Im übrigen Stück nennst du den Auftritt und den Vers deiner Ausgabe, zum Beispiel: „Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße“ (1. Auftritt, V. 3).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Nacherzählen statt deuten.</strong> Den Auszug kurz einordnen, dann am Text arbeiten.</li>\n<li><strong>Nur über Adam lachen.</strong> Im Variant ist Eve die Hauptfigur, und ihre Not gehört in die Deutung.</li>\n<li><strong>Die Fassungen vermischen.</strong> Perücke auf dem Krug, Eve kann nicht lesen, zwanzig Gulden: Das steht nur im Variant.</li>\n<li><strong>Walter zum reinen Helden machen.</strong> Er klärt auf, schützt aber auch das Ansehen des Gerichts.</li>\n<li><strong>Eine Deutung als Tatsache hinstellen.</strong> Schreib „lässt sich deuten als“, wenn du zum Beispiel den Krug als Geschichtsbild liest.</li>\n<li><strong>Den Titel falsch schreiben.</strong> Er heißt „Der zerbrochne Krug“, ohne e.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Erzählte Identität: Herkunft, Heimat, Fremdheit, Zugehörigkeit</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung vergleichst du Roman und Film; Punkte gibt es dafür, dass du an der Form zeigst, wie Herkunft, Sprache und Schweigen eine Identität formen, nicht fürs Nacherzählen. Zwei Werke gehören zusammen: Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ (2022) und Lars Jessens Spielfilm „Mittagsstunde“ (2022). Im Roman stirbt der frühere Gastarbeiter Hüseyin 1999 in seiner neuen Eigentumswohnung in Istanbul, und seine Frau Emine und die vier Kinder reisen zur Beerdigung an; jedes Familienmitglied bekommt ein eigenes Kapitel und trägt ein eigenes Geheimnis. Im Film kehrt der Kieler Uni-Dozent Ingwer Feddersen in sein nordfriesisches Dorf Brinkebüll zurück, um die Alten zu pflegen, die ihn großgezogen haben, und stößt dabei auf das, was in seiner Familie verschwiegen wurde. Im Vergleich zeigst du das an der Form: Erzählstimme und Kapitel im Roman, Bild, Ton und Untertitel im Film.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>Zwei Pflichtwerke: Aydemirs Roman „Dschinns“ und Jessens Spielfilm „Mittagsstunde“. Den Roman bekommst du in der Prüfung vorgelegt, den Film nicht.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben der Behörde für Schule und Berufsbildung:</strong> Literarische Konstruktionen von Herkunft, Heimat, Fremdheit und Zugehörigkeit. Verbindlich: Lars Jessen, <em>Mittagsstunde</em> (Spielfilm, DE 2022, niederdeutsche Tonfassung mit hochdeutschen Untertiteln); Fatma Aydemir, <em>Dschinns</em> (2022). In der Prüfung liegt dir der Roman vor, in einer Ausgabe ohne Materialanhang; Ausgaben mit Worterläuterungen sind erlaubt. Gilt auf grundlegendem und erhöhtem Niveau.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:aydemir-dschinns -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Dschinns“ ist ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Familienroman<span class=\"wort-erkl\">Roman, der eine Familie über mehrere Generationen erzählt</span></span> in sechs Kapiteln. Jedes trägt den Namen einer Figur: Hüseyin, Ümit, Sevda, Peri, Hakan, Emine. Die äußere Handlung dauert nur wenige Tage im Sommer 1999, die Erinnerungen reichen Jahrzehnte zurück, bis in die Zeit vor Hüseyins Ausreise 1971. Die Familie ist kurdisch. Die Eltern haben aufgehört, Kurdisch zu sprechen, und es den Kindern nie beigebracht.</p>\n<p>Die Kapitel der Eltern sind in der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Du-Form<span class=\"wort-erkl\">eine Erzählstimme spricht die Figur mit „du“ an und erzählt ihr ihr eigenes Leben</span></span> erzählt. Am Ende des ersten Kapitels gibt sich die Stimme zu erkennen: „dieser Schatten, das bin nur ich“ (Kapitel „Hüseyin“). Deshalb liest man sie als einen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Dschinn<span class=\"wort-erkl\">Geistwesen aus dem arabischen und islamischen Volksglauben; im Roman auch ein Bild für das, was niemand ausspricht</span></span>. Die Kapitel der Kinder sind in der Er- und Sie-Form erzählt, ganz nah an der Figur, oft in <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">erlebter Rede<span class=\"wort-erkl\">Gedanken einer Figur in der Er- oder Sie-Form, ohne „sie dachte“ davor</span></span>.</p>\n<p>„Mittagsstunde“ ist die Verfilmung des Romans von Dörte Hansen (2018), Drehbuch Catharina Junk. Gedreht wurde auf Hochdeutsch und auf Plattdeutsch. Im Abitur zählt die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">niederdeutsche Tonfassung<span class=\"wort-erkl\">die Fassung, in der die Figuren Plattdeutsch sprechen; Niederdeutsch ist ein anderes Wort für Plattdeutsch</span></span> mit hochdeutschen Untertiteln. Der Film springt zwischen der Gegenwart und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Rückblenden<span class=\"wort-erkl\">Szenen, die in eine frühere Zeit zurückspringen</span></span> in die Jahre ab 1965 und um 1976.</p>\n</div>\n\n<h4>Dschinns: die sechs Kapitel</h4>\n<ol>\n<li><strong>Hüseyin:</strong> Er ist im Frühjahr 1971 als Arbeiter nach Deutschland gekommen und hat fast dreißig Jahre gearbeitet, lange am Schmelzofen einer Metallfabrik. Mit 59 steht er in seiner Wohnung in Istanbul, die er sich zusammengespart hat. Eine Woche bevor die Familie nachkommen soll, stirbt er an einem Herzinfarkt. Die Stimme verspricht ihm, über seine Familie zu wachen.</li>\n<li><strong>Ümit:</strong> Der Jüngste, fünfzehn, fliegt mit Mutter und Schwester nach Istanbul. Dort hört er seine Mutter eine Sprache sprechen, die er nicht kennt, und vermutet, dass es Kurdisch ist. Zu Hause ist er in seinen Mitspieler Jonas verliebt; sein Trainer hat ihn deshalb zu einem Psychologen geschickt, der ihm die Liebe ausreden soll.</li>\n<li><strong>Sevda:</strong> Die Älteste wurde als Kind bei den Großeltern im Dorf zurückgelassen und durfte nicht zur Schule gehen. In Deutschland wird sie jung verheiratet. Nachdem ihr Wohnhaus gebrannt hat, will sie ihren Mann verlassen, doch die Eltern schicken sie zurück. Später trennt sie sich doch und führt ein eigenes Restaurant. Mit den Eltern hat sie seit Jahren nicht gesprochen.</li>\n<li><strong>Peri:</strong> Sie studiert in Frankfurt. In einer Kneipe lernt sie Ciwan kennen. Eines Abends bricht Ciwan die Freundschaft ab und verschwindet. In Peris Kapitel kommen auch die Dschinns zur Sprache.</li>\n<li><strong>Hakan:</strong> Der älteste Sohn kommt allein nach. Eine Polizeikontrolle hält ihn auf, er verpasst die Beerdigung. Danach fährt er mit den Geschwistern ans Meer nach Antalya.</li>\n<li><strong>Emine:</strong> Sie bleibt mit Sevda in der Wohnung, zum ersten Mal seit Jahren sprechen die beiden miteinander. Emine erzählt, dass sie vor Sevda ein erstes Kind hatte, das sie gegen ihren Willen an Verwandte abgeben musste, die keine Kinder bekommen konnten. Dieses Kind war Ciwan, ein trans Mann, der vor einigen Monaten bei einem Autounfall gestorben ist. Mutter und Tochter streiten heftig. Dann bebt die Erde.</li>\n</ol>\n\n<h4>Mittagsstunde: die Handlung</h4>\n<ul>\n<li><strong>Gegenwart:</strong> Ingwer, 47, lebt in Kiel in einer Wohngemeinschaft mit Ragnhild und Claudius. Er nimmt sich eine Auszeit, weil er sich um Sönke und Ella kümmern will, die er „Vadder“ und „Mudder“ nennt. Ella ist dement und läuft immer wieder weg. Sönke steht noch hinter dem Tresen seines Dorfkrugs, in den kaum jemand kommt. Er hofft, mit Ella noch die Gnadenhochzeit zu erleben. Dass Ingwer zum Studieren nach Kiel ging, statt den Krug zu übernehmen, nimmt Sönke ihm bis heute übel. Auf der Dorfstraße donnern Lastwagen.</li>\n<li><strong>Rückblenden:</strong> Im Sommer 1965 kommen Landvermesser nach Brinkebüll. Ellas Tochter Marret, die geistig beeinträchtigt ist, liebt Natur und Schlager, singt im Krug und verkündet bei jeder Gelegenheit, die Welt gehe unter. Einer der Landvermesser ist Ingwers Vater. Ingwer wächst bei Sönke und Ella auf und hält Marret lange für seine Schwester; sie ist seine Mutter. Um 1976 verschwindet sie. Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Flurbereinigung<span class=\"wort-erkl\">Felder werden neu verteilt und zusammengelegt, damit größere Maschinen arbeiten können; Hecken und kleine Wege verschwinden</span></span> verändert das Dorf.</li>\n<li><strong>Das letzte Geheimnis:</strong> Ella erzählt Ingwer, dass Marret nicht Sönkes Tochter ist, sondern die des Dorflehrers Steensen. Sönke hat also Marret und dann Ingwer als eigene Kinder angenommen, ohne darüber zu reden.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Familie Yılmaz:</strong> Hüseyin und Emine; die Kinder Sevda, Hakan, Peri (Perihan) und Ümit; Ciwan, Emines erstes Kind, das bei Hüseyins älterem Bruder und dessen Frau aufwuchs.</li>\n<li><strong>Familie Feddersen:</strong> Sönke und Ella, die Ingwer großziehen; Marret, Ellas Tochter und Ingwers Mutter; Lehrer Steensen, Marrets Vater; Ingwers Schulfreund Heiko, der heute eine Line-Dance-Gruppe hat.</li>\n</ul>\n<p>Deutung: In beiden Familien gibt es ein Kind, das weggegeben oder verschwiegen wurde, und Eltern, die nicht darüber sprechen. Daran kannst du den Vergleich aufhängen.</p>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Die abgelegte Sprache.</strong> Hüseyin mochte den Sänger Ibo, „weil auch er die Sprache seiner Eltern abgelegt hatte wie einen unnützen Sack voll Kieselsteine“ (Kapitel „Hüseyin“). Deutung: Die Herkunft wird nicht verloren, sondern weggeworfen, und das Bild zeigt, wie schwer sie trotzdem ist.</li>\n<li><strong>Herkunft, die man erst erfragen muss.</strong> Ümit denkt: „Mit fünfzehn muss man doch wissen, was man ist“, und traut sich nicht zu fragen: „Anne, sind wir Kurden?“ (Kapitel „Ümit“). Das Schweigen der Eltern hat den Kindern einen Teil ihrer Identität vorenthalten.</li>\n<li><strong>Ein Zuhause, das zum Grab wird.</strong> Hüseyin denkt, er habe „endlich einen Ort gefunden“, den er sein „Zuhause nennen“ kann. Ümit sagt über dieselbe Wohnung: „In ihr wohnt der Tod“ (Kapitel „Ümit“). Am Ende bebt in ihr die Erde.</li>\n<li><strong>Die Dschinns als das Ungesagte.</strong> Peri fragt: „Was ist die Mehrzahl von Dschinn? Dschinns?“ Für sie hat die Angst vor ihnen mit dem Vagen zu tun, das sich „mit ihren eigenen Fantasien ausfüllen lässt“ (Kapitel „Peri“, zitiert nach dem Deutschlandfunk). Deutung: Jede Figur trägt ihren eigenen Dschinn, ein Geheimnis, das sie nicht ausspricht.</li>\n<li><strong>Die Stimme im Kopf.</strong> Im letzten Kapitel sagt die Erzählstimme: „Ich bin einfach nur die Stimme in deinem Kopf, Emine“ (zitiert nach dem Spiegel). Erst diese Stimme gibt Emine eine Sprache für das, was sie ein Leben lang verschwiegen hat. Sevda hält ihr dagegen vor, Frauen wie sie hielten andere Frauen klein: „ja es ist 1999, verdammt nochmal“ (zitiert nach dem Deutschlandfunk).</li>\n<li><strong>Heimat ohne Idylle im Film.</strong> Ingwers letzter Satz zu Ella lautet nach der Kritik von tittelbach.tv: „Och, Mudder, das ist aber auch ein Kuddelmuddel mit uns.“ Er nennt sie „Mudder“, obwohl sie seine Großmutter ist. Deutung: Zugehörigkeit hängt hier nicht an der Abstammung, sondern daran, wer einen aufgezogen hat.</li>\n</ul>\n\n<h4>Was du vergleichen kannst</h4>\n<ul>\n<li><strong>Wer erzählt?</strong> Roman: sechs Kapitel, sechs Sichten, keine kennt die ganze Wahrheit; die Eltern werden angesprochen statt selbst zu erzählen. Film: fast alles aus Ingwers Blick; die Vergangenheit kommt in Rückblenden dazu.</li>\n<li><strong>Sprache:</strong> Roman: Kurdisch ist verschwiegen, die Familie spricht Türkisch und Deutsch. Film: Platt ist die Sprache des Dorfes; die Untertitel übersetzen für alle, die es nicht mehr verstehen.</li>\n<li><strong>Ort:</strong> Roman: eine neue Wohnung in Istanbul, die Heimat sein soll und zum Ort des Todes wird. Film: ein Dorf, das durch Flurbereinigung und Wegzug schrumpft.</li>\n<li><strong>Schweigen:</strong> In beiden Familien kommt die Wahrheit über ein Kind erst spät und nebenbei ans Licht.</li>\n<li><strong>Form:</strong> Roman: Erzählstimme, Kapitelfolge, Zeitsprünge. Film: Montage, Musik (Schlager), Ton, Untertitel, Bild.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>„Dschinns“ erschien im Februar 2022 bei Hanser und stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Aydemir hat erzählt, dass ihre eigene Familie in den frühen Siebzigerjahren über das Anwerbeabkommen mit der Türkei nach Deutschland kam.</li>\n<li>Hintergrund in Stichworten: <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Gastarbeiter<span class=\"wort-erkl\">Arbeiterinnen und Arbeiter, die die Bundesrepublik ab den 1950er-Jahren in anderen Ländern anwarb, auch in der Türkei</span></span>, die Verfolgung der kurdischen Sprache in der Türkei, die Brandanschläge auf Häuser von Migranten in den 1990er-Jahren, das schwere Erdbeben in der Türkei 1999, das auch Istanbul traf.</li>\n<li>„Mittagsstunde“ kam im September 2022 ins Kino. Dörte Hansen stammt aus Nordfriesland und war bei den Dreharbeiten dabei, auch damit das Platt stimmt.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hamburg</span>\n<p>Aufgabe III heißt „Erzählte Identität: Literarische Konstruktionen von Herkunft, Heimat, Fremdheit und Zugehörigkeit“. Verbindlich sind zwei Werke: Lars Jessens Spielfilm „Mittagsstunde“ in der niederdeutschen Tonfassung mit hochdeutschen Untertiteln und Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“. Die Themen sind auf grundlegendem und erhöhtem Niveau gleich; die Aufgaben unterscheiden sich in Anspruch und Komplexität.</p>\n<p>Du bekommst alle vier Aufgaben und wählst eine. Möglich sind Interpretation, Analyse pragmatischer Texte, Erörterung, materialgestütztes Schreiben, Mischformen und eine kreative Teilaufgabe im Anschluss. Neben Texten können auch Filmstills oder audiovisuelle Texte Grundlage sein.</p>\n<p>Den Roman bekommst du in der Prüfung vorgelegt, in einer Ausgabe ohne Materialanhang; Ausgaben mit Worterläuterungen sind erlaubt. Schülerkommentare oder Notizen dürfen nicht darin stehen. Vorgelegt werden nur „Dschinns“ und der „Krug“, der Film nicht. Dazu ein Rechtschreibwörterbuch. Zeit: 255 Minuten auf grundlegendem, 315 Minuten auf erhöhtem Niveau; eine eigene Lese- oder Auswahlzeit gibt es nicht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A-Heft Abitur 2027, Behörde für Schule und Berufsbildung, S. 5 bis 7</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie den Auszug aus dem Kapitel „Ümit“ unter besonderer Berücksichtigung der Erzählweise. 2. Vergleichen Sie, wie in „Dschinns“ und in „Mittagsstunde“ Sprache zum Zeichen von Herkunft wird. Beziehen Sie sich auf eine Szene des Films.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt so ein Paar meist so vor: Du interpretierst einen Auszug aus dem Roman oder untersuchst eine Filmszene und vergleichst dann unter einem bestimmten Gesichtspunkt mit dem anderen Werk. Zwei Inhaltsangaben nebeneinander sind kein Vergleich.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Kapitel „Hüseyin“</span>\n<p>„Du fühltest Ibo, weil er in seinen Liedern von all den Menschen sang, denen keiner Gehör schenkte, den armen und dunklen und hart arbeitenden Menschen vom Land, denen wie du, Hüseyin. Und du fühltest Ibo, weil auch er die Sprache seiner Eltern abgelegt hatte wie einen unnützen Sack voll Kieselsteine.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> erstes Kapitel, Hüseyin steht in seiner neuen Wohnung und erinnert sich an seine ersten Jahre in Deutschland.<em>Die Stelle steht kurz nach dem Anfang, vor seinem Tod.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Die Stimme spricht ihn mit „du“ an und wiederholt „du fühltest Ibo“. Am Ende steht ein Vergleich.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Der Sack voll Kieselsteine ist schwer und nutzlos zugleich. Die Herkunftssprache wird weggeworfen, nicht vergessen.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> das verschwiegene Kurdisch, das Ümit erst in Istanbul hört.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Im ersten Kapitel erinnert die Erzählstimme Hüseyin an die Lieder des Sängers Ibo, die er in seinen ersten Jahren in Deutschland hörte. Die Wiederholung „du fühltest Ibo“ nennt zwei Gründe für diese Nähe: Ibo singt von den Armen, „denen keiner Gehör schenkte“, und er hat „die Sprache seiner Eltern abgelegt“. Der Vergleich mit einem „unnützen Sack voll Kieselsteine“ ist doppeldeutig. Er klingt nach Erleichterung, als werfe man eine Last ab, aber Kieselsteine sind schwer, und der Vergleich zeigt, wie sehr die Sprache gedrückt hat. Dass Hüseyin sich gerade darin wiedererkennt, verrät, was er selbst getan hat, ohne dass er es ausspricht. Die Du-Form verstärkt das: Nicht Hüseyin erzählt, eine fremde Stimme hält ihm sein Leben vor. Damit legt die Stelle eine Spur durch den ganzen Roman. Die Eltern haben ihre Sprache abgelegt, und ihre Kinder erfahren erst nach dem Tod des Vaters, woher sie kommen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ordnet ein, zitiert kurze Wendungen und baut sie in eigene Sätze ein, erklärt zwei Mittel (Wiederholung, Vergleich) mit ihrer Wirkung, nennt die Doppeldeutigkeit und verbindet die Stelle mit der Erzählform und dem Thema Herkunft. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation: textnah, funktional, mit Blick auf mögliche andere Lesarten. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent. Kurze Zitate aus einem geschützten Roman sind für die Analyse erlaubt, lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag das Kapitel „Ümit“ auf, die Stelle, an der Ümit seine Mutter mit den Trauergästen in einer fremden Sprache sprechen hört und sich fragt: „Anne, sind wir Kurden?“ Schreib einen Absatz: Was zeigt die Stelle über Herkunft und Schweigen in dieser Familie? Vergleiche dann mit einer Szene aus „Mittagsstunde“, in der Platt und Untertitel eine Rolle spielen.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Ümit hielt seine Mutter für jemanden, der nur Türkisch und ein paar Worte Deutsch kann. Jetzt spricht sie eine Sprache, die er nicht versteht. Er vermutet Kurdisch, weil in den Nachrichten gerade nach der Festnahme Öcalans ständig von Kurden die Rede ist. Fragen will er nicht, weil man so etwas mit fünfzehn doch wissen müsse. Die Herkunft ist in dieser Familie kein Wissen, sondern ein Tabu, und das Schweigen setzt sich in den Kindern fort.</p>\n<p>Für den Vergleich: Im Film ist Platt die Sprache des Dorfes. Achte darauf, wer in deiner Szene Platt spricht, wer Hochdeutsch und mit wem, und was die Untertitel mit dir als Zuschauer machen: Du liest mit, wie jemand, der die Sprache nicht mehr kann. Ein guter Vergleich nennt zu jedem Werk eine Stelle und sagt, worin sie sich gleichen und worin nicht: Im Roman wird die Sprache verschwiegen, im Film wird sie gesprochen, aber nicht mehr von allen verstanden.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Beim Roman nennst du Kapitel und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Kapitel ‚Hüseyin‘, S. …)“. Unsere Zitate aus „Hüseyin“ und „Ümit“ stehen in der Leseprobe des Verlags, die übrigen zitieren wir nach Rezensionen; prüf sie in der Ausgabe, die dir vorgelegt wird. Beim Film nennst du die Szene, die Zeitebene und, wenn du sie weißt, die ungefähre Minute deiner Fassung, und du beschreibst Bild und Ton. Zitate aus dem Film belegst du nach den Untertiteln der Prüfungsfassung; Kritiken zitieren oft die hochdeutsche Fassung.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Zwei Inhaltsangaben als Vergleich.</strong> Wähle einen Gesichtspunkt und bring zu jedem Werk eine Stelle.</li>\n<li><strong>Beim Film nur den Dialog nacherzählen.</strong> Einstellung, Ton, Musik und Untertitel sind Belege.</li>\n<li><strong>Die Du-Form übergehen.</strong> Dass die Eltern angesprochen werden, statt selbst zu erzählen, ist ein Deutungsansatz.</li>\n<li><strong>Die Familie nur „türkisch“ nennen.</strong> Die verschwiegene kurdische Herkunft gehört zum Thema Identität.</li>\n<li><strong>Sönke und Ella für Ingwers Eltern halten.</strong> Ingwer nennt sie so, aber sie sind seine Großeltern, und Sönke ist nicht einmal sein leiblicher Großvater.</li>\n<li><strong>Den Roman von Dörte Hansen statt des Films belegen.</strong> Verbindlich ist der Film. Belege, was du siehst und hörst.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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Es geht um Verständigung und Strategie in der Kommunikation, um sprachliche Merkmale und um schriftlichen und mündlichen Sprachgebrauch in unterschiedlichen Medien.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben der Behörde für Schule und Berufsbildung:</strong> politisch-gesellschaftliche Kommunikation zwischen Verständigung und Strategie; sprachliche Merkmale; schriftlicher und mündlicher Sprachgebrauch in unterschiedlichen Medien. gA und eA. Keine extra benannte Ganzschrift in diesem Schwerpunkt.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:feld:politische-sprache -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Das Themenfeld heißt amtlich „Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen“. Gemeint ist: Wie Menschen in Politik und Öffentlichkeit mit Sprache handeln. Wer redet, will etwas erreichen: überzeugen, beruhigen, mobilisieren, den Gegner schwächen.</p>\n<p>Drei Punkte stehen in den Vorgaben, und die kannst du dir als drei Fragen an jeden Text merken:</p>\n<ul>\n<li><strong>Verständigung oder Strategie?</strong> Will der Text eine Frage gemeinsam klären, oder will er vor allem Zustimmung und Sieg?</li>\n<li><strong>Mit welchen sprachlichen Mitteln?</strong> Welche Wörter, Bilder und Satzbaumuster lenken, wie du die Sache siehst?</li>\n<li><strong>In welchem Medium?</strong> Gesprochen oder geschrieben, im Parlament, in der Zeitung, im Netz: Was macht das mit dem Text?</li>\n</ul>\n<p>Die Texte heißen in der Prüfung <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">pragmatische Texte<span class=\"wort-erkl\">Sachtexte, die in der Wirklichkeit etwas bewirken sollen: Reden, Kommentare, Essays, Interviews, Posts</span></span>. Zitiert wird mit Zeilenangabe, zum Beispiel „ein wenig Geduld“ (Z. 3).</p>\n</div>\n\n<h4>Verständigung und Strategie</h4>\n<p>Die Unterscheidung geht auf den Philosophen Jürgen Habermas zurück („Theorie des kommunikativen Handelns“, 1981). Er trennt Handeln, das auf <strong>Verständigung</strong> zielt, von Handeln, das auf <strong>Erfolg</strong> zielt. Wer sich verständigen will, legt Gründe offen und lässt sich vom besseren Argument überzeugen. Wer strategisch handelt, behandelt die anderen als Mittel: Er will, dass sie etwas tun oder glauben, egal wie.</p>\n<ul>\n<li><strong>Zeichen für Verständigung:</strong> Gründe statt Behauptungen, Gegenargumente werden genannt und ernst genommen, Begriffe werden erklärt, Fragen bleiben offen, wo die Sache offen ist.</li>\n<li><strong>Zeichen für Strategie:</strong> Ziele, gegen die niemand sein kann, an der Stelle von Gründen; Gegner werden abgewertet statt widerlegt; Gefühle wie Angst oder Stolz ersetzen Belege; Wichtiges wird verschwiegen oder im Passiv versteckt.</li>\n</ul>\n<p>In echten Texten kommt fast immer beides vor. Stark wird deine Analyse, wenn du zeigst, an welcher Stelle der Text von einem ins andere wechselt. Strategie ist dabei nicht automatisch unanständig: Auch wer für eine gute Sache wirbt, will gewinnen. Bewerte also, was der Text tut, nicht ob dir seine Meinung gefällt.</p>\n\n<h4>Modelle, mit denen du Kommunikation beschreibst</h4>\n<p>Modelle helfen dir, Beobachtungen genau zu benennen. Nenn sie nur, wenn du sie an einer Stelle im Text anwendest.</p>\n<ul>\n<li><strong>Organon-Modell</strong> (Karl Bühler, „Sprachtheorie“, 1934): Jede Äußerung hat drei Seiten. Sie stellt eine Sache dar (<em>Darstellung</em>), sie zeigt etwas über den Sprecher (<em>Ausdruck</em>) und sie will beim Hörer etwas bewirken (<em>Appell</em>). Politische Reden sind oft stark appellativ.</li>\n<li><strong>Vier Seiten einer Nachricht</strong> (Friedemann Schulz von Thun, „Miteinander reden“, 1981): Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung, Appell. Hilfreich, wenn du zeigen willst, wie ein Redner sein Verhältnis zum Publikum gestaltet, etwa mit „wir alle“.</li>\n<li><strong>„Man kann nicht nicht kommunizieren“</strong> (Paul Watzlawick und andere, 1967): Auch Schweigen, Auslassen und Tonfall sagen etwas. Gut für die Frage, was ein Text weglässt.</li>\n<li><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mehrfachadressierung<span class=\"wort-erkl\">ein Text richtet sich zugleich an mehrere Gruppen, etwa an Gegner, eigene Anhänger und die Öffentlichkeit</span></span>: Wer im Parlament spricht, redet scheinbar zu den anderen Abgeordneten, gemeint sind aber oft die Zuschauer, die Medien und die eigene Partei. Der Sprachwissenschaftler Walther Dieckmann nannte das schon 1981 eine „trialogische“ Lage.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wörter, die lenken</h4>\n<p>In der politischen Sprache wird um Wörter gekämpft. Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf sprach 1973 auf einem Parteitag davon, man müsse Begriffe „besetzen“. Seitdem ist das ein fester Ausdruck.</p>\n<ul>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Fahnenwort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort, mit dem eine Gruppe ihre eigenen Ziele positiv kennzeichnet</span></span> und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stigmawort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort, das die Gegenseite oder ihre Ziele abwertet</span></span>:</strong> Die Begriffe stammen vom Sprachwissenschaftler Fritz Hermanns (1982). Oft ist das Fahnenwort der einen Seite das Stigmawort der anderen.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Hochwertwort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort für einen Wert, den fast alle teilen, etwa Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit</span></span>:</strong> Gegen „Sicherheit“ ist niemand. Wer sein Vorhaben damit verbindet, macht Widerspruch schwer.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Framing<span class=\"wort-erkl\">ein Wort ruft einen ganzen Deutungsrahmen auf und legt fest, wie wir eine Sache sehen</span></span>:</strong> Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling („Politisches Framing“, 2016) zeigt das an der „Steuerlast“: Das Wort lässt Steuern als Gewicht erscheinen, das einen erdrückt. Wer von „Steuerbeitrag“ spricht, rahmt dieselbe Sache als Beitrag zum Gemeinwesen. Und „Steueroase“ lässt Steuerflucht klingen wie einen rettenden Ort in der Wüste.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Euphemismus<span class=\"wort-erkl\">beschönigendes Wort, das etwas Unangenehmes harmloser klingen lässt</span></span> und Kampfbegriff:</strong> Das eine verharmlost, das andere greift an.</li>\n<li><strong>Satzbau und Pronomen:</strong> Das Passiv versteckt, wer handelt („Die Gebühren werden erhöht“). „Wir“ schafft Gemeinschaft, „die da oben“ oder „die anderen“ ziehen eine Grenze.</li>\n<li><strong>Bilder:</strong> Metaphern wie „Flut“, „Welle“ oder „Lawine“ machen aus Menschen eine Naturgewalt. Frag immer: Was legt das Bild nahe, ohne es zu sagen?</li>\n</ul>\n\n<h4>Wie Reden überzeugen wollen</h4>\n<p>Schon Aristoteles hat in seiner „Rhetorik“ drei Wege unterschieden, mit denen ein Redner überzeugt:</p>\n<ul>\n<li><strong>Ethos:</strong> durch seine Glaubwürdigkeit („Ich habe dreißig Jahre als Ärztin gearbeitet …“).</li>\n<li><strong>Pathos:</strong> durch Gefühle beim Publikum (Angst, Mitleid, Stolz, Empörung).</li>\n<li><strong>Logos:</strong> durch Argumente und Belege.</li>\n</ul>\n<p>Für deine Analyse heißt das: Benenne, worauf ein Abschnitt setzt, und frag, ob die Gefühle ein Argument stützen oder ersetzen. Typische Mittel dabei sind <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">rhetorische Fragen<span class=\"wort-erkl\">Fragen, auf die keine Antwort erwartet wird, weil sie die Antwort schon nahelegen</span></span>, Wiederholungen (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Anapher<span class=\"wort-erkl\">mehrere Sätze oder Satzteile beginnen mit demselben Wort</span></span>), Dreierfiguren und Gegensätze (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Antithese<span class=\"wort-erkl\">zwei gegensätzliche Begriffe oder Aussagen werden gegenübergestellt</span></span>).</p>\n\n<h4>Gesprochen, geschrieben, gepostet</h4>\n<ul>\n<li><strong>Die Rede</strong> wirkt über Stimme, Pausen und Reaktionen im Saal. Im Protokoll stehen Zwischenrufe und Beifall: Sie zeigen, wen ein Satz erreicht hat.</li>\n<li><strong>Der Kommentar</strong> in der Zeitung hat Zeit für Begründungen und Gegenargumente. Fehlen sie, ist das eine Beobachtung wert.</li>\n<li><strong>Der Post</strong> lebt von Kürze, Zuspitzung, Bild und Wiederholung. Er erreicht viele, begründet aber wenig.</li>\n<li>Die Sprachwissenschaftler Peter Koch und Wulf Oesterreicher (1985) unterscheiden <strong>Sprache der Nähe</strong> (spontan, persönlich, wie im Gespräch) und <strong>Sprache der Distanz</strong> (geplant, sachlich, wie im Gesetz). Ein Post ist oft geschrieben, klingt aber wie gesprochen. Wenn eine Politikerin so schreibt, wirkt sie nahbar.</li>\n</ul>\n\n<h4>Sprachkritik: wenn Wörter Unrecht verdecken</h4>\n<p>Wie Sprache Denken lenken kann, hat der Romanist Victor Klemperer an der Sprache des Nationalsozialismus beschrieben („LTI“, 1947). Heute sucht die Jury der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ jedes Jahr ein Wort, das Menschen herabsetzt oder etwas verschleiert; das erste war 1991 „ausländerfrei“. Solche sprachkritischen Texte können in der Prüfung als Material liegen. Dann fragst du: Welche Wirkung wird dem Wort zugeschrieben, und überzeugt die Begründung?</p>\n\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">Nur auf erhöhtem Niveau (Leistungskurs)</span>\n<p>Im Leistungskurs sollst du laut den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz sprachliche Handlungen „theoriegestützt“ beschreiben und sprachphilosophische Positionen zur Analyse heranziehen. Für dieses Themenfeld heißt das: Habermas, Bühler, Schulz von Thun oder Framing nicht nur nennen, sondern an einer Stelle zeigen, was das Modell sichtbar macht und wo es an seine Grenze kommt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KMK, Bildungsstandards Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife, S. 21</a></p>\n</div>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hamburg</span>\n<p>Aufgabe IV gehört zu diesem Themenfeld. Mögliche Aufgabenarten sind unter anderem die Analyse pragmatischer Texte, die Erörterung und das materialgestützte Verfassen informierender oder argumentierender Texte. Als Material können auch Filmstills oder audiovisuelle Texte dazukommen. Eine eigene Lese- oder Auswahlzeit gibt es nicht (grundlegendes Niveau 255, erhöhtes Niveau 315 Minuten).</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">A-Heft Abitur 2027, S. 5 und 6</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt das Themenfeld meist so vor: Du analysierst einen pragmatischen Text (Argumentation, sprachliche Mittel, Intention), du erörterst seine These, oder du schreibst aus mehreren Materialien einen eigenen Beitrag, etwa einen Kommentar. Das Themenfeld wird dabei in der Aufgabe oft ausdrücklich genannt.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Otto Wels (SPD) im Reichstag, 23. März 1933, gegen das Ermächtigungsgesetz</span>\n<p>„Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren.“</p>\n<p>„Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wortlaut nach dem Abdruck bei German History in Documents and Images (aus: Dokumente der deutschen Politik, Bd. 1, 1935, S. 36 bis 38), abgeglichen mit einem Auszug aus dem Reichstagsprotokoll. Die Rede ist gemeinfrei.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Die Regierung Hitler will sich vom Reichstag ermächtigen lassen, Gesetze ohne das Parlament zu beschließen. Die SPD stimmt als einzige Partei dagegen; das Gesetz wird mit 444 zu 94 Stimmen angenommen. Wels weiß also, dass er die Abstimmung verliert.<em>Der Auszug stammt aus der Rede, mit der Otto Wels die Ablehnung der SPD begründet.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Das Wort „Macht“ kommt dreimal vor, aber jedes Mal anders: als Tatsache der Gegner, als Macht des Rechtsbewusstseins, als Macht, die das Gesetz nicht gibt.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Wels gibt die Niederlage zu und deutet im selben Atemzug um, was Macht ist.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Verständigung mit der Mehrheit ist nicht mehr möglich. Die Rede wendet sich an andere Adressaten.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Wels spricht in einer Lage, in der Verständigung mit der Mehrheit nicht mehr möglich ist: Das Ergebnis der Abstimmung steht fest. Er versucht deshalb nicht, die Abgeordneten der Regierungsparteien umzustimmen, sondern deutet den Begriff um, auf den sie sich stützen. Zunächst räumt er ein, man könne „machtpolitische Tatsachen“ nicht durch „bloße Rechtsverwahrungen“ beseitigen. Diese Einräumung macht ihn glaubwürdig, weil er die Lage nicht schönredet. Gleich danach setzt er mit „Aber“ eine zweite Macht dagegen: „das Rechtsbewußtsein des Volkes“. Die Wiederholung des Wortes „Macht“ verschiebt seine Bedeutung von der Gewalt der Regierung zur Überzeugung der Menschen. Damit richtet sich die Rede über den Saal hinaus an die Öffentlichkeit und die eigenen Anhänger. Der Schlusssatz „Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen […] zu vernichten“ greift den Namen des Gesetzes auf und kehrt ihn gegen die, die es beschließen. Die Rede ist also strategisch gebaut, aber nicht um zu siegen, sondern um für die Zeit nach der Niederlage eine Gegenposition festzuhalten.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ordnet die Situation ein, belegt jede Beobachtung mit einem kurzen Zitat, sagt, was das Mittel bewirkt (Einräumung, Wiederholung, Umdeutung), und kommt zu einem Urteil über Verständigung und Strategie. So beschreiben die Bewertungshinweise des IQB eine gute Analyse: textnah, funktional, mit eigenständigem Urteil. Bei textbezogenen Aufgaben zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte am 8. Mai 1985 im Bundestag, 40 Jahre nach Kriegsende: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Die ganze Rede steht auf bundespraesident.de. Schreib einen Absatz: Welchen Rahmen setzt das Wort „Befreiung“, und welche anderen Wörter für denselben Tag schiebt es beiseite?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Für den 8. Mai 1945 gab es in Deutschland andere Wörter: Niederlage, Kapitulation, Zusammenbruch. Sie stellen das Ende des Kriegs als Verlust dar. „Befreiung“ setzt einen anderen Rahmen: Befreit wird man von etwas Schlechtem, also war die NS-Herrschaft das Unrecht, nicht ihr Ende. Mit „uns alle“ bezieht Weizsäcker auch die Deutschen ein, die den Tag als Niederlage erlebt hatten.</p>\n<p>Gute Absätze zeigen außerdem, dass die Rede die anderen Erfahrungen nicht verschweigt: Kurz vorher sagt Weizsäcker, der 8. Mai sei „kein Tag zum Feiern“, und nennt Heimkehr, Heimatlosigkeit und Gefangenschaft. Das Framing wirkt gerade, weil es die Gegenwörter anerkennt und dann überbietet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Gib bei Sachtexten die Zeile an: „ein wenig Geduld“ (Z. 3). Nenn bei Reden Redner, Anlass und Datum einmal in der Einleitung, danach reichen die Zeilen. Zwischenrufe aus dem Protokoll darfst du zitieren, sie gehören zur Kommunikationssituation.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Mittel aufzählen ohne Wirkung.</strong> „Es gibt eine Anapher“ bringt nichts. Sag, was sie beim Publikum bewirkt.</li>\n<li><strong>Über das Thema schreiben statt über den Text.</strong> In der Erörterung prüfst du die These des Textes, nicht deine allgemeine Meinung zum Thema.</li>\n<li><strong>Die eigene politische Meinung als Analyse ausgeben.</strong> Bewerte, wie der Text argumentiert, nicht ob dir seine Partei gefällt.</li>\n<li><strong>Strategie mit Lüge verwechseln.</strong> Strategisch heißt: auf Wirkung angelegt. Ob etwas falsch ist, musst du gesondert begründen.</li>\n<li><strong>Modelle abladen.</strong> Ein Modell zählt nur, wenn du es an einer Stelle anwendest.</li>\n<li><strong>Medium vergessen.</strong> Ob Rede, Kommentar oder Post, sag in einem Satz, was das Medium mit dem Text macht.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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