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      "short": "Bundesrepublik und DDR 1949 bis 1989 einfach erklärt: doppelte Staatsgründung, Grundgesetz und DDR-Verfassung im Wortlaut, Verfassung und Wirklichkeit, Wirtschaft und Zustimmung, 17. Juni 1953, Mauerbau, Protest in West und Ost, Stalin-Note als Forschungsstreit, mit Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-brd-ddr -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Bundesrepublik und DDR 1949–1989</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Die Aufgabe zu den zwei deutschen Staaten ab 1949 verlangt in der Klausur mehr als Erzählen: Du sollst Ursachen und Folgen erklären und am Ende selbst urteilen; Punkte gibt es für genaue Begriffe und Begründungen. 1949 entstanden aus den Besatzungszonen zwei deutsche Staaten: am 23. Mai die Bundesrepublik mit dem Grundgesetz, am 7. Oktober die DDR. Beide Verfassungen versprachen Grundrechte und Demokratie, doch nur im Westen galten sie wirklich; in der DDR bestimmte die SED, gewählt wurde mit Einheitslisten, und die Staatssicherheit verfolgte Gegner. Im Westen stützte der wachsende Wohlstand der Sozialen Marktwirtschaft die Zustimmung zur Demokratie, im Osten flohen bis zum Mauerbau am 13. August 1961 Millionen Menschen. Beide Staaten beanspruchten zunächst, für ganz Deutschland zu sprechen; die DDR strich die „deutsche Nation“ 1974 aus ihrer Verfassung. Ob die Teilung 1952 mit der Stalin-Note hätte überwunden werden können, ist bis heute ein Forschungsstreit.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfelder für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Wirtschaftsgeschichte vom Wiederaufbau bis zur Wiedervereinigung“</li>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Diese Karte gibt den Rahmen: Gründung, Verfassung, Wirtschaft und Zustimmung in beiden deutschen Staaten.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>1945 teilten die Siegermächte Deutschland in vier Besatzungszonen. Die Westmächte und die Sowjetunion zerstritten sich bald. Dieser Konflikt heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Kalter Krieg<span class=\"wort-erkl\">der Machtkampf zwischen USA und Sowjetunion nach 1945, ohne direkten Krieg, aber mit Wettrüsten</span></span>. Jede Seite baute ihren Teil nach eigenem Vorbild um: im Westen Demokratie und Marktwirtschaft, im Osten eine kommunistische Diktatur mit Planwirtschaft.</p>\n<p>In Klausuren vergleichst du beide Staaten meist an drei Fragen. Wie demokratisch waren sie wirklich (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Verfassung und Verfassungswirklichkeit<span class=\"wort-erkl\">was in der Verfassung steht und wie der Staat tatsächlich handelt</span></span>)? Warum stimmten die Menschen ihrem Staat zu oder nicht (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Systemakzeptanz<span class=\"wort-erkl\">wie sehr die Bevölkerung eine Staatsordnung annimmt, etwa weil sie Wohlstand, Sicherheit oder Freiheit bringt</span></span>)? Sahen sie sich als Teil einer Nation (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Deutsche Frage<span class=\"wort-erkl\">ob und wie die beiden deutschen Staaten wieder ein Staat werden können</span></span>)?</p>\n</div>\n\n<h4>Die doppelte Staatsgründung 1948/49</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Juni 1948, zwei Währungen:</strong> Am 21. Juni kommt in den Westzonen die D-Mark, drei Tage später eine eigene Währung in der Ostzone: zwei Wirtschaftsräume. Im Westen beginnt unter Ludwig Erhard die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Soziale Marktwirtschaft<span class=\"wort-erkl\">freier Markt und Wettbewerb, aber ein Staat, der soziale Härten ausgleicht und den Wettbewerb schützt („Wohlstand für alle“)</span></span>.</li>\n<li><strong>24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949, Berlin-Blockade:</strong> Weil die D-Mark auch in West-Berlin gilt, sperrt die Sowjetunion alle Zufahrten. Die Westmächte versorgen die Stadt über eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Luftbrücke<span class=\"wort-erkl\">Versorgung West-Berlins mit Flugzeugen, weil Straßen, Schienen und Wasserwege gesperrt waren</span></span>. Die Blockade scheitert, und aus Besatzern werden im Westen Schutzmächte.</li>\n<li><strong>23. Mai 1949, Grundgesetz:</strong> Der Parlamentarische Rat hat es am 8. Mai beschlossen. Es heißt bewusst nicht „Verfassung“, weil es nur für eine Übergangszeit gelten soll. Konrad Adenauer (CDU) ist von 1949 bis 1963 Bundeskanzler.</li>\n<li><strong>7. Oktober 1949, DDR:</strong> Ein „Volksrat“ setzt die DDR-Verfassung in Kraft. Er stammt von einem Volkskongress, der im Mai 1949 über eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Einheitsliste<span class=\"wort-erkl\">eine einzige Liste, auf der die Sitze schon vorher verteilt sind; man kann nur zustimmen oder ablehnen</span></span> gewählt worden war, die der SED die Mehrheit sicherte. Der Beschluss zur Staatsgründung war in Moskau gefallen.</li>\n</ol>\n<p>Für die Urteilsfrage: Der Westen ging bei Währung und Staat voran, der Osten zog nach. Die Sowjetunion hatte ihre Zone aber schon vorher nach ihrem Vorbild umgebaut. Beide Seiten trugen zur Teilung bei.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Lebendiges Museum Online (LeMO), Haus der Geschichte, Kapitel „Doppelte Staatsgründung“ und Biografie Adenauer.</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Die doppelte Staatsgründung 1948/49 <span>· Vier Schritte vom Streit um die Währung bis zu zwei Staaten.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 196\" role=\"img\" aria-labelledby=\"sg-t sg-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"sg-t\">Die doppelte Staatsgründung 1948/49</title>\n<desc id=\"sg-d\">Vier Schritte: zwei Währungen im Juni 1948, Berlin-Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949, Grundgesetz am 23. Mai 1949, DDR-Verfassung am 7. Oktober 1949.</desc>\n<rect x=\"100\" y=\"8\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"24\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">21. Juni 1948</text>\n<text x=\"6\" y=\"37\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">(24. Juni Ostzone)</text>\n<text x=\"110\" y=\"24\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Zwei Währungen</text>\n<text x=\"110\" y=\"38\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">D-Mark im Westen, eigene Währung im Osten</text>\n<rect x=\"100\" y=\"56\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"72\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">24. Juni 1948</text>\n<text x=\"6\" y=\"85\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">bis 12. Mai 1949</text>\n<text x=\"110\" y=\"72\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Berlin-Blockade</text>\n<text x=\"110\" y=\"86\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">Luftbrücke der Westmächte</text>\n<rect x=\"100\" y=\"104\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"127\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">23. Mai 1949</text>\n<text x=\"110\" y=\"120\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Grundgesetz</text>\n<text x=\"110\" y=\"134\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">Bundesrepublik, Adenauer Kanzler ab 1949</text>\n<rect x=\"100\" y=\"152\" width=\"254\" height=\"38\" rx=\"8\" fill=\"#dc2626\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#dc2626\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"6\" y=\"175\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">7. Oktober 1949</text>\n<text x=\"110\" y=\"168\" font-size=\"11.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">DDR-Verfassung</text>\n<text x=\"110\" y=\"182\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.8\">Volksrat, Beschluss in Moskau</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Vom Streit um die Währung zu zwei Staaten: Der Westen ging bei Währung und Staat voran, der Osten zog nach.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Das Material: was die beiden Verfassungen versprachen</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 (Auszüge)</span>\n<p>Präambel: „[…] hat das Deutsche Volk in den Ländern […], um dem staatlichen Leben für eine Übergangszeit eine neue Ordnung zu geben, kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Es hat auch für jene Deutschen gehandelt, denen mitzuwirken versagt war. Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“</p>\n<p>Art. 1 (1): „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (3): „Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“</p>\n<p>Art. 21 (2): „Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen […], sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1949, S. 1–19, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1949 (Auszüge)</span>\n<p>Art. 1 (1): „Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik; sie baut sich auf den deutschen Ländern auf.“</p>\n<p>Art. 6 (2): „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhaß, militaristische Propaganda sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches.“</p>\n<p>Art. 9 (1): „Alle Bürger haben das Recht, innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze ihre Meinung frei und öffentlich zu äußern […].“ (2): „Eine Pressezensur findet nicht statt.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gesetzblatt der DDR 1949, S. 5–16, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Beide Texte beanspruchen ganz Deutschland: Das Grundgesetz handelt auch für die, „denen mitzuwirken versagt war“, die DDR-Verfassung nennt Deutschland „unteilbar“. Beide versprechen Grundrechte. Im Grundgesetz binden sie jeden Staatsteil „als unmittelbar geltendes Recht“, über Parteiverbote entscheidet ein Gericht. In der DDR stand neben der Meinungsfreiheit der unbestimmte Begriff „Boykotthetze“. Nach ihm wurden Angriffe auf das System, „und was man dafür hielt“, hart bestraft. Ein Gericht, bei dem Bürger ihre Grundrechte einklagen konnten, gab es nicht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gebrauch von Art. 6 als politisches Strafgesetz: Friedrich-Christian Schroeder, „Die neuere Entwicklung des Strafrechts in beiden deutschen Staaten“, Aus Politik und Zeitgeschichte 4–5/1988 (bpb); Deutsches Historisches Museum, Ausstellung „Verfassung“, Text zur DDR-Verfassung 1949 („mit dem jede Opposition kriminalisiert werden konnte“).</p>\n\n<h4>Verfassung und Wirklichkeit im Westen</h4>\n<p>Aus den Fehlern von Weimar entstand eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„wehrhafte Demokratie“<span class=\"wort-erkl\">auch streitbare Demokratie: eine Demokratie, die sich mit eigenen Mitteln gegen Feinde wehrt, die sie auf legalem Weg abschaffen wollen</span></span>:</p>\n<ul>\n<li><strong>Grundrechte zuerst:</strong> Menschenwürde in Art. 1, Grundrechte vor dem Bundesverfassungsgericht einklagbar. In Weimar konnte der Reichspräsident sie nach Art. 48 außer Kraft setzen.</li>\n<li><strong>Stabile Regierung:</strong> Den Kanzler stürzt nur, wer zugleich einen Nachfolger wählt (Art. 67, <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">konstruktives Misstrauensvotum<span class=\"wort-erkl\">der Kanzler kann nur abgewählt werden, indem eine Mehrheit einen neuen Kanzler wählt; so entsteht keine Regierung ohne Mehrheit</span></span>). Der Bundespräsident hat kein Notverordnungsrecht.</li>\n<li><strong>Parteiverbot:</strong> Das Bundesverfassungsgericht verbot 1952 die Sozialistische Reichspartei, eine Nachfolgerin der NSDAP, und 1956 die KPD. Das KPD-Verbot ist bis heute umstritten.</li>\n</ul>\n<p>Auch im Westen gab es Konflikte, etwa um Wiederbewaffnung und Notstandsgesetze. Sie wurden aber öffentlich ausgetragen, vor Gericht entschieden und bei Wahlen beantwortet.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb, „Verbot der KPD 1956“ und „Parteien und Verbote“; Bundesverfassungsgericht, Parteiverbotsverfahren.</p>\n\n<h4>Verfassung und Wirklichkeit im Osten</h4>\n<ul>\n<li><strong>Herrschaft der SED:</strong> Laut Verfassung war die Volkskammer das oberste Organ, tatsächlich bestimmte die Führung der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">SED<span class=\"wort-erkl\">Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, 1946 in der Ostzone durch die erzwungene Vereinigung von KPD und SPD entstanden; Staatspartei der DDR</span></span> Regierung und Justiz. Die anderen Parteien waren im Block mit der SED gebunden. Walter Ulbricht hatte schon 1945 gesagt: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“</li>\n<li><strong>„Staatssicherheit“:</strong> Am 8. Februar 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit gegründet, die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stasi<span class=\"wort-erkl\">Geheimpolizei der DDR, „Schild und Schwert der Partei“; überwachte die Bevölkerung mit offiziellen und geheimen Mitarbeitern</span></span>. Ihre Aufgaben waren nie gesetzlich begrenzt.</li>\n<li><strong>17. Juni 1953:</strong> Nach dem „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ (1952) wurde die Versorgung schlechter. Im Mai 1953 erhöhte die SED die Arbeitsnormen um rund zehn Prozent bei gleichem Lohn. Am 17. Juni protestierten rund eine Million Menschen in über 700 Orten, bald auch für freie Wahlen und die Einheit. Die Sowjetunion verhängte in 167 von 217 Kreisen den Ausnahmezustand, Panzer schlugen den Aufstand nieder, mehrere Dutzend Menschen starben.</li>\n<li><strong>13. August 1961, Mauerbau:</strong> Von 1949 bis zum Mauerbau verließen je nach Zählung 2,7 bis 2,8 Millionen Menschen die DDR, meist jung und gut ausgebildet. West-Berlin war das letzte Schlupfloch, bis die DDR auch dort die Grenze schloss. Sie nannte die Mauer „antifaschistischen Schutzwall“; tatsächlich hielt sie die eigenen Bürger fest.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Verfassung und Führungsrolle der SED“ (Ulbricht-Zitat), „Aufbau des MfS“, „17. Juni 1953“, „Flucht und Notaufnahme“ (2,8 Millionen); bpb, „Der 17. Juni 1953 im Überblick“ und „Fluchtbewegung“ (2,7 Millionen).</p>\n\n<h4>Wirtschaft und Zustimmung zum System</h4>\n<ul>\n<li><strong>West:</strong> Mit Währungsreform und Marshallplan-Hilfe begann das „Wirtschaftswunder“; die Soziale Marktwirtschaft brachte vielen Wohlstand und soziale Sicherheit. Ab 1955 warb die Bundesrepublik Arbeitskräfte an, zuerst aus Italien, die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Gastarbeiter“<span class=\"wort-erkl\">damaliges Wort für angeworbene ausländische Arbeitskräfte; es unterstellte, dass sie bald gehen; viele blieben</span></span>. Die Demokratie galt vielen als die Ordnung, die Wohlstand bringt.</li>\n<li><strong>Ost:</strong> Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Planwirtschaft<span class=\"wort-erkl\">der Staat legt in Plänen fest, was produziert wird, zu welchen Preisen und in welcher Menge; Betriebe gehören meist dem Staat</span></span> setzte auf Schwerindustrie statt Konsumgüter. Betriebe wurden zu Volkseigenen Betrieben, die Bauern wurden bis 1960 unter Druck in Genossenschaften (LPG) gezwungen. 1971 versprach Erich Honecker die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, also mehr Wohnungen und Konsumgüter. Der Alltag blieb von Mangel geprägt: Auf ein Auto wartete man im Schnitt 15 Jahre.</li>\n</ul>\n<p>Im Westen stärkten Wohlstand und Freiheit sich gegenseitig. Im Osten sollte Versorgung die fehlende Freiheit ausgleichen; weil sie hinter dem Westen zurückblieb, blieb die Zustimmung brüchig.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Wirtschaftswunder“, „Gastarbeiter“, „Sozialistische Zentralplanwirtschaft“, „VIII. SED-Parteitag“, „Mangelwirtschaft“; Kollektivierung 1960: bpb, „Gesetz über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“.</p>\n\n<h4>Wie sich beide Staaten selbst verstanden</h4>\n<p>Die Bundesrepublik beanspruchte, als einziger frei gewählter Staat für alle Deutschen zu sprechen (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Alleinvertretungsanspruch<span class=\"wort-erkl\">die Bundesrepublik sah sich als einzige legitime Vertretung Deutschlands und wollte verhindern, dass andere Staaten die DDR anerkennen</span></span>), und setzte auf <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Westintegration<span class=\"wort-erkl\">Adenauers Politik, die Bundesrepublik wirtschaftlich und militärisch fest in den Westen einzubinden</span></span>, 1955 mit dem NATO-Beitritt. Die DDR sang anfangs in ihrer Hymne von „Deutschland, einig Vaterland“. Ab Mitte der 1960er grenzte sie sich ab: 1967 eigene Staatsbürgerschaft, ab Anfang der 1970er-Jahre wurde der Hymnentext nicht mehr gesungen.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 3 · Verfassung der DDR, Artikel 1, Satz 1: Fassung von 1968 und Fassung von 1974</span>\n<p>1968: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation.“</p>\n<p>1974: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gesetzblatt der DDR 1968 I, S. 199–222, und Fassung vom 7. Oktober 1974 (GBl. 1974 I, S. 432), Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtliche Texte, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Satz 2 beider Fassungen nennt die Führung „der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“: Die Herrschaft der SED stand seit 1968 in der Verfassung. 1974 gab die SED die gemeinsame deutsche Nation auch im Text auf.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Gesamtdeutscher Anspruch“, „Abgrenzung vom Westen“, „Deutsche Frage“, „Militärallianzen“.</p>\n\n<h4>Umgang mit Protest in West und Ost</h4>\n<p>Nennt der Kasten oben die Friedens- und Umweltbewegung, gehört dieser Vergleich in deine Antwort.</p>\n<ul>\n<li><strong>West:</strong> Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„68er-Bewegung“<span class=\"wort-erkl\">Protestbewegung vor allem von Studierenden Ende der 1960er-Jahre, etwa gegen Vietnamkrieg und Notstandsgesetze</span></span> veränderte die Gesellschaft. Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">sozial-liberale Koalition<span class=\"wort-erkl\">Regierung aus SPD und FDP ab 1969, zuerst unter Willy Brandt</span></span> trat unter dem Leitwort „Mehr Demokratie wagen“ an: Wahlalter 18 ab 1970, BAföG 1971. Gegen den <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">NATO-Doppelbeschluss<span class=\"wort-erkl\">NATO-Beschluss vom 12. Dezember 1979: neue US-Raketen in Westeuropa aufstellen und zugleich Verhandlungen anbieten</span></span> demonstrierten Hunderttausende; der Bundestag stimmte der Stationierung am 22. November 1983 trotzdem zu. Aus der Umweltbewegung entstanden 1980 Die Grünen, 1983 im Bundestag. Protest wurde Teil der Politik.</li>\n<li><strong>Ost:</strong> Unter dem Dach der evangelischen Kirche entstanden Friedens- und Umweltgruppen, Zeichen seit 1980: „Schwerter zu Pflugscharen“. Die SED ging scharf dagegen vor, Jugendlichen mit dem Aufnäher wurden Konsequenzen angedroht. 1986 entstand in Ost-Berlin die Umweltbibliothek. Die Stasi überwachte die Gruppen, das Strafrecht („Staatsfeindliche Hetze“) bot jederzeit eine Handhabe. Protest blieb außerhalb der Politik, bis er 1989 die SED stürzte.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Sozialliberale Reformen“, „Friedensbewegung“, „Die Grünen“, „Opposition und Bürgerbewegung“; bpb, „22. November 1983: Bundestag bestätigt Entscheidung zum NATO-Doppelbeschluss“ und „Die Grünen“; Aufnäher: Deutsches Historisches Museum, „Friedensagitation“; evangelisch.de, Gespräch mit Harald Bretschneider (2019).</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: War die Teilung 1952 vermeidbar?</h4>\n<p>Am 10. März 1952 bot Stalin den Westmächten in einer Note ein vereintes Deutschland an, verlangte dafür aber strikte Neutralität. Der Westen lehnte ab und setzte auf Westintegration. Ob das eine verpasste Chance war, ist unter Historikern seit Jahrzehnten umstritten, auch nach Öffnung sowjetischer Akten.</p>\n<ul>\n<li><strong>Deutung „ernst gemeintes Angebot“:</strong> Wilfried Loth sieht in den Moskauer Akten das Bemühen, die Note für den Westen annehmbar zu machen.</li>\n<li><strong>Deutung „Störmanöver“:</strong> Hermann Graml weist auf Bedingungen hin, die für den Westen unannehmbar waren, etwa die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, und auf den Herrschaftswillen der Sowjetunion. Gerhard Wettig hält die Note für ein „Störfeuer“ gegen die Verhandlungen über eine westeuropäische Armee.</li>\n</ul>\n<p>Nenn beide Deutungen, sag, dass die Frage offen ist, und begründe, welcher du eher folgst.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Jürgen Zarusky (Hg.), „Die Stalin-Note vom 10. März 1952“ (2002), Beiträge von Loth, Graml und Wettig, nach den Rezensionen bei Perlentaucher; LeMO, „Deutsche Frage“.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<p>Maßstäbe für ein Sachurteil über den demokratischen Anspruch:</p>\n<ul>\n<li><strong>Freie Wahlen:</strong> Konnten die Bürger die Regierung abwählen?</li>\n<li><strong>Grundrechte:</strong> Galten sie auch gegen den Staat, und gab es ein Gericht, das sie schützte?</li>\n<li><strong>Gewaltenteilung:</strong> Waren Justiz und Parlament unabhängig von einer Partei?</li>\n<li><strong>Umgang mit Opposition:</strong> Wurde Protest ausgehalten, beantwortet oder verfolgt?</li>\n<li><strong>Abstimmung mit den Füßen:</strong> Wohin gingen die Menschen?</li>\n</ul>\n<p>Für ein Werturteil misst du offen an Menschenwürde, Freiheit und Rechtsstaat (<a href=\"?category=Methoden&card=hh-ge-urteil\">Karte Urteilen</a>).</p>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „Beurteilen des demokratischen Anspruchs beider deutscher Staaten“)</span>\n<p>1. Arbeiten Sie aus M 1 und M 2 heraus, welche Ordnung die beiden Verfassungen von 1949 versprechen. (AFB I bis II)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, wie in beiden Staaten bis 1961 Verfassung und Verfassungswirklichkeit zueinander standen. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, inwieweit beide deutsche Staaten ihren demokratischen Anspruch einlösten. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Beide beanspruchen ganz Deutschland (M 1: Auftrag zur Einheit; M 2: „unteilbare demokratische Republik“) und versprechen Grundrechte. Erwartet wird der Befund, der nicht wörtlich dasteht: M 1 sichert die Grundrechte ab (unmittelbar geltend, Parteiverbot nur durch das Verfassungsgericht), M 2 enthält mit der „Boykotthetze“ einen unbestimmten Straftatbestand, der die Grundrechte aushöhlen kann.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> West: Grundrechte vor Gericht einklagbar, Regierungswechsel durch Wahlen, wehrhafte Demokratie mit Parteiverboten 1952 und 1956, Konflikte öffentlich ausgetragen. Ost: Einheitslisten statt Wahl, Führung der SED über Regierung und Justiz, Stasi seit 1950, politische Urteile nach Art. 6, Niederschlagung des 17. Juni 1953, Flucht von Millionen, Mauerbau 1961. Gute Antworten erklären den Widerspruch von Wortlaut und Praxis, statt Ereignisse aufzuzählen.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> Urteil mit Kriterien (freie Wahlen, Grundrechte, Gewaltenteilung). Die Bundesrepublik löste ihren Anspruch weitgehend ein; auch Streitfälle wie das KPD-Verbot wurden innerhalb der Verfassung entschieden. Die DDR löste ihn kaum ein: Sie „sah demokratisch aus“, die Macht lag bei der SED, Protest wurde mit Gewalt beantwortet. Für die oberen Noten: Die DDR verstand unter Demokratie die Führung durch die Partei der Arbeiterklasse, also etwas anderes als das Grundgesetz.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>a) Erkläre an M 3 in zwei Sätzen, wie sich das Selbstverständnis der DDR zwischen 1968 und 1974 änderte. b) Begründe in drei Sätzen, warum das Grundgesetz 1949 „Grundgesetz“ heißt und nicht „Verfassung“ (M 1).</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>a) 1968 nannte sich die DDR noch „Staat deutscher Nation“ und hielt damit an einer gemeinsamen Nation fest. 1974 strich sie den Bezug zur Nation und nannte sich „Staat der Arbeiter und Bauern“; sie wollte sich nach den Verträgen der Entspannungspolitik als eigener Staat vom Westen abgrenzen.</p>\n<p>b) Der Parlamentarische Rat wollte die Teilung nicht noch vertiefen. Das Grundgesetz sollte nur „für eine Übergangszeit“ gelten, bis das „gesamte Deutsche Volk“ die Einheit „in freier Selbstbestimmung“ vollendet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Die DDR-Verfassung für bare Münze nehmen.</strong> Meinungsfreiheit stand drin, Kritiker wurden trotzdem verurteilt.</li>\n<li><strong>Die Bundesrepublik als konfliktfrei darstellen.</strong> Auch dort gab es Streit; der Unterschied ist, wie er ausgetragen wurde.</li>\n<li><strong>Daten vertauschen.</strong> Grundgesetz 23. Mai 1949, DDR 7. Oktober 1949, Aufstand 17. Juni 1953, Mauerbau 13. August 1961, Öffnung der Mauer 9. November 1989.</li>\n<li><strong>Nur einer Seite die Teilung zuschreiben.</strong> Beide Seiten bauten ihre Zone nach eigenem Vorbild um; die Stalin-Note ist ein offener Forschungsstreit.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-einheit\">Friedliche Revolution und Einheit 1989/90</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=hh-ge-op-beurteilen\">Beurteilen, bewerten, Stellung nehmen, erörtern (AFB III)</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-brd-ddr -->"
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    {
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      "cat": "Bundesrepublik 1949–1990",
      "title": "Wirtschaft der Bundesrepublik 1948–1990",
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      "short": "Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik 1948–1990 einfach erklärt: Währungsreform und Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftswunder und seine Ursachen, Rezession 1966/67 mit dem Stabilitätsgesetz im Wortlaut, Ölpreisschocks, Arbeitslosigkeit und Staatsschulden, die Wende 1982 mit Kohls Regierungserklärung im Wortlaut, Währungsunion 1990, Forschungsstreit und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-brd-wirtschaft -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Wirtschaft der Bundesrepublik 1948–1990</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Fragt die Klausur zur Wirtschaft der Bundesrepublik, prüft sie, ob du eine Entwicklung erklären und einordnen kannst; Punkte gibt es, wenn du Material und Wissen verbindest und dein Urteil begründest. Mit der Währungsreform 1948 und der Sozialen Marktwirtschaft begann in Westdeutschland ein Aufschwung, der als „Wirtschaftswunder“ in Erinnerung blieb: Vollbeschäftigung, steigende Löhne und Konsum für viele. Die erste Rezession 1966/67 erschütterte das Vertrauen; der Staat sollte nun mit dem Stabilitätsgesetz die Konjunktur aktiv steuern. Die Ölpreisschocks 1973 und 1979 brachten Massenarbeitslosigkeit und hohe Staatsschulden. Die Regierung Kohl setzte ab 1982 auf weniger Staat und mehr Markt, die Arbeitslosigkeit blieb aber hoch. 1990 kam die D-Mark mit der Währungsunion auch in die DDR.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span>\n<p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p>\n<ul>\n<li>„Wirtschaftsgeschichte vom Wiederaufbau bis zur Wiedervereinigung“</li>\n</ul>\n<p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Wirtschaft klingt trocken, aber sie entscheidet mit darüber, ob eine Demokratie stabil bleibt. Die Weimarer Republik scheiterte auch an Inflation und Massenarbeitslosigkeit; die Bundesrepublik gewann ihre Bürger auch durch Wohlstand.</p>\n<p>In der Klausur sollst du die Phasen unterscheiden und erklären, welche Rolle der Staat jeweils spielte: Erst sollte er vor allem einen Rahmen setzen, dann die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Konjunktur<span class=\"wort-erkl\">Auf und Ab der Wirtschaft: Phasen von Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung und Krise (Rezession)</span></span> aktiv steuern, ab 1982 sich wieder zurückziehen. Zwei Gesetzes- und Redetexte unten zeigen diesen Wandel.</p>\n</div>\n\n<h4>Start: Währungsreform und Soziale Marktwirtschaft</h4>\n<p>Am 20. Juni 1948 führte das Währungsgesetz in den Westzonen die D-Mark ein. Wirtschaftsdirektor Ludwig Erhard lockerte zugleich die Zwangsbewirtschaftung. Das gilt als Geburtsstunde der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Sozialen Marktwirtschaft<span class=\"wort-erkl\">Begriff von Alfred Müller-Armack: freie Preise und Wettbewerb, verbunden mit sozialem Ausgleich durch den Staat; ein dritter Weg zwischen reiner Marktwirtschaft und Lenkungswirtschaft</span></span>. Zunächst stiegen die Preise stark, im März 1950 lag die Arbeitslosenquote bei 12,2 Prozent.</p>\n\n<h4>Das „Wirtschaftswunder“</h4>\n<p>In den 1950er- und 1960er-Jahren wuchs die Wirtschaft so schnell, dass Arbeitskräfte fehlten; ab 1955 wurden „Gastarbeiter“ angeworben. Wohlstand wurde zum Stabilitätsanker der jungen Demokratie. Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hält das Bild vom „Wunder“ aus Stunde Null, Währungsreform, Marshallplan und Erhards Politik für einen Mythos: Der Aufschwung habe vor allem auf einem erhaltenen, sogar gewachsenen Bestand an Industrieanlagen, auf vielen qualifizierten Arbeitskräften (auch Vertriebenen und Flüchtlingen) und auf erhaltenen Einrichtungen wie Banken und Berufsausbildung beruht.</p>\n\n<h4>Erste Krisen: 1966/67 und die Ölpreisschocks</h4>\n<ul>\n<li><strong>1966/67:</strong> erste Rezession; die Arbeitslosigkeit steigt von 0,7 auf 2,1 Prozent. Die Koalition Erhard zerbricht, die Große Koalition steuert gegen: Am 10. Mai 1967 beschließt der Bundestag das <strong>Stabilitätsgesetz</strong>, der Staat soll Konjunktur aktiv lenken.</li>\n<li><strong>1971:</strong> Die USA lösen Dollar nicht mehr in Gold ein, das Währungssystem von Bretton Woods zerbricht.</li>\n<li><strong>1973:</strong> Nach dem Jom-Kippur-Krieg steigt der Ölpreis drastisch. Die Regierung verordnet autofreie Sonntage. 1975 schrumpft die Wirtschaft um rund ein Prozent, die Arbeitslosigkeit steigt über eine Million.</li>\n<li><strong>1979:</strong> zweiter Ölpreisschock. Die Staatsverschuldung wächst von 1970 bis 1980 fast auf das Vierfache.</li>\n</ul>\n\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft, 8. Juni 1967, § 1</span>\n<p>„Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wortlaut nach gesetze-im-internet.de (Bundesministerium der Justiz); das Gesetz gilt bis heute. Amtlicher Text.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Vier Ziele sollen „gleichzeitig“ erreicht werden: stabile Preise, hohe Beschäftigung, ausgeglichener Außenhandel und stetiges Wachstum. Man nennt das das <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">magische Viereck<span class=\"wort-erkl\">die vier Ziele des Stabilitätsgesetzes; „magisch“, weil sie sich kaum alle zugleich erreichen lassen</span></span>, weil die Ziele sich oft widersprechen. Neu war der Gedanke, dass der Staat mit Ausgaben und Steuern gegensteuern soll, wenn die Wirtschaft schwächelt.</p>\n\n<h4>Wende 1982 und Einheit 1990</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Helmut Kohl, Regierungserklärung im Deutschen Bundestag, 13. Oktober 1982 (Auszug)</span>\n<p>„Insgesamt stellen wir mit diesem Dringlichkeitsprogramm die Weichen zur Erneuerung: weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt; weg von kollektiven Lasten, hin zur persönlichen Leistung; weg von verkrusteten Strukturen, hin zu mehr Beweglichkeit, Eigeninitiative und verstärkter Wettbewerbsfähigkeit.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 9/121; Wortlaut nach dem Stenographischen Bericht (dserver.bundestag.de). Rede in öffentlicher Parlamentsdebatte.</p>\n</div>\n<p>Die Regierung Kohl wollte also weniger Staat, mehr Markt: Haushalt sanieren, Unternehmen entlasten, Staatsbetriebe privatisieren. Ende der 1980er-Jahre blieb die Arbeitslosigkeit trotzdem bei etwa neun Prozent. Mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark auch in der DDR eingeführt.</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Die Phasen folgen aufeinander wie Antworten auf Probleme. Die Währungsreform und die Soziale Marktwirtschaft lösten die Nachkriegsnot ab; das Wirtschaftswunder brauchte so viele Arbeitskräfte, dass die Anwerbung begann. Als 1966/67 die erste Rezession kam, sollte der Staat nach M 1 aktiv steuern. Doch gegen die Ölpreisschocks half das Steuern nur begrenzt: Preise und Arbeitslosigkeit stiegen zugleich, die Schulden wuchsen. Darauf antwortete die Wende von 1982 (M 2) mit dem Rückzug des Staates. Die Einheit 1990 stellte schließlich alle vor eine neue Aufgabe: eine Planwirtschaft über Nacht in die Marktwirtschaft zu holen.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Wunder oder Nachholen?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Wunder durch Politik:</strong> Die klassische Erzählung erklärt den Aufschwung mit Währungsreform, Marshallplan und Erhards Sozialer Marktwirtschaft.</li>\n<li><strong>Rekonstruktion:</strong> Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hält das „Wunder“ für einen Mythos und betont erhaltene Industrieanlagen, gut ausgebildete Arbeitskräfte und bestehende Einrichtungen; die Wirtschaft habe nur aufgeholt, was Krieg und Nachkriegszeit unterbrochen hatten.</li>\n<li><strong>Weltwirtschaft:</strong> Andere verweisen auf den weltweiten Boom und den freien Welthandel nach 1945, von dem viele westliche Länder ähnlich profitierten.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutungen und Zahlen: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Rolle des Staates:</strong> Rahmen setzen, steuern oder sich zurückziehen?</li>\n<li><strong>Kennzahlen:</strong> Wachstum, Arbeitslosigkeit, Preise, Schulden, und was sie messen.</li>\n<li><strong>Ursachen:</strong> eigene Politik oder Weltwirtschaft?</li>\n<li><strong>Folgen:</strong> für Demokratie, Arbeitnehmer, Arbeitslose, Zuwanderer.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an den Rahmenplan: „Wirtschaftsgeschichte vom Wiederaufbau bis zur Wiedervereinigung“)</span>\n<p>1. Vergleichen Sie, welche Rolle M 1 und M 2 dem Staat in der Wirtschaft zuweisen. (AFB II)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, wie es zu diesem Wandel kam. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob das „Wirtschaftswunder“ vor allem ein Erfolg der Politik war. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> M 1: Staat steuert aktiv, um vier Ziele zugleich zu erreichen, im Rahmen der Marktwirtschaft. M 2: Staat soll sich zurückziehen, Markt und Eigenleistung stärken. Gemeinsam: Bekenntnis zur Marktwirtschaft.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Rezession 1966/67 als Anlass für aktive Steuerung; Ende von Bretton Woods, Ölpreisschocks 1973 und 1979, Arbeitslosigkeit über eine Million, steigende Schulden; Zweifel an der Steuerung; Regierungswechsel 1982.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Dafür:</em> Währungsreform, Erhards Freigabe der Preise, Soziale Marktwirtschaft, Westbindung. <em>Dagegen:</em> erhaltene Anlagen, Fachkräfte, Vertriebene als Arbeitskräfte, weltweiter Boom, Koreakrieg als Nachfrageschub, Abelshausers Rekonstruktionsthese. Ein gelungenes Urteil: Politik setzte günstige Bedingungen, die Grundlagen lagen tiefer. Für die oberen Noten: Du nennst den Forschungsstreit.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre, warum die Rezession 1966/67 politisch so bedeutsam war, obwohl sie wirtschaftlich klein war.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Nach Jahren des Booms erschütterte schon ein kleiner Anstieg der Arbeitslosigkeit das Vertrauen; die Regierung Erhard zerbrach, und mit Großer Koalition und Stabilitätsgesetz übernahm der Staat eine aktivere Rolle in der Wirtschaftspolitik.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Wirtschaftswunder nur mit dem Marshallplan erklären.</strong> Forscher wie Abelshauser betonen andere Ursachen.</li>\n<li><strong>Soziale Marktwirtschaft gleich freie Marktwirtschaft.</strong> Zu ihr gehört der soziale Ausgleich.</li>\n<li><strong>Die Krisen begannen 1973.</strong> Schon 1966/67 gab es die erste Rezession.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-gesellschaft\">Gesellschaft der Bundesrepublik zwischen Tradition und Wandel</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-migration-brd-ddr\">„Gastarbeiter“ und Vertragsarbeiter: Migration in BRD und DDR</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-einheit\">Friedliche Revolution und Einheit 1989/90</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-ge-statistik\">Statistiken und Diagramme auswerten</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-brd-wirtschaft -->"
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      "title": "Gesellschaft der Bundesrepublik zwischen Tradition und Wandel",
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      "short": "Gesellschaft der Bundesrepublik zwischen Tradition und Wandel einfach erklärt: Frauenrollen und Familienrecht von der Hausfrauenehe mit dem BGB von 1957 im Wortlaut bis zur Reform 1977, neue Rollenbilder der 1960er-Jahre, Frauenbewegung, Zuwanderung, Umgang mit der NS-Vergangenheit und Wertewandel bis 1990, Forschungsstreit und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-brd-gesellschaft -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Gesellschaft der Bundesrepublik zwischen Tradition und Wandel 1949–1990</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Bei einer Aufgabe zur Gesellschaft der Bundesrepublik wartet in der Klausur keine reine Wissensfrage: Du wertest ein Material aus und nimmst begründet Stellung; Punkte gibt es für Belege und Urteil. Das Grundgesetz versprach 1949, Männer und Frauen seien gleichberechtigt, doch die Gesellschaft der 1950er-Jahre hielt an der Familie mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Hausfrau fest. Das Familienrecht folgte dem Versprechen nur langsam: 1957 bekamen Ehefrauen ein Recht auf Arbeit, aber nur, wenn Haushalt und Familie nicht litten; erst 1977 fiel die Hausfrauenehe. Dazwischen veränderten mehr berufstätige Frauen, die Pille, die Proteste um 1968 und die neue Frauenbewegung die Rollenbilder. Auch Zuwanderung, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und der Wohlstand wandelten die Gesellschaft. Oft war die Gesellschaft schneller als das Recht.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Der Rahmenplan nennt dazu unter anderem: „Frauen in den 1950er und 1960er Jahren zwischen tradierten und neuen Rollenbildern“.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Stell dir vor, deine Urgroßmutter hätte 1950 als Ehefrau eine Stelle angenommen. Ihr Mann hätte den Arbeitsvertrag mit Erlaubnis des Gerichts kündigen können, so stand es noch im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900. Dieser Lernzettel zeigt, wie sich in der Bundesrepublik das Bild davon wandelte, wie Männer und Frauen, Alt und Jung, Einheimische und Zugewanderte zusammenleben.</p>\n<p>Fachleute sprechen von <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Wertewandel<span class=\"wort-erkl\">Veränderung dessen, was Menschen wichtig ist: etwa weg von Pflicht, Gehorsam und Ordnung, hin zu Selbstbestimmung, Mitsprache und Lebensqualität</span></span>. In der Klausur sollst du den Wandel an Gesetzen und an Beispielen aus dem Alltag zeigen und beurteilen, was ihn antrieb.</p>\n</div>\n\n<h4>Die 1950er-Jahre: Tradition als Leitbild</h4>\n<p>Nach Krieg und Diktatur suchten viele Menschen Sicherheit in Familie, Arbeit und Wohlstand. Das Grundgesetz versprach 1949: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Doch in den 1950er-Jahren galt es über Parteigrenzen hinweg als selbstverständlich, dass der Lebensmittelpunkt einer verheirateten Frau Haus und Kinder sind. Nach dem alten Familienrecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs entschied der Ehemann, ob seine Frau berufstätig sein durfte. Die Politik förderte dieses Leitbild, etwa mit dem Familienministerium ab 1953.</p>\n\n<h4>Frauenrechte in Gesetzen</h4>\n<ul>\n<li><strong>1953:</strong> Die Frist des Grundgesetzes zur Anpassung des Familienrechts läuft ab; das Bundesverfassungsgericht stellt klar, dass Mann und Frau nun auch in Ehe und Familie gleichberechtigt sind.</li>\n<li><strong>1957/58:</strong> Das Gleichberechtigungsgesetz (vom Bundestag am 3. Mai 1957 beschlossen, in Kraft am 1. Juli 1958) streicht das Letztentscheidungsrecht des Ehemannes in Fragen der Ehe. Die Ehefrau bleibt aber zur Haushaltsführung verpflichtet: das Leitbild der <strong>Hausfrauenehe</strong>.</li>\n<li><strong>1976/77:</strong> Die Reform des Ehe- und Familienrechts schafft die Hausfrauenehe ab. Die Ehegatten regeln den Haushalt nun im gegenseitigen Einvernehmen, beide dürfen ohne Vorbehalt erwerbstätig sein, und Ehen werden nach dem Zerrüttungs- statt dem Schuldprinzip geschieden.</li>\n</ul>\n\n<h4>Das Material: Das Familienrecht von 1957</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiete des bürgerlichen Rechts, 18. Juni 1957: neue Fassung von § 1356 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (Auszug)</span>\n<p>„Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1957; Wortlaut nach German History in Documents and Images (GHDI). Amtlicher Text.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Der erste Satz legt fest, wer den Haushalt führt, und zwar nur die Frau. Der zweite gibt ihr erstmals ein Recht auf Arbeit, aber mit Vorbehalt: Ehe und Familie gehen vor. Das ist die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Hausfrauenehe<span class=\"wort-erkl\">gesetzliches Leitbild von 1957 bis 1977: Die Frau führt den Haushalt, Erwerbsarbeit ist ihr nur erlaubt, wenn sie Ehe und Familie nicht vernachlässigt</span></span>. Außerdem blieb der Name des Mannes Familienname, und bei Streit über die Kinder sollte der Vater entscheiden; diese Regel hob das Bundesverfassungsgericht 1959 auf.</p>\n\n<h4>Die 1960er- und 1970er-Jahre: neue Rollenbilder</h4>\n<p>Zwischen den Gesetzen liegt ein gesellschaftlicher Wandel. Immer mehr verheiratete Frauen arbeiteten, oft in Teilzeit. Ab 1961 gab es die Antibabypille, die Familienplanung erleichterte. Die Protestbewegung um 1968 stellte Autorität und Familie in Frage. Daraus wuchs eine neue Frauenbewegung: 1971 bekannten 374 Frauen in der Illustrierten „Stern“ öffentlich „Wir haben abgetrieben!“, um gegen das Verbot nach Paragraf 218 zu protestieren. Es folgten Frauenhäuser, Frauenzeitschriften und der Kampf um Selbstbestimmung.</p>\n\n<h4>Weitere Felder des Wandels</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zuwanderung:</strong> Aus angeworbenen „Gastarbeitern“ wurden nach 1973 Einwanderer mit Familien, ohne dass die Politik die Bundesrepublik lange als Einwanderungsland verstand.</li>\n<li><strong>NS-Vergangenheit:</strong> Auf Amnestien und Integration belasteter Personen in den 1950er-Jahren folgten Prozesse wie der Frankfurter Auschwitz-Prozess und eine kritische Auseinandersetzung, die 1968 eine Generation vorantrieb (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">mehr dazu</a>).</li>\n<li><strong>Wohlstand und Konsum:</strong> Das „Wirtschaftswunder“ brachte vielen Familien Wohlstand und veränderte den Alltag (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-wirtschaft\">mehr zur Wirtschaft</a>).</li>\n</ul>\n\n<h4>Wie modern war die Bundesrepublik?</h4>\n<p>Ein Urteil braucht Kriterien: rechtliche Gleichstellung, Chancen am Arbeitsmarkt, Lebensstile, Teilhabe. Die Gesetze zeigen einen langsamen Wandel; oft war die Gesellschaft schneller als das Recht.</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Recht und Gesellschaft trieben sich gegenseitig an. Das Versprechen des Grundgesetzes zwang den Gesetzgeber 1957 zu handeln, doch M 1 schrieb das alte Familienbild fest. Wohlstand und Arbeitskräftemangel holten trotzdem mehr Frauen in den Beruf, so wie sie auch Arbeitsmigranten ins Land holten. Die Generation um 1968 fragte nach Autorität in Familie und Staat und nach der NS-Vergangenheit der Eltern. Die Frauenbewegung machte aus privaten Fragen politische. Erst danach folgte das Recht: Die Reform von 1977 beendete die Hausfrauenehe. So zeigt sich, dass die Gesellschaft oft voranging und das Recht nachzog.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Wann wurde die Bundesrepublik modern?</h4>\n<ul>\n<li><strong>1968 als Wendepunkt:</strong> Lange galt die Protestbewegung als Beginn der Liberalisierung.</li>\n<li><strong>Lange 1960er-Jahre:</strong> Viele Historiker sehen den Wandel schon ab Ende der 1950er-Jahre, getragen von Wohlstand, Bildung, Medien und Konsum; 1968 habe beschleunigt, nicht begonnen.</li>\n<li><strong>Grenzen des Wandels:</strong> Andere betonen, wie lange alte Rollen blieben: Frauen verdienten weniger, Kinderbetreuung fehlte, Führungspositionen blieben männlich.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutungen und Daten: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Recht und Wirklichkeit:</strong> Was stand im Gesetz, wie lebten die Menschen?</li>\n<li><strong>Zeitpunkt:</strong> Wann begann der Wandel, wann wurde er Gesetz?</li>\n<li><strong>Antrieb:</strong> Politik, Gerichte, Wirtschaft oder Bewegungen?</li>\n<li><strong>Reichweite:</strong> Wer profitierte, wer nicht?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an den Rahmenplan: „Frauen in den 1950er und 1960er Jahren zwischen tradierten und neuen Rollenbildern“)</span>\n<p>1. Arbeiten Sie aus M 1 heraus, welches Rollenbild das Gesetz von 1957 festschreibt. (AFB I)</p>\n<p>2. Erläutern Sie den Wandel der Frauenrollen in der Bundesrepublik bis 1977. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob das Gesetz von 1957 eher ein Fortschritt oder eine Festschreibung des Alten war. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Frau führt den Haushalt allein und in eigener Verantwortung; Erwerbsarbeit erlaubt, aber nur, soweit vereinbar mit Pflichten in Ehe und Familie; also Hausfrauenehe mit Zuverdienst als Ausnahme.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Grundgesetz 1949, Frist 1953, Gleichberechtigungsgesetz 1957/58, Urteil 1959 zum Stichentscheid, mehr berufstätige Frauen, Pille 1961, 1968, Frauenbewegung und „Wir haben abgetrieben!“ 1971, Reform 1976/77 mit Ende der Hausfrauenehe und Zerrüttungsprinzip.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Fortschritt:</em> erstmals Recht auf Arbeit ohne Zustimmung des Mannes, Ende des Letztentscheidungsrechts in Ehefragen, eigenes Vermögen, Zugewinngemeinschaft. <em>Festschreibung:</em> Haushalt als Pflicht der Frau, Vorbehalt bei Erwerbsarbeit, Name des Mannes, Stichentscheid des Vaters. Ein gelungenes Urteil: ein Fortschritt im Recht, aber eine Festschreibung im Leitbild. Für die oberen Noten: Du ordnest das Gesetz in den Forschungsstreit ein.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre, warum man sagen kann, dass zwischen Grundgesetz und Familienrecht in den 1950er-Jahren eine Lücke klaffte.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Das Grundgesetz erklärte 1949 Männer und Frauen für gleichberechtigt. Der Text des Familienrechts gab aber bis zur Neuregelung 1957/58 dem Mann das letzte Wort in der Ehe und verpflichtete die Frau bis 1977 zur Haushaltsführung. Recht und Verfassungsversprechen fielen also lange auseinander.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Gleichberechtigung kam 1949 vollständig.</strong> Das Grundgesetz versprach sie, das Familienrecht folgte erst 1958 und 1977.</li>\n<li><strong>Die 1950er als reine Stillstandsjahre.</strong> Wohlstand, Konsum und Mobilität veränderten den Alltag stark.</li>\n<li><strong>Wandel nur von oben.</strong> Viele Veränderungen kamen aus der Gesellschaft, die Gesetze folgten.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">1968: Protest und Aufbruch in der Bundesrepublik</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-wirtschaft\">Wirtschaft der Bundesrepublik 1948–1990</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-migration-brd-ddr\">„Gastarbeiter“ und Vertragsarbeiter: Migration in BRD und DDR</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">Vergangenheitspolitik: Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-brd-gesellschaft -->"
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      "cat": "Bundesrepublik 1949–1990",
      "title": "„Gastarbeiter“ und Vertragsarbeiter: Migration in BRD und DDR",
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      "short": "Arbeitsmigration im geteilten Deutschland einfach erklärt: „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik von 1955 über den Anwerbestopp 1973 bis zur Einwanderungsgesellschaft mit dem Ausländerbeauftragten Kühn 1979 im Wortlaut, Vertragsarbeiter in der DDR und ihre Lage nach 1990, Vergleich, Forschungsstreit und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-migration-brd-ddr -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>„Gastarbeiter“ und Vertragsarbeiter 1955–1997</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Im Wirtschaftswunder fehlten der Bundesrepublik Arbeitskräfte, deshalb warb sie ab 1955 Menschen aus Italien, der Türkei und anderen Ländern als „Gastarbeiter“ an. Gedacht war ein Kommen und Gehen, doch nach dem Anwerbestopp 1973 blieben viele und holten ihre Familien nach; die Politik erkannte erst sehr spät an, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden war. Auch die DDR holte Arbeitskräfte, als Vertragsarbeiter aus sozialistischen Staaten wie Vietnam und Mosambik, streng befristet und in Wohnheimen kontrolliert. Nach 1990 verloren die meisten von ihnen Arbeit und Aufenthalt, viele wurden Opfer rassistischer Gewalt. In der Klausur vergleichst du beide Formen und beurteilst, was aus den Erwartungen wurde.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Der Rahmenplan nennt dazu unter anderem: „Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik: Vom ungeliebten Gastarbeiter zur „Willkommenskultur““.</p>\n<p>Der Abschnitt zur Anwerbung in der Bundesrepublik ist für Hamburg zentral.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Arbeitsmigration<span class=\"wort-erkl\">Wanderung von Menschen in ein anderes Land, um dort zu arbeiten, oft mit dem Plan, später zurückzukehren</span></span> heißt: Menschen gehen dorthin, wo es Arbeit gibt. Beide deutschen Staaten brauchten nach dem Krieg Arbeitskräfte, und beide holten sie aus dem Ausland, aber auf sehr verschiedene Weise.</p>\n<p>Vielleicht stammt jemand in deiner Klasse aus einer Familie, die so nach Deutschland kam. Die Geschichte zeigt, wie aus einer Notlösung auf Zeit eine dauerhafte Veränderung der Gesellschaft wurde. In der Klausur geht es um Ursachen, Lebensbedingungen und Folgen, und um die Frage, wie Staat und Gesellschaft mit den Menschen umgingen.</p>\n</div>\n\n<h4>Bundesrepublik: „Gastarbeiter“</h4>\n<p>Im Wirtschaftswunder fehlten Arbeitskräfte. Die Bundesrepublik schloss deshalb <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Anwerbeabkommen<span class=\"wort-erkl\">zwischenstaatliche Verträge, nach denen Arbeitskräfte für eine begrenzte Zeit in deutschen Betrieben arbeiten sollten</span></span>: mit Italien (20. Dezember 1955), Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Das Wort „Gastarbeiter“ verrät die Erwartung: Sie sollten kommen, arbeiten und wieder gehen.</p>\n<ul>\n<li><strong>Zeitlich begrenzt gedacht:</strong> Im Abkommen mit der Türkei war der Aufenthalt zunächst auf zwei Jahre begrenzt. Auf Druck der Unternehmen und der türkischen Regierung fiel diese Grenze 1964.</li>\n<li><strong>Anwerbestopp, November 1973:</strong> Mit Blick auf die Ölkrise stoppt die Bundesregierung die Anwerbung. Die erwartete Rückkehrwelle bleibt aus: Viele bleiben und holen ihre Familien nach.</li>\n<li><strong>Alltag:</strong> Die Arbeitsmigranten arbeiteten oft am Fließband, im Bergbau und im Bau, lebten anfangs in Baracken oder Wohnheimen und sprachen wenig Deutsch, weil niemand mit ihrem Bleiben rechnete. 1964 wurde der Portugiese Armando Rodrigues de Sá als einmillionster „Gastarbeiter“ mit einem Moped begrüßt.</li>\n<li><strong>Bilanz:</strong> Bis 1973 kamen rund 14 Millionen Arbeitsmigranten, etwa 11 Millionen kehrten zurück. Aus „Gästen“ wurden Einwanderer, ohne dass die Politik das lange anerkannte.</li>\n</ul>\n\n<h4>Das Material: „Einwanderungsland“</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Heinz Kühn, erster Ausländerbeauftragter der Bundesregierung, Rede in Stuttgart, Dezember 1979 (nach einem Zeitungsbericht)</span>\n<p>„Für vier Millionen ausländische Arbeitnehmer und ihre Familien ist die Bundesrepublik zu einem Einwanderungsland geworden.“ […] „Aber denen, die bei uns bleiben wollen, müssen wir uns mit allen Konsequenzen öffnen.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Jutta Roitsch, „Kühn warnt Deutsche vor einem neuen rassischen Hochmut“, Frankfurter Rundschau, Dezember 1979; Wortlaut nach German History in Documents and Images (GHDI). Kurzes Zitat zum Zweck der Analyse.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Kühn, früher Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (SPD), nennt seine eigene Aussage laut dem Bericht eine „für viele schockierende Auffassung“. In seinem Memorandum an die Bundesregierung hatte er unter anderem das kommunale Wahlrecht für Ausländer und eine leichte Einbürgerung für hier geborene Kinder gefordert. Die Regierungen der folgenden Jahre griffen das kaum auf; 1983 zahlte die Regierung Kohl sogar Prämien für die Rückkehr. Erst mit dem neuen Staatsangehörigkeitsrecht 2000 und dem Zuwanderungsgesetz 2005 erkannte die Politik die Einwanderung offiziell an.</p>\n\n<h4>DDR: Vertragsarbeiter</h4>\n<p>Auch die DDR brauchte Arbeitskräfte. Sie schloss Abkommen mit sozialistischen Staaten, unter anderem Polen (1963), Ungarn (1967), Algerien (1974), Kuba (1975), Mosambik (1979), Vietnam (1980) und Angola (1984). Offiziell sollten die Vertragsarbeiter eine Ausbildung erhalten, tatsächlich ging es vor allem um billige Arbeit, oft in schwerer, gesundheitsschädlicher Schichtarbeit, die DDR-Bürger mieden.</p>\n<ul>\n<li><strong>Regeln:</strong> Verträge über vier Jahre, verlängerbar auf sieben; Unterbringung in kontrollierten Wohnheimen, Kontakte zu DDR-Bürgern waren unerwünscht; ein Daueraufenthalt war nicht vorgesehen. Schwangere Vertragsarbeiterinnen standen lange vor der Wahl, abzutreiben oder das Land zu verlassen.</li>\n<li><strong>Zahlen:</strong> 1989 lebten über 90.000 Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter in der DDR, rund zwei Drittel aus Vietnam.</li>\n<li><strong>Nach 1990:</strong> Sie wurden als Erste entlassen, Wohnheime wurden geschlossen, Rückkehrzahlungen sollten zur Ausreise bewegen. Bis zur Einheit verließen viele das Land. Wer blieb, hatte lange nur unsicheren Aufenthalt; erst 1997 wurde die Lage geklärt. Rassistische Gewalt traf sie besonders; der Tod des Angolaners Amadeu Antonio nach einem Überfall in Eberswalde 1990 wurde zum Symbol. 1992 griffen Randalierer in Rostock-Lichtenhagen ein Haus an, in dem frühere vietnamesische Vertragsarbeiter wohnten.</li>\n</ul>\n\n<h4>Vergleich</h4>\n<div class=\"table-wrap\"><table>\n<thead><tr><th></th><th>Bundesrepublik</th><th>DDR</th></tr></thead>\n<tbody>\n<tr><td>Herkunft</td><td>Südeuropa, Türkei, Nordafrika</td><td>sozialistische Staaten, vor allem Vietnam und Mosambik</td></tr>\n<tr><td>Grundlage</td><td>Anwerbeabkommen</td><td>Regierungsabkommen</td></tr>\n<tr><td>Dauer</td><td>befristet gedacht, viele blieben</td><td>befristet, Bleiben nicht vorgesehen</td></tr>\n<tr><td>Familie</td><td>Familiennachzug, vor allem nach 1973</td><td>kein Daueraufenthalt mit Familie vorgesehen</td></tr>\n<tr><td>Ergebnis</td><td>Einwanderungsgesellschaft</td><td>nach 1990 meist Rückkehr, eine kleine Gemeinschaft blieb</td></tr>\n</tbody></table></div>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>In beiden Staaten war der Ausgangspunkt derselbe: Arbeitskräftemangel. Auch die Erwartung war gleich: Die Menschen sollten nur auf Zeit bleiben. Der Unterschied lag im politischen System. In der Demokratie konnten die Arbeitsmigranten Familien nachholen, Gerichte stärkten ihr Bleiberecht, und so wurde aus Anwerbung Einwanderung, auch wenn die Politik das lange bestritt (M 1). In der Diktatur bestimmte der Staat Wohnort, Kontakte und Dauer, ein Bleiben war nicht vorgesehen. Nach 1990 trafen beide Geschichten zusammen: Die früheren Vertragsarbeiter waren nun Ausländer im vereinten Deutschland, ohne die Rechte, die sich die „Gastarbeiter“ über Jahrzehnte erworben hatten, und die rechtsextreme Gewalt richtete sich gegen beide Gruppen.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Erfolg oder Versäumnis?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Bundesrepublik:</strong> Manche Historiker betonen die Erfolgsgeschichte: Millionen fanden Arbeit, Familien stiegen auf, die Gesellschaft wurde vielfältiger. Andere sehen eine verpasste Integration: Jahrzehntelang habe die Politik bestritten, ein Einwanderungsland zu sein, und Sprachkurse, Bildung und Bürgerrechte vernachlässigt.</li>\n<li><strong>DDR:</strong> Die DDR sprach von Solidarität und Ausbildung für befreundete Staaten. Viele Forscher sehen dagegen vor allem billige, kontrollierte Arbeitskräfte; Zeitzeugen erinnern sich aber auch an Freundschaften und Ausbildung.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutungen und Zahlen: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Erwartung und Ergebnis:</strong> Was planten die Staaten, was wurde daraus?</li>\n<li><strong>Rechte:</strong> Aufenthalt, Familie, Wohnung, Arbeitsplatzwechsel, Bürgerrechte.</li>\n<li><strong>Perspektive:</strong> Staat, Unternehmen, Migranten, einheimische Bevölkerung.</li>\n<li><strong>Folgen:</strong> für die Gesellschaft bis heute.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Prüfungsschwerpunkte „Einwanderungsland BRD: ‚Gastarbeiter‘“ und „Vertragsarbeiter in der DDR“)</span>\n<p>1. Geben Sie Kühns Position in M 1 wieder. (AFB I)</p>\n<p>2. Vergleichen Sie die Arbeitsmigration in die Bundesrepublik und in die DDR. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob die Bundesrepublik bis 1990 ein „Einwanderungsland“ war. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Die Bundesrepublik ist für vier Millionen ausländische Arbeitnehmer und ihre Familien ein Einwanderungsland geworden; wer bleiben will, dem muss sich die Gesellschaft „mit allen Konsequenzen“ öffnen. Einordnung: Gegenposition zur Regierungslinie, Ende 1979, Memorandum mit Wahlrecht und Einbürgerung.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> <em>Gemeinsam:</em> Arbeitskräftemangel, befristete Planung, schwere Arbeit. <em>Unterschiede:</em> Herkunft (Südeuropa und Türkei gegen sozialistische Staaten), Rechte (Familiennachzug und Bleiberecht gegen Wohnheim, Kontrolle, keine Familie), Ergebnis (Einwanderungsgesellschaft gegen Rückkehr nach 1990).</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Ja, tatsächlich:</em> Millionen blieben, Familien kamen, Kinder wuchsen hier auf (M 1). <em>Nein, politisch und rechtlich:</em> Regierungen bestritten es, Rückkehrprämien 1983, Einbürgerung schwer, kein Wahlrecht. Ein gelungenes Urteil: tatsächlich ja, nach seinem Selbstverständnis nein; die Lücke zwischen beiden prägte die Integrationsprobleme. Für die oberen Noten: Du unterscheidest Sach- und Werturteil und nennst den Forschungsstreit.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre, warum der Anwerbestopp 1973 die Zahl der Ausländer in der Bundesrepublik nicht senkte.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Die erwartete Rückkehrwelle blieb aus: Viele „Gastarbeiter“ blieben und holten ihre Familien nach. Neue Arbeitskräfte kamen zwar nicht mehr, aber Ehepartner und Kinder. Aus befristeter Arbeitsmigration wurde dauerhafte Einwanderung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>„Gastarbeiter“ unkritisch übernehmen.</strong> Das Wort ist zeitgenössisch und drückt die Erwartung einer Rückkehr aus; setze es in Anführungszeichen.</li>\n<li><strong>Vertragsarbeit als Solidarität darstellen.</strong> Das war die offizielle Begründung; im Vordergrund stand der Arbeitskräftebedarf.</li>\n<li><strong>Nur Zahlen nennen.</strong> Zur Beurteilung gehören Lebensbedingungen, Rechte und die Folgen bis heute.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-einheit\">Friedliche Revolution und Einheit 1989/90</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-ge-statistik\">Statistiken und Diagramme auswerten</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-migration-brd-ddr -->"
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      "content": "<!-- core-card:ge-adenauerzeit -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Die Ära Adenauer und Erhard 1949–1966</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Die Aufgabe zur Adenauerzeit verlangt in der Klausur mehr als Erzählen: Du sollst Ursachen und Folgen erklären und am Ende selbst urteilen; Punkte gibt es für genaue Begriffe und Begründungen. In den ersten Jahren der Bundesrepublik prägte Konrad Adenauer die Politik so stark, dass man von einer „Kanzlerdemokratie“ spricht; 1957 gewann die Union mit „Keine Experimente“ sogar die absolute Mehrheit. Die Gesellschaftspolitik war konservativ: Die Familie mit dem Mann als Ernährer galt als Leitbild, viele Beamte aus der NS-Zeit kehrten in den Dienst zurück. Zugleich veränderten Wohlstand, Konsum, Fernsehen und Jugendkultur den Alltag schneller als die Politik. Die SPD löste sich 1959 im Godesberger Programm vom Marxismus, bejahte die Marktwirtschaft und wurde so regierungsfähig. Nach dem Ende Erhards bildeten Union und SPD 1966 die erste Große Koalition.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span>\n<p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p>\n<ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Die 1950er-Jahre gelten oft als bieder: Nierentisch, Sonntagsbraten, „Keine Experimente“. Das stimmt, aber nur zur Hälfte. Dieselben Jahre brachten Wirtschaftswunder, Rock 'n' Roll, das Fernsehen und eine Jugend, die sich nicht mehr alles sagen ließ.</p>\n<p>In der Klausur geht es um genau diese Spannung: <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Restauration<span class=\"wort-erkl\">Wiederherstellung einer früheren Ordnung; für die 1950er-Jahre: Rückkehr zu konservativen Werten und zu Personal aus der Zeit vor 1945</span></span> in Politik und Familie, Modernisierung in Wirtschaft und Kultur. Dazu kommt die Frage, wie die SPD von der Oppositions- zur Regierungspartei wurde.</p>\n</div>\n\n<h4>Adenauer: Stabilität als Programm</h4>\n<p>Konrad Adenauer (CDU) war von 1949 bis 1963 Bundeskanzler. Er bestimmte die Richtlinien der Politik so entschieden, dass man von einer <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Kanzlerdemokratie<span class=\"wort-erkl\">Regierungsstil, in dem der Bundeskanzler die Politik weitgehend selbst bestimmt und Kabinett und Partei führt</span></span> spricht. Bei der Bundestagswahl am 15. September 1957 errangen CDU und CSU mit 50,2 Prozent die absolute Mehrheit, ein bis heute einmaliges Ergebnis. Ihr Wahlspruch lautete „Keine Experimente“: Ein Regierungswechsel, so die Botschaft, gefährde das Erreichte, also Wirtschaftswunder (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-wirtschaft\">mehr dazu</a>) und Sicherheit im Westen.</p>\n\n<h4>Restaurative Gesellschaftspolitik</h4>\n<p>Viele Historiker nennen die Gesellschaftspolitik der 1950er-Jahre <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">restaurativ<span class=\"wort-erkl\">auf Wiederherstellung älterer Ordnungen und Werte gerichtet, statt auf Neuanfang</span></span>:</p>\n<ul>\n<li><strong>Familie:</strong> 1953 richtete die Regierung ein Familienministerium ein. Minister Franz-Josef Wuermeling (bis 1962) warb für die Familie mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Mutter im Haus (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-gesellschaft\">mehr zu Frauenrollen</a>).</li>\n<li><strong>Beamte:</strong> Das Gesetz zu Artikel 131 des Grundgesetzes vom 11. Mai 1951 gab Beamten, die 1945 ihr Amt verloren hatten, Ansprüche auf Versorgung und Wiedereinstellung. Ausgeschlossen blieben nur wenige, etwa frühere Angehörige der Gestapo; nicht angerechnet wurde, was jemand vor allem seiner engen Verbindung zum Nationalsozialismus verdankte (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">mehr zum Umgang mit der NS-Zeit</a>).</li>\n</ul>\n<h4>Modernisierung in Alltag und Kultur</h4>\n<p>Zugleich modernisierte sich das Land: Wohlstand, Kühlschrank, Auto und Urlaubsreise wurden für viele erreichbar, ab 1952 sendete das Fernsehen, ab 1956 kam Rock 'n' Roll aus den USA. Jugendliche, die „Halbstarken“, provozierten mit Jeans und Musik. Das Gleichberechtigungsgesetz von 1957 schwächte die Vorrechte des Ehemanns, auch wenn die Frau weiter für den Haushalt zuständig blieb. Diese Spannung zwischen Bewahren und Wandel prägt die ganze Ära.</p>\n\n<h4>Die Spiegel-Affäre 1962 und das Ende der Ära</h4>\n<p>Nach dem Artikel „Bedingt abwehrbereit“ ließen die Behörden im Oktober 1962 wegen Verdachts auf Landesverrat die Redaktion des „Spiegel“ durchsuchen; Herausgeber Rudolf Augstein saß über drei Monate in Untersuchungshaft. Studierende demonstrierten für die Pressefreiheit, die FDP protestierte gegen das Vorgehen von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der zurücktreten musste (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-rechtsstaat\">mehr dazu</a>). Die Koalitionskrise beschleunigte Adenauers Abschied: Am 15. Oktober 1963 trat er zurück, Nachfolger wurde Ludwig Erhard, der „Vater des Wirtschaftswunders“.</p>\n\n<h4>Die SPD wird Volkspartei</h4>\n<ul>\n<li><strong>November 1959:</strong> Im Godesberger Programm löst sich die SPD vom Marxismus als Grundlage, versteht sich als Volkspartei und bejaht die Marktwirtschaft: „Wettbewerb soweit wie möglich / Planung soweit wie nötig!“ (M 1).</li>\n<li><strong>30. Juni 1960:</strong> Herbert Wehner erklärt im Bundestag, dass die SPD die Westbindung und die NATO-Mitgliedschaft der Bundesrepublik anerkennt.</li>\n</ul>\n\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Grundsatzprogramm der SPD, beschlossen in Bad Godesberg, 13. bis 15. November 1959 (Auszüge)</span>\n<p>„Totalitäre Zwangswirtschaft zerstört die Freiheit. Deshalb bejaht die Sozialdemokratische Partei den freien Markt, wo immer wirklich Wettbewerb herrscht. Wo aber Märkte unter die Vorherrschaft von einzelnen oder von Gruppen geraten, bedarf es vielfältiger Maßnahmen, um die Freiheit in der Wirtschaft zu erhalten. Wettbewerb soweit wie möglich / Planung soweit wie nötig! […] Die Sozialdemokratische Partei ist aus einer Partei der Arbeiterklasse zu einer Partei des Volkes geworden.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wortlaut nach der Fassung auf spd.de (Grundsatzprogramme); der Schrägstrich markiert einen Zeilenumbruch im Druck. Kurzes Zitat zum Zweck der Analyse.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Die SPD grenzt sich von der „totalitären Zwangswirtschaft“ ab, also auch von der DDR. Der Markt ist die Regel, Eingriffe die Ausnahme. Und sie will nicht mehr nur Arbeiterpartei sein, sondern <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Volkspartei<span class=\"wort-erkl\">Partei, die Wähler aus allen Schichten, Berufen und Konfessionen ansprechen will, statt nur eine Klasse oder Gruppe zu vertreten</span></span>. Das war die Antwort auf drei verlorene Bundestagswahlen.</p>\n\n<h4>Erhard und die Große Koalition</h4>\n<p>Im Herbst 1966 zerbrach die Koalition aus Union und FDP am Haushalt 1967: Erhard wollte die Lücke im Haushalt auch mit Steuererhöhungen schließen, die FDP-Minister traten am 27. Oktober zurück, am 30. November auch Erhard. Am 1. Dezember 1966 wählte der Bundestag Kurt Georg Kiesinger (CDU) zum Kanzler einer Großen Koalition. Erstmals regierte die SPD im Bund mit; Willy Brandt wurde Außenminister und Vizekanzler. Umstritten war Kiesinger, weil er von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP gewesen war. Mit 447 Sitzen hatte die Koalition eine überwältigende Mehrheit im Bundestag (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">weiter zu 1968</a>).</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Die Bausteine hängen zusammen. Das Wirtschaftswunder gab Adenauer die Mehrheit von 1957 und machte „Keine Experimente“ glaubwürdig. Derselbe Wohlstand trieb aber die Modernisierung im Alltag voran, die das konservative Familienbild unterlief. Die Integration der Beamten nach Artikel 131 stabilisierte den Staat, belastete ihn aber mit Personal aus der NS-Zeit, was die Kritik der 1960er-Jahre nährte. Die Spiegel-Affäre zeigte, dass die Öffentlichkeit Machtmissbrauch nicht mehr hinnahm. Die SPD reagierte auf ihre Niederlagen mit Godesberg (M 1) und der Anerkennung der Westbindung; so wurde sie für die Union koalitionsfähig, als Erhards Regierung 1966 zerbrach.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Restauration oder Modernisierung?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Restauration:</strong> Schon 1950 sprach der Publizist Walter Dirks vom „restaurativen Charakter der Epoche“. Viele sahen später eine verpasste Chance zum Neuanfang: alte Eliten, alte Werte, Verdrängung der NS-Zeit.</li>\n<li><strong>Modernisierung im Wiederaufbau:</strong> Andere, etwa der Historiker Axel Schildt, betonen den schnellen Wandel in Konsum, Medien und Lebensstil; die 1950er-Jahre hätten die Grundlagen für die Liberalisierung der 1960er-Jahre gelegt.</li>\n<li><strong>Stabilität als Leistung:</strong> Wieder andere sehen die Stabilität selbst als Erfolg: Anders als Weimar überstand die junge Demokratie ihre Anfangsjahre.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutungen und Daten: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Bereiche trennen:</strong> Politik, Familie, Wirtschaft, Kultur.</li>\n<li><strong>Vergleich:</strong> mit dem Nationalsozialismus, mit Weimar, mit den 1960er-Jahren.</li>\n<li><strong>Perspektive:</strong> Frauen, Jugendliche, NS-Opfer, Vertriebene, Arbeiter.</li>\n<li><strong>Folgen:</strong> Was ermöglichte die Ära, was hinterließ sie als Problem?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an das Basiswissen „Die Regierungszeit von Adenauer und Erhard im Spannungsfeld von restaurativer Gesellschaftspolitik und wirtschaftlicher wie auch kultureller Modernisierung“ und „Das Godesberger Programm der SPD und der Übergang zur Großen Koalition“)</span>\n<p>1. Arbeiten Sie aus M 1 heraus, wie sich die SPD 1959 neu ausrichtet. (AFB I)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, wie es vom Godesberger Programm zur Großen Koalition 1966 kam. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob die Ära Adenauer eher als Zeit der Restauration oder der Modernisierung gelten sollte. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Absage an „totalitäre Zwangswirtschaft“, Bejahung des freien Marktes bei echtem Wettbewerb, staatliche Eingriffe nur gegen Marktmacht; „Wettbewerb soweit wie möglich, Planung soweit wie nötig“; Wandel von der Arbeiter- zur Volkspartei. Einordnung: nach drei Wahlniederlagen, Abgrenzung von der DDR.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Godesberg 1959, Wehners Rede 1960 zur Westbindung, Wahlerfolge der SPD, Ende Adenauers 1963, Haushaltsstreit 1966, Rücktritt der FDP-Minister und Erhards, Wahl Kiesingers am 1. Dezember 1966, Brandt Außenminister.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Restauration:</em> Familienbild, Gesetz zu Artikel 131, Personal aus der NS-Zeit, „Keine Experimente“, Kanzlerdemokratie. <em>Modernisierung:</em> Wirtschaftswunder, Konsum, Fernsehen, Jugendkultur, Gleichberechtigungsgesetz 1957, Westbindung, stabile Demokratie, Spiegel-Affäre als Sieg der Pressefreiheit. Ein gelungenes Urteil: politisch und gesellschaftlich restaurativ, wirtschaftlich und kulturell modernisierend; die Spannung erklärt den Aufbruch um 1968. Für die oberen Noten: Du nennst den Forschungsstreit.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre, warum das Godesberger Programm eine Voraussetzung für die Große Koalition von 1966 war.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Mit Godesberg gab die SPD den Marxismus als Grundlage auf und bejahte die Marktwirtschaft; 1960 erkannte sie auch Westbindung und NATO an. Damit fielen die großen Gegensätze zur Union in Wirtschafts- und Außenpolitik weg. Erst dadurch war eine gemeinsame Regierung mit CDU und CSU denkbar.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Die 1950er-Jahre nur als Stillstand sehen.</strong> Neben konservativer Politik standen Wohlstand, Konsum und Modernisierung.</li>\n<li><strong>Adenauer stürzte über die Spiegel-Affäre.</strong> Er trat ein Jahr später zurück; die Affäre beschleunigte das Ende.</li>\n<li><strong>SPD von Anfang an in der Regierung.</strong> Sie regierte im Bund erst ab Dezember 1966 mit.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">1968: Protest und Aufbruch in der Bundesrepublik</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-wirtschaft\">Wirtschaft der Bundesrepublik 1948–1990</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-gesellschaft\">Gesellschaft der Bundesrepublik zwischen Tradition und Wandel</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">Vergangenheitspolitik: Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-rechtsstaat\">Wehrhafte Demokratie: Parteiverbote, Spiegel-Affäre, RAF</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-adenauerzeit -->"
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      "cat": "Bundesrepublik 1949–1990",
      "title": "Vergangenheitspolitik: Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945",
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      "short": "Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945 einfach erklärt: Nürnberger Prozess, Entnazifizierung in den vier Besatzungszonen, Vergangenheitspolitik der Bundesrepublik, Antifaschismus der DDR, Auschwitz-Prozess und Forschungsstreit, mit Originalquelle und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-vergangenheitspolitik -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Umgang mit dem Nationalsozialismus 1945–1990</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Die Aufgabe zum Umgang mit der NS-Vergangenheit verlangt in der Klausur mehr als Erzählen: Du sollst Ursachen und Folgen erklären und am Ende selbst urteilen; Punkte gibt es für genaue Begriffe und Begründungen. Nach 1945 wollten die Siegermächte den Nationalsozialismus „ausrotten“: Sie stellten die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht und ließen Millionen Deutsche auf ihre NS-Vergangenheit prüfen. Jede Besatzungszone ging dabei anders vor, und im Kalten Krieg wurde die Säuberung überall schnell beendet. Die Bundesrepublik holte in den 1950er-Jahren viele Belastete per Amnestie und Gesetz zurück in Ämter; der Historiker Norbert Frei nennt das „Vergangenheitspolitik“. Erst ab 1958 begann mit großen Prozessen die gründliche Aufarbeitung. Die DDR erklärte sich zum antifaschistischen Staat und sprach so ihre Bürger von Mitschuld frei.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span>\n<p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p>\n<ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Im Mai 1945 war die Diktatur vorbei, aber die Menschen waren noch da. Etwa 8,5 Millionen Deutsche waren Mitglied der NSDAP gewesen. Richter, Lehrer, Beamte und Ärzte hatten dem Regime gedient. Jede Gesellschaft nach einer Diktatur steht vor denselben Fragen: Wen bestraft man? Wen entfernt man aus seinem Amt? Wen braucht man trotzdem für den Wiederaufbau? Und wie erinnert man an die Verbrechen?</p>\n<p>Wie ein Staat diese Fragen beantwortet, nennt man <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Vergangenheitspolitik<span class=\"wort-erkl\">Begriff von Norbert Frei (1996): die Politik der frühen Bundesrepublik, Belastete per Amnestie und Wiedereinstellung zu integrieren und sich zugleich klar vom Nationalsozialismus abzugrenzen</span></span> oder <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Vergangenheitsbewältigung“<span class=\"wort-erkl\">verbreitetes Wort für den Umgang mit der NS-Zeit; es steht oft in Anführungszeichen, weil man Vergangenheit nicht ungeschehen machen, also nicht „bewältigen“ kann</span></span>. In der Klausur sollst du die Wege der vier Zonen und der beiden deutschen Staaten vergleichen und beurteilen, ob sie gelungen sind. Dafür brauchst du Maßstäbe, denn Bestrafung und stabile Demokratie zogen oft in verschiedene Richtungen.</p>\n</div>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Phasen im Umgang mit dem Nationalsozialismus <span>· Die Stationen nach 1945 in drei Phasen, damit du sie einordnen kannst.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 274\" role=\"img\" aria-labelledby=\"vp-t vp-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"vp-t\">Phasen im Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945</title>\n<desc id=\"vp-d\">Drei Spalten nacheinander. 1945 bis 1948: Nürnberger Prozess, Fragebogen und Spruchkammern, Schonung von Fachleuten, nachlassender Eifer ab 1948. 1949 bis 1950er: Straffreiheitsgesetze, Art.-131-Gesetz, zugleich SRP-Verbot und Israel-Abkommen. Ab 1958: Prozesse und Debatten von Ulm bis zu Weizsäckers Rede 1985.</desc>\n<text x=\"180\" y=\"14\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Vom Strafen über das Integrieren zum Aufarbeiten</text>\n<rect x=\"8\" y=\"26\" width=\"108\" height=\"48\" rx=\"6\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.3\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"62\" y=\"42\" font-size=\"10\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">1945 bis 1948</text>\n<text x=\"62\" y=\"54\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Alliierte:</text>\n<text x=\"62\" y=\"66\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">strafen, säubern</text>\n<rect x=\"8\" y=\"80\" width=\"108\" height=\"182\" rx=\"6\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"14\" y=\"96\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Nürnberger</text>\n<text x=\"14\" y=\"108\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Prozess 1945/46</text>\n<text x=\"14\" y=\"126\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Fragebogen und</text>\n<text x=\"14\" y=\"138\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Spruchkammern</text>\n<text x=\"14\" y=\"150\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">(US-Zone)</text>\n<text x=\"14\" y=\"168\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Fachleute werden</text>\n<text x=\"14\" y=\"180\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">geschont</text>\n<text x=\"14\" y=\"198\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">ab 1948 lässt der</text>\n<text x=\"14\" y=\"210\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Eifer nach</text>\n<rect x=\"126\" y=\"26\" width=\"108\" height=\"48\" rx=\"6\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.3\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"180\" y=\"42\" font-size=\"10\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">1949 bis 1950er</text>\n<text x=\"180\" y=\"54\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Bundesrepublik:</text>\n<text x=\"180\" y=\"66\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">integrieren</text>\n<rect x=\"126\" y=\"80\" width=\"108\" height=\"182\" rx=\"6\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"132\" y=\"96\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Straffreiheits-</text>\n<text x=\"132\" y=\"108\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">gesetze 1949, 1954</text>\n<text x=\"132\" y=\"126\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Art.-131-Gesetz</text>\n<text x=\"132\" y=\"138\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">1951: Beamte</text>\n<text x=\"132\" y=\"150\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">kehren zurück</text>\n<text x=\"132\" y=\"168\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">zugleich 1952:</text>\n<text x=\"132\" y=\"180\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">SRP-Verbot,</text>\n<text x=\"132\" y=\"192\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Israel-Abkommen</text>\n<rect x=\"244\" y=\"26\" width=\"108\" height=\"48\" rx=\"6\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.3\" stroke=\"#16a34a\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"298\" y=\"42\" font-size=\"10\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">ab 1958</text>\n<text x=\"298\" y=\"54\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Prozesse und</text>\n<text x=\"298\" y=\"66\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Debatten</text>\n<rect x=\"244\" y=\"80\" width=\"108\" height=\"182\" rx=\"6\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.1\" stroke=\"#16a34a\" stroke-opacity=\"0.8\"/>\n<text x=\"250\" y=\"96\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Ulm 1958,</text>\n<text x=\"250\" y=\"108\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Zentrale Stelle</text>\n<text x=\"250\" y=\"126\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Eichmann 1961</text>\n<text x=\"250\" y=\"144\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Auschwitz-Prozess</text>\n<text x=\"250\" y=\"156\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">1963 bis 1965</text>\n<text x=\"250\" y=\"174\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Dreher-Gesetz</text>\n<text x=\"250\" y=\"186\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">1968</text>\n<text x=\"250\" y=\"204\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Verjährung für</text>\n<text x=\"250\" y=\"216\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Mord 1979</text>\n<text x=\"250\" y=\"228\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">aufgehoben</text>\n<text x=\"250\" y=\"246\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">1985: Weizsäcker,</text>\n<text x=\"250\" y=\"258\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">\"Tag der Befreiung\"</text>\n<line x1=\"116\" y1=\"50\" x2=\"119.0\" y2=\"50.0\" stroke=\"#64748b\" stroke-opacity=\"0.8\" stroke-width=\"1.5\"/><polygon points=\"126,50 119.0,53.5 119.0,46.5\" fill=\"#64748b\" fill-opacity=\"0.8\"/>\n<line x1=\"234\" y1=\"50\" x2=\"237.0\" y2=\"50.0\" stroke=\"#64748b\" stroke-opacity=\"0.8\" stroke-width=\"1.5\"/><polygon points=\"244,50 237.0,53.5 237.0,46.5\" fill=\"#64748b\" fill-opacity=\"0.8\"/>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Die Stationen des Lernzettels in drei Phasen; die DDR ist hier nicht abgebildet, sie steht in der Tabelle weiter unten.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Das Material: was die Sieger 1945 beschlossen</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin („Potsdamer Abkommen“), 2. August 1945 (Auszüge)</span>\n<p>„Der deutsche Militarismus und Nazismus werden ausgerottet […].“</p>\n<p>Abschnitt III A 5: „Kriegsverbrecher und alle diejenigen, die an der Planung oder Verwirklichung nazistischer Maßnahmen, die Greuel oder Kriegsverbrechen nach sich zogen oder als Ergebnis hatten, teilgenommen haben, sind zu verhaften und dem Gericht zu übergeben.“</p>\n<p>Abschnitt III A 6: „Alle Mitglieder der nazistischen Partei, welche mehr als nominell an ihrer Tätigkeit teilgenommen haben, […] sind aus den öffentlichen oder halböffentlichen Ämtern und von den verantwortlichen Posten in wichtigen Privatunternehmungen zu entfernen.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Ergänzungsblatt Nr. 1, S. 13–20, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Die Alliierten unterscheiden schon hier zwischen Tätern, die vor Gericht gehören (Punkt 5), und Mitgliedern, die nur ihr Amt verlieren sollen (Punkt 6). Und sie nehmen „nominelle“ Mitglieder aus, also die, die nur auf dem Papier dabei waren. Wer als nominell galt, war der Streitpunkt der nächsten Jahre. Weitere Ziele des Abkommens waren Entmilitarisierung, Demokratisierung und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Dezentralisierung<span class=\"wort-erkl\">die Macht soll nicht mehr an einer Stelle gebündelt sein, sondern auf Länder und Gemeinden verteilt werden</span></span>.</p>\n\n<h4>Der Nürnberger Prozess: die Spitze vor Gericht</h4>\n<p>Vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 verhandelte im Nürnberger Justizpalast ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Internationaler Militärgerichtshof<span class=\"wort-erkl\">Gericht der vier Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich, geschaffen mit dem Londoner Abkommen vom 8. August 1945</span></span> gegen die Hauptkriegsverbrecher. Angeklagt waren 24 Personen, 21 saßen auf der Anklagebank: Martin Bormann war verschwunden, Robert Ley hatte sich vor Prozessbeginn getötet, das Verfahren gegen Gustav Krupp wurde eingestellt. Die Anklage lautete auf Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Verbrechen gegen die Menschlichkeit<span class=\"wort-erkl\">schwerste Verbrechen gegen Zivilisten, etwa Mord, Ausrottung und Verfolgung aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen</span></span>.</p>\n<p>Am 30. September und 1. Oktober 1946 fielen die Urteile: zwölf Todesurteile, drei lebenslange und vier lange Haftstrafen, drei Freisprüche (darunter Franz von Papen und Hjalmar Schacht). Am 16. Oktober 1946 wurden die Todesurteile vollstreckt; Hermann Göring hatte sich vorher das Leben genommen. Danach führten die USA allein zwölf Nachfolgeprozesse, etwa gegen Ärzte, Juristen und Industrielle.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, „Die Nürnberger Prozesse“.</p>\n<p>Neu war: Führende Politiker eines Staates mussten sich erstmals vor einem internationalen Gericht für Angriffskrieg und Massenmord verantworten. Viele Deutsche sprachen damals von <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Siegerjustiz“<span class=\"wort-erkl\">Vorwurf, die Sieger richteten nur über die Verlierer und nach Regeln, die es zur Tatzeit so noch nicht gab</span></span>. Heute gilt Nürnberg als Beginn des Völkerstrafrechts. Beides ist eine Bewertung, keine Tatsache: Du musst sie in der Klausur begründen.</p>\n\n<h4>Entnazifizierung: vier Zonen, vier Wege</h4>\n<ul>\n<li><strong>Amerikanische Zone, mit größtem Eifer begonnen:</strong> Jeder Erwachsene füllte einen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Fragebogen<span class=\"wort-erkl\">131 Fragen auf sechs Seiten, vor allem zur Mitgliedschaft in NS-Organisationen; falsche Angaben waren strafbar</span></span> aus, insgesamt 13 Millionen. Ab Frühjahr 1946 entschieden nach dem „Befreiungsgesetz“ deutsche <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Spruchkammern<span class=\"wort-erkl\">Laiengerichte mit öffentlichen Klägern, die jeden Fall einzeln prüften und Sühnemaßnahmen festlegten, etwa Geldbußen, Berufsverbot oder Arbeitslager</span></span>. Sie teilten in fünf Gruppen ein: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete. Etwa zehn Prozent der Betroffenen wurden verurteilt; dauerhafte Nachteile hatte weniger als ein Prozent. Mit <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Persilscheinen“<span class=\"wort-erkl\">Bestätigungen von Unbelasteten, mit denen frühere NSDAP-Mitglieder ihre Harmlosigkeit beweisen wollten</span></span> wuschen sich viele rein.</li>\n<li><strong>Britische und französische Zone:</strong> weniger streng. Die Briten gingen pragmatischer vor, die Franzosen je nach Region und Phase verschieden. Später übernahmen auch sie die Spruchkammern.</li>\n<li><strong>Sowjetische Zone, am konsequentesten:</strong> Die Säuberung war Teil eines Umbaus der ganzen Gesellschaft, der „antifaschistisch-demokratischen Umwälzung“ unter Führung der SED. Bis März 1948 verloren 520.734 Menschen ihre Stelle oder wurden nicht wieder eingestellt. Weil etwa 90 Prozent des Justizpersonals in der NSDAP gewesen waren, bildete man in Kurzlehrgängen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Volksrichter<span class=\"wort-erkl\">Laien, die von Parteien vorgeschlagen und in wenigen Monaten zu Richtern ausgebildet wurden</span></span> aus, an den Schulen etwa 40.000 Neulehrer. In <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Speziallagern<span class=\"wort-erkl\">Lager des sowjetischen Geheimdienstes, zum Teil in früheren KZ wie Buchenwald und Sachsenhausen</span></span> saßen neben Nationalsozialisten auch Sozialdemokraten, Liberale und Konservative, oft willkürlich verhaftet und schlecht behandelt. Mit dem Befehl Nr. 201 (August 1947) wurden nominelle Mitglieder rehabilitiert, im Frühjahr 1948 war die Entnazifizierung beendet.</li>\n</ul>\n<p>In allen Zonen schonte man Fachleute, die man für den Wiederaufbau brauchte. Ab 1948, im beginnenden Kalten Krieg, ließ der Eifer überall nach. Schnellverfahren sollten die Sache abschließen; davon profitierten oft schwer Belastete, deren Fälle erst spät drankamen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wolfgang Benz, „Demokratisierung durch Entnazifizierung und Erziehung“, bpb, Informationen zur politischen Bildung 259 „Deutschland 1945–1949“.</p>\n\n<h4>Die Bundesrepublik: Schlussstrich und Integration</h4>\n<p>Schon der erste Bundestag wollte einen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">„Schlussstrich“<span class=\"wort-erkl\">Forderung, die Verfolgung und Säuberung zu beenden und über die NS-Zeit nicht mehr zu reden</span></span>. Norbert Frei hat 1996 gezeigt, wie gezielt das geschah:</p>\n<ul>\n<li><strong>Amnestie:</strong> Ein Straffreiheitsgesetz von 1949 erließ vielen Verurteilten und Angeklagten die Strafe, ein zweites folgte 1954.</li>\n<li><strong>Rückkehr in den Dienst:</strong> Das Gesetz zu Artikel 131 des Grundgesetzes vom 11. Mai 1951 regelte, dass 1945 entlassene Beamte wieder eingestellt oder versorgt wurden. Hans Globke, Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, wurde Staatssekretär im Kanzleramt Adenauers. Im Bundesjustizministerium waren 1963 in Leitungspositionen 55 Prozent frühere NSDAP-Mitglieder.</li>\n<li><strong>Begnadigung:</strong> Adenauer forderte eine Amnestie für Strafen alliierter Gerichte; auch einige in Nürnberg Verurteilte kamen in den 1950er-Jahren frei.</li>\n<li><strong>Abgrenzung und Wiedergutmachung:</strong> Zugleich verstand sich die Bundesrepublik als Gegenmodell zur Diktatur, verbot 1952 die neonazistische SRP und schloss 1952 ein Abkommen mit Israel über Wiedergutmachungszahlungen.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb, „Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess“ (Hintergrund aktuell) und „Amnestie von NS-Tätern: Das Dreher-Gesetz von 1968“; Gesetz zu Art. 131 GG, BGBl. I 1951, S. 307; Eckhard Jesse, „Geschichtspolitik und Vergangenheitsbewältigung“, bpb, Handwörterbuch politisches System (Globke).</p>\n\n<h4>Die Wende ab 1958: Prozesse und Debatten</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>1958, Ulmer Einsatzgruppenprozess:</strong> Erstmals verhandelte ein deutsches Gericht über Massenmord, hier an Juden in Litauen 1941. Zehn Angeklagten wurden 5.502 Morde nachgewiesen. Der Prozess zeigte, dass Täter unbehelligt im Land lebten. Noch 1958 entstand in Ludwigsburg die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Zentrale Stelle<span class=\"wort-erkl\">Behörde der Landesjustizverwaltungen, die NS-Verbrechen ermittelt und die Verfahren an die Staatsanwaltschaften abgibt</span></span>.</li>\n<li><strong>1961, Eichmann-Prozess in Jerusalem:</strong> Den entscheidenden Hinweis auf Eichmanns Versteck gab der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.</li>\n<li><strong>1963 bis 1965, Frankfurter Auschwitz-Prozess:</strong> Bauer setzte durch, dass die Verbrechen in Auschwitz in einem großen Verfahren verhandelt wurden. 359 Zeugen aus 19 Ländern sagten aus, etwa zwei Drittel frühere Häftlinge. Am 19. und 20. August 1965 erhielten sechs Angeklagte lebenslang, drei wurden freigesprochen. Viele empfanden die Urteile als zu milde, aber der Prozess machte Auschwitz in der Öffentlichkeit bekannt.</li>\n<li><strong>1965 bis 1979, Streit um die Verjährung:</strong> Mord verjährte damals nach 20 Jahren. Der Bundestag verschob die Frist mehrmals und hob 1979 die Verjährung für Mord ganz auf. Dazwischen machte 1968 eine unscheinbare Gesetzesänderung (das „Dreher-Gesetz“) die Beihilfe zum Mord in vielen Fällen rückwirkend verjährt, eine Amnestie durch die Hintertür.</li>\n<li><strong>1968, die Studentenbewegung:</strong> Junge Leute fragten ihre Eltern, was sie getan hatten, und warfen der Bundesrepublik vor, den Nationalsozialismus verdrängt zu haben.</li>\n<li><strong>1985 und 1986, Erinnerung als Staatsaufgabe:</strong> Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte den 8. Mai 1945 einen „Tag der Befreiung“. Im <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Historikerstreit<span class=\"wort-erkl\">Debatte 1986/87 vor allem zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas, ob der Holocaust einzigartig ist oder mit anderen Massenverbrechen vergleichbar</span></span> ging es um die Einzigartigkeit des Holocaust.</li>\n</ol>\n<p>Die Bilanz der Justiz: Seit 1945 wurden fast 40.000 Verfahren eingeleitet, etwa 17.000 Anklagen erhoben und knapp 7.000 Verurteilungen ausgesprochen, davon allein 4.666 bis 1949. Seit dem Urteil gegen John Demjanjuk 2011 reicht es für eine Verurteilung wegen Beihilfe, Teil der Mordmaschinerie gewesen zu sein, etwa als Wachmann.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb, „Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess“ und „Das Dreher-Gesetz von 1968“; Jesse (s. o.) für die Zahlen der Verfahren und den Historikerstreit.</p>\n\n<h4>Die DDR: der antifaschistische Staat</h4>\n<p>Die DDR berief sich auf den kommunistischen Widerstand und erklärte sich zum besseren, antifaschistischen Deutschland. Dahinter stand eine marxistische <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Faschismustheorie<span class=\"wort-erkl\">nach Georgi Dimitroff: Faschismus ist die Herrschaft der „reaktionärsten“ Gruppen des Monopolkapitals; wer den Kapitalismus abschafft, hat damit auch die Wurzeln des Faschismus beseitigt</span></span>. Daraus folgte: Weil es in der DDR kein Großkapital mehr gab, war der Faschismus dort besiegt, und die Bürger standen auf der Seite der „Sieger der Geschichte“. Fortgelebt habe er nur im Westen.</p>\n<p>Diese Erzählung war Selbstbild und Herrschaftsmittel zugleich. Sie verschaffte der SED Ansehen, entlastete aber die Bevölkerung von der Frage nach eigener Mitverantwortung. Auch in der DDR wurden frühere NSDAP-Mitglieder eingebunden, etwa über die 1948 eigens gegründete National-Demokratische Partei (NDPD). NS-Prozesse dienten oft der Propaganda; die Waldheimer Prozesse 1950 gegen Häftlinge der Speziallager waren Schnellverfahren ohne rechtsstaatliche Regeln. Die Forschung sieht die weitreichende Integration früherer NS-Täter heute als gesamtdeutsches Phänomen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Herfried Münkler, „Antifaschismus und antifaschistischer Widerstand als politischer Gründungsmythos der DDR“, APuZ 45/1998 (bpb); bpb, „Das Dreher-Gesetz von 1968“ (gesamtdeutsches Phänomen, Schauprozesse).</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<table>\n<thead><tr><th>Aufgabe</th><th>Alliierte 1945–1949</th><th>Bundesrepublik</th><th>DDR</th></tr></thead>\n<tbody>\n<tr><td>Bestrafen</td><td>Nürnberg, Nachfolgeprozesse</td><td>erst schleppend, ab 1958 große Prozesse</td><td>hart, aber oft politisch und ohne Rechtsstaat</td></tr>\n<tr><td>Säubern</td><td>Fragebogen, Spruchkammern, Entlassungen</td><td>Rücknahme durch Amnestie und Art.-131-Gesetz</td><td>radikaler Austausch der Eliten</td></tr>\n<tr><td>Integrieren</td><td>Fachleute geschont, ab 1948 Schnellverfahren</td><td>„Vergangenheitspolitik“ der 1950er-Jahre</td><td>nominelle Mitglieder rehabilitiert, NDPD</td></tr>\n<tr><td>Erinnern</td><td>Umerziehung („reeducation“)</td><td>vom Schweigen zur Aufarbeitung ab den 1960er-Jahren</td><td>Antifaschismus als Gründungsmythos</td></tr>\n</tbody>\n</table>\n\n<h4>Forschungsstreit: Schweigen als Preis der Demokratie?</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Hermann Lübbe, Philosoph, Vortrag im Berliner Reichstagsgebäude, 15. Januar 1983</span>\n<p>„[…] diese gewisse Stille war das sozialpsychologisch und politisch nötige Medium der Verwandlung unserer Nachkriegsbevölkerung in die Bürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Hermann Lübbe, „Der Nationalsozialismus im politischen Bewußtsein der Gegenwart“, in: Martin Broszat u. a. (Hg.), Deutschlands Weg in die Diktatur, Berlin 1983, S. 334; zitiert nach Axel Schildt, „Zur Durchsetzung einer Apologie“, Zeithistorische Forschungen 1/2013, S. 148–152.</p>\n</div>\n<ul>\n<li><strong>Lübbes Deutung:</strong> Weil die Mehrheit bis 1945 zum Regime gehalten hatte, habe es keine andere Wahl gegeben. Erst das Schweigen über Einzelne habe aus ihnen Bürger einer Demokratie gemacht. Den Vorwurf der „Verdrängung“ hielt er für falsch.</li>\n<li><strong>Die Gegenposition:</strong> Der Historiker Axel Schildt nennt Lübbes Vortrag eine „Apologie“, also eine Rechtfertigung. Frei und andere zeigten seit Mitte der 1990er-Jahre, wie viele Täter in Ämtern saßen. Wer im Reichssicherheitshauptamt Karriere gemacht hatte, hatte nach Schildt höhere Chancen, Polizeipräsident einer Großstadt zu werden.</li>\n<li><strong>Die offene Frage:</strong> Wie wurde aus den halb autoritären Anfängen der Bundesrepublik trotzdem eine liberale Demokratie? Durch das Schweigen oder trotz des Schweigens, durch Wirtschaftswunder, Westbindung und die Kritik der Jüngeren?</li>\n</ul>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Gerechtigkeit:</strong> Wurden die Täter ihrer Schuld entsprechend bestraft? Was erfuhren die Opfer?</li>\n<li><strong>Stabilität:</strong> Half die Integration, eine Demokratie aufzubauen, die die Mehrheit trug?</li>\n<li><strong>Rechtsstaat:</strong> Hielten Verfahren rechtsstaatliche Regeln ein (Speziallager, Waldheim, Spruchkammern)?</li>\n<li><strong>Ehrlichkeit:</strong> Stellte sich die Gesellschaft der eigenen Mitverantwortung, oder schob sie sie auf wenige Täter oder auf den anderen Staat?</li>\n<li><strong>Zeit:</strong> Maßstäbe von heute (Strafverfolgung bis ins hohe Alter) waren 1950 nicht selbstverständlich. Sag, aus welcher Zeit dein Maßstab kommt.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „beurteilen exemplarisch die Vergangenheitspolitik der beiden deutschen Staaten“)</span>\n<p>1. Erläutern Sie ausgehend von M 1 die Ziele der Alliierten und ihre Umsetzung in den Besatzungszonen. (AFB I und II)</p>\n<p>2. Analysieren Sie M 2. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie Lübbes These am Beispiel der Vergangenheitspolitik der Bundesrepublik und vergleichen Sie mit dem Umgang der DDR. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Bestrafung der Täter (III A 5, Nürnberger Prozess), Entfernung der mehr als nominellen Mitglieder aus Ämtern (III A 6). Umsetzung: amerikanische Zone mit Fragebogen und Spruchkammern, fünf Gruppen, am Ende meist „Mitläufer“; britische und französische Zone weniger streng; sowjetische Zone radikaler Elitenaustausch als Teil des Gesellschaftsumbaus, Speziallager auch für politische Gegner. Überall: Ausnahmen für Fachleute, Ende im Kalten Krieg.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Autor ist ein Philosoph, kein Historiker; Anlass der 50. Jahrestag des 30. Januar 1933, Ort das Reichstagsgebäude. These: Die „gewisse Stille“ der 1950er-Jahre war „nötig“, um die Bevölkerung zu Bürgern der Demokratie zu machen. Die Wortwahl („nötige Medium“, „Verwandlung“) deutet Schweigen als Leistung, nicht als Versagen. Gegen wen er schreibt: gegen die „Verdrängungsthese“ der Kritiker seit den 1960er-Jahren.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Für Lübbe:</em> Die Bundesrepublik wurde trotz vieler Belasteter eine stabile Demokratie; ehemalige Nationalsozialisten wurden nicht zu ihren Feinden; Wiedergutmachung und SRP-Verbot zeigen eine klare Abgrenzung. <em>Gegen Lübbe:</em> Amnestien und das Art.-131-Gesetz brachten Täter in Justiz und Verwaltung zurück; Prozesse kamen erst ab 1958, viele Täter blieben straffrei (Dreher-Gesetz); die Opfer warteten lange auf Anerkennung. <em>Vergleich:</em> Die DDR schwieg nicht, aber sie erzählte eine Geschichte, in der die eigene Bevölkerung auf der Seite der Sieger stand; auch das war eine Entlastung. Ein gelungenes Urteil nennt das Kriterium: Gemessen an der Stabilität war die Integration erfolgreich, gemessen an Gerechtigkeit für die Opfer ein Versagen. Für die oberen Noten: Du ordnest M 2 als Position im Streit ein (Schildt: „Apologie“) und sagst, dass die Forschung beides als gesamtdeutsches Phänomen sieht.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Ein Mitschüler sagt: „Die Entnazifizierung ist gescheitert.“ Nenne je zwei Argumente dafür und dagegen und ein Kriterium, an dem dein Urteil hängt.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p><em>Dafür:</em> In der amerikanischen Zone hatte weniger als ein Prozent der Betroffenen dauerhafte Nachteile; viele wurden mit „Persilscheinen“ zu Mitläufern, und in den 1950er-Jahren kehrten Belastete in Ämter zurück. <em>Dagegen:</em> Die NS-Führung wurde verurteilt oder entmachtet, die NSDAP aufgelöst; eine Rückkehr der Partei gab es nicht, und die neue Demokratie war stabil. <em>Kriterium:</em> Misst du an der Bestrafung aller Täter, ist sie gescheitert. Misst du daran, ob der Nationalsozialismus als politische Kraft verschwand, war sie erfolgreich.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Entnazifizierung als einheitliche Maßnahme.</strong> Jede Zone ging anders vor; vergleiche sie.</li>\n<li><strong>„Die Amerikaner waren am strengsten.“</strong> Sie begannen am gründlichsten, am konsequentesten und schnellsten war die sowjetische Zone, dort aber verbunden mit Gesellschaftsumbau und Willkür.</li>\n<li><strong>„Vergangenheitsbewältigung“ ohne Anführungszeichen.</strong> Der Begriff klingt, als ließe sich Vergangenheit erledigen.</li>\n<li><strong>Die DDR als Staat ohne alte Nazis.</strong> Auch dort wurden frühere NSDAP-Mitglieder integriert, etwa über die NDPD.</li>\n<li><strong>Die 1950er-Jahre nur als Schweigen.</strong> Es gab zugleich Wiedergutmachung und klare Abgrenzung, aber kaum Strafverfolgung.</li>\n<li><strong>Frei und Lübbe als Fakten.</strong> Beides sind Deutungen; nenne den Autor und seine Position.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-ge-urteil\">Sachurteil und Werturteil</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-vergangenheitspolitik -->"
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      "title": "Friedliche Revolution und Einheit 1989/90",
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      "short": "Friedliche Revolution und Wiedervereinigung 1989/90 einfach erklärt: Ursachen innen und außen, Bürgerrechtsbewegung, Montagsdemonstrationen, Mauerfall, Runder Tisch, Volkskammerwahl, Währungsunion, Zwei-plus-Vier-Vertrag und Artikel 23 oder 146 im Wortlaut, mit Forschungsstreit und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-einheit -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Friedliche Revolution und Einheit 1989/90</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Die Aufgabe zu Friedlicher Revolution und Einheit verlangt in der Klausur mehr als Erzählen: Du sollst Ursachen und Folgen erklären und am Ende selbst urteilen; Punkte gibt es für genaue Begriffe und Begründungen. 1989 brach die SED-Herrschaft in wenigen Monaten zusammen, ohne dass ein Schuss fiel. Von außen öffnete Gorbatschow den Spielraum, weil die Sowjetunion Reformen in den Nachbarstaaten nicht mehr mit Panzern stoppte; von innen trieben Massenflucht, Bürgerrechtsgruppen und Demonstrationen wie die in Leipzig am 9. Oktober 1989 die SED in die Enge. Am 9. November öffnete sich die Mauer, und aus dem Ruf „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“. Nach der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 folgten die Währungsunion, der Zwei-plus-Vier-Vertrag mit den Siegermächten und am 3. Oktober 1990 der Beitritt der DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes. Wer die Revolution vor allem trug, die Opposition oder die vielen „Normalbürger“, ist unter Forschern umstritten.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt · gA und eA</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Wirtschaftsgeschichte vom Wiederaufbau bis zur Wiedervereinigung“</li>\n</ul>\n<p>Endpunkt des Schwerpunkts: Friedliche Revolution, Währungsunion und Einheit 1989/90.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Revolution<span class=\"wort-erkl\">ein schneller, grundlegender Umsturz der politischen Ordnung, der von unten erzwungen wird</span></span> stellt man sich mit Barrikaden vor. 1989 war es anders: Die Menschen in der DDR stürzten eine Diktatur mit Kerzen, Gebeten, Demonstrationen und mit den Füßen, indem sie das Land verließen. Deshalb heißt der Umbruch <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">friedliche Revolution<span class=\"wort-erkl\">der gewaltfreie Sturz der SED-Herrschaft im Herbst 1989; „friedlich“, weil weder Demonstranten noch Staatsmacht Gewalt im großen Stil anwendeten</span></span>.</p>\n<p>In der Klausur unterscheidest du zwei Abschnitte, die oft verwechselt werden. Bis Ende 1989 ging es um Demokratie in der DDR: freie Wahlen, Reisefreiheit, Ende der Stasi. Ab Ende 1989 ging es zunehmend um die Einheit, und dabei redeten nicht nur Deutsche mit, sondern auch die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Beide Abschnitte hängen zusammen, haben aber verschiedene Akteure und Ziele.</p>\n</div>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Friedliche Revolution und Einheit <span>· Zwei Abschnitte auf einer Zeitleiste: erst Demokratie in der DDR, dann der Weg zur Einheit.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 412\" role=\"img\" aria-labelledby=\"ei-t ei-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"ei-t\">Friedliche Revolution und Einheit in zwei Abschnitten</title>\n<desc id=\"ei-d\">Zeitleiste mit zwei Abschnitten. Bis Ende 1989 Demokratie in der DDR: 9. Oktober Leipzig, 9. November Mauerfall, 1. Dezember Führungsanspruch der SED gestrichen. Ab Ende 1989 die Einheit, bei der die Siegermächte mitreden: 18. März 1990 Volkskammerwahl, 1. Juli Währungsunion, 23. August Beitrittsbeschluss, 12. September Zwei-plus-Vier-Vertrag, 3. Oktober Beitritt nach Artikel 23.</desc>\n<text x=\"180\" y=\"14\" font-size=\"11\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.9\">1989/90: erst Demokratie in der DDR, dann Einheit</text>\n<circle cx=\"94\" cy=\"67\" r=\"4.5\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"105\" r=\"4.5\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"143\" r=\"4.5\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"211\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"249\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"287\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"325\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<circle cx=\"94\" cy=\"363\" r=\"4.5\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.5\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.9\"/>\n<rect x=\"14\" y=\"28\" width=\"332\" height=\"22\" rx=\"6\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.14\" stroke=\"#2563eb\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"180\" y=\"43\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Bis Ende 1989: Demokratie in der DDR</text>\n<text x=\"78\" y=\"71\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">9.10.1989</text>\n<text x=\"106\" y=\"71\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Leipzig</text>\n<text x=\"106\" y=\"83\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">rund 70.000 auf dem Ring, „Keine Gewalt“</text>\n<text x=\"78\" y=\"109\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">9.11.1989</text>\n<text x=\"106\" y=\"109\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Mauerfall</text>\n<text x=\"106\" y=\"121\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Schabowski, Grenzsoldaten öffnen</text>\n<text x=\"78\" y=\"147\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">1.12.1989</text>\n<text x=\"106\" y=\"147\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">SED-Führungsanspruch gestrichen</text>\n<text x=\"106\" y=\"159\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">ab 7. Dezember Runder Tisch</text>\n<rect x=\"14\" y=\"172\" width=\"332\" height=\"22\" rx=\"6\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.14\" stroke=\"#d97706\" stroke-opacity=\"0.6\"/>\n<text x=\"180\" y=\"187\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Ab Ende 1989: Einheit, die Siegermächte reden mit</text>\n<text x=\"78\" y=\"215\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">18.3.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"215\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Erste freie Volkskammerwahl</text>\n<text x=\"106\" y=\"227\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Allianz für Deutschland rund 48 %</text>\n<text x=\"78\" y=\"253\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">1.7.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"253\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Währungsunion</text>\n<text x=\"106\" y=\"265\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Löhne, Renten, Mieten 1 : 1</text>\n<text x=\"78\" y=\"291\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">23.8.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"291\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Beitrittsbeschluss</text>\n<text x=\"106\" y=\"303\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">294 von 400 Stimmen</text>\n<text x=\"78\" y=\"329\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">12.9.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"329\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Zwei-plus-Vier-Vertrag</text>\n<text x=\"106\" y=\"341\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Siegermächte regeln die äußeren Fragen</text>\n<text x=\"78\" y=\"367\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"end\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">3.10.1990</text>\n<text x=\"106\" y=\"367\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.95\">Beitritt nach Artikel 23</text>\n<text x=\"106\" y=\"379\" font-size=\"10\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">fünf neue Länder, Berlin Hauptstadt</text>\n<text x=\"180\" y=\"402\" font-size=\"10\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.85\">Zwischen Mauerfall und Beitritt liegt fast ein Jahr.</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Blau der Abschnitt, in dem es um Demokratie in der DDR ging, gelb der Abschnitt, in dem es um die Einheit ging und auch die Siegermächte mitredeten; nicht maßstabsgetreu.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Warum es 1989 geschah: Ursachen außen und innen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Außen, Gorbatschow:</strong> Seit 1985 führte Michail Gorbatschow die Sowjetunion. Mit <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Glasnost<span class=\"wort-erkl\">russisch „Offenheit“: mehr öffentliche Kritik und Information</span></span> und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Perestroika<span class=\"wort-erkl\">russisch „Umbau“: Reform von Wirtschaft, Staat und Partei</span></span> wollte er das System retten. Er gab die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Breschnew-Doktrin<span class=\"wort-erkl\">Grundsatz, dass die Sowjetunion eingreift, wenn in einem Bruderstaat der Sozialismus gefährdet scheint, wie 1968 in Prag</span></span> auf. Polen und Ungarn reformierten, die SED unter Erich Honecker lehnte Reformen ab.</li>\n<li><strong>Außen, Ungarn:</strong> Ab Anfang Mai 1989 baute Ungarn die Grenzanlagen zu Österreich ab und öffnete im September die Grenze ganz. Zehntausende DDR-Bürger flohen über Ungarn, andere in die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau. Bis zum Mauerfall verließen etwa 200.000 Menschen die DDR.</li>\n<li><strong>Innen:</strong> Mangelwirtschaft, Umweltzerstörung und fehlende Freiheit. Bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 wiesen Oppositionelle, die die Auszählung beobachteten, Fälschungen nach; offiziell stimmten über 98 Prozent für die Einheitsliste. Das Vertrauen in die SED brach weiter ein.</li>\n</ul>\n\n<h4>Herbst 1989: der Sturz der SED</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>September, Bürgerrechtsgruppen:</strong> Am 9./10. September gründen Bärbel Bohley, Jens Reich und andere das Neue Forum mit dem Aufruf „Aufbruch 89“. Es folgen Demokratie Jetzt, der Demokratische Aufbruch und eine Sozialdemokratische Partei. Der Antrag des Neuen Forums auf Zulassung wird als „staatsfeindlich“ abgelehnt, bis Jahresende unterschreiben 200.000 Menschen den Aufruf.</li>\n<li><strong>9. Oktober, Leipzig:</strong> Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche ziehen rund 70.000 Menschen über den Ring und rufen „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“. Viele fürchteten ein Blutbad; die Staatsmacht weicht zurück, die sowjetischen Truppen bleiben in den Kasernen. Danach wachsen die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Montagsdemonstrationen<span class=\"wort-erkl\">wöchentliche Demonstrationen in Leipzig nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche, ab September 1989; bald auch in vielen anderen Städten</span></span> immer weiter.</li>\n<li><strong>18. Oktober, Honecker gestürzt:</strong> Die eigene Parteispitze zwingt ihn zum Rücktritt. Sein Nachfolger Egon Krenz verspricht eine „Wende“, um die Macht der SED zu retten.</li>\n<li><strong>9. November, Mauerfall:</strong> Politbüromitglied Günter Schabowski verkündet auf einer Pressekonferenz neue Reiseregeln, die nach seinen Worten „sofort, unverzüglich“ gelten. Tausende strömen an die Grenzübergänge, die Grenzsoldaten öffnen ohne klaren Befehl.</li>\n<li><strong>Dezember, Ende der SED-Herrschaft:</strong> Am 1. Dezember streicht die Volkskammer den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung. Ab dem 7. Dezember verhandeln am <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Runden Tisch<span class=\"wort-erkl\">Gesprächsrunde aus Regierung, alten Parteien, Bürgerrechtsgruppen und Kirchen, die bis zur freien Wahl die Regierung kontrollierte; nach polnischem Vorbild</span></span> alte Kräfte und Opposition über freie Wahlen, die Auflösung der Stasi und eine neue Verfassung.</li>\n</ol>\n<p class=\"ks-quelle\">Lebendiges Museum Online (LeMO), Haus der Geschichte, Kapitel „Deutsche Einheit“ (Glasnost und Perestroika, Kommunalwahlen, Massenflucht, Neues Forum, Montagsdemonstrationen, Führungswechsel, Fall der Mauer, Runder Tisch); Leipzig 9. Oktober: auch Martin Sabrow, „Mythos 1989“, Deutschland Archiv (bpb), 28.11.2019.</p>\n\n<h4>1990: der Weg zur Einheit</h4>\n<ul>\n<li><strong>Vom Volk zum einen Volk:</strong> Am 28. November 1989 legte Bundeskanzler Helmut Kohl im Bundestag überraschend ein Zehn-Punkte-Programm vor, das über gemeinsame Strukturen zur Einheit führen sollte. Ab Mitte November riefen Demonstranten „Wir sind ein Volk“ und „Deutschland, einig Vaterland“. Viele Bürgerrechtler wollten dagegen eine erneuerte, eigene DDR.</li>\n<li><strong>18. März 1990, erste freie Volkskammerwahl:</strong> Die Wahlbeteiligung lag über 93 Prozent. Die „Allianz für Deutschland“ um die Ost-CDU, die die schnelle Einheit versprach, gewann rund 48 Prozent; das Bündnis 90 der Bürgerrechtsgruppen kam auf 2,9 Prozent. Lothar de Maizière (CDU) wurde Ministerpräsident.</li>\n<li><strong>1. Juli 1990, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion:</strong> Die D-Mark wurde Zahlungsmittel, Löhne, Gehälter, Renten und Mieten wurden 1 : 1 umgestellt, die DDR übernahm die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik. Kritiker warnten, viele Ostbetriebe würden dem Wettbewerb nicht standhalten.</li>\n<li><strong>23. August 1990, Beitrittsbeschluss:</strong> Die Volkskammer beschloss mit 294 von 400 Stimmen den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zum 3. Oktober. Am 31. August folgte der Einigungsvertrag.</li>\n<li><strong>12. September 1990, Zwei-plus-Vier-Vertrag:</strong> Die beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte regelten die äußeren Fragen (M 2). Gorbatschow hatte im Sommer zugestimmt, dass das vereinte Deutschland in der NATO bleiben darf; im Gegenzug gab es Wirtschaftshilfe, und auf dem Gebiet der DDR sollten keine NATO-Truppen stehen.</li>\n<li><strong>3. Oktober 1990:</strong> Die DDR tritt bei, die fünf neuen Länder entstehen, Berlin wird Hauptstadt.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Zehn-Punkte-Programm“, „Freie Volkskammerwahl“, „Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion“, „Einigungsvertrag“, „Zwei-plus-Vier-Vertrag“; Wahlergebnis auch: German History in Documents and Images (GHDI), „Ergebnis der Volkskammerwahlen, 18. März 1990“.</p>\n\n<h4>Das Material: zwei Wege im Grundgesetz und der Vertrag mit den Siegermächten</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Grundgesetz vom 23. Mai 1949, Artikel 23 und Artikel 146 (Fassung bis 1990)</span>\n<p>Art. 23: „Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiete der Länder […]. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.“</p>\n<p>Art. 146: „Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1949, S. 1–19, Wortlaut nach documentArchiv.de. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland („Zwei-plus-Vier-Vertrag“), 12. September 1990 (Auszüge)</span>\n<p>Art. 1 (1): „Das vereinte Deutschland wird die Gebiete der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik und ganz Berlins umfassen. Seine Außengrenzen werden die Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland sein und werden am Tage des Inkrafttretens dieses Vertrags endgültig sein.“</p>\n<p>Art. 7 (2): „Das vereinte Deutschland hat demgemäß volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Bundesgesetzblatt 1990 II, S. 1318 ff., Wortlaut nach der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Dossier „Zwei-plus-Vier-Vertrag“. Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>So liest du M 1. Das Grundgesetz bot zwei Wege. Nach Art. 23 konnten weitere Teile Deutschlands einfach beitreten, das Grundgesetz galt dann auch dort. Nach Art. 146 hätte das ganze deutsche Volk eine neue Verfassung beschließen können. Gewählt wurde Art. 23: schneller, und mit einer bewährten Verfassung. Viele Bürgerrechtler wollten Art. 146, damit auch die Erfahrungen aus der DDR in eine gemeinsame Verfassung eingehen. Der Runde Tisch legte im April 1990 einen eigenen Verfassungsentwurf vor; die neu gewählte Volkskammer lehnte es Ende April mit 179 zu 167 Stimmen ab, ihn weiter zu beraten.</p>\n<p>M 2 zeigt, warum die Einheit auch eine internationale Frage war. Seit 1945 hatten die vier Mächte Rechte für „Deutschland als Ganzes“. Erst mit Art. 7 endeten sie. Art. 1 machte die Grenzen endgültig, also auch die Oder-Neiße-Grenze zu Polen. Deshalb wurde Art. 23 nach dem Beitritt gestrichen: Es sollte keine „anderen Teile Deutschlands“ mehr geben, die beitreten könnten. Art. 146 blieb mit einem neuen Wortlaut, der von der „Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands“ spricht. Eine Verfassungskommission führte 1994 zu Änderungen des Grundgesetzes, etwa dem Umweltschutz als Staatsziel (Art. 20a).</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Streichung von Art. 23 und Neufassung von Art. 146: Einigungsvertrag, Art. 4 (gesetze-im-internet.de); Verfassungsentwurf und Abstimmung 179 zu 167: bpb, „Verpasste Chancen“, Aus Politik und Zeitgeschichte (In guter Verfassung, 2024). Art. 20a: Deutscher Bundestag, Textarchiv 2013, „Umweltschutz im Grundgesetz“; bpb, Lexikon Recht A–Z, „Umweltschutz“.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Wer hat die Revolution gemacht?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Deutung „Werk der Opposition“:</strong> Viele frühere Bürgerrechtler und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk betonen, dass wenige Mutige den Umbruch erzwangen, während die Mehrheit lange abwartete.</li>\n<li><strong>Deutung „Aufstand der Normalbürger“:</strong> Der Religionssoziologe Detlef Pollack hält die Erzählung von der Bürgerbewegung als Hauptakteur für eine Legende; entscheidend seien die vielen gewöhnlichen Menschen gewesen, die flohen und demonstrierten.</li>\n<li><strong>Einordnung:</strong> Der Historiker Martin Sabrow zeigt, dass die Sichten weniger weit auseinanderlagen, als der heftige Streit 2019 vermuten ließ; auch Kowalczuk nennt die Ausreisebewegung einen herausragenden Faktor. Umstritten ist auch das Wort „Wende“: Egon Krenz nutzte es im Oktober 1989, um die SED an die Spitze der Veränderungen zu setzen. Viele lehnen es deshalb ab und sprechen von Revolution.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Martin Sabrow, „Mythos 1989“, Deutschland Archiv (bpb), 28.11.2019 (Pollack-Kowalczuk-Debatte, Wende und Revolution); LeMO, „Führungswechsel“ (Krenz, „Wende“).</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Akteure:</strong> Wer erzwang was? Opposition, Ausreisende, Demonstranten, SED-Reformer, Gorbatschow, Bundesregierung.</li>\n<li><strong>Gewichtung von außen und innen:</strong> Hätte es den Umbruch ohne Gorbatschow gegeben, und ohne die Menschen auf der Straße?</li>\n<li><strong>Tempo und Form der Einheit:</strong> Was sprach für den schnellen Beitritt (Abwanderung, Zustimmung der Siegermächte, Wahlergebnis), was für eine neue Verfassung (Mitsprache der Ostdeutschen)?</li>\n<li><strong>Folgen:</strong> Freiheit und Wohlstand einerseits, Arbeitslosigkeit und das Gefühl vieler Ostdeutscher, übernommen worden zu sein, andererseits.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierung „Bedeutung des Grundgesetzes im Prozess der Wiedervereinigung“)</span>\n<p>1. Geben Sie die in M 1 genannten Wege zur Einheit wieder. (AFB I)</p>\n<p>2. Erläutern Sie, warum 1990 der Weg über Artikel 23 gewählt wurde. Beziehen Sie M 2 ein. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, inwieweit der Beitritt nach Artikel 23 der richtige Weg zur Einheit war. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Art. 23: Beitritt weiterer Teile Deutschlands, das Grundgesetz gilt dann dort. Art. 146: Ablösung des Grundgesetzes durch eine Verfassung, die das deutsche Volk „in freier Entscheidung“ beschließt.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Erwartet werden Gründe im Zusammenhang: anhaltende Abwanderung in den Westen und wirtschaftlicher Zusammenbruch der DDR; Wahlsieg der Allianz für Deutschland am 18. März 1990 mit dem Versprechen schneller Einheit; Währungsunion am 1. Juli als Vorstufe; das günstige Zeitfenster, solange Gorbatschow zustimmte; Art. 23 setzte eine bewährte Verfassung sofort in Kraft. M 2 zeigt, dass die Einheit nur mit Zustimmung der vier Mächte möglich war und die Grenzfrage endgültig regeln musste.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> Urteil mit Kriterium (Legitimität und Folgen). Dafür: Die frei gewählte Volkskammer beschloss den Beitritt mit großer Mehrheit, das Zeitfenster war unsicher, das Grundgesetz war erprobt. Dagegen: Die Ostdeutschen konnten über die gemeinsame Verfassung nicht abstimmen, der Entwurf des Runden Tisches wurde nicht beraten, und viele empfanden die Einheit als Übernahme. Ein mögliches Urteil: Der Beitritt war politisch nachvollziehbar und demokratisch beschlossen, ließ aber eine Chance zur gemeinsamen Verfassungsdebatte ungenutzt. Für die oberen Noten: Hinweis, dass auch heute über die Folgen gestritten wird.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>a) Ordne zu, ob es sich um eine äußere oder innere Ursache des Umbruchs handelt: Aufgabe der Breschnew-Doktrin, gefälschte Kommunalwahl im Mai 1989, Grenzöffnung Ungarns, Gründung des Neuen Forums. b) Erkläre in zwei Sätzen, was der Wechsel von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ zeigt.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>a) Außen: Breschnew-Doktrin, Grenzöffnung Ungarns. Innen: gefälschte Kommunalwahl, Neues Forum. Gute Antworten zeigen die Verbindung: Die Grenzöffnung wirkte nur, weil so viele Menschen gehen wollten.</p>\n<p>b) „Wir sind das Volk“ forderte Demokratie in der DDR: Das Volk, nicht die SED, soll bestimmen. „Wir sind ein Volk“ forderte die Einheit mit der Bundesrepublik; das Ziel vieler Demonstranten verschob sich nach dem Mauerfall von der Reform der DDR zur Wiedervereinigung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Mauerfall gleich Einheit.</strong> Zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 liegt fast ein Jahr.</li>\n<li><strong>Die Einheit als Werk von Politikern allein.</strong> Ohne Flucht und Demonstrationen hätte es keinen Mauerfall gegeben.</li>\n<li><strong>Art. 23 und Art. 146 verwechseln.</strong> Die DDR trat nach Art. 23 bei; Art. 146 wäre der Weg über eine neue Verfassung gewesen.</li>\n<li><strong>Die Siegermächte vergessen.</strong> Ohne den Zwei-plus-Vier-Vertrag gab es keine volle Souveränität.</li>\n<li><strong>„Wende“ unkommentiert verwenden.</strong> Das Wort stammt im politischen Gebrauch von Egon Krenz; „friedliche Revolution“ ist der Fachbegriff.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-ge-narration\">Eine historische Darstellung schreiben (Narration)</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-einheit -->"
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      "content": "<!-- core-card:ge-1968 -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>„1968“: Protest und Aufbruch in der Bundesrepublik 1965–1970</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Ab Mitte der 1960er-Jahre protestierten in der Bundesrepublik Studierende zuerst für eine Reform der Hochschulen, dann gegen die ganze Ordnung ihrer Elterngeneration. Weil die Große Koalition von CDU/CSU und SPD ab 1966 kaum noch Opposition im Bundestag ließ, sammelte sich der Protest außerhalb des Parlaments in der APO. Der Tod Benno Ohnesorgs bei einer Demonstration am 2. Juni 1967, das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 und der Streit um die Notstandsgesetze im Mai 1968 waren die Höhepunkte. Danach zerfiel die Bewegung; eine kleine Minderheit ging in den Terrorismus. Ob „1968“ den Wandel der Gesellschaft auslöste oder nur beschleunigte, ist bis heute umstritten.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Zusätzlich auf erhöhtem Anforderungsniveau:</p>\n<ul>\n<li>„„1968“ und die Folgen“</li>\n</ul>\n<p>Der Rahmenplan nennt dazu unter anderem: „Deutscher Herbst 1977“, „Neue soziale Bewegungen“.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Die Bundesrepublik der 1950er- und frühen 1960er-Jahre war wirtschaftlich erfolgreich, aber gesellschaftlich eng: Autorität in Familie, Schule und Universität wurde selten infrage gestellt, über die NS-Zeit sprachen viele nicht, und an den Hochschulen lehrten Professoren, die schon im Nationalsozialismus gelehrt hatten. Eine Generation, die nach dem Krieg geboren oder aufgewachsen war, wollte das nicht mehr hinnehmen.</p>\n<p>„1968“ ist deshalb mehr als ein Jahr: ein Kürzel für eine Protest- und Aufbruchszeit von etwa 1965 bis Anfang der 1970er-Jahre, die es auch in den USA, Frankreich und vielen anderen Ländern gab. In der Klausur sollst du Ursachen, Ereignisse und Folgen erklären und beurteilen, was der Protest bewirkte.</p>\n</div>\n\n<h4>Ursachen und Ideen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Große Koalition ohne Opposition:</strong> Ab Dezember 1966 regierten CDU/CSU und SPD gemeinsam; im Bundestag blieb nur die kleine FDP als Opposition. Viele sahen die Opposition deshalb auf der Straße: die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">APO<span class=\"wort-erkl\">Außerparlamentarische Opposition: Sammelname für Studentengruppen, Intellektuelle, Teile der Gewerkschaften und Kirchen, die außerhalb des Parlaments protestierten</span></span>.</li>\n<li><strong>Hochschule und Gesellschaft:</strong> Seit 1965 forderten Studierende, zuerst in Berlin, eine Reform der Hochschulen; daraus wurde eine Revolte gegen die Werte der Gesellschaft.</li>\n<li><strong>Die NS-Vergangenheit:</strong> In den Augen der Studierenden hatte die Vätergeneration über dem Wiederaufbau die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus versäumt.</li>\n<li><strong>Vietnam und die „Dritte Welt“:</strong> Der amerikanische Krieg in Vietnam und die Unterstützung autoritärer Regime durch den Westen trafen überall auf Protest.</li>\n<li><strong>Theorie:</strong> Grundlage der Kritik war ein wiederentdeckter <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Marxismus<span class=\"wort-erkl\">auf Karl Marx zurückgehende Lehre, die Gesellschaft als Kampf von Klassen versteht und den Kapitalismus überwinden will</span></span>; großen Einfluss hatten die Sozialwissenschaftler der „Frankfurter Schule“ wie Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer mit ihrer Kritik an der kapitalistischen Überflussgesellschaft. Gefeiert wurden auch Rosa Luxemburg, Mao Tse-tung und Che Guevara.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO (Haus der Geschichte), „Studentenbewegung und APO“.</p>\n\n<h4>Die Schlüsselereignisse</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>2. Juni 1967:</strong> Bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin erschoss der Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg. In vielen Städten folgten Unruhen. Kurras wurde in mehreren Instanzen freigesprochen; das führte bei vielen Studierenden zu einer grundsätzlichen Ablehnung des Staates. Erst 2009 wurde bekannt, dass Kurras SED-Mitglied und Informant der Stasi war.</li>\n<li><strong>Kampf gegen die Springer-Presse:</strong> Die Berliner Springer-Zeitungen, vor allem „Bild“, berichteten scharf gegen die Studierenden; die Bewegung warf dem Verlag Hetze vor. Es kam auch zu Brandanschlägen auf Kaufhäuser als Symbole des „kapitalistischen Systems“.</li>\n<li><strong>11. April 1968:</strong> In West-Berlin schoss ein junger Arbeiter auf Rudi Dutschke, den bekanntesten Sprecher des <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">SDS<span class=\"wort-erkl\">Sozialistischer Deutscher Studentenbund, wichtigster Studentenverband der Bewegung; 1961 von der SPD getrennt</span></span>. Dutschke überlebte schwer verletzt und starb 1979 an den Spätfolgen. In den Ostertagen versuchten Demonstranten in vielen Städten, die Auslieferung der „Bild“ zu blockieren; es gab schwere Gewalt.</li>\n<li><strong>11. Mai 1968:</strong> Über 40.000 Menschen zogen im Sternmarsch nach Bonn gegen die geplanten Notstandsgesetze, aufgerufen vom Kuratorium „Notstand der Demokratie“ aus Studierenden, Wissenschaft, Kultur, Gewerkschaften und Kirchen.</li>\n<li><strong>30. Mai 1968:</strong> Der Bundestag beschloss die Notstandsgesetze mit der Zweidrittelmehrheit der Großen Koalition.</li>\n</ol>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO, „Studentenbewegung und APO“ und Biografie „Rudi Dutschke“; bpb, „Notstandsgesetze: Testfall für die Demokratie“ (Hintergrund aktuell). Die Teilnehmerzahl des Sternmarschs schwankt je nach Quelle zwischen 30.000 und 60.000.</p>\n\n<h4>Das Material: der Streit um die Notstandsgesetze</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Heinrich Böll, Schriftsteller, auf der Abschlusskundgebung des Sternmarschs, Bonn, 11. Mai 1968 (Auszug)</span>\n<p>„Aufgrund meiner Erfahrungen mit verschiedenen Notständen der deutschen Geschichte bin ich der Überzeugung, dass Notstände – was hier bedeutet Krieg oder Bürgerkrieg – durch Gesetze nicht zu regeln sind.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Zitiert nach bpb, „Notstandsgesetze: Testfall für die Demokratie“ (Hintergrund aktuell).</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 2 · Grundgesetz, Artikel 20 Absatz 4, eingefügt mit den Notstandsgesetzen 1968</span>\n<p>„Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 20 Abs. 4 (amtlicher Text, gemeinfrei).</p>\n</div>\n<p>Worum ging es? Das Grundgesetz von 1949 enthielt keine Regeln für Krieg, Katastrophe oder Aufruhr; bis dahin hatten sich die Westalliierten für den Krisenfall Rechte vorbehalten. Befürworter wollten, dass Staat und Parlament auch im Notfall handlungsfähig bleiben. Kritiker erinnerten an Artikel 48 der Weimarer Verfassung, mit dem 1933 die Reichstagsbrandverordnung erlassen worden war. Die Gesetze von 1968 änderten das Grundgesetz an mehr als 20 Stellen: Sie regelten Verteidigungsfall, Spannungsfall und inneren Notstand, erlaubten dann Eingriffe etwa ins Post- und Fernmeldegeheimnis, sicherten aber auch den Bundestag (er darf im Verteidigungsfall nicht aufgelöst werden) und fügten das Widerstandsrecht (M 2) ein, auch um die Kritik der Gewerkschaften zu entkräften. Anders als in Weimar liegt die Entscheidung nicht bei einem Präsidenten, sondern beim Parlament.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb (s. o.).</p>\n\n<h4>Zerfall und Folgen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zerfall:</strong> Nach dem Beschluss brach das Bündnis aus Studierenden und Gewerkschaften auseinander; die Gewerkschaftsführungen hatten Streiks gegen die Gesetze abgelehnt. Die Bewegung zersplitterte in viele Gruppen; der SDS löste sich 1970 auf.</li>\n<li><strong>Terrorismus:</strong> Eine kleine Minderheit ging in den bewaffneten Untergrund; daraus entstand die Rote Armee Fraktion (RAF), die in den 1970er-Jahren mordete, bis zum „Deutschen Herbst“ 1977.</li>\n<li><strong>Gesellschaft:</strong> Lebensstile und Sexualmoral wurden freier, eine neue Frauenbewegung entstand, Erziehung, Schulen und Hochschulen veränderten sich, Bürgerinitiativen und später die neuen sozialen Bewegungen (Umwelt, Frieden) knüpften an die Protestformen an. Die Frage nach den Tätern der NS-Zeit wurde lauter gestellt.</li>\n<li><strong>Politik:</strong> 1969 wurde Willy Brandt Kanzler und versprach „mehr Demokratie wagen“; manche Achtundsechziger engagierten sich später in Parteien, auch bei den Grünen.</li>\n</ul>\n<p><strong>Im Osten:</strong> 1968 hofften viele Menschen in der Tschechoslowakei auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, den Prager Frühling. Im August 1968 schlugen Truppen des Warschauer Pakts ihn nieder. In der DDR protestierten Einzelne mit Flugblättern und Parolen und wurden verhaftet; eine Massenbewegung wie im Westen gab es nicht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Zerfall nach den Notstandsgesetzen: bpb (s. o.). Übrige Daten: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Die Ursachen verstärkten sich: Die Große Koalition nahm der Kritik den Platz im Parlament, der Vietnamkrieg gab ihr ein Thema, die Theorie gab ihr eine Sprache. Der Tod Ohnesorgs und der Freispruch des Polizisten machten aus Protest Ablehnung des Staates; das Attentat auf Dutschke führte zu Gewalt auf beiden Seiten. Die Notstandsgesetze verbanden Studierende und Gewerkschaften, ihr Beschluss trennte sie wieder. Politisch scheiterte die Bewegung, gesellschaftlich wirkte sie lange nach.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Auslöser, Beschleuniger oder Mythos?</h4>\n<ul>\n<li><strong>„Fundamentalliberalisierung“:</strong> Der Philosoph Jürgen Habermas sah in der Protestbewegung den ersten Schub einer grundlegenden Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft, also einen Durchbruch zur Demokratie im Alltag.</li>\n<li><strong>Beschleuniger:</strong> Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie deutet „1968“ als Beschleunigung eines Wandels, der schon in Gang war: Wohlstand, Bildungsexpansion, Fernsehen und eine neue Jugendkultur hatten die Gesellschaft schon seit den späten 1950er-Jahren verändert.</li>\n<li><strong>Geschichtspolitischer Streit:</strong> Der Historiker Edgar Wolfrum beschreibt, wie „1968“ zum Dreh- und Angelpunkt des Streits um das Selbstverständnis der Bundesrepublik wurde: Die einen feiern die Achtundsechziger als Demokratisierer, andere machen sie für Werteverfall und Terror verantwortlich. Frühere Aktivisten haben sich inzwischen selbst scharf kritisiert, etwa für die Bewunderung von Diktatoren wie Mao.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Habermas: Humanistische Union, „Katalysator der Verständigung über die Bundesrepublik“ (vorgänge 181); Leggewie: APuZ „1968 ist Geschichte“ (bpb); Wolfrum: APuZ „1968 in der gegenwärtigen deutschen Geschichtspolitik“ (bpb).</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Ziele und Ergebnisse:</strong> Was wollte die Bewegung (Revolution, Reform), was erreichte sie?</li>\n<li><strong>Mittel:</strong> Wie verhielten sich Demonstranten und Staat, und wo kippte Protest in Gewalt?</li>\n<li><strong>Demokratie:</strong> Stärkte die Bewegung die Demokratie oder bedrohte sie sie, und waren die Notstandsgesetze eine Gefahr oder eine Sicherung?</li>\n<li><strong>Dauer und Wandel:</strong> Was hatte schon vorher begonnen, was kam durch „1968“?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierungen „Die Radikalisierung im Gefolge nach der Erschießung Benno Ohnesorgs“ und „‚1968‘ und die Folgen“)</span>\n<p>1. Erläutern Sie die Ursachen der Protestbewegung in der Bundesrepublik. (AFB II)</p>\n<p>2. Erklären Sie mit M 1 und M 2 den Streit um die Notstandsgesetze. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob „1968“ die Bundesrepublik demokratischer gemacht hat. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Große Koalition ohne nennenswerte Opposition, Hochschulreform als Ausgangspunkt, Kritik am Schweigen über die NS-Zeit, Vietnamkrieg und Dritte-Welt-Politik, marxistische Theorie und Frankfurter Schule, internationale Protestwelle; Radikalisierung nach dem Tod Ohnesorgs 1967 und dem Freispruch des Polizisten.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> M 1: Böll warnt aus Erfahrung mit deutschen „Notständen“, dass Krieg und Bürgerkrieg sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und fürchtet eine Mobilmachung der Gesellschaft; Hintergrund ist Weimar (Art. 48, Reichstagsbrandverordnung). Befürworter: Handlungsfähigkeit im Krisenfall, Ablösung alliierter Vorbehaltsrechte. M 2: Das Widerstandsrecht wurde eingefügt, um Missbrauch entgegenzuwirken und die Gewerkschaften zu beruhigen. Zusätzliche Sicherungen: Parlament entscheidet, Bundestag kann nicht aufgelöst werden.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Dafür:</em> Fundamentalliberalisierung (Habermas), Frauenbewegung, Bürgerinitiativen, offenere Erziehung, stärkere Aufarbeitung der NS-Zeit, „mehr Demokratie wagen“. <em>Dagegen oder einschränkend:</em> Viele Ziele waren antidemokratisch oder revolutionär, Bewunderung für Diktatoren; Gewalt und RAF; der Wandel hatte schon vorher begonnen (Leggewie); die Notstandsgesetze wurden trotzdem beschlossen und haben die Demokratie nicht beschädigt. Ein gelungenes Urteil: „1968“ beschleunigte eine Demokratisierung der Gesellschaft, obwohl Teile der Bewegung die parlamentarische Demokratie ablehnten. Für die oberen Noten: Du trennst Absicht und Wirkung und nennst die Deutungen als Positionen.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre, warum die Große Koalition (1966 bis 1969) den Protest außerhalb des Parlaments verstärkte. Nenne zwei Gründe.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Erstens gab es im Bundestag kaum noch Opposition, Kritik fand also keinen Platz im Parlament. Zweitens hatte die Koalition die Zweidrittelmehrheit für Grundgesetzänderungen und konnte so die umstrittenen Notstandsgesetze beschließen, an denen frühere Regierungen gescheitert waren.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>„1968“ gleich ein Jahr.</strong> Gemeint ist eine Protestzeit etwa von Mitte der 1960er bis Anfang der 1970er-Jahre.</li>\n<li><strong>Studentenbewegung gleich RAF.</strong> Nur eine kleine Minderheit ging in den Terrorismus.</li>\n<li><strong>Ohnesorg und Dutschke verwechseln.</strong> Ohnesorg starb 1967 durch die Kugel eines Polizisten; auf Dutschke schoss 1968 ein junger Arbeiter.</li>\n<li><strong>Die Studierenden als Führung des Notstandsprotests.</strong> Federführend waren vor allem die Gewerkschaften, besonders die IG Metall.</li>\n<li><strong>Notstandsgesetze gleich Artikel 48.</strong> Anders als nach der Weimarer Verfassung entscheidet das Parlament, und es gibt Sicherungen wie das Widerstandsrecht.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">Vergangenheitspolitik: Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-1968 -->"
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      "cat": "Bundesrepublik 1949–1990",
      "title": "Ideen und Folgen der 68er-Bewegung",
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      "short": "Ideen und Folgen der 68er-Bewegung einfach erklärt: Kritische Theorie mit Adornos „Erziehung nach Auschwitz“ im Wortlaut und Marcuse, die Mitscherlichs und die „Unfähigkeit zu trauern“, Simone de Beauvoir; Kritik an Familie, Kapitalismus und Staat; Kommune und Kinderläden; Zerfall der Bewegung, Forschungsstreit über die Folgen und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-1968-ideen -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Ideen und Folgen der 68er-Bewegung 1949–1970</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu den Ideen der 68er eine Quelle oder Darstellung und sollst sie einordnen und beurteilen; Punkte gibt es für Belege am Material und ein begründetes Urteil, nicht fürs Aufzählen von Jahreszahlen. Die Protestierenden um 1968 handelten nicht nur aus Wut, sie beriefen sich auf Theorien: Die Frankfurter Schule um Adorno und Marcuse kritisierte die Konsumgesellschaft und autoritäre Strukturen, die Mitscherlichs warfen den Deutschen vor, ihre Schuld am Nationalsozialismus abzuwehren, Simone de Beauvoir zeigte, dass Geschlechterrollen gemacht und nicht angeboren sind. Daraus folgte Kritik an der autoritären Familie, am Kapitalismus und am Staat, und neue Lebensformen wie Kommunen und Kinderläden. Nach 1968 zerfiel die Bewegung in kleine Gruppen, eine winzige Minderheit ging in den Terrorismus. Ob „1968“ die Bundesrepublik liberalisierte oder nur einen älteren Wandel beschleunigte, ist umstritten.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span>\n<p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p>\n<ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Zusätzlich auf erhöhtem Anforderungsniveau:</p>\n<ul>\n<li>„„1968“ und die Folgen“</li>\n</ul>\n<p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„1968“ steht für Demonstrationen, Sit-ins und lange Haare. Auf der Karte <a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">zu den Ereignissen</a> geht es um das, was passierte. Dieser Lernzettel fragt nach dem Warum: Welche Bücher und Gedanken trieben die jungen Leute an, und was wollten sie verändern?</p>\n<p>Ein Schlüsselwort ist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">autoritär<span class=\"wort-erkl\">auf unbedingten Gehorsam gegenüber Autoritäten wie Eltern, Lehrern oder Staat gerichtet, ohne Widerspruch und Begründung</span></span>. Viele 68er glaubten, der Nationalsozialismus sei auch aus autoritärer Erziehung erwachsen. In der Klausur sollst du einen theoretischen Ansatz genau erklären, die Kritik an Familie, Kapitalismus und Staat erläutern und die Folgen beurteilen.</p>\n</div>\n\n<h4>Woher die Ideen kamen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Kritische Theorie:</strong> Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas und Herbert Marcuse von der „Frankfurter Schule“ galten als intellektuelle Väter der Außerparlamentarischen Opposition. Marcuses Buch „Der eindimensionale Mensch“ (1964) kritisierte die kapitalistische Konsumgesellschaft; anders als Adorno fragte er auch, wie man sie überwinden könne. Sein Vortrag an der Freien Universität Berlin im Juli 1967 einte die Studentenopposition wie kaum ein Ereignis sonst.</li>\n<li><strong>„Erziehung nach Auschwitz“:</strong> In einem Rundfunkvortrag 1966 machte Adorno die Verhinderung eines neuen Auschwitz zur obersten Aufgabe der Erziehung (M 1).</li>\n<li><strong>Die Mitscherlichs:</strong> Alexander und Margarete Mitscherlich deuteten 1967 in „Die Unfähigkeit zu trauern“ mit Begriffen der Psychoanalyse, wie die Deutschen die Auseinandersetzung mit ihrer Mitschuld am Nationalsozialismus abwehrten. Ihr Begriff der „Trauerarbeit“ prägt die Debatte bis heute.</li>\n<li><strong>Simone de Beauvoir:</strong> Ihr Buch „Das andere Geschlecht“ (1949) bestritt, dass die Natur die Geschlechterrollen festlegt: Zur Frau werde man gemacht.</li>\n</ul>\n\n<h4>Das Material: Adorno über Erziehung</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Theodor W. Adorno, Philosoph und Soziologe, „Erziehung nach Auschwitz“, Rundfunkvortrag im Hessischen Rundfunk 1966 (erster Satz)</span>\n<p>„Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Gedruckt in: Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, hg. von Gerd Kadelbach, Frankfurt am Main 1970; Wortlaut übereinstimmend in mehreren wissenschaftlichen Wiedergaben, unter anderem der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Kurzes Zitat zum Zweck der Analyse.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Adorno stellt die Erinnerung an den Völkermord über alle anderen Ziele der Schule, über Wissen und Leistung. Im Vortrag erklärt er, warum: Menschen, die blind gehorchen und sich nicht in andere hineinversetzen, könnten wieder zu Tätern werden. Erziehung soll deshalb zu <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mündigkeit<span class=\"wort-erkl\">Fähigkeit, selbst zu denken und zu urteilen, statt anderen blind zu folgen; ein Begriff aus der Aufklärung (Kant)</span></span> führen. Genau daran knüpften die Kinderläden und die Kritik an der autoritären Familie an.</p>\n\n<h4>Kritik und Forderungen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Familie:</strong> Gestützt auf die Studien der Frankfurter Schule zum „autoritären Charakter“ galt autoritäre Erziehung in der Familie als Nährboden für Diktatur. Die Kommune I in West-Berlin (gegründet Anfang 1967) probte neue Lebensformen. Der „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ forderte 1968 Kinderläden; schon 1967 hatte Monika Seifert in Frankfurt einen ersten „repressionsfreien“ Kindergarten gegründet. <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Antiautoritäre Erziehung<span class=\"wort-erkl\">Erziehung ohne Zwang und Strafe, die Kinder zu Selbstbestimmung und Kritik befähigen soll</span></span> wurde zum Schlagwort.</li>\n<li><strong>Kapitalismus:</strong> Kritik an der Konsumgesellschaft und an der Pressemacht, vor allem am Springer-Verlag.</li>\n<li><strong>Staat:</strong> Kritik an der Großen Koalition, an den Notstandsgesetzen und an Politikern mit NS-Vergangenheit wie Kanzler Kiesinger (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">mehr zu den Ereignissen</a>).</li>\n</ul>\n\n<h4>Zerfall</h4>\n<p>Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 und dem Beschluss der Notstandsgesetze verlor die Bewegung ihr gemeinsames Ziel und spaltete sich. Auch das Verhältnis zu den Lehrern brach: Als Studierende im Januar 1969 das Frankfurter Institut für Sozialforschung besetzen wollten, rief Adorno die Polizei. Am 21. März 1970 erklärte sich der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) für aufgelöst. Daraus gingen kleine kommunistische „K-Gruppen“ hervor, meist maoistisch; eine winzige Minderheit ging in den Terrorismus der RAF.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Was bewirkte „1968“?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Liberalisierung:</strong> Für die einen hat „1968“ die Bundesrepublik nachhaltig liberalisiert: Ideen wie gewaltfreie Erziehung, Mitbestimmung und Selbstbestimmung sind heute selbstverständlich, die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wurde zur gesellschaftlichen Aufgabe.</li>\n<li><strong>Beschleuniger:</strong> Andere sehen den Wandel schon ab Ende der 1950er-Jahre angelegt, durch Wohlstand, Bildung und Medien; 1968 habe ihn sichtbar gemacht und beschleunigt.</li>\n<li><strong>Kritik:</strong> Wieder andere betonen den Dogmatismus, die Verklärung kommunistischer Diktaturen in Teilen der Bewegung und die Nähe einiger zu Gewalt.</li>\n</ul>\n<p>Prüfe aktuelle Darstellungen deshalb mit Fragen: Wer urteilt, mit welchem Interesse, welche Belege fehlen?</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Deutungen und Daten: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Theorie und Praxis hingen eng zusammen. Aus der Kritischen Theorie stammte die Idee, dass autoritäre Erziehung autoritäre Menschen hervorbringe; Adorno (M 1) machte daraus eine Aufgabe für die Schule. Die Mitscherlichs zeigten, wie die Eltern ihre Schuld abwehrten, das schärfte den Blick der Jüngeren auf Politiker mit NS-Vergangenheit. Marcuse lieferte die Kritik an Konsum und Medien, daraus folgte der Protest gegen Springer. De Beauvoir half, Familie und Geschlechterrollen als veränderbar zu sehen. Kommunen und Kinderläden waren der Versuch, diese Gedanken im Alltag umzusetzen. Als die gemeinsamen Ziele 1968 verloren gingen, zerfiel die Bewegung; die Ideen aber wirkten in der Frauenbewegung, der Pädagogik und der Erinnerungskultur weiter.</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Ideen und Wirkung:</strong> Welche Gedanken setzten sich durch, welche nicht?</li>\n<li><strong>Mittel:</strong> Diskussion und Protest oder Gewalt?</li>\n<li><strong>Zeitrahmen:</strong> Auslöser oder Teil eines längeren Wandels?</li>\n<li><strong>Perspektive:</strong> Studierende, Eltern, Professoren, Arbeiter, Frauen in der Bewegung.</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an das Basiswissen „Die exemplarische Behandlung eines theoretischen Ansatzes der Protestierenden“ und „Kritik und Forderungen der Bewegung im Hinblick auf Familie, Kapitalismus, Staat“)</span>\n<p>1. Erläutern Sie Adornos Forderung in M 1 und ihren Hintergrund. (AFB II)</p>\n<p>2. Erläutern Sie die Kritik der 68er an Familie, Kapitalismus und Staat. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob „1968“ die Gesellschaft der Bundesrepublik grundlegend verändert hat. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Verhinderung eines neuen Auschwitz als oberstes Erziehungsziel; Hintergrund: Kritische Theorie, Studien zum autoritären Charakter, Mündigkeit statt Gehorsam; Einordnung: Rundfunkvortrag 1966, zeitgleich mit den NS-Prozessen.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> <em>Familie:</em> autoritäre Erziehung als Nährboden, Kommune I, Kinderläden, antiautoritäre Erziehung. <em>Kapitalismus:</em> Konsumgesellschaft nach Marcuse, Pressemacht des Springer-Verlags. <em>Staat:</em> Große Koalition ohne starke Opposition, Notstandsgesetze, Kanzler Kiesinger mit NS-Vergangenheit.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Dafür:</em> neue Erziehungsideale, Frauenbewegung, Aufarbeitung der NS-Zeit, mehr Mitsprache in Schule und Hochschule, Wandel der Lebensformen. <em>Dagegen:</em> Wandel schon vorher angelegt, Bewegung klein und zerstritten, politische Ziele wie Sozialismus scheiterten, K-Gruppen und RAF als Irrwege. Ein gelungenes Urteil trennt politische Ziele (gescheitert) und kulturelle Folgen (weitreichend). Für die oberen Noten: Du nennst den Forschungsstreit.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Erkläre, warum die Kritik an der Familie für die 68er auch eine Kritik an der NS-Vergangenheit war.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Nach der Kritischen Theorie entstehen autoritäre Charaktere in einer autoritären Erziehung. Solche Menschen hätten den Nationalsozialismus getragen. Wer verhindern wollte, „daß Auschwitz nicht noch einmal sei“, musste nach dieser Sicht Erziehung und Familie verändern. Daher Kinderläden und antiautoritäre Erziehung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Adorno als Anführer der Revolte.</strong> Er lieferte Ideen, lehnte aber Aktionen wie die Institutsbesetzung ab.</li>\n<li><strong>Die 68er gleich RAF.</strong> Nur eine winzige Minderheit wurde zu Terroristen.</li>\n<li><strong>Theorie ohne Autor nennen.</strong> Ordne jede Idee einer Person und einem Werk zu.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">1968: Protest und Aufbruch in der Bundesrepublik</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-gesellschaft\">Gesellschaft der Bundesrepublik zwischen Tradition und Wandel</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">1968: Protest und Aufbruch in der Bundesrepublik</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-adenauerzeit\">Die Ära Adenauer und Erhard 1949–1966</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">Vergangenheitspolitik: Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-1968-ideen -->"
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      "title": "Wehrhafte Demokratie: Parteiverbote, Spiegel-Affäre, RAF",
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      "short": "Rechtsstaat und wehrhafte Demokratie in der Bundesrepublik einfach erklärt: Parteiverbote SRP 1952 und KPD 1956, Spiegel-Affäre 1962 mit Spiegel-Urteil im Original, APO, Radikalenerlass 1972 mit Zahlen, Terrorismus der RAF und Deutscher Herbst 1977, Grenzen der Freiheit und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-brd-rechtsstaat -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Rechtsstaat und Umgang mit Andersdenkenden in der Bundesrepublik 1952–1977</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zum Rechtsstaat der Bundesrepublik eine Quelle oder Darstellung und sollst sie einordnen und beurteilen; Punkte gibt es für Belege am Material und ein begründetes Urteil, nicht fürs Aufzählen von Jahreszahlen. Aus dem Scheitern von Weimar zog das Grundgesetz die Lehre, dass sich eine Demokratie gegen ihre Feinde wehren darf; man spricht von wehrhafter Demokratie. Das Bundesverfassungsgericht verbot deshalb 1952 die neonazistische SRP und 1956 die KPD. Zugleich musste der Staat zeigen, dass er Kritik aushält: In der Spiegel-Affäre 1962 ließ die Regierung eine Redaktion durchsuchen, die Öffentlichkeit wehrte sich, und das Gericht betonte die Bedeutung der freien Presse. Der Radikalenerlass von 1972 und der Kampf gegen den Terror der RAF bis zum Deutschen Herbst 1977 stellten erneut die Frage, wie weit ein Rechtsstaat gehen darf, um sich zu schützen.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Gesellschaft zwischen Tradition(en) und Wandel“</li>\n</ul>\n<p>Zusätzlich auf erhöhtem Anforderungsniveau:</p>\n<ul>\n<li>„„1968“ und die Folgen“</li>\n</ul>\n<p>Der Rahmenplan nennt dazu unter anderem: „Deutscher Herbst 1977“.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Rechtsstaat<span class=\"wort-erkl\">Staat, in dem alle staatliche Macht an Gesetze gebunden ist, Grundrechte gelten und unabhängige Gerichte die Regierung kontrollieren</span></span> bindet sich selbst an Recht und Grundrechte. Das macht ihn verletzlich: In Weimar hatten Feinde der Demokratie ihre Freiheiten genutzt, um sie abzuschaffen. Das Grundgesetz von 1949 wollte das verhindern und gab der Demokratie Mittel, sich zu wehren.</p>\n<p>Daraus entsteht eine Spannung, die bis heute gilt: Wer die Demokratie schützt, muss manchmal Freiheiten einschränken, und wer zu viel einschränkt, beschädigt, was er schützen will. In der Klausur sollst du an Beispielen zeigen, wie die Bundesrepublik mit Gegnern und Kritikern umging, und beurteilen, wo sich der Rechtsstaat bewährte und wo er an Grenzen ging.</p>\n</div>\n\n<h4>Wehrhafte Demokratie: Parteiverbote</h4>\n<p>Nach Art. 21 Abs. 2 des Grundgesetzes sind Parteien verfassungswidrig, die die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">freiheitliche demokratische Grundordnung<span class=\"wort-erkl\">die Kernprinzipien des Grundgesetzes: Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Mehrparteiensystem, unabhängige Gerichte</span></span> beseitigen wollen; darüber entscheidet allein das Bundesverfassungsgericht. Dieses Prinzip der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">wehrhaften Demokratie<span class=\"wort-erkl\">Grundsatz, dass die Demokratie ihre Gegner nicht gewähren lassen muss: Parteien und Vereinigungen, die sie beseitigen wollen, können verboten werden</span></span> wurde zweimal angewandt:</p>\n<ul>\n<li><strong>1952:</strong> Verbot der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP).</li>\n<li><strong>1956:</strong> Verbot der KPD. Es folgten zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen Kommunisten. Kritiker sehen darin bis heute eine Überreaktion im Kalten Krieg; die Partei war bei der Bundestagswahl 1953 schon an der Fünfprozenthürde gescheitert.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Parteiverbote und Kritik: bpb, „Verbot der KPD 1956“ und „Parteien und Verbote“; BVerfG, Parteiverbotsverfahren (siehe Karte zu Bundesrepublik und DDR).</p>\n\n<h4>Die Spiegel-Affäre 1962</h4>\n<p>Am 10. Oktober 1962 erschien im „Spiegel“, damals mit rund 500.000 Exemplaren, der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ über die Schwächen der Bundeswehr in einer NATO-Übung. Wegen des Verdachts auf Landesverrat durchsuchte die Polizei Ende Oktober die Redaktion; Herausgeber Rudolf Augstein und mehrere Redakteure wurden verhaftet. Das Verteidigungsministerium hatte das Vorgehen unterstützt. Es gab Demonstrationen und Proteste in der Presse, die FDP zog ihre Minister aus der Regierung zurück, Verteidigungsminister Franz Josef Strauß musste gehen.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 5. August 1966 („Spiegel-Urteil“), Leitgedanke (Auszug)</span>\n<p>„Eine freie, nicht von der öffentlichen Gewalt gelenkte, keiner Zensur unterworfene Presse ist ein Wesenselement des freiheitlichen Staates; insbesondere ist eine freie, regelmäßig erscheinende politische Presse für die moderne Demokratie unentbehrlich. Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muß er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen können, die andere sich gebildet haben.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">BVerfGE 20, 162 (Erster Senat); Wortlaut nach dem Projekt „Deutschsprachiges Fallrecht“ der Universität Bern (servat.unibe.ch). Amtlicher Text, gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Das Gericht formulierte Grundsätze, die bis heute zitiert werden. Die Verfassungsbeschwerde des „Spiegel“ wies es aber zurück: Die Richter waren gespalten, und bei Stimmengleichheit konnte nach dem Gesetz kein Verstoß gegen das Grundgesetz festgestellt werden. Die Affäre zeigt beides: die Bereitschaft der Regierung, unbequeme Journalisten zu verfolgen, und die Kraft einer Öffentlichkeit, die sich dagegen wehrte. Viele sehen in ihr deshalb einen Wendepunkt zu einer selbstbewussteren Demokratie.</p>\n\n<h4>Protest und Radikalenerlass</h4>\n<p>Ende der 1960er-Jahre protestierte die Außerparlamentarische Opposition gegen Notstandsgesetze, Vietnamkrieg und das Schweigen über die NS-Zeit (<a href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">mehr auf der Karte zu 1968</a>). Am 28. Januar 1972 beschlossen Bundeskanzler Willy Brandt und die Ministerpräsidenten den <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Radikalenerlass<span class=\"wort-erkl\">Beschluss von 1972: Bewerber und Beschäftigte im öffentlichen Dienst werden auf ihre Verfassungstreue geprüft; Kritiker sprachen von „Berufsverboten“</span></span>: Einstellungsbehörden fragten beim Verfassungsschutz an, ob „verfassungsfeindliche Aktivitäten“ bekannt seien.</p>\n<ul>\n<li><strong>Umfang:</strong> Allein bis 1976 wurden fast eine halbe Million Bewerber überprüft und 430 abgelehnt. Von 1972 bis 1991 soll es bis zu 3,5 Millionen Anfragen gegeben haben, nach Schätzungen rund 1.250 Ablehnungen und etwa 260 Entlassungen. Etwa 80 Prozent der Betroffenen waren angehende oder aktive Lehrerinnen und Lehrer.</li>\n<li><strong>Recht:</strong> Das Bundesverfassungsgericht bestätigte 1975, dass Behörden Bewerber ablehnen dürfen, wenn sie einer als verfassungsfeindlich eingestuften Partei angehören, auch wenn diese nicht verboten ist.</li>\n<li><strong>Kritik und Ende:</strong> Nach Kritik im In- und Ausland schwächte der Bund die Regeln 1976 ab und fragte ab 1979 nur noch bei konkretem Verdacht an; die Länder folgten bis 1991. 1995 gab der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einer entlassenen Lehrerin, Mitglied der DKP, Recht.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">bpb, „Vor 50 Jahren: ‚Radikalenerlass‘“ (Hintergrund aktuell, 2022).</p>\n\n<h4>Terrorismus der RAF und der Deutsche Herbst 1977</h4>\n<p>Aus einer kleinen Minderheit der Protestbewegung entstand ab 1970 die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Rote Armee Fraktion<span class=\"wort-erkl\">RAF: linksterroristische Gruppe um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, die den Staat mit Anschlägen und Morden bekämpfte</span></span>, die den Staat mit Anschlägen und Morden bekämpfte. Ihren Höhepunkt erreichte der Terror 1977, im „Deutschen Herbst“:</p>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>5. September 1977:</strong> Die RAF entführte in Köln Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, ermordete seine Begleiter und forderte die Freilassung von elf inhaftierten RAF-Mitgliedern.</li>\n<li><strong>13. Oktober:</strong> Palästinensische Terroristen entführten zur Unterstützung die Lufthansa-Maschine „Landshut“; in Aden erschossen sie den Piloten Jürgen Schumann.</li>\n<li><strong>18. Oktober:</strong> Kurz nach Mitternacht stürmte die Spezialeinheit GSG 9 in Mogadischu das Flugzeug und befreite die Geiseln. In derselben Nacht nahmen sich Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim das Leben.</li>\n<li><strong>19. Oktober:</strong> Schleyers Leiche wurde in Mülhausen im Elsass in einem Kofferraum gefunden.</li>\n</ol>\n<p>Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt ließ sich nicht erpressen. Um die Kommunikation der Gefangenen zu unterbinden, beschloss der Bundestag im September 1977 in wenigen Tagen ein Gesetz, das Kontakte der Häftlinge, auch zu Anwälten, sperren ließ. Kritiker warnten vor einem Abbau von Grundrechten im Ausnahmezustand.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">LeMO (Haus der Geschichte), „Deutscher Herbst“, Biografie „Hanns Martin Schleyer“ und Jahreschronik 1977; bpb, „Vor 45 Jahren: Entführung der ‚Landshut‘“. Kontaktsperregesetz: Lehrbuchwissen.</p>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Alle Beispiele zeigen dieselbe Spannung. Parteiverbote, Radikalenerlass und Antiterrorgesetze schützten die Demokratie nach der Lehre aus Weimar, schränkten aber Freiheiten ein, oft vor allem auf der Linken und im Klima des Kalten Krieges. Zugleich zeigten Presse, Öffentlichkeit und Gerichte, etwa in der Spiegel-Affäre, dass sich der Staat selbst kontrollieren ließ. So lernte die junge Bundesrepublik, Kritik auszuhalten, und blieb auch im Deutschen Herbst ein Rechtsstaat, der seine Regeln nicht aufgab.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Bewährungsprobe oder Übermaß?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Bewährung:</strong> Die Bundesrepublik habe gezeigt, dass eine wehrhafte Demokratie ihre Feinde abwehren kann, ohne ihre Grundrechte aufzugeben; der Staat ließ sich 1977 nicht erpressen und blieb an Gesetze gebunden.</li>\n<li><strong>Übermaß:</strong> Kritiker betonen, dass KPD-Verbot und Radikalenerlass vor allem Linke trafen, während frühere Nationalsozialisten in Ämtern saßen, und dass die Angst vor dem Terror zu Überwachung und Eingriffen führte, die Unbeteiligte trafen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab ihnen 1995 in einem Fall recht.</li>\n<li><strong>Heute:</strong> Die Debatte wird bei jedem neuen Parteiverbotsverfahren und jedem Sicherheitsgesetz neu geführt.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Positionen: Lehrbuchwissen; EGMR 1995: bpb (s. o.).</p>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Verhältnismäßigkeit:</strong> War der Eingriff nötig und angemessen zur Bedrohung?</li>\n<li><strong>Gleichbehandlung:</strong> Traf der Staat Feinde von links und rechts gleich?</li>\n<li><strong>Kontrolle:</strong> Konnten Gerichte, Parlament und Öffentlichkeit den Staat überprüfen?</li>\n<li><strong>Zeitbezug:</strong> Welche Rolle spielten Kalter Krieg und Terrorangst?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierungen „Rechtsstaatlichkeit und Umgang mit Andersdenkenden in der Bundesrepublik“ und „die Bedeutung des Bundesverfassungsgerichts für die Verfassungswirklichkeit der frühen Bundesrepublik“)</span>\n<p>1. Analysieren Sie M 1. (AFB I und II)</p>\n<p>2. Erläutern Sie an zwei Beispielen, wie die Bundesrepublik zwischen 1952 und 1977 mit Gegnern und Kritikern umging. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie, ob sich der Rechtsstaat in diesen Jahren bewährt hat. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Urteil des Bundesverfassungsgerichts, August 1966, vier Jahre nach der Durchsuchung; Inhalt: freie Presse als „Wesenselement“ des freiheitlichen Staates, unentbehrlich für informierte Bürger und öffentliche Diskussion. Einordnung: Grundsatzurteil zu Art. 5 GG, aber die Beschwerde wurde bei Stimmengleichheit zurückgewiesen; Wirkung vor allem durch die Grundsätze.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> Beispiele: Parteiverbote 1952 und 1956 als wehrhafte Demokratie (Art. 21); Spiegel-Affäre 1962 mit Durchsuchung, Verhaftungen, Protesten, Rücktritt Strauß; Radikalenerlass 1972 mit Regelanfragen, Ablehnungen, Kritik und Abschwächung; Deutscher Herbst 1977 mit Härte gegen Erpressung und Kontaktsperre.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> <em>Bewährt:</em> Gerichte und Öffentlichkeit kontrollierten den Staat (Spiegel-Affäre), Verbote erfolgten durch das Verfassungsgericht, der Staat blieb 1977 an Gesetze gebunden und ließ sich nicht erpressen. <em>Grenzen:</em> KPD-Verbot und Radikalenerlass trafen viele Unbeteiligte und vor allem Linke; Eingriffe in Grundrechte im Namen der Sicherheit; EGMR-Urteil 1995. Ein gelungenes Urteil: Der Rechtsstaat bewährte sich in seinen Institutionen, überschritt aber im Klima von Kaltem Krieg und Terror mehrfach die Grenze der Verhältnismäßigkeit. Für die oberen Noten: Du nennst klare Kriterien und unterscheidest Sach- und Werturteil.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Beurteile: Hat sich der Rechtsstaat in der Spiegel-Affäre bewährt? Nenne ein Argument dafür und eins dagegen, und beziehe M 1 ein.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Dafür: Öffentlichkeit und Koalitionspartner reagierten, der verantwortliche Minister trat zurück, und das Bundesverfassungsgericht formulierte in M 1 die Bedeutung der freien Presse. Dagegen: Zunächst ließ der Staat eine Redaktion durchsuchen und Journalisten verhaften, weil sie kritisch über die Bundeswehr berichtet hatten, und die Verfassungsbeschwerde scheiterte am Ende bei Stimmengleichheit.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Parteiverbot durch die Regierung.</strong> Verbieten kann nur das Bundesverfassungsgericht.</li>\n<li><strong>„Der Spiegel gewann vor Gericht.“</strong> Die Beschwerde wurde bei Stimmengleichheit zurückgewiesen; wichtig wurden die Grundsätze des Urteils.</li>\n<li><strong>Studentenbewegung gleich RAF.</strong> Nur eine kleine Minderheit ging in den Terrorismus.</li>\n<li><strong>Die Landshut von der RAF entführt.</strong> Es waren palästinensische Terroristen, die die Forderungen der RAF unterstützten.</li>\n<li><strong>Radikalenerlass nur gegen Extremisten.</strong> Betroffen waren vor allem Lehrkräfte, oft wegen Mitgliedschaft in nicht verbotenen Parteien.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-brd-ddr\">Bundesrepublik und DDR 1949–1989</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-1968\">1968: Protest und Aufbruch in der Bundesrepublik</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Bundesrepublik+1949%E2%80%931990&card=hh-ge-vergangenheitspolitik\">Vergangenheitspolitik: Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-brd-rechtsstaat -->"
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    {
      "id": "hh-ge-revolutionstheorien",
      "cat": "Bundesrepublik 1949–1990",
      "title": "Theorien zu Krise, Revolution und Modernisierung",
      "cardType": "wissen",
      "short": "Theorien zu Krise, Revolution und Modernisierung einfach erklärt: Krise bei Burckhardt und Koselleck, Revolution bei Tocqueville (Original), Marx, Brinton, Davies und Arendt, Modernisierung bei Weber und Wehler, mit Schritten zur Anwendung auf einen Fall, Vergleich zweier Revolutionen und Abituraufgabe.",
      "content": "<!-- core-card:ge-revolutionstheorien -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Wissen</span><span>Theorien zu Krise, Revolution und Modernisierung</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Theorien helfen, einzelne Ereignisse zu vergleichen und zu erklären: Sie fragen, wann eine Krise zur Revolution wird, wer sie trägt und wie sie verläuft. Alexis de Tocqueville erklärte 1856, Revolutionen brächen oft gerade dann aus, wenn sich die Lage bessert; Marx sah ihren Grund im Kampf der Klassen; Crane Brinton beschrieb ihren Verlauf wie ein Fieber; James C. Davies ihren Ausbruch mit enttäuschten Erwartungen. Modernisierungstheorien fragen, wie sich Wirtschaft, Staat und Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne verändern. In der Klausur gibst du ein Modell kurz wieder, prüfst es an einem Fall und benennst, was es erklärt und was nicht.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span><p>Schwerpunkt II 2027: „Wirtschaft und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland 1949–1990“. Inhaltsfeld für beide Niveaus:</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><ul>\n<li>„Wirtschaftsgeschichte vom Wiederaufbau bis zur Wiedervereinigung“</li>\n</ul>\n<p>Zusätzlich auf erhöhtem Anforderungsniveau:</p>\n<ul>\n<li>„Modernisierung: Ein mehrdeutiger Begriff“</li>\n</ul>\n<p>Der Abschnitt „Modernisierung: ein mehrdeutiger Begriff“ gehört zum Additum; wende die Modelle auf die Bundesrepublik an.</p></details><p>Quelle: <a href=\"https://dokumente.hamburg.de/resource/blob/1074128/9a9b1afacd506b6058cb4c3379abaeb6/abitur-a-heft-2027-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Regelungen für die zentralen schriftlichen Prüfungsaufgaben, Abitur 2027 (A-Heft)</a>, Abschnitt 15 Geschichte; Rahmenplan Geschichte, Bildungsplan Studienstufe 2022.</p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Historiker erzählen nicht nur, was geschah, sie fragen auch, warum es geschah und ob es Muster gibt. Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Modell<span class=\"wort-erkl\">vereinfachte Vorstellung, die die wichtigsten Merkmale vieler ähnlicher Ereignisse zusammenfasst, um sie vergleichen und erklären zu können</span></span> fasst zusammen, was viele Revolutionen gemeinsam haben. Es ist eine Brille: Es zeigt manches scharf und anderes gar nicht.</p>\n<p>Gerade im Abitur auf erhöhtem Niveau sollst du Theorie und Fall verbinden: ein Modell auf die Französische, die Russische Revolution oder 1848 anwenden, zwei Revolutionen vergleichen oder einen Begriff wie Modernisierung kritisch prüfen. Dazu musst du die Modelle kennen und wissen, wo ihre Grenzen liegen.</p>\n</div>\n\n<h4>Krise, Umbruch, Revolution</h4>\n<ul>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Krise<span class=\"wort-erkl\">ursprünglich aus Medizin und Recht: der Moment, in dem sich etwas entscheiden muss; in der Geschichte eine Lage, in der die bisherige Ordnung nicht mehr trägt</span></span>:</strong> Jacob Burckhardt sprach im 19. Jahrhundert von „geschichtlichen Krisen“, in denen sich Weltlagen schnell verändern. Reinhart Koselleck zeigte, wie „Krise“ seit dem 18. Jahrhundert zum Grundbegriff der Moderne wurde: eine Lage, die eine Entscheidung erzwingt.</li>\n<li><strong>Revolution:</strong> ein schneller, oft gewaltsamer, grundlegender Wandel der politischen und gesellschaftlichen Ordnung, getragen von breiten Gruppen.</li>\n<li><strong>Umbruch</strong> ist der weiteste Begriff. Nicht jeder Umbruch ist eine Revolution: Reformen von oben oder ein Putsch ändern oft nur die Regierung, nicht die Ordnung.</li>\n</ul>\n\n<h4>Das Material: Tocqueville über den gefährlichsten Moment</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M 1 · Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, 1856, Buch III, Kapitel 4 (Auszug, Übersetzung von uns)</span>\n<p>„Man gerät nicht immer in eine Revolution, indem es von schlimm zu schlimmer geht. Meistens geschieht es, dass ein Volk, das die drückendsten Gesetze ohne Klage ertragen hatte, als spürte es sie nicht, sie gewaltsam abwirft, sobald ihr Gewicht leichter wird. […] Die Erfahrung lehrt, dass der gefährlichste Augenblick für eine schlechte Regierung gewöhnlich der ist, in dem sie beginnt, sich zu reformieren. […] Das Übel, das man geduldig als unvermeidlich ertrug, erscheint unerträglich, sobald man auf den Gedanken kommt, sich ihm zu entziehen.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">L’Ancien Régime et la Révolution, Livre III, chapitre IV, französischer Text nach Wikisource; Übersetzung von uns. Gemeinfrei.</p>\n</div>\n<p>Lies genau: Tocqueville widerspricht der Erwartung, Revolutionen kämen aus größter Not. Entscheidend sei die Wahrnehmung: Wenn ein Übel als änderbar erscheint, wird es unerträglich. Reformen wecken Hoffnungen, die sie nicht schnell genug erfüllen. Er dachte dabei an Frankreich unter Ludwig XVI., wo die Monarchie vor 1789 Reformen begonnen hatte.</p>\n\n<h4>Weitere Modelle der Revolution</h4>\n<table>\n<thead><tr><th>Modell</th><th>Kernaussage</th><th>Frage an den Fall</th></tr></thead>\n<tbody>\n<tr><td>Historischer Materialismus (Marx und Engels, 1848)</td><td>Revolutionen entstehen aus dem Kampf der Klassen, wenn die Wirtschaftsweise nicht mehr zu den Besitz- und Machtverhältnissen passt; eine neue Klasse übernimmt die Macht. „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“</td><td>Welche Klasse trug die Revolution, und wessen Macht brach sie?</td></tr>\n<tr><td>Crane Brinton, „The Anatomy of Revolution“ (1938)</td><td>Revolutionen verlaufen wie ein Fieber: Gemäßigte übernehmen, Radikale verdrängen sie, Terror, dann Beruhigung („Thermidor“).</td><td>Lassen sich diese Phasen erkennen?</td></tr>\n<tr><td>James C. Davies (1962), <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">J-Kurve<span class=\"wort-erkl\">nach einer langen Phase steigender Erwartungen und Befriedigung folgt ein plötzlicher Rückschlag; die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit löst die Revolution aus</span></span></td><td>Nach langem Aufschwung führt ein plötzlicher Rückschlag zur Revolution, weil Erwartung und Wirklichkeit auseinanderklaffen.</td><td>Gab es erst Verbesserung, dann einen Absturz?</td></tr>\n<tr><td>Hannah Arendt, „Über die Revolution“ (1963)</td><td>Revolutionen zielen auf Freiheit und eine neue Ordnung. Die Amerikanische verankerte die Freiheit dauerhaft, die Französische scheiterte, weil die soziale Not alles überlagerte.</td><td>Ging es um Freiheit oder um Brot, und entstand eine dauerhafte Verfassung?</td></tr>\n</tbody>\n</table>\n<p class=\"ks-quelle\">Marx-Zitat: Manifest der Kommunistischen Partei (1848), Kapitel I, nach marxists.org. Übrige Modelle: Lehrbuchwissen (Standardwerke, wie im Kerncurriculum Niedersachsen genannt).</p>\n\n<h4>Modernisierung: ein mehrdeutiger Begriff</h4>\n<ul>\n<li><strong>Max Weber</strong> beschrieb Moderne als Rationalisierung: Bürokratie, Rechnen, Wissenschaft, die „Entzauberung der Welt“.</li>\n<li><strong>Modernisierungstheorien</strong> der 1950er- und 1960er-Jahre sahen eine Abfolge: Industrialisierung, Verstädterung, Bildung, Demokratie. Der westliche Weg galt als Normalfall.</li>\n<li><strong>Hans-Ulrich Wehler</strong> fragte mit diesem Maßstab, warum in Deutschland wirtschaftliche Modernisierung und politische Rückständigkeit zusammengingen (These vom „Sonderweg“).</li>\n<li><strong>Kritik:</strong> Modernisierung ist kein einheitlicher Vorgang; Teile können vorangehen, andere zurückbleiben, und der Nationalsozialismus zeigt, dass Moderne nicht automatisch zur Demokratie führt.</li>\n</ul>\n\n<h4>So arbeitest du mit einem Modell</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Kernaussage</strong> des Modells in einem Satz wiedergeben.</li>\n<li><strong>Merkmale</strong> am Fall suchen, mit Daten und Belegen: Wo passt es?</li>\n<li><strong>Abweichungen</strong> benennen: Wo passt es nicht?</li>\n<li><strong>Urteil:</strong> Was erklärt das Modell gut, was blendet es aus (Zufall, Personen, Krieg, Ausland)?</li>\n</ol>\n\n<h4>Die Elemente verknüpft</h4>\n<p>Die Modelle beantworten verschiedene Fragen: Tocqueville und Davies erklären den Zeitpunkt des Ausbruchs, Marx die Träger und Ursachen, Brinton den Verlauf, Arendt das Ziel und das Ergebnis. Krisentheorien beschreiben die Lage davor, Modernisierungstheorien den langen Wandel, in den Revolutionen eingebettet sind. Erst zusammen ergeben sie ein Bild; jedes einzelne ist zu eng. Deshalb lohnt es, für einen Fall zwei Modelle zu vergleichen.</p>\n\n<h4>Forschungsstreit: Taugen Modelle für die Geschichte?</h4>\n<ul>\n<li><strong>Dafür:</strong> Modelle machen Vergleiche möglich und zwingen dazu, Ursachen klar zu benennen.</li>\n<li><strong>Dagegen:</strong> Viele Historiker betonen das Besondere jedes Ereignisses; Modelle verführen dazu, Fakten passend zu machen, und ihre Urheber dachten oft an einen bestimmten Fall (Tocqueville an Frankreich, Brinton an England, Amerika, Frankreich und Russland).</li>\n<li><strong>Weltanschauung:</strong> Der historische Materialismus ist zugleich Theorie und politisches Programm; seine Vorhersage einer Revolution in den Industrieländern trat nicht ein, die Revolution von 1917 fand in einem Agrarland statt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Urteilskriterien</h4>\n<ul>\n<li><strong>Erklärungskraft:</strong> Erklärt das Modell Ausbruch, Verlauf oder Ergebnis?</li>\n<li><strong>Passung:</strong> Wie viele Merkmale treffen zu, wie viele nicht?</li>\n<li><strong>Reichweite:</strong> Gilt es für viele Revolutionen oder nur für eine?</li>\n<li><strong>Standort:</strong> Aus welcher Zeit und Haltung stammt das Modell?</li>\n</ul>\n\n<h4>So wird das gefragt</h4>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Aufgabe (von uns formuliert, angelehnt an die Lehrplanformulierungen „Theorien und Modelle zu Revolutionen“ und „Vergleich von mindestens zwei Revolutionen in unterschiedlichen Zeiten“)</span>\n<p>1. Geben Sie die These von M 1 wieder. (AFB I)</p>\n<p>2. Überprüfen Sie Tocquevilles These an der Französischen Revolution und an der Februarrevolution 1917 in Russland. (AFB II)</p>\n<p>3. Beurteilen Sie die Erklärungskraft von Tocquevilles Modell im Vergleich zu einem weiteren Revolutionsmodell. (AFB III)</p>\n</div>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Erwartungshorizont zeigen</summary><div>\n<p><strong>Zu 1:</strong> Revolutionen brechen oft nicht im tiefsten Elend aus, sondern wenn eine Regierung Reformen beginnt und die Last leichter wird; dann erscheint das verbleibende Übel unerträglich, weil seine Abschaffung möglich scheint.</p>\n<p><strong>Zu 2:</strong> <em>Frankreich:</em> Reformversuche der Minister vor 1789, Einberufung der Generalstände weckte Hoffnungen; das passt. Zugleich Finanzkrise und Brotteuerung 1788/89, also auch echte Not. <em>Russland 1917:</em> Reformen nach 1905 (Duma) hatten Hoffnungen geweckt, aber der Weltkrieg brachte Niederlagen, Hunger und Zusammenbruch; hier passt eher Davies (Rückschlag nach Erwartung) oder eine Erklärung, die den Krieg in den Mittelpunkt stellt. Ergebnis: Tocqueville erklärt die Wahrnehmung, nicht alle Ursachen.</p>\n<p><strong>Zu 3:</strong> Vergleich etwa mit Davies: Beide betonen Erwartungen; Davies fügt den plötzlichen Rückschlag hinzu und passt deshalb besser auf 1917 und auf 1789 (Missernte nach längerem Wachstum). Mit Marx: erklärt Träger und lange Ursachen, aber nicht den Zeitpunkt. Ein gelungenes Urteil: Tocqueville erklärt einen wichtigen Mechanismus, den Zeitpunkt des Ausbruchs, aber weder Verlauf noch Ergebnis; erst zusammen mit anderen Modellen entsteht eine Erklärung. Für die oberen Noten: Du nennst Standort und Grenzen der Modelle.</p>\n</div></details>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Passt Brintons Fiebermodell auf die Französische Revolution? Nenne die Phasen und eine Grenze des Modells.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Weitgehend: 1789 bis 1791 Gemäßigte (konstitutionelle Monarchie), 1792 bis 1794 Radikalisierung und Terreur der Jakobiner, 1794 Sturz Robespierres im Monat Thermidor, danach Direktorium und Napoleon. Grenze: Das Modell benennt die Phasen, erklärt aber nicht, warum der Krieg ab 1792 die Radikalisierung antrieb.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Das Modell nacherzählen, ohne es anzuwenden.</strong> Punkte gibt es für den Abgleich mit dem Fall.</li>\n<li><strong>Ein Modell als Beweis benutzen.</strong> Modelle ordnen und erklären, sie beweisen nichts.</li>\n<li><strong>Alle Umbrüche „Revolution“ nennen.</strong> Prüfe Tempo, Tiefe und Träger.</li>\n<li><strong>Die Modelle vermischen.</strong> Ordne jedes einer Frage zu: Zeitpunkt, Träger, Verlauf, Ziel.</li>\n<li><strong>Modernisierung als selbstverständlich gut.</strong> Der Begriff ist mehrdeutig und an westlichen Normen gemessen.</li>\n</ul>\n\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=hh-ge-darstellung\">Darstellungen analysieren: Texte von Historikern</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Weimarer+Republik&card=hh-ge-moderne\">Moderne: Großstadt, Frauenbewegung, Massenkultur, Theorien</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:ge-revolutionstheorien -->"
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