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  "category": "Abitur 2027",
  "productId": "hessen_deutsch",
  "version": "2027.1",
  "lastUpdated": "2026-10-02",
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      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Dein Weg durchs Abitur",
      "short": "Heute eine Karte: erst den Auszug, morgen den Kommentar.",
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      "content": "<!-- spine:weg -->\n<h3>Dein Weg durchs Deutsch-Abitur 2027</h3>\n<p class='intro-text'><em>Du übst zwei Arten zu schreiben. Den Rest lässt du liegen, bis die zwei sitzen.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>In der Prüfung:</strong> Grundkurs 285 Minuten, Leistungskurs 315 Minuten, die Zeit zum Auswählen ist dabei. Vier Aufgaben, du nimmst eine. Erlaubt sind ein Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung, die Pflichtlektüren ohne Kommentar und eine Operatorenliste.</div>\n<div class=\"learn-outline\"><p class=\"learn-outline-title\"><strong>In dieser Reihenfolge</strong></p><ul><li>Heute: Auszug aus einem Buch</li><li>Morgen: Kommentar oder Rede</li><li>Danach: nur das Buch, das du nicht erzählen kannst</li></ul></div>\n\n<h4>Heute, etwa 20 Minuten</h4>\n<ol>\n<li>Öffne <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-erpenbeck'); return false;\">Heimsuchung</a>.</li>\n<li>Lies die Handlung. Dann nur die nummerierten Schritte am Übungstext.</li>\n<li>Schreib die Sätze mit, die dort stehen. Klapp die Karte zu.</li>\n</ol>\n<p>Denselben Weg nimmst du später für Kleist, Faust, Kafka, ein Gedicht der Romantik oder des Expressionismus. Den Weg übst du einmal. Die Bücher lernst du einzeln.</p>\n\n<h4>Morgen, etwa 20 Minuten</h4>\n<ol>\n<li>Öffne <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-sprache'); return false;\">Sprache und Öffentlichkeit</a>.</li>\n<li>Lies, was du können musst. Dann nur die nummerierten Schritte am Übungstext.</li>\n<li>Im Leistungskurs lies danach den einen Zusatz zum Wandel der Medien. Im Grundkurs lässt du den Zusatz weg.</li>\n</ol>\n\n<h4>Danach</h4>\n<p>Erzähl jedes Buch in fünf Sätzen, ohne nachzusehen. Wo du stockst, öffnest du nur diesen einen Lernzettel und nur die Handlung:</p>\n<ul>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-kleist'); return false;\">Kleist, Der zerbrochne Krug</a>. Beide Fassungen des 12. Auftritts.</li>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-faust'); return false;\">Goethe, Faust I</a></li>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-kafka'); return false;\">Kafka, Der Prozess</a></li>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-erpenbeck'); return false;\">Erpenbeck, Heimsuchung</a></li>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-lyrik-romantik'); return false;\">Literatur um 1800 / Romantik</a>, kein zusätzliches Pflichtbuch</li>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-abithema-expressionismus'); return false;\">Expressionismus</a>, kein zusätzliches Pflichtbuch</li>\n</ul>\n<p>Das Drama des 19. Jahrhunderts ist das Stück aus eurem Unterricht, nicht automatisch ein bestimmtes Buch. Einen Text aus vorgegebenen Materialien schreiben übst du bei den Klausur-Formaten, nicht hier.</p>\n<p>Zeiten und der letzte Blick vor dem Abgeben: <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('he-de-lastminute-2027'); return false;\">Vorbereitung in letzter Minute</a>.</p>\n<p>Heute nur Heimsuchung. Die anderen Bücher ein andermal.</p>"
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    {
      "id": "he-de-lastminute-2027",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Vorbereitung in letzter Minute (2027)",
      "short": "Die letzten Tage vor der Deutschklausur: was in deinem Land drankommt, welche Lernzettel du jetzt öffnest und was du am Ende prüfst.",
      "cardType": "strategy",
      "content": "<!-- core-card:de-lastminute-2027 -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Prüfung</span><span>Abitur</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Dieser Lernzettel ist für die letzten Tage vor der schriftlichen Deutschprüfung. Oben steht, was in deinem Land amtlich gilt: Arbeitszeit, Auswahl, Hilfsmittel und Aufgabenarten. Darunter findest du die Lernzettel zu deinen Schwerpunkten, die du jetzt noch einmal öffnen solltest. Zum Schluss steht, was du in den letzten Minuten der Klausur prüfst. Uhrzeit und Raum erfährst du von deiner Schule.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span>\n<p>Du bekommst vier Vorschläge und wählst einen. Leistungskurs 315, Grundkurs 285 Minuten, die Auswahlzeit ist eingeschlossen. Zugelassen sind Lektüreausgaben der Pflichtlektüren ohne Kommentar.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 5, 6, 20 und 27</a></p></div>\n<!-- /land -->\n<h4>Deine Schwerpunkte</h4>\n<!-- land-extra -->\n<p>Öffne jetzt noch einmal diese Lernzettel:</p>\n<ul>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-lyrik-romantik\">Literatur um 1800 / Romantik</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-kleist\">Kleist: Der zerbrochne Krug</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-faust\">Goethe: Faust I</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-kafka\">Kafka: Der Prozess</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-expressionismus\">Literatur des Expressionismus</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-erpenbeck\">Erpenbeck: Heimsuchung</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=he-de-abithema-sprache\">Sprache und Öffentlichkeit</a></li>\n</ul>\n<p>Im Grund- und Leistungskurs bezieht sich mindestens eine Prüfungsaufgabe auf eines oder mehrere der Werke aus den Schwerpunkten.</p>\n<p>Zugelassen sind außerdem eine Liste der fachspezifischen Operatoren; die Textausgaben der Pflichtlektüren dürfen keinen Kommentar enthalten, gegebenenfalls aber Worterläuterungen.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n<h4>Was du noch klären solltest</h4>\n<ul>\n<li><!-- pruefungstag --><strong>Prüfungstag:</strong> Dienstag, 27. April 2027. Uhrzeit und Raum erfährst du von deiner Schule. <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Amtliche Terminliste</a><!-- /pruefungstag --></li>\n<li><strong>Welche Textausgabe zugelassen ist:</strong> Wenn Lektüren als Hilfsmittel erlaubt sind, ist oft genau festgelegt, welche Ausgabe und ob Notizen darin stehen dürfen. Frag deine Lehrkraft, bevor du dein Exemplar einpackst.</li>\n<li><strong>Wörterbuch:</strong> Frag deine Lehrkraft, ob du ein eigenes Rechtschreibwörterbuch mitbringst oder die Schule eines stellt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wofür es Punkte gibt</h4>\n<p>In Abituraufgaben zu Texten zählt die Verstehensleistung etwa 70 %, die Darstellungsleistung etwa 30 %; bei materialgestützten Aufgaben etwa 60 zu 40. Zur Darstellung gehören Aufbau, Fachsprache, Zitieren und Belegen, Ausdruck und Stil sowie Rechtschreibung und Grammatik. Gerade diese Punkte kannst du in den letzten Minuten noch sichern.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">IQB, Abituraufgaben Deutsch, Bewertungshinweise (Interpretation gA 2024; Materialgestütztes Verfassen eA 2024).</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">So wird gewertet <span>· Zwei Balken zeigen, wie viel Verstehen und wie viel Darstellung zählen. Du siehst, wo sich die letzten Minuten lohnen.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 136\" role=\"img\" aria-labelledby=\"lm-t lm-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"lm-t\">So werden Textaufgaben gewertet</title>\n<desc id=\"lm-d\">Zwei Balken: Bei Abituraufgaben zu Texten zählt die Verstehensleistung etwa 70 Prozent und die Darstellungsleistung etwa 30 Prozent, bei materialgestützten Aufgaben etwa 60 zu 40.</desc>\n<text x=\"6\" y=\"14\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Aufgaben zu Texten</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"20\" width=\"243.6\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"127.8\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Verstehen</text>\n<text x=\"127.8\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 70 %</text>\n<rect x=\"249.6\" y=\"20\" width=\"104.4\" height=\"36\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#16a34a\"/>\n<text x=\"301.8\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Darstellung</text>\n<text x=\"301.8\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 30 %</text>\n<text x=\"6\" y=\"76\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Materialgestützte Aufgaben</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"82\" width=\"208.8\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"110.4\" y=\"98\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Verstehen</text>\n<text x=\"110.4\" y=\"112\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 60 %</text>\n<rect x=\"214.8\" y=\"82\" width=\"139.2\" height=\"36\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#16a34a\"/>\n<text x=\"284.4\" y=\"98\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Darstellung</text>\n<text x=\"284.4\" y=\"112\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 40 %</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Die Gewichtung aus diesem Lernzettel als Balken.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Die letzten zehn Minuten in der Klausur</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Operator.</strong> Lies die Aufgabe noch einmal: Hast du wirklich interpretiert, erörtert, verglichen, und alle Teilaufgaben bearbeitet?</li>\n<li><strong>Zitate.</strong> Wörtlich, in Anführungszeichen, mit Zeile oder Vers.</li>\n<li><strong>Tempus und Modus.</strong> Präsens für deine Aussagen über den Text, Konjunktiv für fremde Thesen.</li>\n<li><strong>Bezüge.</strong> Heißt es „der Erzähler“ und „das lyrische Ich“, nicht „der Autor sagt“?</li>\n<li><strong>Rechtschreibung.</strong> Namen und Titel aus der Vorlage abgleichen, Kommas vor „dass“ und bei Einschüben.</li>\n</ol>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · eine echte Aufgabenstellung lesen</span>\n<p><em>1. Stellen Sie den Gedankengang des Textes von Andreas Frey dar und erläutern Sie die Intention des Textes.</em> (ca. 40 %)<br><em>2. Erörtern Sie ausgehend vom vorliegenden Text die Position des Autors.</em> (ca. 60 %)</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Abituraufgabe des IQB, Erörterung pragmatischer Texte, erhöhtes Niveau (Aufgabe 2024).</p>\n<p>Beantworte in einer Minute: Welche Operatoren stecken darin? Welcher Teil bekommt mehr Zeit? Worauf muss sich die Erörterung beziehen?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Drei Operatoren: darstellen, erläutern (Teil 1) und erörtern (Teil 2). Teil 2 wiegt mit ca. 60 % schwerer und bekommt deshalb mehr Schreibzeit. Die Erörterung geht „ausgehend vom vorliegenden Text“ von der Position des Autors aus, nicht vom Thema allgemein.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler kurz vorher</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Neuen Stoff anfangen.</strong> In den letzten Tagen wiederholst du, was du kannst, statt ein neues Werk zu lesen.</li>\n<li><strong>Die Auswahl verschleppen.</strong> Entscheide dich in der Auswahlzeit und bleib dann bei deiner Aufgabe.</li>\n<li><strong>Ohne Konzept losschreiben.</strong> Ein Plan mit Hypothese und Gliederung spart später Zeit.</li>\n<li><strong>Keine Zeit für die Kontrolle.</strong> In den letzten Minuten lassen sich Fehler in der Darstellung noch beheben.</li>\n<li><strong>Falsche Ausgabe mitbringen.</strong> Wenn eine Lektüre erlaubt ist, gilt oft nur eine bestimmte Ausgabe ohne Notizen.</li>\n</ul>\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=he-de-ausdruck-fehler\">Typische Ausdrucksfehler vermeiden</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=he-de-methoden-zitieren\">Richtig zitieren</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=he-de-methoden-einleitungssatz\">Einleitungssatz schreiben (TATT-Formel)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=he-de-ausdruck-ueberleitung\">Überleitungen schreiben</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:de-lastminute-2027 -->"
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    {
      "id": "he-de-abithema-erpenbeck",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Erpenbeck: Heimsuchung",
      "short": "Erst die Handlung, dann vier Schritte am Übungstext.",
      "cardType": "theme",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Jenny Erpenbeck: <em>Heimsuchung</em> (2008)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Erpenbecks „Heimsuchung“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Der Roman (2008) erzählt nicht von einer Hauptfigur, sondern von einem Ort: einem Grundstück mit Haus am Scharmützelsee, den der Roman Märkisches Meer nennt. Elf Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern und die des namenlosen Gärtners hängen an diesem Ort, vom Ende des 19. Jahrhunderts über NS-Zeit, Krieg und DDR bis nach 2000. Wer dort baut, kauft, flieht oder enteignet wird, entscheidet jedes Mal die Politik. Vor jedem Bewohnerkapitel steht ein kurzes Kapitel „Der Gärtner“; in seinem letzten Kapitel verschwindet er, danach wird das Haus abgerissen. Die meisten Figuren heißen nach ihrer Rolle, und die Kapitel springen in der Zeit vor und zurück.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hessen ist „Heimsuchung“ Pflicht im Grundkurs und im Leistungskurs. In der Prüfung kann ein Stück aus einem Kapitel liegen oder ein anderer Text, den du auf den Roman beziehst.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Jenny Erpenbeck, <em>Heimsuchung</em>. Q3/Q4. Grundkurs und Leistungskurs.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:erpenbeck-heimsuchung -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Heimsuchung“ ist ein kurzer Roman der Gegenwartsliteratur, knapp 190 Seiten, aber sehr dicht. Der See heißt im Roman Märkisches Meer. Das ist der alte Name für den Scharmützelsee in der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mark<span class=\"wort-erkl\">alter Name für die Landschaft rund um die Hauptstadt, daher „märkisch“</span></span>, wo Erpenbecks Großeltern ein Haus hatten. Nach der Wende musste die Familie es zurückgeben. Danach hat Erpenbeck in Archiven die Geschichte des Grundstücks recherchiert.</p>\n<p>Der Titel hat zwei Seiten. Eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Heimsuchung<span class=\"wort-erkl\">ein Unglück, das über Menschen hereinbricht; im Wort steckt auch „ein Heim suchen“</span></span> trifft Menschen von außen. Beides passiert hier: Die Figuren suchen am See ein Zuhause, und die Geschichte des 20. Jahrhunderts sucht sie heim.</p>\n<p>Ein Wort für den Schluss: Wer in der DDR enteignet worden war, konnte nach der Wende sein Grundstück zurückfordern. Das heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Restitution<span class=\"wort-erkl\">Rückübertragung von Eigentum an die früheren Besitzer oder ihre Erben</span></span>. Deshalb verliert am Ende eine Familie das Haus, die dort Jahrzehnte gelebt hat.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Kapitel in ihrer Reihenfolge</h4>\n<p>Nach dem Prolog folgen 22 Kapitel und ein Epilog. Die ungeraden Kapitel 1 bis 21 heißen jedes „Der Gärtner“ und stehen vor dem jeweiligen Bewohnerkapitel. Die geraden Kapitel 2 bis 22 erzählen je eine Figur. Nach Kapitel 22 kommt kein Gärtner-Kapitel mehr. In Kapitel 21 zieht sich der Gärtner zurück und verschwindet. Die Bewohnerkapitel sind nicht chronologisch: Das Kapitel über den Architekten (Kapitel 4) spielt Anfang der 1950er-Jahre, das über die jüdische Familie (Kapitel 6) danach in den 1930ern.</p>\n<ul>\n<li><strong>Prolog:</strong> Vor ungefähr 24 000 Jahren schiebt sich das Eis vor. Der See entsteht erst später, als das Toteis taut, und bekommt den Namen Märkisches Meer. Am Ende steht, dass auch er einmal verschwinden wird.</li>\n<li><strong>Kapitel 2, Der Großbauer und seine vier Töchter:</strong> Der Dorfschulze Wurrach lässt seine jüngste Tochter Klara, die psychisch krank wird, entmündigen. Ihr Erbe, den Wald am See, teilt er in drei Grundstücke und verkauft sie: an einen Kaffee- und Teeimporteur, an einen jüdischen Tuchfabrikanten aus Guben und an einen Berliner Architekten. Klara geht im Winter in den See.</li>\n<li><strong>Kapitel 4, Der Architekt:</strong> Anfang der 1950er geht er ein letztes Mal durch sein Haus. Er muss in den Westen fliehen, weil er für einen Bau in Ost-Berlin Schrauben aus dem Westen besorgt hat. Das Nachbargrundstück der jüdischen Familie hat er 1939 weit unter Wert gekauft.</li>\n<li><strong>Kapitel 6, Der Tuchfabrikant:</strong> Arthur und Hermine verbringen mit Sohn Ludwig und Enkelin Doris Tage am See. Ludwig wandert mit Anna nach Südafrika aus, die Eltern besuchen ihn in Kapstadt und kehren zurück. 1939 verkaufen sie das Grundstück, um auszureisen. Die Ausreise scheitert, sie werden ermordet.</li>\n<li><strong>Kapitel 8, Die Frau des Architekten:</strong> Sechs Jahre nach dem Krieg erinnert sie sich an ihr Leben im Haus. Bei Kriegsende hat sie sich vor sowjetischen Soldaten in einem geheimen Schrank versteckt. Der junge Offizier fand sie dort, es kam zu einem erzwungenen Geschlechtsakt. Das Erlebnis hat „ein Loch in ihre Ewigkeit“ gebohrt.</li>\n<li><strong>Kapitel 10, Das Mädchen:</strong> Doris, die zwölfjährige Enkelin des Tuchfabrikanten, versteckt sich im geräumten Warschauer Ghetto in einer dunklen Kammer und erinnert sich an die Sommer am See. Sie wird entdeckt, verschleppt und ermordet.</li>\n<li><strong>Kapitel 12, Der Rotarmist:</strong> Der junge Offizier, dessen Familie von deutschen Soldaten ermordet wurde, besetzt mit seinen Männern das Haus. Dieselbe Nacht im Schrank wird jetzt aus seiner Sicht erzählt.</li>\n<li><strong>Kapitel 14, Die Schriftstellerin:</strong> Eine Kommunistin, die aus dem Exil in der Sowjetunion in die DDR zurückgekehrt ist, hat das Haus vom Staat gepachtet. Sie schreibt über ihre Heimkehr und streitet mit dem Nachbarn um das Grundstück.</li>\n<li><strong>Kapitel 16, Die Besucherin:</strong> Die Großmutter der Schwiegertochter der Schriftstellerin ist bei Kriegsende mit drei Enkeln aus Ostpreußen geflohen. Am See fühlt sie sich fremd.</li>\n<li><strong>Kapitel 18, Die Unterpächter:</strong> Ein Rentnerehepaar hat die Werkstatt am Ufer als Wochenendhaus gepachtet und segelt von dort aus. Nach der Wende erfährt die Frau, dass sie als Flüchtlingskind von ihrer Schwester getrennt wurde. Der Mann denkt an seinen gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR. Weil unklar ist, wem das Grundstück gehört, fürchten beide, die Werkstatt aufgeben zu müssen.</li>\n<li><strong>Kapitel 20, Der Kinderfreund:</strong> Ein Mann aus dem Dorf repariert das leerstehende Haus. Er erinnert sich an die Kindheit mit der Enkelin der Schriftstellerin und an die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens, die beide als Kinder aus einem Versteck mit ansahen.</li>\n<li><strong>Kapitel 22, Die unberechtigte Eigenbesitzerin:</strong> Die Enkelin muss das Haus aufgeben, weil die Erben der Frau des Architekten es zurückfordern. Sie versteckt sich im selben Schrank und hört der Maklerin zu.</li>\n<li><strong>Epilog:</strong> Das Haus wird nach allen Vorschriften abgerissen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Das Dorf:</strong> der Großbauer Wurrach und seine Töchter; der Gärtner, von dem im Dorf niemand weiß, woher er kommt.</li>\n<li><strong>Das Architektenpaar:</strong> baut das Haus; bei Kriegsende dringt der Rotarmist ein.</li>\n<li><strong>Die jüdische Familie aus Guben:</strong> Arthur und Hermine; Sohn Ludwig mit Anna in Kapstadt; Tochter Elisabeth mit Ernst und ihrer Tochter Doris.</li>\n<li><strong>Die Familie der Schriftstellerin:</strong> ihr Sohn, seine Frau, deren Großmutter (die Besucherin), die Enkelin (später die Eigenbesitzerin) und ihr Kinderfreund; dazu die Unterpächter.</li>\n</ul>\n<p>Mit Vornamen erscheinen vor allem die jüdische Familie und die Bauernfamilie, alle anderen heißen nach ihrer Rolle. Deutung: Die Rollennamen machen jede Figur zum Beispiel für ihre Zeit, die Namen halten die Ermordeten fest.</p>\n\n<h4>Woran du die Erzählweise erkennst</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zeitsprünge:</strong> Die Kapitel springen vor und zurück und überblenden Zeitebenen. Die Neue Zürcher Zeitung beschrieb das als Geschichte als „geschichtete Zeit“.</li>\n<li><strong>Ein Ort, mehrere Sichten:</strong> Die Nacht im Schrank steht zweimal da, aus Sicht der Frau und aus Sicht des Rotarmisten. Vergleiche beide, statt einer zu glauben.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Leitmotive<span class=\"wort-erkl\">Wörter, Bilder oder Dinge, die immer wiederkehren und Stellen miteinander verbinden</span></span>:</strong> der Schrank mit dem geheimen Mechanismus, das Badehaus, der Satz „Ich kehre heim“, im Kapitel des Architekten das Wort „Abschließen“. Sie verbinden Kapitel, die zeitlich weit auseinanderliegen.</li>\n<li><strong>Erzählbericht ohne Anführungszeichen:</strong> Figurenrede steht oft ohne Anführungszeichen im Text, vieles klingt wie Erinnerung. Erzählt wird meist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">zeitraffend<span class=\"wort-erkl\">viel Zeit wird in wenigen Sätzen erzählt</span></span>, die Szene im Schrank dagegen sehr langsam.</li>\n<li><strong>Der wortlose Gärtner:</strong> Er arbeitet, aber er spricht und urteilt nicht. Ein Urteil über die Figuren musst du selbst begründen. In Kapitel 21 verschwindet er und wird nicht wieder gesehen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Heimat finden und verlieren.</strong> Fast jede Figur sucht am See ein Zuhause und muss es wieder verlassen. Die Schriftstellerin tippt immer wieder den Satz „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“, obwohl sie das Haus nur gepachtet hat.</li>\n<li><strong>Besitz und Unrecht.</strong> Der Architekt kauft 1939 das Grundstück der jüdischen Familie weit unter Wert; nach der Wende fordern die Erben seiner Frau das Haus zurück. Schon der Prolog sagt, dass auch der See vergehen wird. Deutung: Besitz ist in diesem Roman immer vorläufig, und jeder Erwerb hat eine Vorgeschichte.</li>\n<li><strong>Erinnern an die Ermordeten.</strong> Der Roman ist Doris Kaplan gewidmet, einem jüdischen Mädchen, das 1942 mit seiner Mutter ins Warschauer Ghetto deportiert wurde. Das Kapitel „Das Mädchen“ erzählt ihr Schicksal nach Recherchen. Deutung: Die Widmung mit vollem Namen stellt sich gegen das Vergessen.</li>\n<li><strong>Natur gegen Geschichte.</strong> Prolog und Epilog rahmen die Menschengeschichte mit Erdgeschichte. Die Neue Zürcher Zeitung las die Naturbilder als Gleichnisse für die Verletzungen, die Menschen der Natur und einander zufügen.</li>\n<li><strong>Gewalt aus beiden Richtungen.</strong> Die Familie des Rotarmisten wurde von Deutschen ermordet, er selbst tut der Frau Gewalt an. Der Roman erzählt beide Seiten. Wie der Roman Sexualität und Gewalt erzählt, ist umstritten: Die Süddeutsche Zeitung kritisierte Passagen als „pornografischen Kitsch“.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Erschienen 2008. Ausgangspunkt war das Haus der Großeltern am Scharmützelsee und der Verlust nach der Wende.</li>\n<li>Erpenbeck hat für die Kapitel über die jüdische Familie in Archiven recherchiert; reale Spuren und Erfindung gehen ineinander über. Deshalb liest man den Roman auch als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Erinnerungsliteratur<span class=\"wort-erkl\">Literatur, die erzählt, wie eine Gesellschaft sich an ihre Vergangenheit erinnert</span></span>.</li>\n<li>Geschichtlicher Hintergrund in Stichworten: Arisierung jüdischen Besitzes in der NS-Zeit, Holocaust, Flucht und Vertreibung bei Kriegsende, Enteignung in der DDR, Republikflucht, Rückübertragung nach der Wende.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>Pflichtlektüre in Q3/Q4, für Grund- und Leistungskurs gleich. Mindestens eine Prüfungsaufgabe bezieht sich auf eines oder mehrere der Pflichtwerke. Zugelassen ist eine Lektüreausgabe ohne Kommentar.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 20, 27 und 28</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zum Roman her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Das ganze Jahrhundert nacherzählen sollst du in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Kapitel „Die Schriftstellerin“</span>\n<p>Die Schriftstellerin sitzt an der Schreibmaschine und tippt: „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (Penguin-Taschenbuch S. 112, Reclam S. 107). Der Satz kehrt im Kapitel wieder.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> DDR, die Schriftstellerin ist aus dem sowjetischen Exil zurück und hat das Haus vom Staat gepachtet.<em>Der Auszug stammt aus dem Kapitel „Die Schriftstellerin“, das in der DDR spielt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Die Bindestriche zerlegen den Satz in einzelne Buchstaben.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die Heimkehr wird nicht behauptet, sie wird mühsam getippt, Anschlag für Anschlag.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Titel und Leitmotiv Heimat.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Im Kapitel „Die Schriftstellerin“ tippt die Figur immer wieder denselben Satz: „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (S. 112). Die Bindestriche zerlegen ihn in einzelne Buchstaben. So wird aus einer einfachen Aussage ein mühsamer Vorgang, Anschlag für Anschlag. Das passt zu ihrer Lage: Sie ist aus dem Exil in die DDR zurückgekehrt, doch das Haus am See hat sie nur vom Staat gepachtet, und um das Grundstück streitet sie mit dem Nachbarn. Die Heimkehr, die der Satz behauptet, ist also nicht abgeschlossen; sie muss immer neu geschrieben werden. Damit greift die Stelle den Titel auf: Heimat ist in diesem Roman kein sicherer Besitz, sondern etwas, das man sucht und wieder verlieren kann.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: eine genaue Beobachtung an der Sprache, ein kurzes Zitat mit Seite, die Wirkung, die Einordnung ins Kapitel und am Ende der Bogen zum ganzen Roman. Kurze Zitate aus einem geschützten Roman sind für die Analyse erlaubt; lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag das Kapitel „Die Frau des Architekten“ auf und such die Wendung vom „Loch in ihre Ewigkeit“. Schreib einen Absatz: Was meint „Ewigkeit“ für diese Figur, und was hat das Loch hineingebohrt? Vergleiche kurz mit dem Kapitel „Der Rotarmist“.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>„Ewigkeit“ steht für das Leben, das sie für immer friedlich am See führen wollte: das Haus, die Gäste, die Sommer. Das „Loch“ ist die Nacht bei Kriegsende, als der Offizier sie im Schrank fand. Seitdem ist diese Zeit nicht mehr heil.</p>\n<p>Im Kapitel „Der Rotarmist“ steht dieselbe Nacht aus seiner Sicht, mit seiner eigenen Geschichte von Verlust und Rache. Ein guter Absatz nennt beide Sichten und urteilt nicht vorschnell, sondern zeigt, was der Wechsel der Perspektive bewirkt.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Nenn Kapitel und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Kapitel ‚Die Schriftstellerin‘, S. 112)“. Bau kurze Halbsätze in deine eigenen Sätze ein.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Das Jahrhundert nacherzählen.</strong> Den Auszug kurz einordnen, dann an der Sprache arbeiten.</li>\n<li><strong>Die Zeitsprünge übersehen.</strong> Die Kapitelfolge ist nicht die Reihenfolge der Ereignisse.</li>\n<li><strong>Den Gärtner zum Erzähler machen.</strong> Er bleibt wortlos und erklärt nichts.</li>\n<li><strong>Figuren nur in Täter und Opfer sortieren.</strong> Der Architekt profitiert 1939 und muss später selbst fliehen; der Rotarmist ist Opfer und Täter.</li>\n<li><strong>Roman und Familiengeschichte gleichsetzen.</strong> Das Haus hat ein reales Vorbild, die Figuren sind trotzdem erzählt.</li>\n<li><strong>Lange Passagen abschreiben.</strong> Kurze Zitate mit Kapitel und Seite reichen.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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Für die Prüfung brauchst du beides: die Komik um Adam und den Vertrauensverlust bei Eve.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hessen ist „Der zerbrochne Krug“ verbindliche Lektüre, und der Titel schreibt sich „zerbrochne“. Achte beim Lesen auf den Richter, der die Wahrheit verdunkelt, und auf Eve, deren Vertrauen in Recht und Menschen bricht.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Heinrich von Kleist, <em>Der zerbrochne Krug</em> (mit 12. Auftritt in gekürzter und Variant-Fassung), Q1. GK und LK. Hilfsmittel in der Klausur: Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung, Textausgabe ohne Kommentar, Operatorenliste.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:kleist-krug -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Heinrich von Kleist hat ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Lustspiel<span class=\"wort-erkl\">älteres Wort für Komödie</span></span> geschrieben, das in einem einzigen Raum spielt: in der Gerichtsstube von Huisum, einem Dorf bei Utrecht in den Niederlanden. Es gibt keine Akte, nur 13 Auftritte hintereinander. Ein neuer Auftritt beginnt, wenn eine Figur kommt oder geht.</p>\n<p>Das Stück ist in <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Blankversen<span class=\"wort-erkl\">Verse ohne Reim mit fünf betonten Silben</span></span> geschrieben. Deshalb zitierst du mit Auftritt und Vers.</p>\n<p>Die Tat ist schon passiert, bevor das Stück beginnt. Gezeigt wird, wie sie ans Licht kommt. So ein Stück heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">analytisches Drama<span class=\"wort-erkl\">die Tat liegt vor dem Anfang, gespielt wird ihre Aufklärung</span></span>. Das Besondere: Der Mann, der aufklären soll, ist selbst der Täter. Das Publikum ahnt das früh, die meisten Figuren nicht. Daraus entsteht <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">dramatische Ironie<span class=\"wort-erkl\">das Publikum weiß mehr als die Figuren und hört, wie sie sich verraten</span></span>.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in 13 Auftritten</h4>\n<ul>\n<li><strong>1. bis 3. Auftritt, vor der Sitzung:</strong> Adam verbindet sich das Bein, sein Gesicht ist zerschunden, seine Perücke fehlt. Er erfindet Ausreden: ein Sturz am Ofen, eine Katze, die in die Perücke gejungt habe. Schreiber Licht meldet, dass Gerichtsrat Walter aus Utrecht die Dorfgerichte prüft und im Nachbarort Holla Richter und Schreiber suspendiert hat. Adam erzählt Licht einen Traum: Ein Kläger schleppt ihn vor Gericht, und er selbst sitzt dort als Richter.</li>\n<li><strong>4. und 5. Auftritt, Walter kommt:</strong> Walter will die Rechtspflege auf dem Land verbessern, heute aber nur „sehn“, nicht „strafen“. Eine geliehene Perücke gibt es nicht, also hält Adam kahlköpfig Gericht.</li>\n<li><strong>6. Auftritt, die Parteien:</strong> Frau Marthe Rull klagt gegen Ruprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve. Ruprecht beschimpft Eve als „Metze“ (Hure) und will sie nicht mehr heiraten.</li>\n<li><strong>7. Auftritt, die Verhandlung:</strong> Adam droht Eve heimlich mit einem Attest, Walter verbietet ihm das Flüstern. Marthe beschreibt lang den Krug und seine Geschichte. Ruprecht erzählt die Nacht: Er sah Eve mit einem Mann im Garten, trat ihre Tür ein, der Krug fiel, und einer sprang aus dem Fenster. Ruprecht schlug ihm mit der Türklinke auf den Kopf und bekam Sand in die Augen. Er hält den Flickschuster Lebrecht für den Täter.</li>\n<li><strong>8. bis 10. Auftritt, Adam lenkt ab:</strong> Adam will, dass Eve Lebrecht oder Ruprecht nennt. Eve sagt nur, Ruprecht war es nicht, und schweigt über den Rest. Lebrecht war gestern in Utrecht. Frau Brigitte wird geholt. Beim Wein fragt Walter nach Adams Wunden, und Adam erklärt den Verlust der Perücke jetzt anders: Sie sei an der Kerze verbrannt.</li>\n<li><strong>11. Auftritt, die Entlarvung:</strong> Frau Brigitte bringt eine Perücke, die im Weinspalier unter Eves Fenster hing. Sie erzählt von einem Kahlkopf mit Pferdefuß und von einer Spur im Schnee bis zu Adams Haus. Adam spricht Ruprecht trotzdem schuldig. Da ruft Eve: „Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen!“ Ruprecht prügelt los, Adam flieht.</li>\n<li><strong>12. Auftritt, Eve erklärt:</strong> Eve bittet Walter, Ruprecht vor der Aushebung zu retten. Adam hatte ihr erzählt, die Truppen kämen nach Ostindien, und ihr nachts ein falsches Krankheitsattest angeboten. Walter erklärt den Brief für falsch, Adam wird suspendiert, Licht übernimmt das Amt.</li>\n<li><strong>Letzter Auftritt:</strong> Marthe fragt, wo in Utrecht die Regierung sitzt: „Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn?“ Der Fall ist geklärt, der Krug bleibt kaputt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Adam</strong>, Dorfrichter: Richter und Täter zugleich. Er hat die Macht über das Verfahren und nutzt sie, um sich zu schützen.</li>\n<li><strong>Walter</strong>, Gerichtsrat aus Utrecht: die höhere <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Instanz<span class=\"wort-erkl\">die nächsthöhere Stelle, die ein Urteil prüfen kann</span></span>. Er will Ordnung, schont aber auch den Ruf des Gerichts.</li>\n<li><strong>Licht</strong>, Schreiber: stichelt von Anfang an und stützt am Ende Brigittes Aussage. Adam weiß, dass Licht gern selbst Dorfrichter wäre.</li>\n<li><strong>Eve</strong>: weiß als Einzige, was passiert ist, und schweigt, um Ruprecht zu schützen.</li>\n<li><strong>Ruprecht</strong>, Sohn des Bauern Veit Tümpel: glaubt nur, was er sieht: „Was ich mit Händen greife, glaub’ ich gern“ (9. Auftritt).</li>\n<li><strong>Frau Marthe</strong>, Eves Mutter: klagt um den Krug und meint die Ehre der Tochter: „Dein guter Name lag in diesem Topfe“ (6. Auftritt).</li>\n<li><strong>Frau Brigitte</strong>, Ruprechts Tante: bringt das Beweisstück.</li>\n</ul>\n\n<h4>Der 12. Auftritt in zwei Fassungen</h4>\n<p>Kleist hat den 12. Auftritt für den Druck stark gekürzt und die ursprüngliche, lange Fassung als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Variant<span class=\"wort-erkl\">Kleists erste, lange Fassung des 12. Auftritts; sie steht im Anhang deiner Ausgabe</span></span> hinten angehängt. Du musst beide kennen.</p>\n<ul>\n<li><strong>Gekürzte Fassung:</strong> Eve erzählt in wenigen Sätzen vom Brief, von der Ostindien-Lüge und vom falschen Attest. Walter sagt, der Brief ist falsch, und Eve glaubt ihm sofort: „O Himmel! Wie belog der Böswicht mich!“ Die Verlobten versöhnen sich.</li>\n<li><strong>Variant:</strong> Eve erzählt alles selbst. Adam versprach ein Attest vom Arzt und wollte den Namen nachts in ihrer Kammer eintragen. Dort hängte er seine Perücke auf den Krug und riss vor dem Sprung aus dem Fenster Perücke und Krug vom Sims. Eve kann nicht lesen; Adam hat ihr den angeblichen Geheimbrief vorgelesen. Gelogen hat sie nach eigenen Worten nur durch Schweigen. Als Walter sagt, die Miliz bleibe im Land, glaubt sie auch ihm nicht. Erst ein Beutel mit zwanzig Gulden überzeugt sie.</li>\n</ul>\n<p><strong>Warum das wichtig ist:</strong> In der kurzen Fassung ist Eve Opfer einer Lüge, die schnell aufgeklärt wird. Im Variant sieht man, was die Lüge zerstört hat: Eve traut keinem Amt mehr, und Walter fragt sie, ob sie so wenig Vertrauen habe.</p>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Der Richter verhandelt gegen sich selbst.</strong> Adam träumt im 3. Auftritt, ein Kläger schleppe ihn „vor den Richtstuhl“, und er säße „gleichwohl auf dem Richtstuhl dort“. Das ist der Bauplan des Stücks. Kleist vergleicht in seiner Vorrede den misstrauischen Schreiber auf seiner Bildvorlage mit Kreon, der Ödipus ansieht: Wie in Sophokles’ „König Ödipus“ sucht einer den Täter und ist es selbst.</li>\n<li><strong>Sündenfall.</strong> Adam und Eve tragen die Namen aus der Bibel. Licht spielt gleich im 1. Auftritt darauf an: Adam stamme „von einem lockern Ältervater, / Der so beim Anbeginn der Dinge fiel“. Adams „Fall“ heißt also Sturz und Schuld zugleich.</li>\n<li><strong>Recht und Macht.</strong> Adam beruft sich auf „Statuten, eigentümliche, in Huisum, / Nicht aufgeschriebene“ (7. Auftritt): Recht ist, was der Richter sagt. Auch Walter schützt vor allem die Einrichtung: „Was euch schützt, / Ist einzig nur die Ehre des Gerichts“ (11. Auftritt). Am Schluss schickt er Licht, Adam zurückzuholen: Stimmen die Kassen, will er ihn nicht zur Flucht zwingen. Deutung: Das Stück zeigt nicht nur einen schlechten Richter, sondern ein Gericht, das sich selbst schont.</li>\n<li><strong>Sprache als Waffe.</strong> Adam spricht doppeldeutig mit Eve: „Ein Richter immer, weißt du, ist ein Richter, / Und einer braucht ihn heut, und einer morgen“ (9. Auftritt). Er wechselt die Ausreden (Ofen, Katze, Kerze). Eve dagegen kann nicht sagen, was sie weiß: „Es ist des Himmels wunderbare Fügung, / Die mir den Mund in dieser Sache schließt“ (9. Auftritt). Wer reden kann, hat Macht; wer schweigt, wird verdächtigt.</li>\n<li><strong>Der Krug als Bild der Geschichte.</strong> Auf dem Krug war die Übergabe der Niederlande an den spanischen König Philipp gemalt, und er wurde zu Beginn des Aufstands gegen Spanien einem Spanier abgenommen (7. Auftritt). Dass ausgerechnet ein Diener des eigenen Staates ihn zerbricht, liest der Germanist Dirk Grathoff als Zeichen einer neuen Zeit, in der der eigene Staat die Bürger bedrängt. Das ist eine Deutung, kein Fakt im Text.</li>\n<li><strong>Komik mit Ernst.</strong> Gelacht wird über den kahlen Richter und über Marthes Wortspiele („entscheiden“, „geschieden“, 6. Auftritt). Darunter liegen Erpressung und Angst, besonders im Variant.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Epoche</h4>\n<ul>\n<li>Den Anstoß gab 1802 in der Schweiz ein französischer Kupferstich, „Le juge, ou la cruche cassée“ (Der Richter oder der zerbrochene Krug). Kleist, Heinrich Zschokke und Ludwig Wieland verabredeten einen Dichterwettstreit dazu; nach Zschokkes Erinnerung gewann Kleists Lustspiel.</li>\n<li>Uraufführung am 2. März 1808 in Weimar, inszeniert von Goethe. Die Aufführung fiel durch.</li>\n<li>Das ganze Stück erschien erst 1811 bei einem Berliner Verlag, mit dem Variant im Anhang.</li>\n<li>Kleist (1777 bis 1811) schreibt zur Zeit von Klassik und Romantik, passt aber zu keiner: Sein Dorf wird nicht idealisiert, und romantische Sehnsucht fehlt. Der Germanist Harro Müller-Michaels spricht von einer „eigenen Spur“ neben Klassik und Romantik. Fragt eine Aufgabe nach der Literatur um 1800, taugt der Krug als Gegenbeispiel zu Klassik und Romantik.</li>\n</ul>\n<!-- bild:krug-titelseite-1811 -->\n<figure class=\"ks-abb ks-bild\">\n<img src=\"/images/blog/krug-titelseite-1811.webp\" width=\"369\" height=\"598\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Titelblatt eines alten Buchs: Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel, von Heinrich von Kleist, Berlin 1811\">\n<figcaption><strong>Titelblatt der Erstausgabe, Berlin 1811. Im Titel steht „zerbrochne“, so schreibst du es auch in der Klausur.</strong><br><span class=\"ks-quelle\">Quelle: Erstausgabe Berlin 1811, „Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel (Titelblatt)“, 1811. Gemeinfrei. <a href=\"https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Titelseite_von_Kleists_Der_zerbrochne_Krug_1811.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikimedia Commons</a></span></figcaption>\n</figure>\n<!-- /bild:krug-titelseite-1811 -->\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>Pflichtlektüre in Q1, mit dem 12. Auftritt in gekürzter und Variant-Fassung, für Grund- und Leistungskurs gleich. Mindestens eine Prüfungsaufgabe bezieht sich auf eines oder mehrere der Pflichtwerke. Zugelassen ist eine Lektüreausgabe ohne Kommentar.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 20, 27 und 28</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zum Krug her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Nacherzählen sollst du das Stück in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Variant, 12. Auftritt</span>\n<p>WALTER gibt Eve neu geprägte Gulden, zeigt ihr darauf das Bild des spanischen Königs und fragt, ob sie meine, der König werde sie betrügen.</p>\n<p>EVE sieht auf den Münzen Gottes Antlitz und klagt, dass sie solche Münze nicht mehr erkenne.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Hier steht der Inhalt der Stelle in eigenen Worten; den Wortlaut und die Verszahlen nimmst du aus dem Variant deiner Ausgabe (Schluss, Gespräch zwischen Walter und Eve).</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Schluss des Variants. Adam ist geflohen, Eve hat alles erzählt und glaubt Walter nicht.<em>Der Auszug steht am Ende des Variants, nachdem Eve die Nacht geschildert hat.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Walter beweist sein Wort nicht mit Argumenten, sondern mit Münzen.</li>\n<li><strong>Zitat mit Wirkung:</strong> Eves Ausruf ist eine Selbstanklage: Sie hat verlernt, Echtes von Falschem zu unterscheiden.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Das Vertrauen kommt zurück, aber nicht durch das Recht.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Am Ende des Variants zeigt sich, wie tief Adams Lüge Eves Vertrauen zerstört hat. Walters Wort genügt ihr nicht mehr, deshalb beweist er seine Aufrichtigkeit mit einem Beutel Gulden. Er verweist auf das Bild des spanischen Königs auf den Münzen und fragt, ob der König sie betrügen werde. Eve sieht darauf Gottes Antlitz und klagt sich selbst an, dass sie solche Münze nicht mehr erkenne. Der Ausruf zeigt, dass sie die Unterscheidung von echt und falsch verloren hat, die ein Gericht eigentlich sichern soll. Brisant ist, dass ausgerechnet der spanische König bürgt, gegen den Eve zu Beginn des Variants die Freiheit der Niederländer verteidigt hat. Das Vertrauen kehrt also zurück, aber durch Geld und ein fremdes Herrscherbild, nicht durch das Recht. Der Schluss bleibt so brüchig wie der Krug.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ist textnah, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, sagt zu jeder Beobachtung, was sie bewirkt, und lässt eine Spannung stehen. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>11. Auftritt. Walter zu Adam: „Nichtswürd’ger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvoll / Vom Tribunal zu jagen! Was euch schützt, / Ist einzig nur die Ehre des Gerichts.“ Schreib einen Absatz: Was will Walter hier schützen, und wie passt das zum Schluss des Stücks?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Walter verurteilt Adam scharf („Nichtswürd’ger!“), jagt ihn aber nicht vor allen Leuten vom Richterstuhl. Er schützt also nicht Adam, sondern das Ansehen des Gerichts.</p>\n<p>Das passt zum Schluss: Walter suspendiert Adam, schickt aber Licht, ihn zurückzuholen, und will ihn nicht zur Flucht zwingen, wenn die Kassen stimmen. Die Ordnung wird gerettet, ohne dass das Gericht öffentlich beschädigt wird. Gute Absätze nennen diese Spannung zwischen Gerechtigkeit und Schutz der Einrichtung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Zitate aus dem Haupttext folgen dem Erstdruck von 1811 in heutiger Schreibung. Den Variant zitierst du nach deiner Ausgabe (Reclam druckt ihn mit Verszahlen im Anhang). Im übrigen Stück nennst du den Auftritt und den Vers deiner Ausgabe, zum Beispiel: „Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße“ (1. Auftritt, V. 3).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Nacherzählen statt deuten.</strong> Den Auszug kurz einordnen, dann am Text arbeiten.</li>\n<li><strong>Nur über Adam lachen.</strong> Im Variant ist Eve die Hauptfigur, und ihre Not gehört in die Deutung.</li>\n<li><strong>Die Fassungen vermischen.</strong> Perücke auf dem Krug, Eve kann nicht lesen, zwanzig Gulden: Das steht nur im Variant.</li>\n<li><strong>Walter zum reinen Helden machen.</strong> Er klärt auf, schützt aber auch das Ansehen des Gerichts.</li>\n<li><strong>Eine Deutung als Tatsache hinstellen.</strong> Schreib „lässt sich deuten als“, wenn du zum Beispiel den Krug als Geschichtsbild liest.</li>\n<li><strong>Den Titel falsch schreiben.</strong> Er heißt „Der zerbrochne Krug“, ohne e.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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Es geht um einen Gelehrten, dem Wissen nicht reicht, um eine Wette mit dem Teufel und um Gretchen, die dafür bezahlt.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Johann Wolfgang von Goethe, <em>Faust I</em>, Pflichtlektüre in Q2, für Grund- und Leistungskurs gleich.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:goethe-faust -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Faust. Der Tragödie erster Teil“ ist ein Drama in Versen. Es gibt keine Akte, sondern eine Folge von Szenen mit eigenen Namen, etwa „Nacht“, „Studierzimmer“ oder „Kerker“. Vorweg stehen drei Vorspiele. Alle Verse sind durchgezählt. Deshalb zitierst du immer mit Szene und Vers, zum Beispiel „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ (Vor dem Tor, V. 1112).</p>\n<p>Das Stück hat zwei Teile, die ineinandergreifen. Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Gelehrtentragödie<span class=\"wort-erkl\">Fausts Linie: Wissen, Verzweiflung, Wette mit Mephisto</span></span> erzählt von Fausts Krise. Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Gretchentragödie<span class=\"wort-erkl\">Gretchens Linie: Liebe, Schuld, Kerker</span></span> zeigt, was diese Krise einen anderen Menschen kostet.</p>\n<p>Ein Wort brauchst du für die Form: Faust spricht am Anfang im <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Knittelvers<span class=\"wort-erkl\">gereimter Vers mit vier betonten Silben und freier Zahl unbetonter Silben; klingt altertümlich und volkstümlich</span></span>. Später wechseln die Versarten je nach Figur und Lage, Gretchens Lieder haben kurze Zeilen. Die Szene „Trüber Tag. Feld“ ist als einzige in Prosa geschrieben.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung Szene für Szene</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zueignung, Vorspiel auf dem Theater (V. 1 bis 242):</strong> Der Dichter wendet sich an seine Gestalten, dann streiten Direktor, Dichter und lustige Person, was ein Theaterstück bieten soll.</li>\n<li><strong>Prolog im Himmel (V. 243 bis 353):</strong> Mephisto bietet dem Herrn eine Wette an: Er will Faust „meine Straße sacht“ führen (V. 314). Der Herr erlaubt es, solange Faust lebt, und bleibt gelassen: „Es irrt der Mensch so lang er strebt“ (V. 317).</li>\n<li><strong>Nacht (V. 354 bis 807):</strong> Faust hat Philosophie, Jura, Medizin und Theologie studiert und weiß doch nichts, was ihn weiterbringt. Er beschwört den Erdgeist, der ihn abweist: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir!“ (V. 512 f.). Wagner, sein Gehilfe, stört. Faust will sich mit Gift töten, doch Glocken und Chöre zum Osterfest halten ihn zurück (V. 737 ff.).</li>\n<li><strong>Vor dem Tor (V. 808 bis 1177):</strong> Osterspaziergang mit Wagner. Faust spricht von den „zwei Seelen“ in seiner Brust. Ein schwarzer Pudel folgt ihm nach Hause.</li>\n<li><strong>Studierzimmer I (V. 1178 bis 1529):</strong> Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums und schreibt schließlich: „Im Anfang war die Tat!“ (V. 1237). Der Pudel wird zu Mephisto: „Das also war des Pudels Kern!“ (V. 1323).</li>\n<li><strong>Studierzimmer II (V. 1530 bis 2072):</strong> Mephisto bietet seinen Dienst auf Erden an, wenn Faust ihm „drüben“ dient (V. 1656 bis 1659). Faust macht daraus eine Wette (V. 1692 bis 1706) und unterschreibt mit Blut. Danach empfängt Mephisto in Fausts langem Kleid einen jungen Schüler und verspottet die Wissenschaften.</li>\n<li><strong>Auerbachs Keller (V. 2073 bis 2336):</strong> Trinkende Studenten in Leipzig; Mephisto zaubert Wein aus dem Tisch. Faust hat bald genug: „Ich hätte Lust, nun abzufahren“ (V. 2296).</li>\n<li><strong>Hexenküche (V. 2337 bis 2604):</strong> Ein Trank soll Faust „dreißig Jahre“ jünger machen (V. 2342). In einem Zauberspiegel sieht er das Bild einer schönen Frau.</li>\n<li><strong>Straße, Abend, Spaziergang (V. 2605 bis 2864):</strong> Faust spricht Margarete auf der Straße an, sie weist ihn ab. Er verlangt von Mephisto, dass er sie ihm verschafft. In ihrem Zimmer singt Gretchen „Es war ein König in Thule“ (V. 2759) und findet ein Schmuckkästchen. Ihre Mutter gibt es dem Pfarrer.</li>\n<li><strong>Der Nachbarin Haus, Straße (V. 2865 bis 3072):</strong> Ein zweites Kästchen bringt Gretchen zur Nachbarin Marthe. Mephisto meldet Marthe, ihr Mann sei tot und in Padua begraben, und plant ein Treffen. Dafür soll Faust ein falsches Zeugnis über den Tod ablegen.</li>\n<li><strong>Garten, Gartenhäuschen (V. 3073 bis 3216):</strong> Faust und Gretchen gehen spazieren, Mephisto mit Marthe. Gretchen zupft eine Blume: „Er liebt mich!“ (V. 3184). Die beiden küssen sich.</li>\n<li><strong>Wald und Höhle (V. 3217 bis 3373):</strong> Faust ist allein in der Natur und dankt: „Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles“. Mephisto spottet und treibt ihn zurück zu Gretchen. Faust ahnt, dass er ihren Frieden zerstören wird.</li>\n<li><strong>Gretchens Stube (V. 3374 bis 3413):</strong> Gretchen sitzt allein am Spinnrad: „Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer“.</li>\n<li><strong>Marthens Garten (V. 3414 bis 3543):</strong> Gretchen fragt: „Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“ (V. 3415). Faust gibt ihr ein Fläschchen; drei Tropfen sollen die Mutter tief schlafen lassen (V. 3511 bis 3513). Gretchen mag Mephisto nicht.</li>\n<li><strong>Am Brunnen, Zwinger (V. 3544 bis 3619):</strong> Lieschen lästert über Bärbelchen, die schwanger ist. Gretchen merkt, dass sie selbst so dasteht. Dann betet sie zur Muttergottes: „Ach neige, / Du Schmerzenreiche“ (V. 3587 f.).</li>\n<li><strong>Nacht, Straße vor Gretchens Türe (V. 3620 bis 3775):</strong> Gretchens Bruder Valentin, ein Soldat, stellt Faust und Mephisto. Mephisto lähmt ihm die Hand, Faust sticht zu. Sterbend nennt Valentin seine Schwester vor allen Leuten eine „Hur“ (V. 3730).</li>\n<li><strong>Dom (V. 3776 bis 3834):</strong> Ein böser Geist flüstert Gretchen zu, ihre Mutter sei „durch dich“ gestorben (V. 3787 f.), und spricht vom Kind unter ihrem Herzen. Gretchen fällt in Ohnmacht.</li>\n<li><strong>Walpurgisnacht, Walpurgisnachtstraum (V. 3835 bis 4398):</strong> Hexenfest auf dem Brocken. Faust sieht ein „blasses, schönes Kind“, das Gretchen gleicht, mit einem roten Schnürchen um den Hals (V. 4184 bis 4205).</li>\n<li><strong>Trüber Tag. Feld (Prosa):</strong> Faust erfährt, dass Gretchen im Kerker sitzt, und tobt gegen Mephisto. Der antwortet kalt: „Sie ist die erste nicht.“</li>\n<li><strong>Nacht, offen Feld und Kerker (V. 4399 bis 4612):</strong> Gretchen ist verwirrt und hält Faust zuerst für den Henker. Sie gesteht: „Meine Mutter hab ich umgebracht, / Mein Kind hab ich ertränkt“ (V. 4507 f.). Sie will nicht fliehen: „Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!“ (V. 4605). Mephisto: „Sie ist gerichtet!“ Eine Stimme von oben: „Ist gerettet!“ (V. 4611). Mephisto verschwindet mit Faust.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Der Herr und Mephisto:</strong> Die Wette im Prolog. Mephisto darf Faust versuchen, der Herr behält den Überblick.</li>\n<li><strong>Faust</strong>, Gelehrter: will Erkenntnis und volles Leben zugleich. Gretchen nennt ihn Heinrich.</li>\n<li><strong>Mephisto</strong>, der Teufel: Diener, Spötter und Verführer. Er schafft, was Faust will, und verdirbt es zugleich.</li>\n<li><strong>Wagner</strong>, Fausts Gehilfe: glaubt an Bücher und hat keine Zweifel. Er ist das Gegenbild zu Faust.</li>\n<li><strong>Margarete (Gretchen):</strong> junge, fromme Frau aus kleinen Verhältnissen. Sie liebt Faust und trägt die Folgen.</li>\n<li><strong>Marthe</strong>, Nachbarin: hilft bei den Treffen und lässt sich selbst von Mephisto umwerben.</li>\n<li><strong>Valentin</strong>, Gretchens Bruder, und <strong>Lieschen</strong>: zeigen, wie hart die Stadt über eine ledige Mutter urteilt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Streben und Irren gehören zusammen.</strong> Der Herr sagt: „Es irrt der Mensch so lang er strebt“ (Prolog, V. 317), und: „Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, / Ist sich des rechten Weges wohl bewußt“ (V. 328 f.). Fausts Fehler gehören also von Anfang an zum Plan. Deutung: Das Stück verurteilt Faust nicht einfach, es fragt, ob rastloses Streben trotz aller Schuld etwas Gutes ist.</li>\n<li><strong>Der zerrissene Mensch.</strong> „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen“ (Vor dem Tor, V. 1112 f.). Die eine Seele hält sich an die Welt, die andere will „Zu den Gefilden hoher Ahnen“ (V. 1117). Faust will Geist und Genuss zugleich. Genau da setzt Mephisto an.</li>\n<li><strong>Das Böse als Teil der Ordnung.</strong> Mephisto stellt sich vor als „Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ und als „der Geist, der stets verneint!“ (Studierzimmer I, V. 1335 f. und 1338). Er will zerstören, wirkt aber im Rahmen, den der Herr im Prolog gesetzt hat.</li>\n<li><strong>Pakt und Wette.</strong> Mephisto bietet einen Tausch an: Dienst hier, Dienst „drüben“ (V. 1656 bis 1659). Faust setzt eine Bedingung: „Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen“ (Studierzimmer II, V. 1699 bis 1701). Mephisto gewinnt also nur, wenn Faust zufrieden wird. Faust wettet darauf, dass ihm nichts genügt.</li>\n<li><strong>Liebe und Schuld.</strong> In „Wald und Höhle“ weiß Faust, was er tut: „Sie, ihren Frieden mußt ich untergraben! / Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben“ (V. 3360 f.). Trotzdem kehrt er zurück. Gretchen trägt die Folgen: Tod der Mutter, des Bruders, des Kindes. Deutung: Mephisto hilft, aber Faust entscheidet selbst.</li>\n<li><strong>Gericht und Rettung.</strong> Mephisto ruft „Sie ist gerichtet!“, die Stimme von oben antwortet „Ist gerettet!“ (Kerker, V. 4611). Das weltliche Urteil und das göttliche fallen auseinander. Gretchen wird gerettet, weil sie sich Gott übergibt, statt mit Faust zu fliehen. Was aus Faust wird, bleibt offen; das erzählt erst „Faust II“.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Epoche</h4>\n<ul>\n<li>Goethe hat rund sechzig Jahre an seinem „Faust“ gearbeitet. Eine erste Fassung, der „Urfaust“, entstand etwa 1772 bis 1775 in Frankfurt, in der Zeit des <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Sturm und Drang<span class=\"wort-erkl\">Literaturbewegung junger Autoren um 1770: Gefühl, Genie und Auflehnung gegen Regeln</span></span>. Erhalten ist er nur in einer Abschrift.</li>\n<li>Als Anstoß für Gretchens Geschichte gilt der Prozess gegen Susanna Margaretha Brandt, die 1772 in Frankfurt wegen Kindsmord hingerichtet wurde.</li>\n<li>1790 erschien „Faust. Ein Fragment“, 1808 die ganze Tragödie als „Faust. Eine Tragödie“ in Goethes erster Gesamtausgabe bei Cotta. Die Vorspiele und die Wette im Prolog kamen erst in dieser späten Arbeitsphase dazu, zur Zeit der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Weimarer Klassik<span class=\"wort-erkl\">Goethes und Schillers Zeit in Weimar um 1800: Maß, Humanität, Ideal</span></span>.</li>\n<li>Den Stoff gab es lange vor Goethe: Seit dem Volksbuch von 1587 wurde die Geschichte des Doktor Faust immer wieder erzählt. Goethe kannte sie aus dem Puppenspiel.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>„Faust I“ ist Pflichtlektüre in Q2, für Grund- und Leistungskurs gleich. Mindestens eine Prüfungsaufgabe bezieht sich auf eines oder mehrere der Pflichtwerke. Du wählst aus vier Vorschlägen einen aus.</p>\n<p>Möglich sind Interpretation literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte, Erörterung literarischer oder pragmatischer Texte, Kombinationen davon und materialgestütztes Verfassen informierender und argumentierender Texte. Bearbeitungszeit im Leistungskurs 315 Minuten, im Grundkurs 285 Minuten, die Auswahlzeit ist eingeschlossen.</p>\n<p>Erlaubt sind ein Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung, eine Liste der Operatoren und deine Textausgabe ohne Kommentar; Worterläuterungen dürfen drinstehen. Hat die Ausgabe einen Anhang mit Zusatztexten, darfst du sie benutzen, wenn diese Seiten zum Beispiel durch Heftung verschlossen sind.</p>\n<p>Nur im Leistungskurs: Im Themenfeld Q3.2 „Anthropologische Grundfragen, Menschenbilder im Wandel“ nennt der Erlass literarische Stoffe und Motive der europäischen Tradition, zum Beispiel Prometheus, Narziss, Antigone und Faust.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 5, 6, 13, 20 und 27 bis 30</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie die Szene „Am Brunnen“ (V. 3544 bis 3586). 2. Erörtern Sie, inwiefern Gretchen auch an den Urteilen ihrer Umwelt scheitert. Beziehen Sie die Szene „Nacht. Straße vor Gretchens Türe“ ein.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt „Faust“ meist so vor: Du interpretierst eine Szene oder einen Szenenausschnitt, ordnest ihn in den Handlungsverlauf ein und deutest ihn mit Blick auf das ganze Stück. Oft folgt ein zweiter Auftrag, etwa ein Vergleich mit einem anderen Text oder eine Erörterung, ob Faust an Gretchens Schicksal schuld ist. Nacherzählen sollst du das Stück in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Marthens Garten</span>\n<p>MARGARETE: „Nun sag, wie hast du's mit der Religion? / Du bist ein herzlich guter Mann, / Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ (V. 3415 bis 3417)</p>\n<p>FAUST: „Nenn es dann, wie du willst, / Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott / Ich habe keinen Namen / Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch, / Umnebelnd Himmelsglut.“ (V. 3453 bis 3458)</p>\n<p>MARGARETE: „Das ist alles recht schön und gut; / Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, / Nur mit ein bißchen andern Worten.“ (V. 3459 bis 3461)</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Gretchen liebt Faust schon. Gleich nach dem Gespräch gibt er ihr das Schlafmittel für die Mutter.<em>Der Auszug steht in „Marthens Garten“, kurz bevor Gretchen ihre Mutter betäubt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Gretchen stellt eine einfache Frage, Faust antwortet mit einem langen Schwall ohne klares Ja oder Nein.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Seine Gefühlsreligion klingt groß, weicht aber aus. Gretchen hört trotzdem heraus, was fehlt.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Zwei Weltbilder treffen aufeinander, und Gretchen vertraut gegen ihr eigenes Gespür.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>In „Marthens Garten“ stellt Gretchen Faust die Frage, an der sich ihr Vertrauen entscheidet: „Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“ (V. 3415). Sie fragt direkt und nennt ihren Verdacht gleich mit: Er halte „nicht viel davon“ (V. 3417). Faust antwortet nicht mit Ja oder Nein, sondern mit einer Reihe von Ausrufen: „Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott“ (V. 3454). Die Begriffe stehen gleichrangig nebeneinander, so dass Gott nur noch ein Name unter vielen ist. Mit „Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch“ (V. 3456 f.) erklärt er die Frage selbst für unwichtig. Diese Rede klingt erhaben, weicht aber genau dem aus, was Gretchen wissen will. Ihre trockene Antwort, das sage der Pfarrer „Nur mit ein bißchen andern Worten“ (V. 3461), zeigt, dass sie den Unterschied spürt. Man kann ihre Antwort aber auch als Wunsch lesen, Faust möge doch zu ihr passen: Sie nimmt die Ähnlichkeit an und überhört den Rest. Gleich danach nimmt sie von ihm das Schlafmittel für die Mutter. Die Szene zeigt so, wie Gretchen einem Mann vertraut, dessen Glauben sie nicht teilt, und wie aus diesem Vertrauen ihr Unglück beginnt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ordnet die Stelle ein, zitiert kurz mit Vers, sagt zu jeder Beobachtung, was sie bewirkt, und nennt eine zweite mögliche Lesart. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation: textnah, funktional, mit Abwägung alternativer Lesarten. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>„Am Brunnen“. Lieschen ist gegangen, Gretchen geht nach Hause: „Wie konnt ich sonst so tapfer schmälen, / Wenn tät ein armes Mägdlein fehlen! / Wie konnt ich über andrer Sünden / Nicht Worte gnug der Zunge finden! / Wie schien mir's schwarz, und schwärzt's noch gar, / Mir's immer doch nicht schwarz gnug war, / Und segnet mich und tat so groß, / Und bin nun selbst der Sünde bloß!“ (V. 3577 bis 3584). Dann folgen die letzten zwei Verse der Szene: „alles, was dazu mich trieb, / Gott! war so gut! ach, war so lieb!“ (V. 3585 f.). Schreib einen Absatz: Wie sieht Gretchen sich selbst, und warum ist der Schluss der Szene wichtig?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Gretchen erinnert sich, wie hart sie früher über Mädchen geurteilt hat, die „fehlen“. Die Wiederholung von „Wie konnt ich“ macht daraus eine Selbstanklage. „schwarz“ steht dreimal da: Ihr Urteil war nie streng genug, jetzt trifft es sie selbst („selbst der Sünde bloß“). Sie übernimmt den Blick der Stadt auf sich.</p>\n<p>Der Schluss kippt: Was sie dazu trieb, war „so gut“ und „so lieb“. Gretchen kann ihre Liebe nicht schlecht finden, obwohl die Moral um sie herum sie verurteilt. Ein guter Absatz zeigt diesen Widerspruch zwischen Gefühl und Urteil und verweist auf Valentin, der sie wenig später öffentlich verflucht.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Wir zitieren den Wortlaut nach Projekt Gutenberg-DE (Goethe, „Faust. Eine Tragödie“, heutige Schreibung mit „daß“), die Verszahlen nach der Faustedition (faustedition.net). Das ist die durchgehende Verszählung, die auch Schulausgaben drucken. Prüf trotzdem in deinem Heft, Satzzeichen können je nach Ausgabe abweichen. Schreib Szene und Vers, zum Beispiel „Da steh ich nun, ich armer Tor!“ (Nacht, V. 358).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Nacherzählen statt deuten.</strong> Die Szene kurz einordnen, dann an Sprache und Vers arbeiten.</li>\n<li><strong>Die zwei Wetten vermischen.</strong> Im Prolog wettet Mephisto mit dem Herrn, im Studierzimmer wettet Faust mit Mephisto.</li>\n<li><strong>Mephisto die ganze Schuld geben.</strong> Faust weiß in „Wald und Höhle“, was er Gretchen antut, und geht trotzdem zu ihr.</li>\n<li><strong>Gretchen nur als naives Opfer sehen.</strong> Sie fragt kritisch nach, entscheidet sich selbst und lehnt am Ende die Flucht ab.</li>\n<li><strong>Zitate ohne Vers.</strong> Ein Beleg ohne Szene und Vers lässt sich nicht prüfen.</li>\n<li><strong>„Faust II“ einbauen.</strong> Was dort mit Faust geschieht, gehört nicht in eine Deutung von „Faust I“, außer die Aufgabe fragt danach.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Franz Kafka: <em>Der Prozess</em></h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Kafkas „Der Prozess“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Der Bankprokurist Josef K. wird am Morgen seines dreißigsten Geburtstags verhaftet, ohne dass ihm jemand sagt, was er getan haben soll. Er darf weiter arbeiten, aber das Gericht sitzt auf Dachböden armer Mietshäuser, und keiner seiner Helfer bringt ihn ihm näher. Im Dom erzählt ihm ein Geistlicher die Legende „Vor dem Gesetz“ von einem Mann, der sein Leben lang vor einer offenen Tür wartet. Am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstags führen ihn zwei Herren in einen Steinbruch und töten ihn mit einem Messer. Seine letzten Worte sind „Wie ein Hund!“, und der Roman sagt nie, worin seine Schuld besteht.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hessen ist „Der Prozess“ Pflichtlektüre. Josef K. wird verhaftet, ohne zu erfahren, warum, und das Gericht ist überall und bleibt doch unsichtbar.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Franz Kafka, <em>Der Prozess</em>, Pflichtlektüre in Q3, für Grund- und Leistungskurs gleich.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:kafka-prozess -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Der Prozess“ ist ein Roman, den Kafka 1914/15 geschrieben, aber nie fertig gemacht hat. Nach seinem Tod hat sein Freund Max Brod die Blätter zu Kapiteln geordnet und 1925 herausgegeben. Deshalb gibt es verschiedene Ausgaben mit leicht anderer Kapitelfolge und drei Schreibweisen des Titels: „Der Prozess“, „Der Prozeß“ und „Der Process“. Gemeint ist immer derselbe Roman. Du zitierst mit Kapitel und Seite deiner Ausgabe.</p>\n<p>Erzählt wird in der dritten Person, aber fast immer aus K.s Blick. Das heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">personales Erzählen<span class=\"wort-erkl\">der Erzähler bleibt nah an einer Figur und weiß kaum mehr als sie</span></span>. Du weißt also nie mehr über das Gericht als K. selbst.</p>\n<p>Die Legende im Kapitel „Im Dom“ ist eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Parabel<span class=\"wort-erkl\">kurze Bildgeschichte, die auf eine andere Bedeutung verweist und gedeutet werden muss</span></span>. Kafka hat sie als einzigen Teil des Romans selbst veröffentlicht, unter dem Titel „Vor dem Gesetz“. Für Lagen wie die von K., in denen jemand einer undurchschaubaren Macht ausgeliefert ist, sagt man heute <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">kafkaesk<span class=\"wort-erkl\">so rätselhaft und bedrohlich wie in Kafkas Texten</span></span>.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung Kapitel für Kapitel</h4>\n<p>Reihenfolge und Titel nach der Ausgabe von Max Brod. Die Kritische Ausgabe von 1990 teilt das erste Kapitel in zwei und stellt „Die Freundin des Fräulein Bürstner“ zu den Fragmenten in den Anhang.</p>\n<ol>\n<li><strong>Verhaftung, Gespräch mit Frau Grubach, dann Fräulein Bürstner:</strong> Zwei Wächter, Franz und Willem, stehen morgens in K.s Pension. Ein Aufseher verhört ihn im Zimmer der Nachbarin Fräulein Bürstner, nennt aber keinen Grund. K. darf in die Bank gehen. Abends wartet er auf Fräulein Bürstner, erzählt ihr alles und küsst sie zudringlich.</li>\n<li><strong>Erste Untersuchung:</strong> K. soll an einem Sonntag in ein Mietshaus in der Juliusstraße kommen. Den Saal findet er hinter einer Wohnung im fünften Stock. Der Untersuchungsrichter hält ihn für einen „Zimmermaler“. K. hält eine lange Rede gegen das Verfahren und erkennt dann an den Abzeichen der Zuhörer, dass alle zum Gericht gehören.</li>\n<li><strong>Im leeren Sitzungssaal, Der Student, Die Kanzleien:</strong> Die Gesetzbücher auf dem Richtertisch enthalten unanständige Bilder. Die Frau des Gerichtsdieners bietet sich K. an, ein Student trägt sie weg. Unter dem Dach findet K. die Gerichtskanzleien; in der schlechten Luft wird ihm so schlecht, dass man ihn zur Tür führen muss.</li>\n<li><strong>Die Freundin des Fräulein Bürstner:</strong> Fräulein Bürstner geht K. aus dem Weg. Ihre Freundin, Fräulein Montag, zieht zu ihr und spricht an ihrer Stelle mit ihm.</li>\n<li><strong>Der Prügler:</strong> In einer Rumpelkammer der Bank werden die Wächter Franz und Willem mit einer Rute geschlagen, weil K. sich beim Untersuchungsrichter über sie beklagt hat.</li>\n<li><strong>Der Onkel, Leni:</strong> K.s Onkel vom Land bringt ihn zum kranken Advokaten Huld. Dort sitzt auch ein Kanzleidirektor des Gerichts. K. verschwindet mitten im Gespräch mit Hulds Pflegerin Leni.</li>\n<li><strong>Advokat, Fabrikant, Maler:</strong> Huld redet viel und erreicht nichts. K. vernachlässigt die Arbeit in der Bank. Ein Fabrikant schickt ihn zum Gerichtsmaler Titorelli, dessen Atelier auch zu den Gerichtskanzleien gehört. Titorelli nennt drei Möglichkeiten: wirkliche Freisprechung, scheinbare Freisprechung, Verschleppung. Einen wirklichen Freispruch hat er nie erlebt.</li>\n<li><strong>Kaufmann Block, Kündigung des Advokaten:</strong> Bei Huld trifft K. den Kaufmann Block, der seit über fünf Jahren prozessiert und vor dem Advokaten kriecht. K. entzieht Huld die Verteidigung.</li>\n<li><strong>Im Dom:</strong> K. soll einem Italiener aus der Bank den Dom zeigen. Der Italiener kommt nicht, stattdessen ruft ein Geistlicher K. beim Namen. Er ist der Gefängniskaplan, erzählt die Legende „Vor dem Gesetz“ und streitet mit K. über ihre Deutung.</li>\n<li><strong>Ende:</strong> Am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstags holen zwei Herren in Gehröcken K. ab. Er wehrt sich kurz und geht dann mit. Im Steinbruch stößt ihm einer das Messer ins Herz: „»Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“</li>\n</ol>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Josef K.</strong>, erster Prokurist einer großen Bank, dreißig Jahre alt: ehrgeizig, überheblich, sicher, dass er unschuldig ist.</li>\n<li><strong>Das Gericht:</strong> Wächter, Aufseher, Untersuchungsrichter, Gerichtsdiener, Kanzleibeamte. Die hohen Richter sieht K. nie.</li>\n<li><strong>Die Pension:</strong> die Vermieterin Frau Grubach und Fräulein Bürstner, eine Schreibmaschinistin, die K. nach dem Kuss meidet.</li>\n<li><strong>Die Helfer:</strong> der Onkel, der Advokat Huld, der Maler Titorelli. Jeder verspricht Zugang, keiner verschafft ihn.</li>\n<li><strong>Die Frauen am Rand des Gerichts:</strong> die Frau des Gerichtsdieners und Leni. K. hofft, über sie Einfluss zu gewinnen.</li>\n<li><strong>Kaufmann Block:</strong> zeigt, was aus K. werden könnte, ein Angeklagter, der sich ganz unterwirft.</li>\n<li><strong>Der Gefängniskaplan:</strong> sagt von sich selbst: „Ich gehöre also zum Gericht“.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Schuld ohne Tat.</strong> Der erste Satz klingt wie eine Begründung und begründet nichts: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“ (Kapitel 1). Der Wächter Willem dreht die Logik um: Die Behörde „sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird, wie es im Gesetz heißt, von der Schuld angezogen“ (Kapitel 1). Wer verhaftet ist, gilt also schon als schuldig.</li>\n<li><strong>Ein Gericht ohne Regeln für den Angeklagten.</strong> Im leeren Saal sagt K.: „es gehört zu der Art dieses Gerichtswesens, daß man nicht nur unschuldig, sondern auch unwissend verurteilt wird“ (Kapitel 3). Die Gesetzbücher, die er sehen darf, enthalten ein unanständiges Bild und einen Roman über „Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte“. Deutung: Viele lesen das als Kritik an einer Bürokratie, die Menschen verwaltet, ohne dass sie die Regeln kennen.</li>\n<li><strong>K. ist nicht nur Opfer.</strong> Er küsst Fräulein Bürstner „wie ein durstiges Tier“ (Kapitel 1), er beklagt sich über die Wächter, und als sie dafür geprügelt werden, will er den Prügler bestechen, wirft aber die Tür zu, sobald Diener kommen, damit er nicht auffällt (Kapitel 5), er sucht Einfluss über Frauen. Im Dom sagt er: „Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen“, und der Geistliche antwortet: „aber so pflegen die Schuldigen zu reden“ (Kapitel 9). Deutung: Die Schuld liegt vielleicht nicht in einer Tat, sondern darin, wie K. lebt.</li>\n<li><strong>Der Prozess frisst das Leben.</strong> Block ist bei Huld „kein Klient mehr“, er ist „der Hund des Advokaten“ (Kapitel 8). Titorelli kennt keinen „einzigen wirklichen Freispruch“ (Kapitel 7). Auch K. denkt bald nur noch an seinen Prozess und lässt die Bank liegen. Am Ende stirbt er „Wie ein Hund!“ (Kapitel 10). Das Bild vom Hund verbindet Block und K.</li>\n<li><strong>Die Legende als Spiegel.</strong> Der Mann vom Lande wartet vor einer Tür, die offen steht, und erfährt am Ende: „dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn“ (Kapitel 9). Auch K. sucht ein Gericht, das ihm scheinbar offen steht. Die Deutungen, die der Geistliche danach durchspielt, widersprechen sich, und K. schließt: „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“. Der Roman selbst entscheidet nicht.</li>\n<li><strong>Biografische Lesart.</strong> Deutung: Im Juli 1914 löste Kafka in Berlin seine Verlobung mit Felice Bauer auf und empfand die Aussprache im Hotel als „Gerichtshof“. Kurz danach begann er den Roman. Das kann eine Deutung stützen, ersetzt aber nie die Arbeit am Text.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Franz Kafka (1883 bis 1924) lebte in Prag. Den „Prozess“ schrieb er vom Sommer 1914 bis Januar 1915, Anfang und Ende zuerst.</li>\n<li>Kafka bat Max Brod, seine Handschriften nach seinem Tod zu vernichten. Brod tat es nicht und gab den Roman 1925 heraus. Die Kritische Ausgabe von 1990 heißt „Der Proceß“, die Historisch-kritische Ausgabe von 1997 „Der Process“ und druckt die Kapitel als einzelne Hefte ohne feste Folge.</li>\n<li>„Vor dem Gesetz“ erschien 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift „Selbstwehr“ und 1920 im Band „Ein Landarzt“.</li>\n<li>Der Roman gehört zur <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">literarischen Moderne<span class=\"wort-erkl\">Literatur um 1900 bis 1930, die mit festen Wahrheiten, Erzählern und Formen bricht</span></span> des frühen 20. Jahrhunderts.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>„Der Prozess“ ist Pflichtlektüre in Q3, für Grund- und Leistungskurs gleich. Mindestens eine Prüfungsaufgabe bezieht sich auf eines oder mehrere der Pflichtwerke. Du wählst aus vier Vorschlägen einen aus.</p>\n<p>Im Themenfeld Q3.1 „Literarische Moderne im frühen 20. Jahrhundert“ nennt der Erlass Kafka als Beispiel für die Epik der Moderne, dazu Schlüsselthemen wie Großstadt und Beschleunigung. Nur im Leistungskurs kommen programmatische Texte dazu, zum Beispiel von Nietzsche, Freud, Simmel oder Pinthus.</p>\n<p>Möglich sind Interpretation literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte, Erörterung literarischer oder pragmatischer Texte, Kombinationen davon und materialgestütztes Verfassen informierender und argumentierender Texte. Bearbeitungszeit im Leistungskurs 315 Minuten, im Grundkurs 285 Minuten, die Auswahlzeit ist eingeschlossen.</p>\n<p>Erlaubt sind ein Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung, eine Liste der Operatoren und deine Textausgabe ohne Kommentar; Worterläuterungen dürfen drinstehen. Hat die Ausgabe einen Anhang mit Zusatztexten, darfst du sie benutzen, wenn diese Seiten zum Beispiel durch Heftung verschlossen sind.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 5, 6, 13, 20 und 27 bis 30</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie den Schluss des Kapitels „Ende“. 2. Erörtern Sie, ob Josef K. im Roman eher als Opfer des Gerichts oder als Mitschuldiger an seinem Schicksal erscheint.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt der Roman meist so vor: Du interpretierst einen Auszug, oft den Anfang, die Legende „Vor dem Gesetz“ oder das Ende, ordnest ihn in den Roman ein und deutest ihn mit Blick auf das Ganze. Oft folgt ein Vergleich mit einem anderen Text der Moderne oder eine Erörterung, ob K. schuldig ist. Den Roman nacherzählen sollst du in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Kapitel „Ende“</span>\n<p>„Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.“</p>\n<p>„Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. […] »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Letzte Seite des Romans, im Steinbruch, kurz vor dem Tod.<em>Der Auszug steht am Schluss des Kapitels „Ende“, nachdem K. sich nicht selbst erstochen hat.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Drei Fragen hintereinander, dann eine stumme Geste, dann ein Satz in wörtlicher Rede.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die Fragen bleiben ohne Antwort. Die Hinrichtung wird genau und ruhig erzählt, fast wie ein Handgriff.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Die oberste Instanz bleibt unsichtbar, und was bleibt, ist Scham statt Erkenntnis.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Am Ende des Romans steht K. noch einmal vor der Frage, die ihn das ganze Jahr beschäftigt hat. Die Erzählung wechselt in seine Gedanken: „Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war?“ Die beiden gleich gebauten Fragen fassen zusammen, was in allen Kapiteln gefehlt hat: ein Gegenüber, das ein Urteil begründet. Eine Antwort kommt nicht, stattdessen hebt K. „die Hände und spreizte alle Finger“, eine Geste zwischen Abwehr und Bitte. Der Satz davor sagt, warum er nicht einfach aufgibt: Die Logik sei „unerschütterlich“, aber sie „widersteht“ einem Menschen nicht, „der leben will“. Die Tötung selbst wird ruhig und genau erzählt, bis zum zweimaligen Drehen des Messers. So nüchtern spricht sonst ein Amtsbericht. K.s letztes Wort „Wie ein Hund!“ greift das Bild vom Kaufmann Block auf, der „Hund des Advokaten“ geworden ist. Ob die Scham, die ihn „überleben“ soll, die Scham über ein schmähliches Ende ist oder über ein Leben, in dem er nie gefragt hat, wofür er schuldig sein könnte, lässt der Text offen. Gerade diese Offenheit passt zu einem Gericht, das nie erklärt, wonach es urteilt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er bleibt nah am Wortlaut, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, sagt zu jeder Beobachtung, was sie bewirkt, verbindet die Stelle mit einem anderen Kapitel und lässt zwei Lesarten stehen. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Kapitel „Im Dom“. Nach der Legende streiten K. und der Geistliche, ob der Türhüter den Mann getäuscht hat. Der Geistliche sagt: „man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten.“ K. antwortet: „Trübselige Meinung […]. Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“ Schreib einen Absatz: Was meint der Geistliche, was hält K. dagegen, und was sagt das über das Gericht im ganzen Roman?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Geistliche trennt „wahr“ und „notwendig“: Man muss die Ordnung nicht verstehen und nicht für richtig halten, man muss sie nur hinnehmen. K. hält das für zynisch. Wenn man das Notwendige nicht mehr an der Wahrheit messen darf, wird die Lüge zur Grundlage von allem.</p>\n<p>Das passt zum ganzen Roman: Das Gericht begründet nichts, verlangt aber Unterwerfung, wie bei Block. Ein guter Absatz nennt beide Positionen, zeigt, dass der Text keine von beiden bestätigt, und verweist darauf, dass K. kurz danach ohne Urteil hingerichtet wird.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Wir zitieren nach Projekt Gutenberg-DE, das den Text der Ausgabe von Max Brod bietet (Titel dort „Der Prozeß“, alte Schreibung mit „daß“). Die Kapitelnummern folgen Brod. Deine Schulausgabe kann anders zählen und schreibt vielleicht „dass“. Nenn deshalb Kapitel und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel: „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“ (Kapitel „Im Dom“, S. …).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Eine einzige richtige Deutung behaupten.</strong> Der Roman lässt offen, worin K.s Schuld liegt. Stell zwei Lesarten gegeneinander und begründe am Text.</li>\n<li><strong>K. nur als Opfer lesen.</strong> Er ist auch überheblich, zudringlich und sucht Vorteile.</li>\n<li><strong>Das Gericht wie ein echtes Gericht behandeln.</strong> Frag, wofür Orte wie Dachboden und Rumpelkammer stehen.</li>\n<li><strong>Biografie statt Text.</strong> Felice Bauer kann eine Deutung stützen, nicht ersetzen.</li>\n<li><strong>„Vor dem Gesetz“ überall einbauen.</strong> Nur, wenn der Auszug oder die Aufgabe es hergibt.</li>\n<li><strong>Kapitelzahlen ohne Ausgabe.</strong> Je nach Ausgabe hat der Roman eine andere Kapitelfolge; Kapitelname und Seite sind sicherer.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Literatur um 1800, besonders die Romantik</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du kein Pflichtbuch, sondern einen Text, den du nicht kennst: meist ein Gedicht, einen Erzählauszug oder zwei Gedichte zum Vergleich, manchmal eins davon aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. Punkte holst du, wenn du romantische Motive und Haltungen am Text zeigst und erklärst, was sie bewirken, nicht mit einer Liste von Epochenmerkmalen. Dafür brauchst du den Hintergrund: Um 1800 entstehen in Deutschland zwei literarische Antworten auf dieselbe Umbruchzeit. Die Weimarer Klassik um Goethe und Schiller sucht Maß, Harmonie und das Ideal des guten Menschen, die Romantik sucht das Unendliche, die Nacht, die Sehnsucht und das Wunderbare. Hintergrund sind die Aufklärung, die Französische Revolution und die Kriege Napoleons.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hessen gibt es zu diesem Schwerpunkt keine benannte Pflichtganzschrift. Die Klausur legt dir ein Gedicht, einen Erzählauszug oder einen Sachtext zum Thema vor. Kleist hat seinen eigenen Lernzettel.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Spiegelung kultur- und geistesgeschichtlicher Entwicklungen; literaturgeschichtliche Entwicklungen der Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Romantik; zentrale Themen und Motive der Romantik, exemplarisch auch deren Verarbeitung in Texten des 20./21. Jahrhunderts. GK und LK. Q1: Literatur um 1800, insbesondere der Romantik.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:feld:literatur-um-1800 -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Das Themenfeld heißt amtlich „Literatur um 1800“, mit besonderem Blick auf die Romantik. Drei Punkte stehen in den Vorgaben:</p>\n<ul>\n<li><strong>Spiegelung der Zeit:</strong> wie sich Aufklärung, Revolution und neue Philosophie in den Texten zeigen.</li>\n<li><strong>Literaturgeschichte:</strong> wie Klassik und Romantik nebeneinander entstehen und sich voneinander abgrenzen.</li>\n<li><strong>Themen und Motive der Romantik,</strong> auch so, wie Texte des 20. und 21. Jahrhunderts sie wieder aufnehmen.</li>\n</ul>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Motiv<span class=\"wort-erkl\">ein wiederkehrendes Bild oder eine typische Situation mit Bedeutung, etwa Nacht, Wanderschaft oder das Fenster</span></span> ist dein wichtigstes Werkzeug: Du findest es im Text, zeigst, was es dort bedeutet, und schließt erst dann auf die Epoche. Gedichte zitierst du mit Vers, Prosa mit Zeile.</p>\n</div>\n\n<h4>Was um 1800 passiert</h4>\n<ul>\n<li><strong>Aufklärung:</strong> Der Mensch soll seinen Verstand selbst gebrauchen. Vernunft wird zum Maßstab für alles. Die Romantik antwortet darauf später mit der Frage, was die Vernunft nicht erfasst: Traum, Gefühl, Unbewusstes.</li>\n<li><strong>Französische Revolution (1789):</strong> Freiheit und Gleichheit werden politische Forderungen. Manche Dichter begeistern sich zuerst und wenden sich nach der Schreckensherrschaft wieder ab.</li>\n<li><strong>Napoleon:</strong> Seine Kriege verändern Europa. 1806 endet das Heilige Römische Reich, nach den Befreiungskriegen ordnet der Wiener Kongress 1815 Europa neu, es folgt eine Zeit der Restauration.</li>\n<li><strong>Neue Philosophie:</strong> Kant, Fichte und Schelling fragen, wie viel von der Welt das Ich selbst hervorbringt. Für die Romantiker wird das Ich zum Ort, an dem Welt und Unendliches sich begegnen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Klassik und Romantik nebeneinander</h4>\n<ul>\n<li><strong>Weimarer Klassik</strong> (etwa 1786 bis 1805, von Goethes Italienreise bis zu Schillers Tod): Vorbild ist die Antike. Gesucht werden Maß, Harmonie und das Ideal der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Humanität<span class=\"wort-erkl\">Menschlichkeit als Ziel: der Mensch soll edel, hilfsbereit und gut werden</span></span>. Kunst soll den Menschen bilden, nicht einem Zweck dienen (Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, 1795).</li>\n<li><strong>Frühromantik</strong> (ab etwa 1795, Jena): die Brüder Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck. Ihre Zeitschrift „Athenaeum“ (1798 bis 1800) entwirft das Programm.</li>\n<li><strong>Hochromantik</strong> (Heidelberger Romantik): Achim von Arnim und Clemens Brentano sammeln Volkslieder („Des Knaben Wunderhorn“, 1805 bis 1808). In Kassel sammeln die Brüder Grimm Märchen („Kinder- und Hausmärchen“, ab 1812).</li>\n<li><strong>Spätromantik</strong> (etwa 1815 bis 1830): Joseph von Eichendorff, E. T. A. Hoffmann. Volksliedton, Wanderer, Nachtseiten der Seele.</li>\n<li><strong>Dazwischen:</strong> Kleist, Hölderlin und Jean Paul gehören zu keiner Gruppe ganz. Das ist kein Fehler deines Wissens, sondern selbst ein Merkmal der Zeit.</li>\n</ul>\n\n<h4>Das Programm der Romantik in zwei Sätzen</h4>\n<ul>\n<li>Friedrich Schlegel, 116. Athenaeums-Fragment (1798): „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie.“ <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Universalpoesie<span class=\"wort-erkl\">eine Dichtung, die alle Gattungen mischt, Poesie und Philosophie verbindet und nie fertig wird</span></span> heißt: Gattungen mischen, Poesie und Philosophie verbinden, das Leben poetisch machen. „Progressiv“ heißt: Sie wird nie fertig.</li>\n<li>Novalis, Notizen aus dem Frühjahr 1798: „Die Welt muß romantisirt werden.“ Gemeint ist: dem Gewöhnlichen einen geheimnisvollen, unendlichen Sinn geben.</li>\n</ul>\n<p>Daraus folgen zwei Formmerkmale. Romantische Texte bleiben oft absichtlich offen, als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Fragment<span class=\"wort-erkl\">ein Text, der bewusst unfertig bleibt, weil das Unendliche sich nicht abschließen lässt</span></span>. Und sie brechen gern ihre eigene Illusion: In Tiecks Komödie „Der gestiefelte Kater“ (1797) spielen Figuren das Publikum im Parkett und reden ins Stück hinein. Das heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">romantische Ironie<span class=\"wort-erkl\">der Text zeigt, dass er gemacht ist, und hebt seine eigene Stimmung auf</span></span>.</p>\n\n<h4>Motive, die du erkennen solltest</h4>\n<ul>\n<li><strong>Sehnsucht und Ferne:</strong> Das Ich will weg, ins Unbestimmte, und kommt selten an. Oft steht es am Fenster oder hört ein Posthorn.</li>\n<li><strong>Nacht und Traum:</strong> Die Nacht öffnet, was der Tag verdeckt (Novalis, „Hymnen an die Nacht“, 1800).</li>\n<li><strong>Wandern:</strong> Unterwegssein als Freiheit, gegen den geregelten Alltag des <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Philisters<span class=\"wort-erkl\">so nannten die Romantiker den engstirnigen Bürger, der nur an Arbeit, Besitz und Ordnung denkt</span></span>.</li>\n<li><strong>Natur als Seelenraum:</strong> Landschaft spiegelt das Innere. Wald, Mond und Rauschen sind keine Kulisse, sondern Stimmung.</li>\n<li><strong>Die blaue Blume:</strong> Bild der unerreichbaren Sehnsucht, aus Novalis’ Roman „Heinrich von Ofterdingen“ (1802).</li>\n<li><strong>Nachtseiten:</strong> Wahnsinn, Doppelgänger, das Unheimliche, etwa in E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (1816). Oft bleibt offen, ob das Wunderbare wirklich ist oder nur eingebildet.</li>\n<li><strong>Volkslied, Märchen, Mittelalter:</strong> Die Romantiker suchen eine ursprüngliche, gemeinsame Poesie.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Natur ohne Gefühl, Natur als Seele.</strong> Goethe schreibt schon 1783 in „Das Göttliche“: „Edel sey der Mensch, / Hülfreich und gut!“ und gleich danach: „Denn unfühlend / Ist die Natur“. Gut ist der Mensch, nicht die Natur. In Eichendorffs „Mondnacht“ dagegen ist es, „als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt“: Die Natur scheint zu fühlen. An diesem Gegensatz kannst du Klassik und Romantik unterscheiden.</li>\n<li><strong>Freiheit gegen Philisterleben.</strong> In Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ (1826) schickt der Vater den Sohn mit „Du Taugenichts!“ in die Welt. Der zieht mit der Geige los, während die anderen „graben und pflügen“: „Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüthe.“ Deutung: Der Text feiert das zweckfreie Leben und macht sich zugleich leise darüber lustig.</li>\n<li><strong>Sehnsucht, die nicht ankommt.</strong> In Eichendorffs „Sehnsucht“ steht das Ich „am Fenster“ und hört „aus weiter Ferne / Ein Posthorn“: „Ach, wer da mitreisen könnte“. Das Ich bleibt drinnen. Die Ferne gibt es nur im Lied der anderen.</li>\n<li><strong>Klassisch gesund, romantisch krank?</strong> Goethe sagte 1829 zu Eckermann: „Das Classische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke.“ Er meinte damit vor allem die neueste Literatur seiner Zeit. Das ist ein Urteil eines Beteiligten, keine Definition. Nutz es als These, die du an einem Text prüfst.</li>\n<li><strong>Romantik heute.</strong> Neuere Texte nehmen romantische Motive auf und brechen sie. In einer amtlichen Beispielaufgabe für den Leistungskurs wird Eichendorffs „Der verspätete Wanderer“ mit Günter Kunerts „Straßen“ (entstanden 1965 bis 1969 in der DDR) verglichen: Bei beiden ist das Leben eine Reise, aber bei Kunert führen die Straßen ins Leere, und die Gehenden fragen „vergebens / den leeren Himmel“.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>Pflicht in Q1, im Grund- und Leistungskurs: Texte der Literatur um 1800, insbesondere der Romantik. Genannt sind Dramatik (zum Beispiel Schiller, Kleist), Epik (zum Beispiel Tieck, E. T. A. Hoffmann) und Lyrik (zum Beispiel Goethe, Hölderlin, Günderrode, Eichendorff), Schlüsselthemen der Weimarer Klassik wie Idealisierung, Humanität und Kunstautonomie, romantische Motive wie Phantasie, Traum, Seelenleben und Nachtseiten, Naturlyrik bis zur Gegenwart und romantische Themen in Texten des 20. und 21. Jahrhunderts.</p>\n<p><strong>Nur im Leistungskurs:</strong> programmatische Texte zu Sprache und Literatur (zum Beispiel Humboldt, Schiller, Novalis, Schlegel), Romantik und Modernität, pragmatische Texte über Natur und Mensch und zur Wirkung der Romantik in der Moderne.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 27 bis 29</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt das Themenfeld meist so vor: Du interpretierst ein Gedicht oder einen Erzählauszug, oder du vergleichst zwei Gedichte, oft ein romantisches mit einem neueren. Die Aufgabe nennt dann eine Hinsicht, etwa „im Hinblick auf die Gestaltung des Motivs des Unterwegsseins“, und verlangt, die Entstehungszeit zu berücksichtigen.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Joseph von Eichendorff, „Mondnacht“ (entstanden um 1835, gedruckt 1837)</span>\n<p>Es war, als hätt’ der Himmel<br>Die Erde still geküßt,<br>Daß sie im Blütenschimmer<br>Von ihm nun träumen müßt’.</p>\n<p>Die Luft ging durch die Felder,<br>Die Aehren wogten sacht,<br>Es rauschten leis die Wälder,<br>So sternklar war die Nacht.</p>\n<p>Und meine Seele spannte<br>Weit ihre Flügel aus,<br>Flog durch die stillen Lande,<br>Als flöge sie nach Haus.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Text nach Eichendorffs Sämmtlichen Werken, Bd. 1, Leipzig 1864, S. 604 (Wikisource), in der Schreibung dieser Ausgabe.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> ein Naturgedicht der Spätromantik in drei Strophen, gesprochen erst ohne, dann mit Ich.<em>Das Gedicht beschreibt eine Mondnacht und führt erst in der letzten Strophe ein Ich ein.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Am Anfang steht „als hätt’“, am Ende „Als flöge“. Beides ist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Konjunktiv<span class=\"wort-erkl\">Möglichkeitsform: so wäre es, aber so ist es nicht wirklich</span></span>.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Der Kuss von Himmel und Erde und der Heimflug der Seele geschehen nur „als ob“.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> romantische Sehnsucht nach einer Heimat jenseits der sichtbaren Welt.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Eichendorffs „Mondnacht“ beschreibt keine Wirklichkeit, sondern einen Wunsch. Das zeigt schon der Anfang: „Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt“ (V. 1 f.). Durch den Konjunktiv wird die Vereinigung von Himmel und Erde zu einem Vergleich, sie geschieht nur in der Vorstellung. Die mittlere Strophe bleibt dagegen ganz im Indikativ und bei dem, was man wahrnimmt: Luft, Ähren, Wälder, Sterne. Erst in der dritten Strophe tritt das Ich hervor, und seine „Seele“ (V. 9) bekommt Flügel. Doch auch dieser Flug endet im Konjunktiv: „Als flöge sie nach Haus“ (V. 12). Das Gedicht ist also von zwei „als ob“ gerahmt. Darin zeigt sich die romantische Grundhaltung: Die Natur wird zum Ort, an dem eine unendliche Heimat aufscheint, aber sie wird nicht erreicht. Man kann das auch anders lesen, als sanfte Gewissheit eines Glaubens. Für beide Lesarten spricht der Text, entscheidend ist, dass die Heimkehr Bild bleibt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er beobachtet genau (Konjunktiv am Anfang und Ende, Indikativ in der Mitte), zitiert kurz mit Versangabe, sagt, was die Form bewirkt, nennt eine zweite Lesart und kommt erst am Ende zur Epoche. So beschreiben die Bewertungshinweise des IQB eine gute Interpretation: textnah, funktional, mit Blick auf alternative Lesarten und einer differenzierten Epocheneinordnung. Das Verstehen zählt etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Eichendorff, „Sehnsucht“ (erste Strophe, Erstdruck 1834): „Es schienen so golden die Sterne, / Am Fenster ich einsam stand / Und hörte aus weiter Ferne / Ein Posthorn im stillen Land. / Das Herz mir im Leib entbrennte, / Da hab’ ich mir heimlich gedacht: / Ach, wer da mitreisen könnte / In der prächtigen Sommernacht!“ Schreib einen Absatz: Wo steht das Ich, wohin will es, und was sagt der Ausruf am Ende über seine Lage?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Das Ich steht „am Fenster“ und „einsam“: Es ist drinnen, die Welt draußen. Das Posthorn kommt „aus weiter Ferne“, die Sehnsucht wird also durch ein Geräusch geweckt, nicht durch eine Reise. Der Wunsch „Ach, wer da mitreisen könnte“ steht im Konjunktiv und als Ausruf: Das Ich reist nicht, es wünscht sich nur, es könnte.</p>\n<p>Gute Absätze verbinden das mit dem Fenster als Grenze zwischen enger Wirklichkeit und weiter Welt und schließen auf die romantische Sehnsucht, die nicht erfüllt wird. Wer weiterliest, sieht: In den nächsten Strophen singen zwei junge Gesellen im Wandern von der Ferne, das Ich bleibt Zuhörer.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Gedichte mit Versangabe: „Als flöge sie nach Haus“ (V. 12). Bei zwei Gedichten nennst du einmal den Titel, danach Kurztitel und Vers. Ältere Schreibung (geküßt, Aehren) übernimmst du so, wie sie in deinem Prüfungstext steht.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Epochenwissen abladen.</strong> Merkmale der Romantik ohne Stelle im Text bringen kaum Punkte.</li>\n<li><strong>„Romantik heißt Gefühl und Natur“ als Ergebnis.</strong> Sag, welches Gefühl, an welcher Stelle, mit welcher Wirkung.</li>\n<li><strong>Das lyrische Ich mit dem Dichter gleichsetzen.</strong> Schreib „das lyrische Ich“, nicht „Eichendorff sehnt sich“.</li>\n<li><strong>Klassik und Romantik als feindliche Lager darstellen.</strong> Sie entstehen zur selben Zeit und haben gemeinsame Wurzeln. Zeig den Unterschied am Text.</li>\n<li><strong>Im neueren Text ein Motiv erfinden.</strong> Nimm nur auf, was wirklich da ist, und zeig, wo es gebrochen wird.</li>\n<li><strong>Das Wunderbare entscheiden, wo der Text es offenlässt.</strong> Oft ist genau die Offenheit deine Beobachtung.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Literatur des Expressionismus</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Der Expressionismus ist die Literatur einer jungen Generation zwischen etwa 1910 und den frühen 1920er-Jahren. Sie erlebt die Großstadt, die Technik und dann den Ersten Weltkrieg als Bedrohung und will diese Welt nicht abbilden, sondern ausdrücken: laut, hart, oft grotesk. In der Prüfung liegt meist ein Gedicht, das du nicht kennst, manchmal ein kurzer Prosa- oder Dramenauszug. Typisch sind der Reihungsstil, harte Bilder, ein zersplittertes Ich und das Nebeneinander von Weltuntergang und Aufbruch. Punkte holst du, wenn du diese Merkmale an Versen zeigst und sagst, was sie bewirken.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Hessen gibt es zum Expressionismus keinen Pflichtroman. Der Text liegt dir in der Klausur vor, zum Beispiel ein Gedicht oder ein kurzer epischer oder dramatischer Auszug.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Literatur des Expressionismus, Q3. GK und LK. Keine extra benannte Ganzschrift.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:feld:expressionismus -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Der Name kommt vom lateinischen „expressio“, Ausdruck. Die Dichter wollen zeigen, wie sich die Welt anfühlt, nicht wie sie aussieht. Deshalb verzerren sie die Wirklichkeit: Die Stadt wird zum Götzen, der Krieg zum Riesen, ein Weltuntergang steht neben einem Schnupfen.</p>\n<p>Wichtig für die Klausur ist das Wort <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Reihungsstil<span class=\"wort-erkl\">Bilder oder Aussagen stehen unverbunden nebeneinander, oft eine pro Vers, ohne dass der Text sie erklärt</span></span>. Viele frühe Gedichte haben dabei eine ganz strenge Form mit Reim und Metrum. Der Gegensatz zwischen ordentlicher Form und chaotischem Inhalt ist selbst eine Beobachtung wert.</p>\n<p>Gedichte zitierst du mit Versangabe, zum Beispiel „liest man“ (V. 4).</p>\n</div>\n\n<h4>Was um 1910 passiert</h4>\n<ul>\n<li><strong>Großstadt:</strong> Die Städte wachsen rasant, allen voran die Reichshauptstadt. Verkehr, Lärm, Fabriken und Menschenmassen prägen den Alltag. Der Soziologe Georg Simmel beschreibt schon 1903 („Die Großstädte und das Geistesleben“) eine „Steigerung des Nervenlebens“ durch die vielen schnellen Eindrücke.</li>\n<li><strong>Bürgerwelt:</strong> Das Kaiserreich wirkt satt, autoritär und erstarrt. Die jungen Dichter verspotten den Bürger.</li>\n<li><strong>Neue Wissenschaft:</strong> Nietzsches Kritik an Moral und Religion, Freuds Lehre vom Unbewussten. Das Ich ist nicht mehr Herr im eigenen Haus.</li>\n<li><strong>Erster Weltkrieg (1914 bis 1918):</strong> Vor 1914 schreiben manche den Krieg als Vision, danach aus der Erfahrung von Front und Lazarett. Georg Trakl, Ernst Stadler und Alfred Lichtenstein sterben 1914.</li>\n<li><strong>Orte der Bewegung:</strong> die Zeitschriften „Der Sturm“ (ab 1910) und „Die Aktion“ (ab 1911), die Gedichtsammlung „Menschheitsdämmerung“ von Kurt Pinthus (Ende 1919).</li>\n</ul>\n\n<h4>Motive, die du erkennen solltest</h4>\n<ul>\n<li><strong>Großstadt als Dämon:</strong> Masse, Tempo, Anonymität. Der Mensch ist darin vereinzelt.</li>\n<li><strong>Weltende:</strong> Untergangsstimmung, Katastrophen, oft grotesk gebrochen.</li>\n<li><strong>Krieg:</strong> erst Vision oder ersehnter Aufbruch, dann Grauen.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ich-Zerfall<span class=\"wort-erkl\">das Ich verliert seinen Halt und zerfällt in einzelne Eindrücke und Stimmungen</span></span>:</strong> Reizüberflutung, Wahnsinn, Angst.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ästhetik des Hässlichen<span class=\"wort-erkl\">das Abstoßende (Krankheit, Tod, Verwesung) wird zum Thema gemacht, um zu schockieren und die schöne Fassade zu brechen</span></span>:</strong> Kranke, Leichen, Ekel, gegen die schönen Bilder der Tradition.</li>\n<li><strong>Aufbruch und neuer Mensch:</strong> Neben dem Untergang steht die Hoffnung auf Erneuerung, oft mit viel <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Pathos<span class=\"wort-erkl\">feierlich gesteigerter, leidenschaftlicher Ausdruck</span></span>.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wie die Sprache aussieht</h4>\n<ul>\n<li><strong>Reihung und Zeilenstil:</strong> kurze Hauptsätze, die am Versende schließen, kaum „weil“ oder „deshalb“. Wirkung: Gleichzeitigkeit, eine Welt ohne Zusammenhang.</li>\n<li><strong>Kühne Bilder:</strong> Metaphern und Personifikationen, die die Wirklichkeit verzerren.</li>\n<li><strong>Farben als Stimmung:</strong> besonders bei Trakl tragen Schwarz, Rot, Gold und Blau Bedeutung.</li>\n<li><strong>Groteske:</strong> Großes und Banales stehen gleichrangig nebeneinander. Das wirkt komisch und unheimlich zugleich.</li>\n<li><strong>Strenge Form, wilder Inhalt:</strong> Reim und Metrum wie im 19. Jahrhundert, aber mit Bildern, die alles sprengen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Die Stadt als Götze.</strong> Georg Heym, „Der Gott der Stadt“ (1911): „Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.“ Der Gott heißt „Baal“, „Die großen Städte knieen um ihn her“, und der Rauch der Fabriken steigt zu ihm auf „wie Duft von Weihrauch“. Die Stadt wird als Religion ohne Erlösung gezeigt; am Ende frisst ein „Meer von Feuer“ eine Straße.</li>\n<li><strong>Krieg als Vision vor dem Krieg.</strong> Heym, „Der Krieg“ (geschrieben im September 1911, gedruckt 1912): „Aufgestanden ist er, welcher lange schlief“. Der Krieg ist ein Riese, der „den Mond zerdrückt“. Deutung: Das Gedicht sieht die Katastrophe kommen, bevor sie da ist.</li>\n<li><strong>Krieg als Erfahrung.</strong> Georg Trakl, „Grodek“ (September 1914): „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.“ Statt Heldentum Klage, Farben und Tod.</li>\n<li><strong>Untergang als Zeitungsmeldung.</strong> In Jakob van Hoddis’ „Weltende“ (1911) kommt die Flut nur über ein „liest man“ an. Man kann das als Kritik an Medien lesen, die jeden Tag eine neue Katastrophe melden. Der Literaturwissenschaftler Helmut G. Hermann nannte das Gedicht eine „kabarettistisch-schnoddrige Version“ eines Weltuntergangs. Ob es sich über die Untergangsängste lustig macht, bleibt offen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Abgrenzung zu Romantik und Naturalismus</h4>\n<ul>\n<li><strong>Romantik:</strong> Nacht und Ich gibt es auch dort, aber das Ich sucht Ferne und Einheit mit der Natur, im Ton des Volkslieds. Expressionistisch wird ein Text, wenn Bilder hart aneinanderstoßen und die Stimme überreizt ist.</li>\n<li><strong>Naturalismus</strong> (etwa 1880 bis 1900): Auch er zeigt Großstadt und Elend, will sie aber genau abbilden. Der Expressionismus verzerrt sie, um ein Gefühl auszudrücken.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>„Literatur des Expressionismus“ ist Pflicht in Q3, im Grund- und Leistungskurs. Mindestens eine Prüfungsaufgabe bezieht sich auf eines oder mehrere der Pflichtwerke und Themen. Genannt sind Lyrik des Expressionismus, Epik und Dramatik der literarischen Moderne, Schlüsselthemen wie Ästhetik des Hässlichen, Großstadt und Beschleunigung, Krieg und neuer Mensch, dazu Spiegelungen in Texten der Gegenwart, etwa Fortschrittskritik und Kulturpessimismus.</p>\n<p><strong>Nur im Leistungskurs:</strong> programmatische Texte, zum Beispiel von Nietzsche, Freud, Simmel und Pinthus.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 27 bis 30</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Interpretieren Sie das Gedicht „Der Gott der Stadt“ von Georg Heym im Hinblick auf die Darstellung der Großstadt. Vergleichen Sie anschließend mit Jakob van Hoddis’ „Weltende“, wie beide Gedichte Bedrohung gestalten.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt die Epoche meist so vor: Du interpretierst ein Gedicht, oft unter einer Hinsicht wie Großstadt, Ich oder Krieg, oder du vergleichst ein expressionistisches Gedicht mit einem aus einer anderen Zeit. Die Epoche belegst du mit Merkmalen aus dem Text, nicht mit einer Liste.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Jakob van Hoddis, „Weltende“ (1911)</span>\n<p>Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,<br>In allen Lüften hallt es wie Geschrei.<br>Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei<br>Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.</p>\n<p>Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen<br>An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.<br>Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.<br>Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Erstdruck in der Berliner Zeitschrift „Der Demokrat“, Januar 1911. Das Gedicht ist gemeinfrei.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> zwei Strophen über einen Weltuntergang, ohne Ich, das klagt.<em>Das Gedicht beschreibt in acht Versen einen Weltuntergang.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Fast jeder Vers bringt ein neues Bild, ohne Übergang. Mitten darin der Einschub „liest man“ und der „Schnupfen“.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Großes und Banales stehen gleich, die Katastrophe kommt als Nachricht.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> eine Welt ohne Zusammenhang, in strenger Form.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Van Hoddis erzählt den Weltuntergang nicht als Gefühl, sondern als Folge von Meldungen. Schon der erste Vers setzt den Bürger herab: Ihm „fliegt vom spitzen Kopf der Hut“ (V. 1), als wäre die Katastrophe zuerst eine Peinlichkeit. Danach stehen Geschrei, stürzende Dachdecker und die steigende Flut ohne Übergang nebeneinander; jeder Vers ist ein eigener Satz oder Satzteil. Der Einschub „liest man“ (V. 4) zeigt, dass die Flut nur aus der Zeitung bekannt ist. In der zweiten Strophe steht „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen“ (V. 7) gleichrangig neben Zügen, die „von den Brücken“ (V. 8) fallen. Diese Reihung macht das Ungeheure beiläufig und das Beiläufige ungeheuer. Dazu passt der Kontrast zur Form: Zwei regelmäßig gereimte Strophen fassen ein Chaos ein, das keinen Zusammenhang mehr hat. Ob das Gedicht die Angst der Zeit ernst nimmt oder verspottet, lässt es offen, und gerade diese Unentschiedenheit wirkt beunruhigend.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Jede Beobachtung hat ein kurzes Zitat mit Vers, jede sagt, was sie bewirkt (Herabsetzung, Distanz, Gleichrangigkeit), die Form wird mit dem Inhalt verbunden, und am Ende steht eine offene Lesart statt eines Lexikonsatzes. So beschreiben die Bewertungshinweise des IQB eine gute Interpretation: textnah, funktional, mit Blick auf mehrere Lesarten. Das Verstehen zählt etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Georg Heym, „Der Gott der Stadt“ (1911), erste Strophe: „Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. / Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. / Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit / Die letzten Häuser in das Land verirrn.“ Schreib einen Absatz: Wer ist dieser Gott, wie wird er gezeigt, und was sagt das über die Stadt?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Gott ist die Stadt selbst, als Person gezeigt (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Personifikation<span class=\"wort-erkl\">etwas Unbelebtes handelt oder fühlt wie ein Mensch</span></span>). Er „sitzt“ auf einem Häuserblock „breit“, also schwer, besitzend, unbeweglich. Die „schwarz“ lagernden Winde und sein Blick „voll Wut“ machen ihn bedrohlich. Selbst die letzten Häuser am Rand gehören zu ihm, sie „verirrn“ sich ins Land.</p>\n<p>Gute Absätze sagen dazu, dass die Stadt hier nicht beschrieben, sondern vergöttert und verzerrt wird, und nennen die Form: vier Verse, fünfhebig, gereimt, jeder Vers ein Bild. Wer weiterliest, findet den Namen „Baal“ und das „Meer von Feuer“ am Schluss: Der Gott vernichtet, was ihn anbetet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Gedichte mit Versangabe: „liest man“ (V. 4). Nenn Autor, Titel und Jahr einmal in der Einleitung. Schreib „lyrisches Ich“ oder „Sprecher“, nicht den Namen des Dichters, wenn du die Stimme im Gedicht meinst.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Epochenwissen abladen.</strong> Eine Merkmalsliste ohne Vers bringt kaum Punkte.</li>\n<li><strong>Reihung nur benennen.</strong> Sag, was sie bewirkt: Gleichzeitigkeit, Chaos, fehlender Zusammenhang.</li>\n<li><strong>Die Groteske übersehen.</strong> Schnupfen neben Weltuntergang ist Absicht, deute das Komische mit.</li>\n<li><strong>Jedes Großstadtgedicht expressionistisch nennen.</strong> Entscheidend ist, wie die Stadt gestaltet ist, nicht dass sie vorkommt.</li>\n<li><strong>Die Form vergessen.</strong> Reim und Metrum gegen das Chaos sind eine Beobachtung mit Wirkung.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Sprache und Öffentlichkeit</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In diesem Themenfeld gibt es kein Pflichtbuch: In der Prüfung liegt ein Sachtext, den du nicht kennst, etwa eine Rede, ein Kommentar, ein Interview oder ein Post. Du untersuchst, ob der Text eine Sache gemeinsam klären will (Verständigung) oder vor allem gewinnen will (Strategie), und an welchen Wörtern und Mitteln man das sieht. Dazu kommt, wie das Medium den Text prägt: Eine Rede wirkt anders als ein Zeitungskommentar oder ein Post. Je nach Aufgabe analysierst du den Text, erörterst seine These oder nutzt ihn als Material für einen eigenen Beitrag. Mit ein paar Modellen und Fachwörtern kannst du das genau benennen, aber die Punkte holst du am Text.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>Eine Aufgabe kann ein Kommentar, eine Rede oder ein kurzer Text von dir sein. Es gibt kein Pflichtbuch.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> Q2.1 Sprache und Öffentlichkeit. Grundkurs und Leistungskurs.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:feld:politische-sprache -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Das Themenfeld heißt amtlich „Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen“. Gemeint ist: Wie Menschen in Politik und Öffentlichkeit mit Sprache handeln. Wer redet, will etwas erreichen: überzeugen, beruhigen, mobilisieren, den Gegner schwächen.</p>\n<p>Drei Punkte stehen in den Vorgaben, und die kannst du dir als drei Fragen an jeden Text merken:</p>\n<ul>\n<li><strong>Verständigung oder Strategie?</strong> Will der Text eine Frage gemeinsam klären, oder will er vor allem Zustimmung und Sieg?</li>\n<li><strong>Mit welchen sprachlichen Mitteln?</strong> Welche Wörter, Bilder und Satzbaumuster lenken, wie du die Sache siehst?</li>\n<li><strong>In welchem Medium?</strong> Gesprochen oder geschrieben, im Parlament, in der Zeitung, im Netz: Was macht das mit dem Text?</li>\n</ul>\n<p>Die Texte heißen in der Prüfung <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">pragmatische Texte<span class=\"wort-erkl\">Sachtexte, die in der Wirklichkeit etwas bewirken sollen: Reden, Kommentare, Essays, Interviews, Posts</span></span>. Zitiert wird mit Zeilenangabe, zum Beispiel „ein wenig Geduld“ (Z. 3).</p>\n</div>\n\n<h4>Verständigung und Strategie</h4>\n<p>Die Unterscheidung geht auf den Philosophen Jürgen Habermas zurück („Theorie des kommunikativen Handelns“, 1981). Er trennt Handeln, das auf <strong>Verständigung</strong> zielt, von Handeln, das auf <strong>Erfolg</strong> zielt. Wer sich verständigen will, legt Gründe offen und lässt sich vom besseren Argument überzeugen. Wer strategisch handelt, behandelt die anderen als Mittel: Er will, dass sie etwas tun oder glauben, egal wie.</p>\n<ul>\n<li><strong>Zeichen für Verständigung:</strong> Gründe statt Behauptungen, Gegenargumente werden genannt und ernst genommen, Begriffe werden erklärt, Fragen bleiben offen, wo die Sache offen ist.</li>\n<li><strong>Zeichen für Strategie:</strong> Ziele, gegen die niemand sein kann, an der Stelle von Gründen; Gegner werden abgewertet statt widerlegt; Gefühle wie Angst oder Stolz ersetzen Belege; Wichtiges wird verschwiegen oder im Passiv versteckt.</li>\n</ul>\n<p>In echten Texten kommt fast immer beides vor. Stark wird deine Analyse, wenn du zeigst, an welcher Stelle der Text von einem ins andere wechselt. Strategie ist dabei nicht automatisch unanständig: Auch wer für eine gute Sache wirbt, will gewinnen. Bewerte also, was der Text tut, nicht ob dir seine Meinung gefällt.</p>\n\n<h4>Modelle, mit denen du Kommunikation beschreibst</h4>\n<p>Modelle helfen dir, Beobachtungen genau zu benennen. Nenn sie nur, wenn du sie an einer Stelle im Text anwendest.</p>\n<ul>\n<li><strong>Organon-Modell</strong> (Karl Bühler, „Sprachtheorie“, 1934): Jede Äußerung hat drei Seiten. Sie stellt eine Sache dar (<em>Darstellung</em>), sie zeigt etwas über den Sprecher (<em>Ausdruck</em>) und sie will beim Hörer etwas bewirken (<em>Appell</em>). Politische Reden sind oft stark appellativ.</li>\n<li><strong>Vier Seiten einer Nachricht</strong> (Friedemann Schulz von Thun, „Miteinander reden“, 1981): Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung, Appell. Hilfreich, wenn du zeigen willst, wie ein Redner sein Verhältnis zum Publikum gestaltet, etwa mit „wir alle“.</li>\n<li><strong>„Man kann nicht nicht kommunizieren“</strong> (Paul Watzlawick und andere, 1967): Auch Schweigen, Auslassen und Tonfall sagen etwas. Gut für die Frage, was ein Text weglässt.</li>\n<li><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mehrfachadressierung<span class=\"wort-erkl\">ein Text richtet sich zugleich an mehrere Gruppen, etwa an Gegner, eigene Anhänger und die Öffentlichkeit</span></span>: Wer im Parlament spricht, redet scheinbar zu den anderen Abgeordneten, gemeint sind aber oft die Zuschauer, die Medien und die eigene Partei. Der Sprachwissenschaftler Walther Dieckmann nannte das schon 1981 eine „trialogische“ Lage.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wörter, die lenken</h4>\n<p>In der politischen Sprache wird um Wörter gekämpft. Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf sprach 1973 auf einem Parteitag davon, man müsse Begriffe „besetzen“. Seitdem ist das ein fester Ausdruck.</p>\n<ul>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Fahnenwort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort, mit dem eine Gruppe ihre eigenen Ziele positiv kennzeichnet</span></span> und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stigmawort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort, das die Gegenseite oder ihre Ziele abwertet</span></span>:</strong> Die Begriffe stammen vom Sprachwissenschaftler Fritz Hermanns (1982). Oft ist das Fahnenwort der einen Seite das Stigmawort der anderen.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Hochwertwort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort für einen Wert, den fast alle teilen, etwa Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit</span></span>:</strong> Gegen „Sicherheit“ ist niemand. Wer sein Vorhaben damit verbindet, macht Widerspruch schwer.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Framing<span class=\"wort-erkl\">ein Wort ruft einen ganzen Deutungsrahmen auf und legt fest, wie wir eine Sache sehen</span></span>:</strong> Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling („Politisches Framing“, 2016) zeigt das an der „Steuerlast“: Das Wort lässt Steuern als Gewicht erscheinen, das einen erdrückt. Wer von „Steuerbeitrag“ spricht, rahmt dieselbe Sache als Beitrag zum Gemeinwesen. Und „Steueroase“ lässt Steuerflucht klingen wie einen rettenden Ort in der Wüste.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Euphemismus<span class=\"wort-erkl\">beschönigendes Wort, das etwas Unangenehmes harmloser klingen lässt</span></span> und Kampfbegriff:</strong> Das eine verharmlost, das andere greift an.</li>\n<li><strong>Satzbau und Pronomen:</strong> Das Passiv versteckt, wer handelt („Die Gebühren werden erhöht“). „Wir“ schafft Gemeinschaft, „die da oben“ oder „die anderen“ ziehen eine Grenze.</li>\n<li><strong>Bilder:</strong> Metaphern wie „Flut“, „Welle“ oder „Lawine“ machen aus Menschen eine Naturgewalt. Frag immer: Was legt das Bild nahe, ohne es zu sagen?</li>\n</ul>\n\n<h4>Wie Reden überzeugen wollen</h4>\n<p>Schon Aristoteles hat in seiner „Rhetorik“ drei Wege unterschieden, mit denen ein Redner überzeugt:</p>\n<ul>\n<li><strong>Ethos:</strong> durch seine Glaubwürdigkeit („Ich habe dreißig Jahre als Ärztin gearbeitet …“).</li>\n<li><strong>Pathos:</strong> durch Gefühle beim Publikum (Angst, Mitleid, Stolz, Empörung).</li>\n<li><strong>Logos:</strong> durch Argumente und Belege.</li>\n</ul>\n<p>Für deine Analyse heißt das: Benenne, worauf ein Abschnitt setzt, und frag, ob die Gefühle ein Argument stützen oder ersetzen. Typische Mittel dabei sind <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">rhetorische Fragen<span class=\"wort-erkl\">Fragen, auf die keine Antwort erwartet wird, weil sie die Antwort schon nahelegen</span></span>, Wiederholungen (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Anapher<span class=\"wort-erkl\">mehrere Sätze oder Satzteile beginnen mit demselben Wort</span></span>), Dreierfiguren und Gegensätze (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Antithese<span class=\"wort-erkl\">zwei gegensätzliche Begriffe oder Aussagen werden gegenübergestellt</span></span>).</p>\n\n<h4>Gesprochen, geschrieben, gepostet</h4>\n<ul>\n<li><strong>Die Rede</strong> wirkt über Stimme, Pausen und Reaktionen im Saal. Im Protokoll stehen Zwischenrufe und Beifall: Sie zeigen, wen ein Satz erreicht hat.</li>\n<li><strong>Der Kommentar</strong> in der Zeitung hat Zeit für Begründungen und Gegenargumente. Fehlen sie, ist das eine Beobachtung wert.</li>\n<li><strong>Der Post</strong> lebt von Kürze, Zuspitzung, Bild und Wiederholung. Er erreicht viele, begründet aber wenig.</li>\n<li>Die Sprachwissenschaftler Peter Koch und Wulf Oesterreicher (1985) unterscheiden <strong>Sprache der Nähe</strong> (spontan, persönlich, wie im Gespräch) und <strong>Sprache der Distanz</strong> (geplant, sachlich, wie im Gesetz). Ein Post ist oft geschrieben, klingt aber wie gesprochen. Wenn eine Politikerin so schreibt, wirkt sie nahbar.</li>\n</ul>\n\n<h4>Sprachkritik: wenn Wörter Unrecht verdecken</h4>\n<p>Wie Sprache Denken lenken kann, hat der Romanist Victor Klemperer an der Sprache des Nationalsozialismus beschrieben („LTI“, 1947). Heute sucht die Jury der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ jedes Jahr ein Wort, das Menschen herabsetzt oder etwas verschleiert; das erste war 1991 „ausländerfrei“. Solche sprachkritischen Texte können in der Prüfung als Material liegen. Dann fragst du: Welche Wirkung wird dem Wort zugeschrieben, und überzeugt die Begründung?</p>\n\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">Nur auf erhöhtem Niveau (Leistungskurs)</span>\n<p>Im Leistungskurs sollst du laut den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz sprachliche Handlungen „theoriegestützt“ beschreiben und sprachphilosophische Positionen zur Analyse heranziehen. Für dieses Themenfeld heißt das: Habermas, Bühler, Schulz von Thun oder Framing nicht nur nennen, sondern an einer Stelle zeigen, was das Modell sichtbar macht und wo es an seine Grenze kommt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KMK, Bildungsstandards Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife, S. 21</a></p>\n</div>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Hessen</span>\n<p>In Hessen heißt der Schwerpunkt „Sprache und Öffentlichkeit“ (Q2.1), im Grund- und Leistungskurs. Genannt sind argumentative Strukturen und persuasive Strategien, zum Beispiel die Kraft des besseren Arguments, Framing, Political Correctness und Empörungskommunikation, dazu Verständigung und Strategie, Schriftlichkeit und Mündlichkeit in verschiedenen Medien sowie Rhetorik: Redeanalyse und eigene Beiträge verfassen.</p>\n<p><strong>Nur im Leistungskurs:</strong> pragmatische Texte zu Medienwandel und Medientheorien, zum Beispiel zum Wandel der Rolle des Journalismus.</p>\n<p>Das materialgestützte Verfassen argumentierender und informierender Texte hat laut Erlass eine besondere Bedeutung, mit Angabe der Ziellänge.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/abiturerlass_la_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abiturerlass Landesabitur 2027, S. 27 bis 29</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Verfassen Sie auf der Grundlage der Materialien einen argumentierenden Beitrag für die Schülerzeitung zur Frage, ob Empörung im Netz die politische Debatte stärkt oder schwächt (etwa 800 Wörter).</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt das Themenfeld meist so vor: Du analysierst einen pragmatischen Text (Argumentation, sprachliche Mittel, Intention), du erörterst seine These, oder du schreibst aus mehreren Materialien einen eigenen Beitrag, etwa einen Kommentar. Das Themenfeld wird dabei in der Aufgabe oft ausdrücklich genannt.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Otto Wels (SPD) im Reichstag, 23. März 1933, gegen das Ermächtigungsgesetz</span>\n<p>„Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren.“</p>\n<p>„Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wortlaut nach dem Abdruck bei German History in Documents and Images (aus: Dokumente der deutschen Politik, Bd. 1, 1935, S. 36 bis 38), abgeglichen mit einem Auszug aus dem Reichstagsprotokoll. Die Rede ist gemeinfrei.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Die Regierung Hitler will sich vom Reichstag ermächtigen lassen, Gesetze ohne das Parlament zu beschließen. Die SPD stimmt als einzige Partei dagegen; das Gesetz wird mit 444 zu 94 Stimmen angenommen. Wels weiß also, dass er die Abstimmung verliert.<em>Der Auszug stammt aus der Rede, mit der Otto Wels die Ablehnung der SPD begründet.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Das Wort „Macht“ kommt dreimal vor, aber jedes Mal anders: als Tatsache der Gegner, als Macht des Rechtsbewusstseins, als Macht, die das Gesetz nicht gibt.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Wels gibt die Niederlage zu und deutet im selben Atemzug um, was Macht ist.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Verständigung mit der Mehrheit ist nicht mehr möglich. Die Rede wendet sich an andere Adressaten.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Wels spricht in einer Lage, in der Verständigung mit der Mehrheit nicht mehr möglich ist: Das Ergebnis der Abstimmung steht fest. Er versucht deshalb nicht, die Abgeordneten der Regierungsparteien umzustimmen, sondern deutet den Begriff um, auf den sie sich stützen. Zunächst räumt er ein, man könne „machtpolitische Tatsachen“ nicht durch „bloße Rechtsverwahrungen“ beseitigen. Diese Einräumung macht ihn glaubwürdig, weil er die Lage nicht schönredet. Gleich danach setzt er mit „Aber“ eine zweite Macht dagegen: „das Rechtsbewußtsein des Volkes“. Die Wiederholung des Wortes „Macht“ verschiebt seine Bedeutung von der Gewalt der Regierung zur Überzeugung der Menschen. Damit richtet sich die Rede über den Saal hinaus an die Öffentlichkeit und die eigenen Anhänger. Der Schlusssatz „Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen […] zu vernichten“ greift den Namen des Gesetzes auf und kehrt ihn gegen die, die es beschließen. Die Rede ist also strategisch gebaut, aber nicht um zu siegen, sondern um für die Zeit nach der Niederlage eine Gegenposition festzuhalten.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ordnet die Situation ein, belegt jede Beobachtung mit einem kurzen Zitat, sagt, was das Mittel bewirkt (Einräumung, Wiederholung, Umdeutung), und kommt zu einem Urteil über Verständigung und Strategie. So beschreiben die Bewertungshinweise des IQB eine gute Analyse: textnah, funktional, mit eigenständigem Urteil. Bei textbezogenen Aufgaben zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte am 8. Mai 1985 im Bundestag, 40 Jahre nach Kriegsende: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Die ganze Rede steht auf bundespraesident.de. Schreib einen Absatz: Welchen Rahmen setzt das Wort „Befreiung“, und welche anderen Wörter für denselben Tag schiebt es beiseite?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Für den 8. Mai 1945 gab es in Deutschland andere Wörter: Niederlage, Kapitulation, Zusammenbruch. Sie stellen das Ende des Kriegs als Verlust dar. „Befreiung“ setzt einen anderen Rahmen: Befreit wird man von etwas Schlechtem, also war die NS-Herrschaft das Unrecht, nicht ihr Ende. Mit „uns alle“ bezieht Weizsäcker auch die Deutschen ein, die den Tag als Niederlage erlebt hatten.</p>\n<p>Gute Absätze zeigen außerdem, dass die Rede die anderen Erfahrungen nicht verschweigt: Kurz vorher sagt Weizsäcker, der 8. Mai sei „kein Tag zum Feiern“, und nennt Heimkehr, Heimatlosigkeit und Gefangenschaft. Das Framing wirkt gerade, weil es die Gegenwörter anerkennt und dann überbietet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Gib bei Sachtexten die Zeile an: „ein wenig Geduld“ (Z. 3). Nenn bei Reden Redner, Anlass und Datum einmal in der Einleitung, danach reichen die Zeilen. Zwischenrufe aus dem Protokoll darfst du zitieren, sie gehören zur Kommunikationssituation.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Mittel aufzählen ohne Wirkung.</strong> „Es gibt eine Anapher“ bringt nichts. Sag, was sie beim Publikum bewirkt.</li>\n<li><strong>Über das Thema schreiben statt über den Text.</strong> In der Erörterung prüfst du die These des Textes, nicht deine allgemeine Meinung zum Thema.</li>\n<li><strong>Die eigene politische Meinung als Analyse ausgeben.</strong> Bewerte, wie der Text argumentiert, nicht ob dir seine Partei gefällt.</li>\n<li><strong>Strategie mit Lüge verwechseln.</strong> Strategisch heißt: auf Wirkung angelegt. Ob etwas falsch ist, musst du gesondert begründen.</li>\n<li><strong>Modelle abladen.</strong> Ein Modell zählt nur, wenn du es an einer Stelle anwendest.</li>\n<li><strong>Medium vergessen.</strong> Ob Rede, Kommentar oder Post, sag in einem Satz, was das Medium mit dem Text macht.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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