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      "id": "mv-de-klausur-pragmatisch",
      "cat": "Klausur-Formate",
      "title": "Analyse pragmatischer Texte / Erörterung",
      "short": "GK: Analyse mit Schreibauftrag, LK: Analyse oder Erörterung. Fünf Schritte und eine Musterlösung an Büchners „Hessischem Landboten“.",
      "content": "<p class='intro-text'><em>Du untersuchst einen Sachtext: erst seine Argumentation verstehen und analysieren, im Leistungskurs unter Umständen auch begründet Stellung nehmen oder erörtern.</em></p>\n<div style='padding: 12px; background: #eef2ff; border-left: 4px solid #6366f1; border-radius: 6px; margin-bottom: 20px;'><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium 2027:</strong> Vier Aufgabenblöcke, einen wählen. Grundkurs 255, Leistungskurs 315 Minuten, jeweils einschließlich Auswahlzeit. Mögliche Aufgabenarten mit Sachtext:<ul><li><strong>Grundkurs:</strong> Analyse pragmatischer Texte, gegebenenfalls mit erweitertem Schreibauftrag</li><li><strong>Leistungskurs:</strong> Analyse bzw. Erörterung pragmatischer Texte, gegebenenfalls mit erweitertem Schreibauftrag</li></ul>In allen Blöcken können pragmatische und literarische Texte kombiniert oder verglichen werden.<br><small style='color: #64748b;'>Quelle: <a href='https://www.bildung-mv.de/schule/abschlusspruefungen/vorabhinweise/' target='_blank' rel='noopener'>Vorabhinweise zum Abitur M-V 2027</a></small></div>\n<h4>So könnte eine Aufgabe lauten</h4>\n<ul><li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-afb2-analysieren'); return false;\">Analysieren</a> Sie die Argumentationsstruktur des Textes</li><li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-afb2-untersuchen'); return false;\">Untersuchen</a> Sie die sprachlichen Mittel und ihre Wirkung</li><li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-afb2-erlaeutern'); return false;\">Erläutern</a> Sie die Position des Autors zum Thema</li><li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-afb3-stellung-nehmen'); return false;\">Nehmen Sie Stellung</a> zur Argumentation (LK)</li><li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-afb3-eroertern'); return false;\">Erörtern</a> Sie die Problemstellung auf Basis des Textes (LK)</li><li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-afb3-beurteilen'); return false;\">Beurteilen</a> Sie die Überzeugungskraft der Argumentation</li></ul>\n\n<!-- free-card:de-methode-sachtext -->\n<div class=\"ks-kurz\"><p>Bei einer Sachtextanalyse zeigst du, was ein nicht erfundener Text sagt, wie er argumentiert und was er bei seinen Lesern erreichen will. Du schreibst eine Einleitung mit Textdaten und Position, gibst den Gedankengang wieder und untersuchst dann die Sprache. Jede Beobachtung bekommt drei Teile: das Mittel, ein kurzes Zitat mit Zeilenangabe und die Wirkung, bezogen auf die Absicht des Textes. Deine eigene Meinung kommt erst, wenn eine Teilaufgabe sie verlangt.</p></div>\n\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">pragmatischer Text<span class=\"wort-erkl\">ein Sachtext, der in der Wirklichkeit etwas bewirken will: Rede, Kommentar, Essay, Flugblatt</span></span> will informieren, überzeugen oder zum Handeln bringen. <strong>Analysieren</strong> heißt laut IQB, einen Text „unter Wahrung des funktionalen Zusammenhangs von Inhalt, Form und Sprache“ zu erschließen. Funktional heißt: Du sagst nicht nur, welches Mittel da steht, sondern was es für die Aussage tut.</p>\n</div>\n\n<h4>Wofür es Punkte gibt</h4>\n<p>In den Abituraufgaben des IQB zählt die <strong>Verstehensleistung</strong> etwa 70 %, die <strong>Darstellungsleistung</strong> etwa 30 %. Für „gut“ verlangt der Erwartungshorizont eine „differenzierte, textnahe und funktionale“ Analyse. Zur Darstellung zählen Aufbau, Fachsprache, eingebaute Zitate, eigene Formulierungen und sprachliche Richtigkeit. Eine bloße Nacherzählung reicht ausdrücklich nicht.</p>\n\n<h4>So baust du die Analyse auf</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Mit Stift lesen.</strong> These, Argumente, Beispiele, Einwände und Appelle markieren, an den Rand schreiben, was jeder Abschnitt tut.</li>\n<li><strong>Einleitung.</strong> Textsorte, Verfasser, Titel, Quelle, Datum, Thema, Position.</li>\n<li><strong>Gedankengang.</strong> Was tut der Text Abschnitt für Abschnitt (<i>stellt fest, räumt ein, fordert</i>)? Behauptungen des Verfassers im Konjunktiv.</li>\n<li><strong>Sprache mit Wirkung.</strong> Mittel, Zitat mit Zeile, Wirkung, Bezug zur Absicht. Nach Wirkung ordnen, nicht nach Stilmitteln.</li>\n<li><strong>Schluss.</strong> Wie dienen Aufbau und Sprache der Absicht?</li>\n</ol>\n\n<h4>Ein echter Text zum Mitmachen</h4>\n<p>1834 schrieb der Medizinstudent Georg Büchner eine Flugschrift gegen die Not der Landbevölkerung, der Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig überarbeitete sie. Sie wurde heimlich verteilt. So beginnt sie nach dem Vorbericht:</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Echter Text · Georg Büchner: Der Hessische Landbote (1834), Anfang</span>\n<p><strong>Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!</strong></p>\n<p>[1] Im Jahr 1834 siehet es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft. [2] Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am 5ten Tage, und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht, und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Gethier, das auf Erden kriecht, und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt. [3] Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. [4] Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihm mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. [5] Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Aecker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wortlaut und Rechtschreibung wie im Druck vom Juli 1834 (Wikisource, nach dem Faksimile des Staatsarchivs Marburg). Satznummern von uns, in der Klausur gibst du Zeilen an. Gemeinfrei. <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">feist<span class=\"wort-erkl\">dick, wohlgenährt</span></span> · <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Schwiele<span class=\"wort-erkl\">harte Hautstelle von schwerer Arbeit</span></span></p>\n</div>\n<!-- bild:buechner-hessischer-landbote-1834 -->\n<figure class=\"ks-abb ks-bild\">\n<a class=\"ks-bild-zoom\" href=\"/images/deutsch/buechner-hessischer-landbote-1834.webp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img src=\"/images/deutsch/buechner-hessischer-landbote-1834.webp\" width=\"600\" height=\"1035\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Erste Seite eines alten Flugblatts in Frakturschrift. Oben der Titel Der Hessische Landbote, Erste Botschaft, Darmstadt, im Juli 1834, darunter ein Vorbericht mit fünf nummerierten Verhaltensregeln für die Leser. In der Mitte die Überschrift Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!, darunter der Text über das Leben der Vornehmen und der Bauern und eine Tabelle mit den Steuern des Großherzogtums Hessen in Gulden.\"></a>\n<figcaption><strong>Georg Büchner: „Der Hessische Landbote“, erste Seite, Juli 1834.</strong> Die Flugschrift wurde heimlich unter der Landbevölkerung verteilt. Zum Vergrößern antippen.<br><span class=\"ks-quelle\">Quelle: Georg Büchner, Friedrich Ludwig Weidig, „Der Hessische Landbote. Erste Botschaft“, 1834, Exemplar im Hessischen Staatsarchiv Marburg (laut Wikisource). Gemeinfrei. <a href=\"https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Landbote.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikimedia Commons</a></span></figcaption>\n</figure>\n<!-- /bild:buechner-hessischer-landbote-1834 -->\n<p><strong>Vorarbeit:</strong> Die Überschrift ist ein Schlachtruf aus der Zeit der Französischen Revolution. Satz 1 und 2 spielen auf die Schöpfungsgeschichte an: Dort erschafft Gott den Menschen am sechsten Tag und gibt ihm die Herrschaft über die Tiere (1. Mose 1,26–28). Satz 3 bis 5 stellen Vornehme und Bauern gegeneinander.</p>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterlösung · Einleitung, ein Absatz zur Sprache, Schluss</span>\n<p><strong>Einleitung:</strong> Die Flugschrift „Der Hessische Landbote“, 1834 von Georg Büchner verfasst und von Friedrich Ludwig Weidig überarbeitet, prangert die Herrschaft der Fürsten und Vornehmen an. Ihr Anfang will die Bauern überzeugen, dass ihre Armut kein gottgegebenes Schicksal ist, sondern Unrecht.</p>\n<p><strong>Hauptteil, ein Absatz:</strong> Schon der erste Satz stellt die Lage im Land gegen die Bibel: Es sehe aus, „als würde die Bibel Lügen gestraft“ (Satz 1). Die Anspielung auf die Schöpfungsgeschichte zeigt, warum: Die Bauern erscheinen, als seien sie mit den Tieren erschaffen und „zum Gewürm gezählt“ (Satz 2). Wer die Bibel kennt, für den wirkt die Ungleichheit so wie ein Verstoß gegen Gottes Ordnung. Diese Spaltung führt eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Antithese<span class=\"wort-erkl\">zwei Gegensätze werden einander gegenübergestellt</span></span> weiter: Das Leben der Vornehmen sei „ein langer Sonntag“, das des Bauern „ein langer Werktag“. Der Vergleich „wie Dünger auf dem Acker“ (Satz 3) und die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Metapher<span class=\"wort-erkl\">ein Bild ohne „wie“</span></span> „sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen“ (Satz 5) zeigen, dass der Reichtum der einen aus der Arbeit der anderen kommt. So wird aus einer Beschreibung eine Anklage, die die Leser empört und auf die Seite der Flugschrift zieht.</p>\n<p><strong>Schluss:</strong> Der Anfang arbeitet nicht mit Zahlen, sondern mit Bildern vom Acker und aus der Bibel. Antithesen und Vergleiche verwandeln Armut in Unrecht, damit die Leser ihre Lage als veränderbar sehen.</p>\n<p><strong>Warum das gut ist:</strong> Jede Beobachtung hat Mittel, Zitat und Wirkung, bezogen auf Leser und Absicht (Verstehensleistung). Die Zitate sind eingebaut, die Fachwörter sitzen, was die Flugschrift behauptet, steht im Konjunktiv (<em>sehe, seien, sei</em>). Das zählt zur Darstellung.</p>\n</div>\n<!-- fig:absatz-sachtext -->\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Bauplan eines Analyseabsatzes <span>· Ein Gedanke aus dem Musterabsatz, zerlegt in Mittel, Beleg, Wirkung und Absicht. So siehst du, dass die Wirkung auf die Absicht bezogen wird.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 260\" xmlns=\"http://www.w3.org/2000/svg\" role=\"img\" aria-labelledby=\"absatz-sachtext-t absatz-sachtext-d\" font-family=\"system-ui, sans-serif\">\n<title id=\"absatz-sachtext-t\">Bauplan eines Analyseabsatzes zum Sachtext</title>\n<desc id=\"absatz-sachtext-d\">Vier Teile am Musterabsatz zum Hessischen Landboten: Mittel, die Antithese. Beleg mit Stelle, ein langer Sonntag in Satz 3, ein langer Werktag in Satz 5. Wirkung, der Reichtum der einen kommt aus der Arbeit der anderen. Absicht, die Bauern sollen ihre Lage als Unrecht sehen.</desc>\n<rect class=\"g-linie\" x=\"6\" y=\"6\" width=\"348\" height=\"50\" rx=\"8\" fill=\"none\" stroke=\"currentColor\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<text class=\"g-text\" x=\"18\" y=\"25\" font-size=\"12\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\" font-weight=\"700\">1  Mittel</text>\n<text class=\"g-klein\" x=\"18\" y=\"42\" font-size=\"11\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\">die Antithese</text>\n<line class=\"g-linie\" x1=\"40\" y1=\"56\" x2=\"40\" y2=\"71\" stroke=\"currentColor\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<polygon class=\"g-pfeil\" points=\"40,71 37.3,64.6 42.7,64.6\" fill=\"currentColor\"/>\n<rect class=\"g-linie\" x=\"6\" y=\"72\" width=\"348\" height=\"50\" rx=\"8\" fill=\"none\" stroke=\"currentColor\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<text class=\"g-text\" x=\"18\" y=\"91\" font-size=\"12\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\" font-weight=\"700\">2  Beleg mit Stelle</text>\n<text class=\"g-klein\" x=\"18\" y=\"108\" font-size=\"11\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\">„ein langer Sonntag“ (Satz 3), „ein langer Werktag“ (5)</text>\n<line class=\"g-linie\" x1=\"40\" y1=\"122\" x2=\"40\" y2=\"137\" stroke=\"currentColor\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<polygon class=\"g-pfeil\" points=\"40,137 37.3,130.6 42.7,130.6\" fill=\"currentColor\"/>\n<rect class=\"g-linie\" x=\"6\" y=\"138\" width=\"348\" height=\"50\" rx=\"8\" fill=\"none\" stroke=\"currentColor\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<text class=\"g-text\" x=\"18\" y=\"157\" font-size=\"12\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\" font-weight=\"700\">3  Wirkung</text>\n<text class=\"g-klein\" x=\"18\" y=\"174\" font-size=\"11\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\">Der Reichtum der einen kommt aus der Arbeit der anderen.</text>\n<line class=\"g-linie\" x1=\"40\" y1=\"188\" x2=\"40\" y2=\"203\" stroke=\"currentColor\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<polygon class=\"g-pfeil\" points=\"40,203 37.3,196.6 42.7,196.6\" fill=\"currentColor\"/>\n<rect class=\"g-flaeche\" x=\"6\" y=\"204\" width=\"348\" height=\"50\" rx=\"8\" fill=\"#3b82f6\" fill-opacity=\"0.12\"/>\n<rect class=\"g-feld\" x=\"6\" y=\"204\" width=\"348\" height=\"50\" rx=\"8\" fill=\"none\" stroke=\"#3b82f6\" stroke-width=\"1.4\"/>\n<text class=\"g-text\" x=\"18\" y=\"223\" font-size=\"12\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\" font-weight=\"700\">4  Absicht</text>\n<text class=\"g-klein\" x=\"18\" y=\"240\" font-size=\"11\" text-anchor=\"start\" fill=\"currentColor\">Die Bauern sollen ihre Lage als Unrecht sehen.</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Ein Gedanke aus dem Musterabsatz, zerlegt.</strong> Mittel, Beleg, Wirkung, und die Wirkung immer auf die Absicht beziehen. Eigene Grafik.</figcaption>\n</figure>\n<!-- /fig:absatz-sachtext -->\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · ein zweiter echter Text</span>\n<p>Immanuel Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784):</p>\n<p class=\"ks-zitat\">„Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“</p>\n<p>Schreib einen Absatz zur Sprache. Achte darauf, wer hier „ich“ sagt, auf das dreifache „der für mich … hat“ und auf „das verdrießliche Geschäft“.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Musterabsatz zeigen</summary><div>\n<p>Kant schlüpft hier in die Rolle des Unmündigen: „Habe ich ein Buch …“. Die dreifach wiederholte Fügung „der für mich … hat“ zählt auf, wie viele Helfer dem Bequemen das Denken abnehmen, und macht die Abhängigkeit fast komisch. Dass Denken als „das verdrießliche Geschäft“ erscheint, das man gegen Bezahlung abgibt, ist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ironie<span class=\"wort-erkl\">man sagt etwas und meint erkennbar das Gegenteil oder macht sich darüber lustig</span></span>: Der Leser soll über diese Haltung lachen und sich dabei selbst ertappen. So bereitet Kant seinen Aufruf vor, den eigenen Verstand zu gebrauchen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Eine mögliche Lösung. Text: Wikisource, nach der Berlinischen Monatsschrift, Bd. 4, 1784, S. 481 f.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Auf erhöhtem Niveau (Leistungskurs)</span>\n<p>Die Bildungsstandards verlangen zusätzlich, die Textsorte zu begründen, Argumentationsstrukturen „theoriegestützt“ zu analysieren und den Text auf seine Entstehungsbedingungen zu beziehen. Beim „Landboten“ etwa: eine verbotene Flugschrift für die Landbevölkerung, daher die Bilder vom Acker und aus der Bibel.</p>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Nacherzählen.</strong> „Dann sagt Büchner, …“ statt: „Mit einem Vergleich zeigt er …“.</li>\n<li><strong>Mittel ohne Wirkung</strong> oder mit leerer Wirkung: „Das unterstreicht die Aussage.“ Sag, welche Aussage und wie.</li>\n<li><strong>Die Position des Textes im Indikativ.</strong> Dann klingt sie wie deine eigene.</li>\n<li><strong>Eigene Meinung in der Analyse.</strong> Sie gehört in die Teilaufgabe, die danach fragt.</li>\n</ul>\n<!-- /free-card:de-methode-sachtext -->\n\n<div style='margin-top: 24px; padding: 16px; background: #fef3c7; border-left: 4px solid #f59e0b; border-radius: 6px;'><strong>Erweiterter Schreibauftrag:</strong> Er kann in beiden Kursarten dazukommen. Was er verlangt, sagt dir der Operator. Im Leistungskurs kann statt der reinen Analyse auch eine Erörterung verlangt sein. Lies deshalb genau, welcher Operator in der zweiten Teilaufgabe steht.</div>\n<p><strong>Passende Lernzettel im Paket:</strong> <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-methoden-inhaltsangabe'); return false;\">Inhaltsangabe schreiben</a> · <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-ausdruck-konjunktiv'); return false;\">Konjunktiv & Indirekte Rede</a> · <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-methoden-zitieren'); return false;\">Richtig zitieren</a> · <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('mv-de-methoden-stilmittel'); return false;\">Stilmittel-Liste (Quick Check)</a></p>",
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      "title": "Materialgestütztes Schreiben",
      "short": "Aus einem Materialdossier einen sachlich informierenden Text für eine genannte Leserschaft schreiben. Mit Dossier aus amtlichen Quellen und ganzem Mustertext zur Meinungsfreiheit.",
      "content": "<!-- core-card:de-format-materialgestuetzt-informierend -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Textsorte</span><span>Klausur-Formate</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Beim materialgestützten Verfassen informierender Texte bekommst du ein Dossier mit mehreren Materialien und schreibst daraus einen eigenen Sachtext, etwa einen Artikel, einen Lexikonbeitrag oder einen Vortrag. Du sollst die Leser informieren, nicht überzeugen: Du wählst aus, ordnest, erklärst Begriffe und verbindest die Materialien zu einem verständlichen Ganzen. Eine eigene Meinung gehört nicht hinein. Schreibsituation, Leserschaft und Wortzahl stehen in der Aufgabe. Bei materialgestützten Aufgaben zählt die Darstellung mehr als sonst, meist etwa 40 % neben 60 % Verstehen.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">So prüft Mecklenburg-Vorpommern</span><p>Im Grundkurs kommt das materialgestützte Schreiben informierender Texte vor. Nur im Leistungskurs: auch das materialgestützte Schreiben argumentierender Texte.</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><p>Du bekommst vier Aufgabenblöcke und wählst einen. Grundkurs 255, Leistungskurs 315 Minuten einschließlich Auswahlzeit. In allen Aufgabenblöcken können literarische und pragmatische Texte kombiniert und verglichen werden.</p></details><p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.bildung-mv.de/export/sites/bildungsserver/.galleries/dokumente/pruefungen/Vorabhinweise_ABI-AB_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vorabhinweise zum Abitur 2027, S. 10 und 11</a></p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Die Aufgabe nennt „Ausgangssituation, Adressatenbezug, ggf. Veröffentlichungsort, ein aufgabenbezogenes Schreibziel“ und den kommunikativen Schwerpunkt. Beim informierenden Text ist dieser Schwerpunkt das Informieren. Der Zieltext ist „lebensweltlich verankert“: ein Beitrag, wie er wirklich in einer Broschüre, auf einer Website oder in einer Zeitschrift stehen könnte. Die Wortzahl ist mit „ca.“ angegeben. Und: „Für die Bearbeitung der Aufgabe sind alle Materialien zu nutzen.“</p>\n<p>Informieren heißt nicht, die Materialien nacheinander zusammenzufassen. Du baust einen neuen Text mit eigenem Aufbau, für Leser, die die Materialien nicht kennen. Die Auswahl muss „im Sinne einer für den Zieltext funktionalen Information“ getroffen werden. Was in deinem Land drankommt, steht im Kasten oben.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: IQB, Erläuterungen zur Konstruktion der Aufgaben (Stand 03.03.2023), S. 3 f.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">So könnte eine Aufgabe lauten</span>\n<p><em>Ihre Schule gestaltet zum Jahrestag des Grundgesetzes eine Ausstellung. Verfassen Sie für die Begleitbroschüre einen informierenden Beitrag zur Meinungsfreiheit in Deutschland, der sich an Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe richtet. Nutzen Sie dazu die Materialien M1 bis M4 und Ihr Wissen aus dem Unterricht. Formulieren Sie eine Überschrift. Ihr Beitrag sollte etwa 450 Wörter umfassen.</em></p>\n<p class=\"ks-quelle\">Aufgabe von uns gestellt, nach dem Muster der Abituraufgaben. Im Abitur ist das Dossier länger: in der Regel rund 1500 Wörter auf grundlegendem, rund 2000 Wörter auf erhöhtem Niveau.</p>\n</div>\n\n<h4>Wofür es Punkte gibt</h4>\n<p>Bei materialgestützten Aufgaben zählt die <strong>Verstehensleistung</strong> ungefähr 60 %, die <strong>Darstellungsleistung</strong> ungefähr 40 %. Zum Verstehen gehört: die wichtigen Informationen aus allen Materialien auswählen, sie richtig wiedergeben, verknüpfen und mit Unterrichtswissen ergänzen, sodass das Thema für die Leser klar wird. Zur Darstellung gehören ein Aufbau, der die Leser führt, eine Sprache, die zu ihnen passt, erklärte Fachbegriffe, kurze Verweise auf die Quellen und die ungefähre Wortzahl.</p>\n<p>Den größten Unterschied macht der <strong>Adressatenbezug</strong>. Ein Text für Mittelstufenschüler braucht Beispiele und kurze Erklärungen, ein Text für eine Fachzeitschrift nicht. Wer für alle schreibt, schreibt für niemanden.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quellen: IQB, Abituraufgabe Materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte eA (2024), Gewichtung S. 15; IQB, Erläuterungen zur Konstruktion (2023), S. 3 f.</p>\n\n<h4>So baust du den Text auf</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Situation klären.</strong> Wer liest, was wissen die Leser schon, wo erscheint der Text?</li>\n<li><strong>Material sichten.</strong> Zu jedem Material: Welche Information ist für diese Leser wichtig? Was kann weg?</li>\n<li><strong>Gliederung nach Fragen.</strong> Ordne nicht nach M1, M2, M3, sondern nach Fragen der Leser: Was ist das? Woher kommt es? Wo sind die Grenzen? Ein Beispiel?</li>\n<li><strong>Überschrift und Einstieg.</strong> Ein Aufhänger aus dem Alltag der Leser, dann das Thema.</li>\n<li><strong>Hauptteil.</strong> Je Abschnitt eine Frage, Fachbegriffe erklären, Beispiele geben, Quellen kurz nennen.</li>\n<li><strong>Schluss.</strong> Das Wichtigste in einem Satz, ohne Wertung, eventuell ein Hinweis, wo man mehr erfährt.</li>\n</ol>\n\n<h4>Ein ganzer Text mit einem echten Dossier</h4>\n<p>Das Dossier ist kleiner als im Abitur. Die Materialien sind echte amtliche Texte; die Auswahl und die kurze Sachinformation in M3 sind von uns.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M1 · Grundgesetz, Artikel 5 Absatz 1 und 2</span>\n<p>„(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.</p>\n<p>(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">gesetze-im-internet.de, abgerufen am 13.10.2026.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M2 · Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 19</span>\n<p>„Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Resolution 217 A (III) der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948, deutsche Fassung des Regionalen Informationszentrums der Vereinten Nationen (unric.org).</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M3 · Bundesverfassungsgericht, Lüth-Urteil (1958)</span>\n<p>Sachinformation: Erich Lüth, Leiter der Staatlichen Pressestelle Hamburg, rief 1950 dazu auf, einen neuen Film des Regisseurs Veit Harlan nicht zu zeigen. Harlan hatte im Nationalsozialismus den Hetzfilm „Jud Süß“ gedreht. Ein Hamburger Gericht verbot Lüth den Boykottaufruf. Das Bundesverfassungsgericht hob dieses Urteil am 15. Januar 1958 auf, weil es Lüths Grundrecht aus Artikel 5 verletze.</p>\n<p>„Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ist als unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit in der Gesellschaft eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt […]. Für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung ist es schlechthin konstituierend, denn es ermöglicht erst die ständige geistige Auseinandersetzung, den Kampf der Meinungen, der ihr Lebenselement ist […].“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">BVerfGE 7, 198 (Urteil vom 15.01.1958, 1 BvR 400/51), Gründe B II 2; Text nach dem Fallrecht der Universität Bern (servat.unibe.ch). Gerichtsentscheidungen sind amtliche Werke und gemeinfrei.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">M4 · Strafgesetzbuch, § 185 Beleidigung</span>\n<p>„Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung öffentlich, in einer Versammlung, durch Verbreiten eines Inhalts (§ 11 Absatz 3) oder mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">gesetze-im-internet.de, abgerufen am 13.10.2026.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Mustertext · informierender Beitrag, rund 420 Wörter</span>\n<p><strong>Sag, was du denkst, aber nicht alles: Meinungsfreiheit in Deutschland</strong></p>\n<p>Du postest, dass dir ein Film nicht gefallen hat, oder du kritisierst im Klassenrat eine Regel der Schule. Dass du das darfst, ohne Angst vor Strafe, ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Grundrecht: die Meinungsfreiheit. Was sie schützt und wo sie endet, erklärt dieser Beitrag.</p>\n<p><strong>Was das Grundgesetz sagt.</strong> Artikel 5 des Grundgesetzes bestimmt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“ (M1). Geschützt ist also nicht nur das Sprechen, sondern auch das Schreiben, Zeichnen oder Filmen. Zur Meinungsfreiheit gehört außerdem das Recht, sich „aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, also etwa Zeitungen zu lesen oder Nachrichten zu schauen. Der Artikel schützt auch die Presse und den Rundfunk und verbietet die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Zensur<span class=\"wort-erkl\">Prüfung durch den Staat, bevor etwas veröffentlicht werden darf</span></span>: Der Staat darf Texte oder Filme nicht vorher prüfen und genehmigen.</p>\n<p><strong>Ein Menschenrecht.</strong> Die Meinungsfreiheit gilt nicht nur in Deutschland. Schon 1948 haben die Vereinten Nationen sie in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen. Dort heißt es in Artikel 19, jeder habe das Recht, Informationen „über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen“ zu suchen und zu verbreiten (M2).</p>\n<p><strong>Warum sie so wichtig ist.</strong> Wie wichtig die Meinungsfreiheit für die Demokratie ist, hat das Bundesverfassungsgericht 1958 im sogenannten Lüth-Urteil erklärt. Der Hamburger Erich Lüth hatte dazu aufgerufen, einen Film des Regisseurs Veit Harlan nicht zu zeigen, weil dieser in der NS-Zeit den Hetzfilm „Jud Süß“ gedreht hatte. Ein Gericht verbot Lüth diesen Aufruf, das Bundesverfassungsgericht hob das Verbot auf (M3). Die Meinungsfreiheit sei für die Demokratie „schlechthin konstituierend“, also ihre Grundlage, denn erst sie ermögliche den „Kampf der Meinungen“ (M3). Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen offen streiten dürfen.</p>\n<p><strong>Wo die Grenzen liegen.</strong> Die Meinungsfreiheit gilt aber nicht grenzenlos. Artikel 5 nennt selbst drei Schranken: die „allgemeinen Gesetze“, den Schutz der Jugend und das „Recht der persönlichen Ehre“ (M1). Ein Beispiel für ein solches Gesetz ist das Verbot der Beleidigung im Strafgesetzbuch. Wer einen anderen beleidigt, kann mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden, bei einer öffentlichen Beleidigung, etwa in einem öffentlichen Post, bis zu zwei Jahren (M4). Die Grenze verläuft also dort, wo die Rechte anderer verletzt werden. Eine Meinung über einen Film ist erlaubt, auch eine scharfe. Eine Person herabzusetzen ist es nicht.</p>\n<p><strong>Kurz gesagt.</strong> In Deutschland darfst du deine Meinung frei sagen, schreiben und verbreiten, und der Staat darf sie nicht vorher zensieren. Dieses Recht ist ein Menschenrecht und die Grundlage der Demokratie. Es endet dort, wo Gesetze die Ehre anderer oder die Jugend schützen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\"><strong>Warum das gut ist:</strong> Die Überschrift fasst das Thema zusammen, der Einstieg holt die Leser in ihrem Alltag ab. Die Gliederung folgt Fragen der Leser (Was? Woher? Warum wichtig? Grenzen?), nicht der Reihenfolge der Materialien. Alle vier Materialien sind genutzt, mit kurzem Verweis. Fachbegriffe wie Zensur und „konstituierend“ werden erklärt. Der Text bleibt sachlich: Er sagt, was gilt, nicht was der Verfasser davon hält. Zusatzwissen (Demokratie lebt vom Streit, ein öffentlicher Post zählt als öffentliche Beleidigung) ist sparsam eingesetzt und richtig. Der Text hat gut 400 Wörter und liegt damit nah an der Vorgabe von etwa 450.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · andere Leser, gleiches Material</span>\n<p>Schreib den Abschnitt „Wo die Grenzen liegen“ neu, diesmal für eine Website mit Rechtsinformationen für Erwachsene, in rund 120 Wörtern. Nutze M1, M3 und M4. Tipp: Lies im Lüth-Urteil nach, wie das Gericht das Verhältnis zwischen dem Grundrecht und den „allgemeinen Gesetzen“ beschreibt. Es spricht von einer „Wechselwirkung“: Die Gesetze setzen dem Grundrecht Schranken, müssen aber selbst „im Lichte der Bedeutung dieses Grundrechts“ ausgelegt werden (BVerfGE 7, 198, Gründe B II 2).</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Mögliche Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Die Meinungsfreiheit ist nicht schrankenlos gewährleistet. Nach Art. 5 Abs. 2 GG findet sie ihre Grenzen in den allgemeinen Gesetzen, im Jugendschutz und im Recht der persönlichen Ehre (M1). Zu den allgemeinen Gesetzen zählt etwa § 185 StGB, der die Beleidigung unter Strafe stellt (M4). Das Bundesverfassungsgericht hat im Lüth-Urteil von 1958 jedoch klargestellt, dass solche Gesetze ihrerseits „im Lichte der Bedeutung dieses Grundrechts“ auszulegen sind. Zwischen Grundrecht und Schranke besteht eine „Wechselwirkung“ (M3). Ob eine Äußerung zulässig ist, entscheidet sich deshalb im Einzelfall durch Abwägung: Je mehr sie zur öffentlichen Debatte beiträgt, desto stärker ist sie geschützt; je mehr sie eine Person nur herabsetzt, desto eher überwiegt deren Ehre.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Eine mögliche Lösung: Fachsprache und Paragrafen für Erwachsene, keine Alltagsbeispiele, gleiche Sachaussagen. Der letzte Satz fasst die Abwägung zusammen, die das Gericht im Urteil vornimmt; er ist eine vereinfachte Erklärung, kein Zitat.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Satzanfänge</h4>\n<ul class=\"phrase-list\">\n<li><em>Du … · Stell dir vor, … · Jeden Tag …</em><span class=\"wozu\">Einstieg für junge Leser</span></li>\n<li><em>Was … bedeutet, erklärt dieser Beitrag.</em><span class=\"wozu\">Thema ankündigen</span></li>\n<li><em>Darunter versteht man … · Gemeint ist …</em><span class=\"wozu\">Begriff erklären</span></li>\n<li><em>Ein Beispiel dafür ist … · So …</em><span class=\"wozu\">veranschaulichen</span></li>\n<li><em>Laut … (M2) · Wie das Bundesverfassungsgericht feststellte, …</em><span class=\"wozu\">Quelle nennen</span></li>\n<li><em>Kurz gesagt: … · Zusammengefasst gilt: …</em><span class=\"wozu\">Schluss ohne Wertung</span></li>\n</ul>\n\n<h4>Vor der Abgabe prüfen</h4>\n<ul>\n<li>Passt die Sprache zu den genannten Lesern?</li>\n<li>Ist die Gliederung nach Fragen gebaut, nicht nach M1, M2, M3?</li>\n<li>Ist jedes Material genutzt und richtig wiedergegeben?</li>\n<li>Sind Fachbegriffe erklärt?</li>\n<li>Steht nirgends eine eigene Wertung?</li>\n<li>Stimmt die Wortzahl ungefähr?</li>\n</ul>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Materialkette.</strong> „In M1 steht …, in M2 steht …“ ist eine Zusammenfassung, kein Beitrag. Ordne nach Themen.</li>\n<li><strong>Meinung einschmuggeln.</strong> „Zum Glück gibt es …“, „leider“, „man sollte“ gehören in einen argumentierenden, nicht in einen informierenden Text.</li>\n<li><strong>Falsch wiedergeben.</strong> Gesetze und Urteile genau lesen: Art. 5 schützt das Äußern und Verbreiten, nicht jede Handlung.</li>\n<li><strong>Ohne Adressat schreiben.</strong> Fachsprache für Mittelstufenschüler oder Kindersprache für Erwachsene kostet Punkte in der Darstellung.</li>\n<li><strong>Zu lange Zitate.</strong> Ein Satz aus dem Material reicht; den Rest gibst du in eigenen Worten wieder.</li>\n<li><strong>Kein Schluss.</strong> Ein informierender Text endet mit einer Zusammenfassung, nicht mitten in einem Abschnitt.</li>\n</ul>\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=mv-de-afb1-darstellen\">darstellen (Operator)</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=mv-de-ausdruck-formulierungshilfen\">Formulierungshilfen</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=mv-de-afb2-erlaeutern\">erläutern (Operator)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=mv-de-afb1-zusammenfassen\">zusammenfassen (Operator)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=mv-de-ausdruck-formulierungshilfen\">Formulierungshilfen</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:de-format-materialgestuetzt-informierend -->",
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      "content": "<!-- core-card:de-format-literarisch -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Textsorte</span><span>Klausur-Formate</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Die Interpretation literarischer Texte ist eine der Aufgabenarten im Deutschabitur. Du bekommst ein Gedicht, einen Erzähltext oder eine Dramenszene, meist unbekannt, und kommst über Analyse zu einer begründeten Gesamtdeutung. Oft folgt ein zweiter Auftrag, etwa ein Vergleich, eine Einordnung in die Epoche oder ein Bezug auf ein Werk aus dem Unterricht; der erste Teil wiegt dann deutlich schwerer. Beide Teile bilden einen zusammenhängenden Aufsatz. Gewertet wird das Verstehen mit ungefähr 70 %, die Darstellung mit etwa 30 %.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">So prüft Mecklenburg-Vorpommern</span><p>Die Interpretation literarischer Texte (Lyrik, Epik, Dramatik) gehört im Grund- und Leistungskurs zu den möglichen Aufgabenarten, gegebenenfalls mit epochalen Bezügen.</p><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Mehr aus den amtlichen Vorgaben</summary><p>Du bekommst vier Aufgabenblöcke und wählst einen. Grundkurs 255, Leistungskurs 315 Minuten einschließlich Auswahlzeit. In allen Aufgabenblöcken können literarische und pragmatische Texte kombiniert und verglichen werden.</p></details><p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.bildung-mv.de/export/sites/bildungsserver/.galleries/dokumente/pruefungen/Vorabhinweise_ABI-AB_2027.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vorabhinweise zum Abitur 2027, S. 10 und 11</a></p></div>\n<!-- /land -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Bei der <strong>Interpretation literarischer Texte</strong> liegt der Schwerpunkt auf der „Analyse und Deutung“ eines literarischen Textes. Es gibt zwei Grundformen:</p>\n<ul>\n<li><strong>Ein unbekannter Text</strong>, „ggf. mit weiterführendem Schreibauftrag“, oder zwei unbekannte Texte im Vergleich.</li>\n<li><strong>Ein unbekannter Text und ein Werk aus dem Unterricht:</strong> Du interpretierst den Text und vergleichst ihn dann mit einem längeren Roman oder Drama, das ihr gelesen habt, oder beziehst ihn darauf. Die Lektüre liegt dir dann vor.</li>\n</ul>\n<p>Wenn zwei Teilaufgaben gestellt werden, liegt der Schwerpunkt auf der ersten. Was in deinem Land drankommt und wie die Teile gewichtet sind, steht im Kasten oben.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: IQB, Erläuterungen zur Konstruktion der Aufgaben (Stand 03.03.2023), S. 1 f.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">So könnte eine Aufgabe lauten</span>\n<p><em>1. Interpretieren Sie das Gedicht „Die Gefangenen II“ von Georg Heym.</em> (ca. 80 %)<br><em>2. Erläutern Sie, inwiefern das Gedicht als beispielhaft für den Umbruch in der Literatur um 1900 gelten kann.</em> (ca. 20 %)</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Abituraufgabe des IQB, Interpretation literarischer Texte, grundlegendes Niveau (Aufgabe 2024).</p>\n<p>Ohne zweiten Teil: <em>Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht von Arno Holz. Beziehen Sie dabei Ihre Kenntnisse zur Literatur um 1900 ein.</em></p>\n<p class=\"ks-quelle\">Abituraufgabe des IQB, Interpretation literarischer Texte, erhöhtes Niveau (Aufgabe 2025).</p>\n</div>\n\n<h4>Wofür es Punkte gibt</h4>\n<p>Die <strong>Verstehensleistung</strong> zählt ungefähr 70 %. Für „gut“ verlangt der Erwartungshorizont eine „differenzierte, textnahe und funktionale Analyse und Deutung“, ein Textverständnis „auch unter Abwägung möglicher alternativer Lesarten“ und, wenn es die Aufgabe verlangt, eine differenzierte Einordnung in die Epoche. Die Teilaufgaben sind gewichtet; die Prozentzahlen stehen auf dem Aufgabenblatt.</p>\n<p>Die <strong>Darstellungsleistung</strong> zählt etwa 30 %, in fünf Bereichen: Aufgabenbezug und Textaufbau, Fachsprache, Umgang mit dem Text (Zitieren, Belegen), Ausdruck und Stil, Rechtschreibung und Grammatik. „Eine bloße Paraphrasierung“ und ein „distanzloser Umgang“ mit dem Text genügen nach den Bildungsstandards nicht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quellen: IQB, Abituraufgabe Interpretation literarischer Texte gA (Heym, 2024), Bewertungshinweise S. 5 bis 7; KMK, Bildungsstandards Deutsch (2012), S. 24 f.</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">Gewichtung der Interpretation <span>· Der Balken zeigt, wie die zwei Teile der Beispielaufgabe zählen. So weißt du, wo du die meiste Zeit einsetzt.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 62\" role=\"img\" aria-labelledby=\"li-t li-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"li-t\">Gewichtung bei der literarischen Interpretation</title>\n<desc id=\"li-d\">Bei einer Beispielaufgabe zählt Teil 1 etwa 80 Prozent und Teil 2 etwa 20 Prozent.</desc>\n<text x=\"6\" y=\"14\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Beispielaufgabe: Teile</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"20\" width=\"278.4\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"145.2\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Teil 1</text>\n<text x=\"145.2\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 80 %</text>\n<rect x=\"284.4\" y=\"20\" width=\"69.6\" height=\"36\" fill=\"#d97706\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#d97706\"/>\n<text x=\"319.2\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Teil 2</text>\n<text x=\"319.2\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 20 %</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> So gewichtet die erste Beispielaufgabe in diesem Lernzettel ihre zwei Teile.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>So baust du den Aufsatz auf</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Aufgabe zerlegen.</strong> Welche Operatoren, welche Teile, welche Gewichtung? Plane die Zeit danach: Der erste Teil bekommt den größten Teil.</li>\n<li><strong>Deutungshypothese.</strong> Ein Satz, der eine Deutung behauptet. Er steht am Ende der Einleitung.</li>\n<li><strong>Hauptteil Teil 1.</strong> Linear oder nach Aspekten, jeder Absatz mit Beobachtung, Beleg, Funktion, Bezug zur Hypothese. Eine zweite Lesart prüfen.</li>\n<li><strong>Überleitung.</strong> Ein Satz, der das Ergebnis von Teil 1 nennt und zu Teil 2 führt.</li>\n<li><strong>Teil 2.</strong> Den Operator genau erfüllen (erläutern, vergleichen, einordnen) und auf Ergebnisse aus Teil 1 zurückgreifen.</li>\n<li><strong>Schluss.</strong> Ein zusammenfassender Gedanke für beide Teile.</li>\n</ol>\n\n<h4>Ein ganzer Aufsatz an einem echten Text</h4>\n<p>Johann Peter Hebel schrieb Geschichten für einen Volkskalender, den „Rheinländischen Hausfreund“. Darin erschien 1811 auch diese Geschichte; im selben Jahr nahm Hebel sie in seine Sammlung „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ auf. Sie spielt im schwedischen Bergbauort Falun.</p>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Echter Text · Johann Peter Hebel: Unverhoftes Wiedersehen (so der Titel im Erstdruck)</span>\n<p>[1] In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren und mehr ein junger Bergmann seine junge hübsche Braut und sagte zu ihr: „Auf Sanct Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib, und bauen uns ein eigenes Nestlein.“ – „Und Friede und Liebe soll darinn wohnen,“ sagte die schöne Braut mit holdem Lächeln, „denn du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab seyn, als an einem andern Ort.“ Als sie aber vor St. Luciä der Pfarrer zum zweytenmal in der Kirche ausgerufen hatte: „So nun jemand Hinderniß wüßte anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammen kommen.“ Da meldete sich der Tod. Denn als der Jüngling den andern Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbey gieng, der Bergmann hat sein Todtenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster, und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr. Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rothem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg, und weinte um ihn und vergaß ihn nie.</p>\n<p>[2] Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugall durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg gieng vorüber, und Kayser Franz der erste starb, und der JesuitenOrden wurde aufgehoben und Polen getheilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika wurde frey, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schloßen den General Stein in der Veteraner Höle in Ungarn ein, und der Kayser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die französische Revolution und der lange Krieg fieng an, und der Kaiser Leopold der zweyte gieng auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardirten Koppenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirrdischen Werkstatt.</p>\n<p>[3] Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwey Schachten eine Oeffnung durchgraben wollten, gute dreyhundert Ehlen tief unter dem Boden gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war; also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre, an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange todt, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte.</p>\n<p>[4] Grau und Zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüths erholt hatte, „es ist mein Verlobter,“ sagte sie endlich, „um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte, und den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer herauf gekommen.“ Da wurden die Gemüther aller Umstehenden von Wehmuth und Thränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jezt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach 50 Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre, und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sey auf dem Kirchhof.</p>\n<p>[5] Den andern Tag, als das Grab gerüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein auf legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit rothen Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: „Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehen im kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch wenig zu thun, und komme bald, und bald wirds wieder Tag. – Was die Erde einmal wieder gegeben hat, wird sie zum zweytenmal auch nicht behalten,“ sagte sie, als sie fortgieng, und noch einmal umschaute.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Text nach dem Erstdruck der Sammlung: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Cotta, Tübingen 1811, S. 292 bis 294 (Wikisource, nach dem Scan). Rechtschreibung wie dort. Abschnittsnummern von uns. Gemeinfrei. <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Sanct Luciä<span class=\"wort-erkl\">Tag der heiligen Lucia, 13. Dezember</span></span> · <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">ausgerufen<span class=\"wort-erkl\">das Aufgebot verkündet: die geplante Hochzeit öffentlich bekannt gemacht</span></span> · <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">saumte<span class=\"wort-erkl\">nähte den Rand</span></span> · <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Johannis<span class=\"wort-erkl\">Johannistag, 24. Juni</span></span> · <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ehlen<span class=\"wort-erkl\">Ellen, altes Längenmaß</span></span> · <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Gefreundte<span class=\"wort-erkl\">Verwandte</span></span></p>\n</div>\n<p>Aufgabe (von uns gestellt): <em>1. Interpretieren Sie Johann Peter Hebels „Unverhofftes Wiedersehen“.</em> (ca. 70 %) <em>2. Erläutern Sie, inwiefern der Text als Kalendergeschichte gelten kann.</em> (ca. 30 %)</p>\n\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musteraufsatz, Teil 1</span>\n<p><strong>Einleitung.</strong> Johann Peter Hebels Kalendergeschichte „Unverhofftes Wiedersehen“ von 1811 erzählt von einem Bergmann, der kurz vor seiner Hochzeit im Bergwerk verunglückt, und von seiner Braut, die ihn fünfzig Jahre später unverwest wiedersieht. Die Geschichte zeigt eine Liebe, die stärker ist als die Zeit, und deutet den Tod am Ende als Aufschub der Hochzeit, nicht als ihr Ende.</p>\n<p><strong>Aufbau.</strong> Die Geschichte hat fünf Schritte: die Verlobung und das Unglück (Abs. 1), fünfzig Jahre in einem einzigen Absatz (Abs. 2), der Fund der Leiche (Abs. 3), das Wiedererkennen (Abs. 4) und die Beerdigung (Abs. 5). Auffällig ist das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit. Ein halbes Jahrhundert füllt nur einen Absatz; Fund, Wiedersehen und Beerdigung, also wenige Tage, nehmen rund die Hälfte des Textes ein. Hebel dehnt also gerade die Stellen, an denen die Liebe sichtbar wird.</p>\n<p><strong>Das Unglück.</strong> Schon die erste Szene ist auf den Tod hin erzählt. Die Braut sagt, sie möchte ohne ihn „lieber im Grab seyn, als an einem andern Ort“ (Abs. 1). Die Frage des Pfarrers, ob „jemand Hinderniß wüßte anzuzeigen“, beantwortet der Erzähler mit dem knappen Satz „Da meldete sich der Tod“. Der Tod wird zur Person, die sich wie ein Zeuge in der Kirche meldet. Der Erzähler schiebt einen Kommentar ein: „der Bergmann hat sein Todtenkleid immer an“. So verbindet er Arbeitskleidung und Tod und bereitet den Leser vor. Der Abschied ist leise und genau: „guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr“. Das schwarze Halstuch, das die Braut für den Hochzeitstag säumt, wird zum Zeichen, das am Ende wiederkehrt.</p>\n<p><strong>Die fünfzig Jahre.</strong> Der zweite Absatz rafft die Zeit, indem er Weltereignisse aufzählt: das Erdbeben von Lissabon, den Siebenjährigen Krieg, die Teilung Polens, die Französische Revolution bis zu Napoleon und zur Beschießung Kopenhagens. Die Ereignisse werden mit immer neuem „und“ verbunden, ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Polysyndeton<span class=\"wort-erkl\">Reihung, in der viele Glieder mit „und“ verbunden sind</span></span>. Dadurch klingen Kriege, Revolutionen und Todesfälle von Herrschern gleich wichtig, oder gleich unwichtig. Am Ende verschiebt sich die Aufzählung zur Arbeit der einfachen Leute: „die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten“ (Abs. 2). Die große Geschichte vergeht, die Arbeit und der Lauf des Jahres bleiben. Von der Braut ist in diesem Absatz nicht die Rede. Ihr Warten wird nicht erzählt, und gerade das macht seine Länge spürbar.</p>\n<p><strong>Das Wiedersehen.</strong> Der Leichnam ist „unverwest und unverändert“, als ob er „ein wenig eingeschlafen wäre“ (Abs. 3). Die Braut dagegen kommt „Grau und Zusammengeschrumpft […] an einer Krücke“ (Abs. 4). Die Antithese von Jugend und Alter wird ausdrücklich gemacht: die Braut „in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters“, der Bräutigam „noch in seiner jugendlichen Schöne“. Trotzdem sinkt sie „mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz“ auf die Leiche. Ihre Liebe ist nach fünfzig Jahren dieselbe, nur der Körper hat sich verändert. Der Erzähler hält dabei die Grenze klar: Der Tote „öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen“. Das Wiedersehen ist einseitig.</p>\n<p><strong>Die Beerdigung als Hochzeit.</strong> Am Ende verwandelt die alte Frau die Beerdigung in die Hochzeit, die nicht stattfand. Sie legt ihm das Halstuch um und geht „in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre“ (Abs. 5). Das Grab nennt sie „Hochzeitbett“. Ihre letzten Worte, „bald wirds wieder Tag“ und „Was die Erde einmal wieder gegeben hat, wird sie zum zweytenmal auch nicht behalten“, sprechen den christlichen Glauben an die Auferstehung aus. Damit schließt sich ein Kreis zum Anfang: Aus dem verlorenen „guten Abend“ wird die Hoffnung auf einen neuen Tag.</p>\n<p><strong>Zweite Lesart.</strong> Man kann die Geschichte auch als Tragödie lesen: Eine Frau hat ihr Leben einem Toten geopfert, und die Welt ist an ihr vorbeigegangen, während Kaiser starben und Reiche fielen. Der Text gibt dieser Sicht aber wenig Raum. Er wertet ihre Treue nicht als Verlust, sondern stellt ihre Freude und ihre Zuversicht ans Ende. Die tragische Seite ist da, aber sie wird von der Hoffnung überwölbt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\"><strong>Warum das gut ist:</strong> Die Hypothese steht am Ende der Einleitung und wird am Schluss bestätigt. Aufbau und Zeitgestaltung werden mit ihrer Funktion erklärt, nicht nur festgestellt. Die Zitate sind kurz, in den Satz eingebaut und mit Absatz belegt. Eine zweite Lesart wird geprüft. Teil 2 folgt im Kasten „Jetzt du“.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · der zweite Teil der Aufgabe</span>\n<p>Schreib Teil 2: <em>Erläutern Sie, inwiefern der Text als Kalendergeschichte gelten kann.</em> Beginne mit einer Überleitung aus Teil 1. Wissen von außen, das du brauchst: Ein Volkskalender war ein billiges Jahrbuch für ein breites Publikum. Er enthielt neben dem Kalendarium kurze Geschichten zur Unterhaltung und Belehrung. Hebel gab den Kalender „Der Rheinländische Hausfreund“ heraus und schrieb selbst Geschichten darin.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Musterlösung Teil 2 zeigen</summary><div>\n<p>Die Interpretation hat gezeigt, dass Hebel eine außergewöhnliche Treue schlicht und mit großer Anteilnahme erzählt. Gerade diese Art des Erzählens macht den Text zu einer typischen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Kalendergeschichte<span class=\"wort-erkl\">kurze Erzählung für einen Volkskalender, die unterhalten und belehren soll</span></span>. Erstens ist er kurz und für ein breites Publikum geschrieben: Die Sätze sind meist einfach gebaut, die Handlung ist leicht zu verfolgen, und Wörter wie „Nestlein“ und „Stüblein“ kommen aus der Alltagssprache. Zweitens tritt der Erzähler als vertraute Stimme hervor, etwa mit dem Einschub „der Bergmann hat sein Todtenkleid immer an“ (Abs. 1), der den Lesern ohne Bergbauwissen etwas erklärt. Drittens verbindet die Geschichte das Besondere mit dem, was die Leser selbst kennen: Die Weltereignisse im zweiten Absatz waren für die Käufer des Kalenders von 1811 erlebte Zeitgeschichte, und die Arbeit von Ackerleuten, Müllern und Schmieden war ihr Alltag. Viertens will die Geschichte nicht nur unterhalten, sondern auch etwas zeigen. Hebel setzt keinen ausdrücklichen Merksatz ans Ende, wie in manchen anderen Kalendergeschichten, aber die Schlussworte der Braut tragen eine Lehre, die jeder Leser verstehen kann: Treue und Glaube sind stärker als die Zeit. Der Text ist also eine Kalendergeschichte, die die Form ganz erfüllt und sie zugleich durch ihre Tiefe übersteigt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Eine mögliche Lösung: Überleitung aus Teil 1, vier Merkmale, jedes mit Textbeleg, Zusatzwissen zur Gattung, zusammenfassender Schlusssatz.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Satzanfänge</h4>\n<ul class=\"phrase-list\">\n<li><em>Die Erzählung … zeigt …, und sie deutet … als …</em><span class=\"wozu\">Deutungshypothese</span></li>\n<li><em>Während fünfzig Jahre in einem Absatz vergehen, dehnt der Erzähler …</em><span class=\"wozu\">Zeitgestaltung</span></li>\n<li><em>Der Erzähler kommentiert … · Er wendet sich an …</em><span class=\"wozu\">Erzählerstimme</span></li>\n<li><em>Man könnte den Text auch als … lesen. Dagegen spricht …</em><span class=\"wozu\">zweite Lesart</span></li>\n<li><em>Die Interpretation hat gezeigt, dass … Daran lässt sich anknüpfen, wenn …</em><span class=\"wozu\">Überleitung zu Teil 2</span></li>\n</ul>\n\n<h4>Vor der Abgabe prüfen</h4>\n<ul>\n<li>Hast du beide Teile mit dem richtigen Operator bearbeitet?</li>\n<li>Bekommt der stärker gewichtete Teil auch mehr Raum?</li>\n<li>Gibt es eine Überleitung, die Teil 2 auf Ergebnisse aus Teil 1 stützt?</li>\n<li>Sind die Belege genau (Zeile, Vers oder Absatz)?</li>\n</ul>\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Teil 2 zu lang, Teil 1 zu kurz.</strong> Wer beim zweiten Teil mehr weiß, schreibt dort gern mehr. Die Punkte liegen aber im ersten.</li>\n<li><strong>Zwei getrennte Aufsätze.</strong> Ohne Überleitung wirkt Teil 2 angeklebt. Greif Ergebnisse aus Teil 1 auf.</li>\n<li><strong>Inhaltsangabe statt Interpretation.</strong> Zwei, drei Sätze zum Inhalt genügen. Danach geht es um das Wie und Warum.</li>\n<li><strong>Gattungs- oder Epochenwissen als Liste.</strong> Jedes Merkmal braucht einen Beleg im Text.</li>\n<li><strong>Die Gewichtung überlesen.</strong> „ca. 70 %“ und „ca. 30 %“ sagen dir, wie du die Zeit einteilst.</li>\n</ul>\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Voraussetzung</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=mv-de-afb3-interpretieren\">interpretieren (Operator)</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Operatoren&card=mv-de-afb2-erlaeutern\">erläutern (Operator)</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Operatoren&card=mv-de-afb2-vergleichen\">vergleichen (Operator)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=mv-de-methoden-erzaehlperspektive\">Erzählperspektiven erkennen</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=mv-de-methoden-zitieren\">Richtig zitieren</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:de-format-literarisch -->",
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