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  "lastUpdated": "2026-10-02",
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      "title": "Dein Weg durchs Abitur",
      "short": "Heute eine Karte: erst den Auszug, morgen den Sachtext.",
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      "content": "<!-- spine:weg -->\n<h3>Dein Weg durchs Deutsch-Abitur 2027</h3>\n<p class='intro-text'><em>Vier Aufgaben, du nimmst eine. Zuerst übst du den Schreibweg, dann nur das Buch, das du nicht erzählen kannst.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>In der Prüfung:</strong> Vier Aufgaben zur Auswahl. Eine davon gehört zum Themenfeld Sprache. Die anderen zu den Wahlpflichtmodulen und zu Kompetenzen aus den Pflichtmodulen. Die genannten Texte darfst du als Hilfsmittel mitnehmen.</div>\n<div class=\"learn-outline\"><p class=\"learn-outline-title\"><strong>In dieser Reihenfolge</strong></p><ul><li>Heute: Auszug aus einem Buch</li><li>Morgen: politischer Sachtext</li><li>Danach: nur das Buch, das du nicht erzählen kannst</li></ul></div>\n\n<h4>Heute, etwa 20 Minuten</h4>\n<ol>\n<li>Öffne <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-erpenbeck-heimsuchung'); return false;\">Heimsuchung</a> oder <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-tieck-runenberg'); return false;\">Der Runenberg</a>.</li>\n<li>Lies die Handlung. Dann nur die nummerierten Schritte am Auszug.</li>\n<li>Schreib den Musterabsatz nach, dann klapp die Karte zu und mach „Jetzt du“.</li>\n</ol>\n<p>Denselben Weg nimmst du später für Hoffmann, auf erhöhtem Niveau für <em>Des Lebens Überfluß</em> und <em>Sibirien</em>. Den Weg übst du einmal. Die Bücher lernst du einzeln.</p>\n\n<h4>Morgen, etwa 20 Minuten</h4>\n<ol>\n<li>Öffne <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-sprache'); return false;\">Sprache in politisch-gesellschaftlichen Zusammenhängen</a>.</li>\n<li>Lies, was du können musst. Dann nur die nummerierten Schritte am Übungstext.</li>\n</ol>\n\n<h4>Danach</h4>\n<p>Erzähl jedes Pflichtwerk in fünf Sätzen, ohne nachzusehen. Wo du stockst, öffnest du nur diesen einen Lernzettel und nur die Handlung:</p>\n<ul>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-tieck-runenberg'); return false;\">Tieck, Der Runenberg</a> und <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-hoffmann-falun'); return false;\">Hoffmann, Die Bergwerke zu Falun</a>. Formal eine Ganzschrift. Vergleich der Figuren und Konflikte.</li>\n<li><a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-erpenbeck-heimsuchung'); return false;\">Erpenbeck, Heimsuchung</a></li>\n<li>Nur erhöhtes Niveau: <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-tieck-ueberfluss'); return false;\">Tieck, Des Lebens Überfluß</a> (zählt auf eA als weitere Ganzschrift) und <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-sibirien'); return false;\">Erpenbeck, Sibirien</a> (Sibirien zählt nicht als Ganzschrift).</li>\n</ul>\n<p><strong>Kommt dran:</strong> Interpretation literarischer Texte, Erörterung literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte, materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte.</p>\n<p><strong>Kommt nicht dran:</strong> Erörterung pragmatischer Texte, materialgestütztes Verfassen informierender Texte.</p>\n<p>Die Aufgaben wachsen aus der Qualifikationsphase. Sie liegen in der Regel nicht als Auszug aus der Ganzschrift da. Die Bücher brauchst du trotzdem, weil du dort Motive und den Schreibweg gelernt hast.</p>\n<p>Die Operatoren stehen in der Landesliste. Materialgestütztes argumentierendes Schreiben übst du bei den Klausur-Formaten.</p>\n<!-- /spine -->",
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      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Sprache in politisch-gesellschaftlichen Zusammenhängen",
      "short": "Politische Sprache: Verständigung und Strategie, Framing, Redeanalyse an einer echten Rede. Lernzettel fürs Abitur.",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Politisch-gesellschaftliche Kommunikation</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In diesem Themenfeld gibt es kein Pflichtbuch: In der Prüfung liegt ein Sachtext, den du nicht kennst, etwa eine Rede, ein Kommentar, ein Interview oder ein Post. Du untersuchst, ob der Text eine Sache gemeinsam klären will (Verständigung) oder vor allem gewinnen will (Strategie), und an welchen Wörtern und Mitteln man das sieht. Dazu kommt, wie das Medium den Text prägt: Eine Rede wirkt anders als ein Zeitungskommentar oder ein Post. Je nach Aufgabe analysierst du den Text, erörterst seine These oder nutzt ihn als Material für einen eigenen Beitrag. Mit ein paar Modellen und Fachwörtern kannst du das genau benennen, aber die Punkte holst du am Text.</p></div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:feld:politische-sprache -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Das Themenfeld heißt amtlich „Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen“. Gemeint ist: Wie Menschen in Politik und Öffentlichkeit mit Sprache handeln. Wer redet, will etwas erreichen: überzeugen, beruhigen, mobilisieren, den Gegner schwächen.</p>\n<p>Drei Punkte stehen in den Vorgaben, und die kannst du dir als drei Fragen an jeden Text merken:</p>\n<ul>\n<li><strong>Verständigung oder Strategie?</strong> Will der Text eine Frage gemeinsam klären, oder will er vor allem Zustimmung und Sieg?</li>\n<li><strong>Mit welchen sprachlichen Mitteln?</strong> Welche Wörter, Bilder und Satzbaumuster lenken, wie du die Sache siehst?</li>\n<li><strong>In welchem Medium?</strong> Gesprochen oder geschrieben, im Parlament, in der Zeitung, im Netz: Was macht das mit dem Text?</li>\n</ul>\n<p>Die Texte heißen in der Prüfung <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">pragmatische Texte<span class=\"wort-erkl\">Sachtexte, die in der Wirklichkeit etwas bewirken sollen: Reden, Kommentare, Essays, Interviews, Posts</span></span>. Zitiert wird mit Zeilenangabe, zum Beispiel „ein wenig Geduld“ (Z. 3).</p>\n</div>\n\n<h4>Verständigung und Strategie</h4>\n<p>Die Unterscheidung geht auf den Philosophen Jürgen Habermas zurück („Theorie des kommunikativen Handelns“, 1981). Er trennt Handeln, das auf <strong>Verständigung</strong> zielt, von Handeln, das auf <strong>Erfolg</strong> zielt. Wer sich verständigen will, legt Gründe offen und lässt sich vom besseren Argument überzeugen. Wer strategisch handelt, behandelt die anderen als Mittel: Er will, dass sie etwas tun oder glauben, egal wie.</p>\n<ul>\n<li><strong>Zeichen für Verständigung:</strong> Gründe statt Behauptungen, Gegenargumente werden genannt und ernst genommen, Begriffe werden erklärt, Fragen bleiben offen, wo die Sache offen ist.</li>\n<li><strong>Zeichen für Strategie:</strong> Ziele, gegen die niemand sein kann, an der Stelle von Gründen; Gegner werden abgewertet statt widerlegt; Gefühle wie Angst oder Stolz ersetzen Belege; Wichtiges wird verschwiegen oder im Passiv versteckt.</li>\n</ul>\n<p>In echten Texten kommt fast immer beides vor. Stark wird deine Analyse, wenn du zeigst, an welcher Stelle der Text von einem ins andere wechselt. Strategie ist dabei nicht automatisch unanständig: Auch wer für eine gute Sache wirbt, will gewinnen. Bewerte also, was der Text tut, nicht ob dir seine Meinung gefällt.</p>\n\n<h4>Modelle, mit denen du Kommunikation beschreibst</h4>\n<p>Modelle helfen dir, Beobachtungen genau zu benennen. Nenn sie nur, wenn du sie an einer Stelle im Text anwendest.</p>\n<ul>\n<li><strong>Organon-Modell</strong> (Karl Bühler, „Sprachtheorie“, 1934): Jede Äußerung hat drei Seiten. Sie stellt eine Sache dar (<em>Darstellung</em>), sie zeigt etwas über den Sprecher (<em>Ausdruck</em>) und sie will beim Hörer etwas bewirken (<em>Appell</em>). Politische Reden sind oft stark appellativ.</li>\n<li><strong>Vier Seiten einer Nachricht</strong> (Friedemann Schulz von Thun, „Miteinander reden“, 1981): Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung, Appell. Hilfreich, wenn du zeigen willst, wie ein Redner sein Verhältnis zum Publikum gestaltet, etwa mit „wir alle“.</li>\n<li><strong>„Man kann nicht nicht kommunizieren“</strong> (Paul Watzlawick und andere, 1967): Auch Schweigen, Auslassen und Tonfall sagen etwas. Gut für die Frage, was ein Text weglässt.</li>\n<li><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mehrfachadressierung<span class=\"wort-erkl\">ein Text richtet sich zugleich an mehrere Gruppen, etwa an Gegner, eigene Anhänger und die Öffentlichkeit</span></span>: Wer im Parlament spricht, redet scheinbar zu den anderen Abgeordneten, gemeint sind aber oft die Zuschauer, die Medien und die eigene Partei. Der Sprachwissenschaftler Walther Dieckmann nannte das schon 1981 eine „trialogische“ Lage.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wörter, die lenken</h4>\n<p>In der politischen Sprache wird um Wörter gekämpft. Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf sprach 1973 auf einem Parteitag davon, man müsse Begriffe „besetzen“. Seitdem ist das ein fester Ausdruck.</p>\n<ul>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Fahnenwort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort, mit dem eine Gruppe ihre eigenen Ziele positiv kennzeichnet</span></span> und <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stigmawort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort, das die Gegenseite oder ihre Ziele abwertet</span></span>:</strong> Die Begriffe stammen vom Sprachwissenschaftler Fritz Hermanns (1982). Oft ist das Fahnenwort der einen Seite das Stigmawort der anderen.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Hochwertwort<span class=\"wort-erkl\">ein Wort für einen Wert, den fast alle teilen, etwa Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit</span></span>:</strong> Gegen „Sicherheit“ ist niemand. Wer sein Vorhaben damit verbindet, macht Widerspruch schwer.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Framing<span class=\"wort-erkl\">ein Wort ruft einen ganzen Deutungsrahmen auf und legt fest, wie wir eine Sache sehen</span></span>:</strong> Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling („Politisches Framing“, 2016) zeigt das an der „Steuerlast“: Das Wort lässt Steuern als Gewicht erscheinen, das einen erdrückt. Wer von „Steuerbeitrag“ spricht, rahmt dieselbe Sache als Beitrag zum Gemeinwesen. Und „Steueroase“ lässt Steuerflucht klingen wie einen rettenden Ort in der Wüste.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Euphemismus<span class=\"wort-erkl\">beschönigendes Wort, das etwas Unangenehmes harmloser klingen lässt</span></span> und Kampfbegriff:</strong> Das eine verharmlost, das andere greift an.</li>\n<li><strong>Satzbau und Pronomen:</strong> Das Passiv versteckt, wer handelt („Die Gebühren werden erhöht“). „Wir“ schafft Gemeinschaft, „die da oben“ oder „die anderen“ ziehen eine Grenze.</li>\n<li><strong>Bilder:</strong> Metaphern wie „Flut“, „Welle“ oder „Lawine“ machen aus Menschen eine Naturgewalt. Frag immer: Was legt das Bild nahe, ohne es zu sagen?</li>\n</ul>\n\n<h4>Wie Reden überzeugen wollen</h4>\n<p>Schon Aristoteles hat in seiner „Rhetorik“ drei Wege unterschieden, mit denen ein Redner überzeugt:</p>\n<ul>\n<li><strong>Ethos:</strong> durch seine Glaubwürdigkeit („Ich habe dreißig Jahre als Ärztin gearbeitet …“).</li>\n<li><strong>Pathos:</strong> durch Gefühle beim Publikum (Angst, Mitleid, Stolz, Empörung).</li>\n<li><strong>Logos:</strong> durch Argumente und Belege.</li>\n</ul>\n<p>Für deine Analyse heißt das: Benenne, worauf ein Abschnitt setzt, und frag, ob die Gefühle ein Argument stützen oder ersetzen. Typische Mittel dabei sind <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">rhetorische Fragen<span class=\"wort-erkl\">Fragen, auf die keine Antwort erwartet wird, weil sie die Antwort schon nahelegen</span></span>, Wiederholungen (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Anapher<span class=\"wort-erkl\">mehrere Sätze oder Satzteile beginnen mit demselben Wort</span></span>), Dreierfiguren und Gegensätze (<span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Antithese<span class=\"wort-erkl\">zwei gegensätzliche Begriffe oder Aussagen werden gegenübergestellt</span></span>).</p>\n\n<h4>Gesprochen, geschrieben, gepostet</h4>\n<ul>\n<li><strong>Die Rede</strong> wirkt über Stimme, Pausen und Reaktionen im Saal. Im Protokoll stehen Zwischenrufe und Beifall: Sie zeigen, wen ein Satz erreicht hat.</li>\n<li><strong>Der Kommentar</strong> in der Zeitung hat Zeit für Begründungen und Gegenargumente. Fehlen sie, ist das eine Beobachtung wert.</li>\n<li><strong>Der Post</strong> lebt von Kürze, Zuspitzung, Bild und Wiederholung. Er erreicht viele, begründet aber wenig.</li>\n<li>Die Sprachwissenschaftler Peter Koch und Wulf Oesterreicher (1985) unterscheiden <strong>Sprache der Nähe</strong> (spontan, persönlich, wie im Gespräch) und <strong>Sprache der Distanz</strong> (geplant, sachlich, wie im Gesetz). Ein Post ist oft geschrieben, klingt aber wie gesprochen. Wenn eine Politikerin so schreibt, wirkt sie nahbar.</li>\n</ul>\n\n<h4>Sprachkritik: wenn Wörter Unrecht verdecken</h4>\n<p>Wie Sprache Denken lenken kann, hat der Romanist Victor Klemperer an der Sprache des Nationalsozialismus beschrieben („LTI“, 1947). Heute sucht die Jury der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ jedes Jahr ein Wort, das Menschen herabsetzt oder etwas verschleiert; das erste war 1991 „ausländerfrei“. Solche sprachkritischen Texte können in der Prüfung als Material liegen. Dann fragst du: Welche Wirkung wird dem Wort zugeschrieben, und überzeugt die Begründung?</p>\n\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">Nur auf erhöhtem Niveau (Leistungskurs)</span>\n<p>Im Leistungskurs sollst du laut den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz sprachliche Handlungen „theoriegestützt“ beschreiben und sprachphilosophische Positionen zur Analyse heranziehen. Für dieses Themenfeld heißt das: Habermas, Bühler, Schulz von Thun oder Framing nicht nur nennen, sondern an einer Stelle zeigen, was das Modell sichtbar macht und wo es an seine Grenze kommt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_10_18-Bildungsstandards-Deutsch-Abi.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">KMK, Bildungsstandards Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife, S. 21</a></p>\n</div>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Niedersachsen</span>\n<p>Eine der vier Abiturprüfungsaufgaben bezieht sich auf dieses Themenfeld. Geprüft werden Interpretation und Erörterung literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte und materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte. Die Erörterung pragmatischer Texte und das materialgestützte Verfassen informierender Texte kommen nicht dran. Für dieses Themenfeld heißt das: Analyse eines Sachtexts oder ein argumentierender Text aus Material.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://bildungsportal-niedersachsen.de/allgemeinbildung/zentrale-arbeiten/zentralabitur/zentralabitur/2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hinweise zur schriftlichen Abiturprüfung Deutsch, Zentralabitur 2027, S. 1 und 2</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>Verfassen Sie auf der Grundlage der Materialien einen Kommentar für eine Tageszeitung zur Frage, ob Politikerinnen und Politiker in sozialen Medien anders sprechen dürfen als im Parlament.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt das Themenfeld meist so vor: Du analysierst einen pragmatischen Text (Argumentation, sprachliche Mittel, Intention), du erörterst seine These, oder du schreibst aus mehreren Materialien einen eigenen Beitrag, etwa einen Kommentar. Das Themenfeld wird dabei in der Aufgabe oft ausdrücklich genannt.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Otto Wels (SPD) im Reichstag, 23. März 1933, gegen das Ermächtigungsgesetz</span>\n<p>„Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewußtsein zu appellieren.“</p>\n<p>„Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten.“</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Wortlaut nach dem Abdruck bei German History in Documents and Images (aus: Dokumente der deutschen Politik, Bd. 1, 1935, S. 36 bis 38), abgeglichen mit einem Auszug aus dem Reichstagsprotokoll. Die Rede ist gemeinfrei.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Die Regierung Hitler will sich vom Reichstag ermächtigen lassen, Gesetze ohne das Parlament zu beschließen. Die SPD stimmt als einzige Partei dagegen; das Gesetz wird mit 444 zu 94 Stimmen angenommen. Wels weiß also, dass er die Abstimmung verliert.<em>Der Auszug stammt aus der Rede, mit der Otto Wels die Ablehnung der SPD begründet.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Das Wort „Macht“ kommt dreimal vor, aber jedes Mal anders: als Tatsache der Gegner, als Macht des Rechtsbewusstseins, als Macht, die das Gesetz nicht gibt.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Wels gibt die Niederlage zu und deutet im selben Atemzug um, was Macht ist.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Verständigung mit der Mehrheit ist nicht mehr möglich. Die Rede wendet sich an andere Adressaten.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Wels spricht in einer Lage, in der Verständigung mit der Mehrheit nicht mehr möglich ist: Das Ergebnis der Abstimmung steht fest. Er versucht deshalb nicht, die Abgeordneten der Regierungsparteien umzustimmen, sondern deutet den Begriff um, auf den sie sich stützen. Zunächst räumt er ein, man könne „machtpolitische Tatsachen“ nicht durch „bloße Rechtsverwahrungen“ beseitigen. Diese Einräumung macht ihn glaubwürdig, weil er die Lage nicht schönredet. Gleich danach setzt er mit „Aber“ eine zweite Macht dagegen: „das Rechtsbewußtsein des Volkes“. Die Wiederholung des Wortes „Macht“ verschiebt seine Bedeutung von der Gewalt der Regierung zur Überzeugung der Menschen. Damit richtet sich die Rede über den Saal hinaus an die Öffentlichkeit und die eigenen Anhänger. Der Schlusssatz „Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen […] zu vernichten“ greift den Namen des Gesetzes auf und kehrt ihn gegen die, die es beschließen. Die Rede ist also strategisch gebaut, aber nicht um zu siegen, sondern um für die Zeit nach der Niederlage eine Gegenposition festzuhalten.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ordnet die Situation ein, belegt jede Beobachtung mit einem kurzen Zitat, sagt, was das Mittel bewirkt (Einräumung, Wiederholung, Umdeutung), und kommt zu einem Urteil über Verständigung und Strategie. So beschreiben die Bewertungshinweise des IQB eine gute Analyse: textnah, funktional, mit eigenständigem Urteil. Bei textbezogenen Aufgaben zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Bundespräsident Richard von Weizsäcker sagte am 8. Mai 1985 im Bundestag, 40 Jahre nach Kriegsende: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Die ganze Rede steht auf bundespraesident.de. Schreib einen Absatz: Welchen Rahmen setzt das Wort „Befreiung“, und welche anderen Wörter für denselben Tag schiebt es beiseite?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Für den 8. Mai 1945 gab es in Deutschland andere Wörter: Niederlage, Kapitulation, Zusammenbruch. Sie stellen das Ende des Kriegs als Verlust dar. „Befreiung“ setzt einen anderen Rahmen: Befreit wird man von etwas Schlechtem, also war die NS-Herrschaft das Unrecht, nicht ihr Ende. Mit „uns alle“ bezieht Weizsäcker auch die Deutschen ein, die den Tag als Niederlage erlebt hatten.</p>\n<p>Gute Absätze zeigen außerdem, dass die Rede die anderen Erfahrungen nicht verschweigt: Kurz vorher sagt Weizsäcker, der 8. Mai sei „kein Tag zum Feiern“, und nennt Heimkehr, Heimatlosigkeit und Gefangenschaft. Das Framing wirkt gerade, weil es die Gegenwörter anerkennt und dann überbietet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Gib bei Sachtexten die Zeile an: „ein wenig Geduld“ (Z. 3). Nenn bei Reden Redner, Anlass und Datum einmal in der Einleitung, danach reichen die Zeilen. Zwischenrufe aus dem Protokoll darfst du zitieren, sie gehören zur Kommunikationssituation.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Mittel aufzählen ohne Wirkung.</strong> „Es gibt eine Anapher“ bringt nichts. Sag, was sie beim Publikum bewirkt.</li>\n<li><strong>Über das Thema schreiben statt über den Text.</strong> In der Erörterung prüfst du die These des Textes, nicht deine allgemeine Meinung zum Thema.</li>\n<li><strong>Die eigene politische Meinung als Analyse ausgeben.</strong> Bewerte, wie der Text argumentiert, nicht ob dir seine Partei gefällt.</li>\n<li><strong>Strategie mit Lüge verwechseln.</strong> Strategisch heißt: auf Wirkung angelegt. Ob etwas falsch ist, musst du gesondert begründen.</li>\n<li><strong>Modelle abladen.</strong> Ein Modell zählt nur, wenn du es an einer Stelle anwendest.</li>\n<li><strong>Medium vergessen.</strong> Ob Rede, Kommentar oder Post, sag in einem Satz, was das Medium mit dem Text macht.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Ludwig Tieck: <em>Der Runenberg</em> (1804)</h3>\n<p class=\"intro-text\"><em>In Niedersachsen ist „Der Runenberg“ im Wahlpflichtmodul 5 „Gegenwelten in der Romantik“ verbindliche Lektüre 2027 auf grundlegendem und erhöhtem Niveau, zusammen mit Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“. Verbindliche Unterrichtsaspekte sind Figuren- und Konfliktgestaltung samt Vergleich, literaturgeschichtliche Entwicklungen der Romantik sowie zentrale Themen und Motive der Romantik, auch in Gedichten und in Texten des 20./21. Jahrhunderts.</em></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Tiecks „Der Runenberg“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Im Märchen (1804) verlässt der junge Christian das Haus seiner Eltern in der Ebene, weil er die Gartenarbeit seines Vaters hasst, und wird im Gebirge Jäger. Auf dem Runenberg sieht er nachts eine übermenschlich schöne Frau, die ihm eine Tafel aus Edelsteinen schenkt. Danach heiratet er im Dorf Elisabeth, wird ein reicher Bauer und scheint glücklich, bis das Gold eines Fremden die Unruhe zurückbringt. Am Ende kehrt er verwildert mit einem Sack Kiesel zurück, die er für Juwelen hält, und verschwindet im Wald. Der Text lässt offen, ob Christian Übernatürliches erlebt oder wahnsinnig wird, und genau diese offene Frage sollst du im Vergleich mit Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ deuten können.</p></div>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Hinweise des Kultusministeriums:</strong> Tieck, „Der Runenberg“ (1804). Für die Zahl der Ganzschriften zählen der Runenberg und Hoffmanns Novelle formal als eine Ganzschrift. Alle in den Hinweisen genannten Texte dürfen in der Prüfung als Hilfsmittel verwendet werden. Der Vergleich der Figuren und Konflikte ist verbindlicher Unterrichtsaspekt.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:tieck-runenberg -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Der Runenberg ist ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Kunstmärchen<span class=\"wort-erkl\">ein Märchen, das ein Autor selbst erfunden hat, nicht ein überliefertes Volksmärchen; oft ohne glückliches Ende</span></span>. Es ist kurz, hat keine Kapitel und keine Ortsnamen: Es gibt nur die Ebene, das Gebirge, ein Dorf und den Berg mit seinen Ruinen. Erzählt wird in der dritten Person, aber sehr nah an Christian. Wendungen wie „es schien“ oder „ihm dünkte“ zeigen dir, dass du seine Wahrnehmung liest, keine gesicherte Tatsache.</p>\n<p>Der Kern ist ein Gegensatz von zwei Welten. Unten liegen Ebene und Dorf mit Gärten, Kornfeldern, Kirche und Familie. Oben liegt das Gebirge mit Klüften, Erz und Edelsteinen. Die Romantik nennt so eine zweite Welt, die die vertraute in Frage stellt, eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Gegenwelt<span class=\"wort-erkl\">eine Welt, die der gewohnten Ordnung entgegensteht und lockt, hier der Berg gegen das Dorf</span></span>. Niedersachsen hat das Modul danach benannt: „Gegenwelten in der Romantik“.</p>\n<p>Zitieren kannst du nur mit Seite deiner Ausgabe und der Stelle der Handlung, zum Beispiel „(Hochzeitsabend, S. …)“.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in ihrer Reihenfolge</h4>\n<ul>\n<li><strong>Im Gebirge:</strong> Christian sitzt allein an einem Vogelherd und erinnert sich: Er hat Vater und Mutter verlassen, „um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen“. Sein Vater ist Gärtner im Schloss, in einer Ebene, in der „man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe erblickte“. Fischer und Handelsmann wollte Christian nicht werden; seit drei Monaten lernt er bei einem alten Förster die Jagd.</li>\n<li><strong>Die Wurzel und der Fremde:</strong> Gedankenlos zieht er eine Wurzel aus der Erde und hört ein klagendes Winseln im Boden; er denkt an die Alraune. Da steht ein Fremder hinter ihm, begleitet ihn ein Stück, wohnt nach eigenen Worten „bei jenem alten Schacht“ und zeigt ihm den Runenberg.</li>\n<li><strong>Die Nacht auf dem Berg:</strong> Christian klettert hinauf und sieht durch ein Fenster in einen Saal voller Kristalle. Eine große Frau singt, legt ihre Kleider ab und reicht ihm eine Tafel mit eingelegten Steinen: „Nimm dieses zu meinem Angedenken!“ Am Morgen erwacht er auf einem Hügel, die Tafel ist weg. Er hält alles für „ein Traum oder ein plötzlicher Wahnsinn“.</li>\n<li><strong>Das Dorf:</strong> Auf der anderen Seite des Gebirges kommt er in ein Dorf, das Erntefest feiert. In der Kirche sieht er Elisabeth, die Tochter eines reichen Pächters. Er wird bei ihrem Vater Gärtner, also genau das, was er zu Hause verachtet hat. Nach einem halben Jahr ist Hochzeit. Am Abend sagt er ihr, sie sei nicht „jenes Bild“ aus dem Traum, und doch sei er glücklich.</li>\n<li><strong>Der Vater kommt:</strong> Nach der Geburt der Tochter Leonora will Christian seine Eltern besuchen. Vor dem Gebirge packt ihn die Angst: „Ich kenne dich Wahnsinn wohl“. Unter einem Baum trifft er seinen Vater, der eine seltene Bergblume betrachtet. Die Mutter ist gestorben, der Vater zieht ins Dorf zu ihnen.</li>\n<li><strong>Das Gold:</strong> Fünf Jahre später wohnt ein Reisender monatelang bei ihnen und lässt Geld da; kommt er binnen Jahresfrist nicht wieder, gehört es ihnen. Christian zählt es nachts. Der Vater warnt: „Laß das Gold“. Elisabeth klagt, ihr Mann rede irr, fürchte sich vor Pflanzen und behaupte, der Fremde sei „eigentlich ein wunderschönes Weib“.</li>\n<li><strong>Das zweite Erntefest:</strong> Christian kehrt vor der Kirchentür um: „Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren!“ Im Wald begegnet er einem hässlichen alten Waldweib, in dem er die Frau vom Berg wiederzuerkennen glaubt, und findet die Tafel im Gras. Er läuft zu einem alten Schacht. Der Vater findet nur Fußspuren und glaubt, er sei ertrunken.</li>\n<li><strong>Nach seinem Verschwinden:</strong> Der Vater stirbt, ebenso Elisabeths Eltern. Elisabeth heiratet nach zwei Jahren neu. Der Hof verarmt, als suche das „so wunderbar erworbene Geld“ die Flucht; ihr Mann trinkt.</li>\n<li><strong>Die Rückkehr:</strong> Jahre später kommt ein zerlumpter Mann mit einem Sack, „voller Kiesel, unter denen große Stücke Quarz“ liegen. Er hält sie für ungeschliffene Juwelen und schlägt Funken aus ihnen. Es ist Christian. Er sagt: „ich bin dir so gut wie gestorben“, küsst Leonore und geht in den Wald zum Waldweib. Der letzte Satz: „Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.“</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Christian:</strong> unruhig, sucht etwas Größeres als das Gewohnte. Er schwankt zwischen Frömmigkeit im Dorf und dem Sog des Berges.</li>\n<li><strong>Christians Vater</strong>, im Text oft „der Alte“: Schlossgärtner, liebt Pflanzen und Blumen über alles. Er steht für das Leben in der Ebene und warnt vor Gebirge und Gold: „wer keine Blume mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren.“</li>\n<li><strong>Der Fremde</strong> am Anfang: lockt Christian zum Berg und verspricht, dort finde man, „was er am eifrigsten wünscht“.</li>\n<li><strong>Die Frau auf dem Berg:</strong> groß, streng, schön, mit goldenem Schleier und langem schwarzem Haar. Sie hat keinen Namen. Sie gibt ihm die Tafel.</li>\n<li><strong>Das Waldweib:</strong> alt, hässlich, in Lumpen, an einer Krücke. Christian sieht in ihr die Frau vom Berg.</li>\n<li><strong>Der Reisende mit dem Geld:</strong> ein zweiter Fremder, fünf Jahre nach der Hochzeit. Ob er derselbe ist wie der erste, sagt der Text nicht.</li>\n<li><strong>Elisabeth:</strong> blond, sanft, fromm, die Tochter des Pächters. Mit ihr verbindet Christian Ehe, Kinder und Hof. Ihre Tochter heißt im Text einmal Leonora, später Leonore.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zwei Welten, die sich ausschließen.</strong> Unten Garten und Kirche, oben Stein und Kristall. Christian kann keine ganz haben. Schon am Hochzeitsabend sagt er: „Nein, nicht jenes Bild bist du, welches mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann“. Das Glück im Dorf ist von Anfang an ein Glück mit Rest.</li>\n<li><strong>Pflanze gegen Stein.</strong> Der Vater lebt für Blumen, Christian fürchtet sie am Ende. Für ihn sind die Pflanzen „der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten“. Was der Vater als lebendig liebt, sieht der Sohn als Verwesung. Das Motiv zieht sich von der Wurzel am Anfang bis zum Kranz aus Laub, den Christian bei der Rückkehr im Haar trägt.</li>\n<li><strong>Gold und Begehren.</strong> Christian beschreibt das Gold wie eine Geliebte, die ihm zublinzelt, und nennt es „dies güldene Blut“. Später will er die Erde „wie eine geliebte Braut an sich zu drücken“. Deutung: Sehnsucht nach dem Unendlichen und Gier nach Besitz sind bei Christian kaum zu trennen. Der Text zeigt beides im selben Bild.</li>\n<li><strong>Wahnsinn oder Wirklichkeit.</strong> Christian hält die Nacht selbst für „ein Traum oder ein plötzlicher Wahnsinn“, Elisabeth und der Vater erleben ihn als irre. Die Kiesel am Ende sprechen für Wahn, die wiedergefundene Tafel und das Waldweib mit dem goldenen Schleier für eine echte Gegenwelt. Der Text entscheidet nicht. Eine gute Klausur zeigt beide Lesarten am Text.</li>\n<li><strong>Flucht aus der Enge oder Warnung vor der Gegenwelt.</strong> Man kann das Dorf als satte, enge Ordnung lesen, aus der Christian zu Recht ausbricht. Man kann den Berg als gefährliche Verführung lesen, die einen Menschen und eine Familie zerstört. Nach Christians Verschwinden verarmt auch der Hof. Deutung: Der Text kritisiert weder einfach das Dorf noch einfach den Berg, er zeigt einen Menschen, der in keiner Welt bleiben kann.</li>\n<li><strong>Die Natur spricht.</strong> Am Anfang ist es Christian, „als wenn ihm die Wogen in unverständlichen Worten tausend Dinge sagten“. Bach, Wurzel, Steine reden zu ihm. Das ist ein typisch romantisches Bild: Die Natur hat eine Sprache, aber man versteht sie nicht ganz. Christians Rat an den Vater am Ende lautet: „Frage nur die Steine“.</li>\n</ul>\n\n<h4>Der Vergleich mit den Bergwerken zu Falun</h4>\n<p>Für die Zahl der Ganzschriften gelten der Runenberg und Hoffmanns Novelle in Niedersachsen formal als eine Ganzschrift, und der Vergleich der Figuren und Konflikte ist verlangt. Schreib den Vergleich an Achsen entlang, nicht als zwei Inhaltsangaben.</p>\n<ul>\n<li><strong>Ausgangslage:</strong> Christian flieht aus Langeweile vor der „Gewöhnlichkeit“ des Elternhauses. Elis Fröbom kommt von einer Ostindienfahrt zurück und erfährt, dass seine Mutter gestorben ist; er wünscht sich den Tod.</li>\n<li><strong>Wer lockt:</strong> Bei Tieck ein Fremder ohne Namen, der bei einem alten Schacht wohnt. Bei Hoffmann der alte Bergmann Torbern, der Elis nach Falun schickt und in der Grube wieder auftaucht.</li>\n<li><strong>Die Frau der Alltagswelt:</strong> Elisabeth im Dorf, Ulla in Falun. Beide sind fromm und liebevoll und stehen für Ehe und Familie. Christian heiratet und lebt Jahre mit Elisabeth. Elis stirbt am Morgen der Hochzeit.</li>\n<li><strong>Die Frau der Gegenwelt:</strong> die Frau vom Runenberg und das Waldweib bei Tieck, die „Königin“ in der Tiefe bei Hoffmann (oft Bergkönigin genannt). Beide sind mächtig, schön und erschreckend zugleich.</li>\n<li><strong>Der Stein:</strong> Christian bekommt eine Tafel aus Edelsteinen. Elis will für Ulla einen Almandin holen, „auf den unsere Lebenstafel eingegraben“ sei. In beiden Texten verspricht ein Stein das Höchste.</li>\n<li><strong>Das Ende:</strong> Christian kommt mit Kieseln zurück und verschwindet im Wald. Elis wird verschüttet; nach etwa fünfzig Jahren findet man seinen unverwesten Leichnam, die alte Ulla erkennt ihn und stirbt.</li>\n<li><strong>Die Erzählweise:</strong> Tieck nennt keine Orte und keine Jahre. Hoffmann nennt echte Orte in Schweden, Wörter aus dem Bergbau und das Jahr eines Bergsturzes. Deutung: Bei Hoffmann rückt die Gegenwelt näher an die wirkliche Welt heran.</li>\n</ul>\n<p><strong>Gemeinsam:</strong> Beide Männer wollen die Bindung im Alltag und das Absolute der Gegenwelt, und beide Texte lassen das nicht zu. <strong>Unterschied:</strong> Christian verfällt langsam über Jahre, und seine Familie geht mit unter. Elis wird im Moment des höchsten Glücks von der Tiefe genommen, und Ulla bleibt ihm bis zum Tod treu.</p>\n\n<h4>Entstehung und Epoche</h4>\n<ul>\n<li>Ludwig Tieck lebte von 1773 bis 1853. Der Runenberg erschien 1804 im „Taschenbuch für Kunst und Laune“, 1812 nahm Tieck ihn in seine Sammlung „Phantasus“ auf.</li>\n<li>Romantische Motive, die du hier zeigen kannst: Sehnsucht nach dem Unendlichen, die sprechende Natur, das Wunderbare mitten im Alltag, die Nähe von Traum und Wahnsinn, der Rückzug in die Tiefe der Erde.</li>\n<li>Die Lieder im Text stellen die Welten gegeneinander: das Jägerlied am Anfang, der Gesang der Frau im Saal, das Blumengedicht des Vaters gegen die Tafel.</li>\n<li>Für die Entwicklung der Romantik kannst du die drei Texte der Niedersachsen-Auswahl nebeneinanderlegen: Tiecks Runenberg 1804, Hoffmanns Falun 1819, Tiecks „Des Lebens Überfluß“ 1839. Vom Märchen ohne Ort führt der Weg zu einer Erzählung mit echten Orten und schließlich zu einer Novelle, die in einer Großstadt spielt und die romantische Pose selbst ironisch zeigt.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Niedersachsen</span>\n<p>Der Runenberg ist verbindliche Lektüre im Wahlpflichtmodul 5 „Gegenwelten in der Romantik“ (Rahmenthema „Literatur und Sprache um 1800“), zusammen mit Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“. Für die Zahl der Ganzschriften gelten beide Texte formal als eine Ganzschrift.</p>\n<p>Verbindlich sind drei Unterrichtsaspekte: „Figuren- und Konfliktgestaltung sowie deren Vergleich“, „literaturgeschichtliche Entwicklungen der Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Romantik“ und „zentrale Themen und Motive der Romantik (auch in Gedichten), exemplarisch auch deren Verarbeitung in Texten des 20./21. Jahrhunderts“.</p>\n<p>Dir liegen vier Aufgaben zur Auswahl vor. Möglich sind Interpretation literarischer Texte, Erörterung literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte und materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte; eine Aufgabe bezieht sich auf politisch-gesellschaftliche Sprache. Die Aufgaben beruhen in der Regel nicht auf Auszügen aus den Pflichtlektüren: Meist bekommst du einen unbekannten Text und stellst den Bezug zum Runenberg selbst her. Alle in den Hinweisen genannten Texte darfst du im Sinne der Hilfsmittelregelung in der Prüfung verwenden.</p>\n<p>Nur auf erhöhtem Niveau: Dazu kommt Tiecks Novelle „Des Lebens Überfluß“ (1839) mit dem Aspekt „Philisterkritik und (romantische) Ironie“.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://bildungsportal-niedersachsen.de/allgemeinbildung/zentrale-arbeiten/zentralabitur/zentralabitur/2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Niedersächsisches Kultusministerium, Deutsch: Hinweise zur schriftlichen Abiturprüfung 2027, S. 1 und 2</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie das vorliegende Gedicht mit Blick auf die Darstellung von Natur und Sehnsucht. 2. Vergleichen Sie, wie in Tiecks „Der Runenberg“ und Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ die Hauptfigur zwischen zwei Welten steht.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, zum Beispiel ein Gedicht mit einem romantischen Motiv, und stellst dann einen Bezug zum Runenberg oder zu Falun her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Nacherzählen sollst du das Märchen in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Schluss, die Rückkehr</span>\n<p>„Er öffnete hierauf seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. »Es ist nur«, fuhr er fort, »daß diese Juwelen noch nicht poliert und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch an Auge und Blick […]«“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Schluss. Christian ist Jahre verschollen, Elisabeth hat neu geheiratet und ist verarmt.<em>Der Auszug stammt aus dem Schluss des Märchens, als Christian nach Jahren im Gebirge zu Elisabeth zurückkehrt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Der Erzähler sagt „Kiesel“ und „Quarz“, Christian sagt „Juwelen“. Zwei Sichten auf dieselben Steine stehen direkt nebeneinander.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Du siehst, was Elisabeth sieht, und hörst, was Christian glaubt. Er erklärt den Unterschied weg: Die Steine seien nur „noch nicht poliert“.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Die Tafel aus Edelsteinen in der Nacht auf dem Berg und die Kiesel am Ende rahmen Christians Weg. Offen bleibt, ob die Gegenwelt ihn betrogen hat oder ob nur die anderen sie nicht sehen.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Am Schluss treffen zwei Sichten auf dieselben Steine unmittelbar aufeinander. Der Erzähler nennt den Inhalt des Sacks nüchtern „Kiesel“ und „große Stücke Quarz“, Christian dagegen spricht von „Juwelen“, denen es nur noch „an Auge und Blick“ fehle, weil sie „noch nicht poliert und geschliffen“ seien. Er nimmt den Unterschied also wahr, deutet ihn aber zu seinen Gunsten um. Für Elisabeth und für die Lesenden liegt der Schluss nahe, dass Christian dem Wahn verfallen ist, zumal er sich zerlumpt und mit einem Kranz aus Laub zeigt. Doch der Text hält auch die andere Lesart offen: Christian hat die Tafel tatsächlich wiedergefunden, und im Wald wartet das Waldweib auf ihn. Der Gegensatz zur Edelsteintafel vom Anfang macht deutlich, was der Weg in die Gegenwelt gekostet hat: Was oben auf dem Berg als höchste Schönheit erschien, sieht unten im Dorf aus wie wertloses Gestein. Ob der Berg Christian betrogen hat oder ob das Dorf seine Schätze nicht erkennt, entscheidet der Text nicht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er geht von einer genauen Beobachtung an der Wortwahl aus, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, sagt, was die Beobachtung bewirkt, und lässt eine zweite Lesart gelten. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Hochzeitsabend. Christian zu Elisabeth: „Nein, nicht jenes Bild bist du, welches mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch bin ich glücklich in deiner Nähe und selig in deinen Armen.“ Schreib einen Absatz: Was verrät der Satz über Christians Glück im Dorf, und wie bereitet er den weiteren Verlauf vor?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Satz beginnt mit einer Verneinung. Christian sagt seiner Braut zuerst, was sie nicht ist, und erst danach, dass er glücklich ist. Das „aber doch“ zeigt: Das Glück mit Elisabeth ist echt, aber es ist ein Glück trotz eines Verlusts. Das „Bild“ aus dem „Traum“ ist die Frau vom Berg, und Christian sagt selbst, dass er es „niemals ganz vergessen kann“.</p>\n<p>Damit kündigt der Satz die spätere Unruhe an. Die Gegenwelt ist nicht vorbei, sie ist nur verdrängt. Als das Gold kommt, bricht sie wieder auf. Gute Absätze verbinden die Stelle mit dem Ende: Christian verlässt Elisabeth am Schluss für das Waldweib mit dem goldenen Schleier.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Die Zitate auf diesem Lernzettel folgen dem Text bei Projekt Gutenberg-DE (nach der Ausgabe Ludwig Tieck: Werke, Winkler Verlag 1978) in dessen Schreibung, also zum Beispiel „daß“. Schulausgaben können in Schreibung und Satzzeichen leicht abweichen. Nenn die Seite deiner Ausgabe und die Stelle, zum Beispiel: „Laß das Gold“ (Gespräch mit dem Vater, S. …).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Den Vater mit dem Fremden verwechseln.</strong> „Der Alte“ ist Christians Vater, der Gärtner. Die lockende Figur am Anfang heißt „der Fremde“.</li>\n<li><strong>Christian aus dem Dorf fliehen lassen.</strong> Er verlässt das Elternhaus in der Ebene. Ins Dorf zu Elisabeth kommt er erst nach der Nacht auf dem Berg.</li>\n<li><strong>Das Gold vergessen.</strong> Ohne das Geld des Reisenden ist Christians Rückfall nicht zu erklären.</li>\n<li><strong>Die Frage nach dem Wahnsinn entscheiden.</strong> Zeig beide Lesarten am Text, statt eine zur Tatsache zu machen.</li>\n<li><strong>„Bergkönigin“ und „Runenberg“ als Namen verwenden.</strong> Die Frau im Runenberg hat keinen Namen, der Runenberg ist ein Ort. Die Königin gehört zu Falun.</li>\n<li><strong>Im Vergleich zwei Inhaltsangaben schreiben.</strong> Wähl Achsen wie Lockfigur, Frau der Alltagswelt, Frau der Gegenwelt, Ende.</li>\n<li><strong>„Romantik heißt Gefühl“ als Ergebnis.</strong> Sag, welche Gegenwelt der Text baut und was sie mit Christian macht.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>E. T. A. Hoffmann: <em>Die Bergwerke zu Falun</em> (1819)</h3>\n<p class=\"intro-text\"><em>In Niedersachsen ist „Die Bergwerke zu Falun“ im Wahlpflichtmodul 5 „Gegenwelten in der Romantik“ verbindliche Lektüre 2027 auf grundlegendem und erhöhtem Niveau, zusammen mit Tiecks „Der Runenberg“. Verbindliche Unterrichtsaspekte sind Figuren- und Konfliktgestaltung samt Vergleich, literaturgeschichtliche Entwicklungen der Romantik sowie zentrale Themen und Motive der Romantik, auch in Gedichten und in Texten des 20./21. Jahrhunderts.</em></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Die Bergwerke zu Falun“ (1819) kommt der junge Seemann Elis Fröbom nach Göteborg zurück und erfährt, dass seine Mutter gestorben ist. Ein alter Bergmann, später als der sagenhafte Torbern erkannt, schickt ihn nach Falun, wo Elis Bergmann wird und sich in Ulla, die Tochter seines Dienstherrn Pehrson Dahlsjö, verliebt. Zugleich zieht ihn die Tiefe an, in der ihm im Traum und in Visionen eine mächtige Königin erscheint. Am Morgen der Hochzeit steigt er in die Grube, um Ulla einen Almandin zu holen, und wird verschüttet. Etwa fünfzig Jahre später findet man seinen unverwesten Leichnam, die alte Ulla erkennt ihn und stirbt, und für die Prüfung musst du diese Geschichte mit Tiecks „Der Runenberg“ vergleichen können.</p></div>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Hinweise des Kultusministeriums:</strong> Hoffmann, „Die Bergwerke zu Falun“ (1819). Für die Zahl der Ganzschriften zählen die Novelle und Tiecks „Der Runenberg“ formal als eine Ganzschrift. Alle in den Hinweisen genannten Texte dürfen in der Prüfung als Hilfsmittel verwendet werden.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:hoffmann-falun -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Hoffmann veröffentlichte die Erzählung im ersten Band seiner Sammlung „Die Serapionsbrüder“. Im Unterricht und in den Hinweisen für Niedersachsen heißt sie oft <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Novelle<span class=\"wort-erkl\">eine kürzere Erzählung um eine ungewöhnliche Begebenheit, oft mit einem Wendepunkt</span></span>. Sie hat keine Kapitel. Du zitierst deshalb mit der Seite deiner Ausgabe und der Stelle der Handlung.</p>\n<p>Der Text spielt an echten Orten in Schweden: in Göteborg (bei Hoffmann „Göthaborg“) und in der Kupfergrube von Falun. Die riesige Grube heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Pinge<span class=\"wort-erkl\">ein großer Krater über einem Bergwerk, entstanden durch Einsturz; Hoffmann nennt sie auch „Tagesöffnung“</span></span>. Unten arbeiten Knappen, Hauer und Steiger.</p>\n<p>Der Kern ist ein Gegensatz von <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Oberwelt und Unterwelt<span class=\"wort-erkl\">oben Licht, Himmel, Liebe und Hochzeit; unten Gestein, Metall und die Königin</span></span>. Elis sagt selbst im Traum: „ich gehöre doch der Oberwelt an und ihrem freundlichen Himmel.“</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in ihrer Reihenfolge</h4>\n<ul>\n<li><strong>Göteborg, das Fest der Matrosen:</strong> Ein Ostindienfahrer ist heimgekehrt, die Seeleute feiern. Elis, „kaum mocht' er zwanzig Jahr alt sein“, sitzt allein vor der Schenke. Seine Mutter ist vor drei Monaten gestorben, Vater und Brüder sind tot. Er ruft: „Ach, läg' ich doch nur begraben in dem tiefsten Meeresgrunde!“</li>\n<li><strong>Der alte Bergmann:</strong> Ein Fremder spricht ihn an und rät: „Folgt meinem Rat, Elis Fröbom, werdet ein Bergmann!“ Elis wehrt sich: Er soll „dem Maulwurf gleich wühlen“? Der Alte schwärmt von den Steinen der Tiefe und geht ohne Gruß.</li>\n<li><strong>Der Traum:</strong> In der Nacht wird das Meer unter Elis zu Kristall, aus dem Boden wachsen Blumen aus Metall, unten sieht er Jungfrauen und das „ernste Antlitz einer mächtigen Frau“. Der Alte wird zur Riesengestalt aus glühendem Erz. Oben ruft die Stimme seiner Mutter, dann reicht ihm ein junges Weib die Hand. Der Alte mahnt: „sei treu der Königin, der du dich ergeben.“</li>\n<li><strong>Der Weg nach Falun:</strong> Eine Stimme treibt ihn fort. Unterwegs taucht der Alte immer wieder auf und verschwindet. Vor der Pinge packt Elis das Grauen, er will zurück nach Göteborg.</li>\n<li><strong>Ulla:</strong> Auf dem Marktplatz feiern die Bergleute bei Pehrson Dahlsjö, Masmeister und Altermann. Elis sieht dessen Tochter Ulla und erkennt in ihr die rettende Hand aus dem Traum. Ganz gegen seinen Entschluss sagt er, er wolle Bergmann werden. Pehrson warnt, die Elemente vernichteten jeden, der bei der Arbeit noch „andern Gedanken Raum“ gebe, und nimmt ihn auf.</li>\n<li><strong>Torbern im Schacht:</strong> Elis arbeitet hart, weil er Ulla gewinnen will. Tief unten steht plötzlich der Alte neben ihm und beschimpft ihn: Er arbeite „ohne Lieb' und Gedanken“, nur um Ulla, und „nimmer wird Ulla dein Weib“. Der Obersteiger erklärt: Das war Torbern, der einst Faluns Bergbau groß machte und beim großen Bergsturz am Johannistag 1687 verschwand. Seitdem soll er junge Leute zum Bergbau locken.</li>\n<li><strong>Die Probe:</strong> Pehrson gibt vor, Ulla einem reichen Kaufmann aus Göteborg zu versprechen. Elis rennt verzweifelt zur Pinge und ruft nach Torbern: „Unten liegt mein Schatz, mein Leben, mein alles!“ Im Schacht sieht er die Königin, sie drückt ihn an ihre Brust. Pehrson holt ihn heraus und löst die List auf: Der Kaufmann ist längst verheiratet, Elis bekommt Ulla.</li>\n<li><strong>Die Spaltung:</strong> Mitten im Glück fragt eine Stimme in ihm: „Hast du nicht das Antlitz der Königin geschaut?“ Unten fühlt er sich „wie in zwei Hälften geteilt“. Er redet von Schätzen, die nur er sieht. Pehrson meint: „Dem tiefsinnigen Neriker hat die Liebe den Kopf verrückt, das ist alles.“</li>\n<li><strong>Der Hochzeitsmorgen:</strong> Es ist Johannistag. Elis kommt bleich im Hochzeitsgewand zu Ulla: Unten liege „der kirschrot funkelnde Almandin, auf den unsere Lebenstafel eingegraben“, den wolle er ihr als Hochzeitsgabe holen. Ulla fleht ihn an zu bleiben. Gegen Mittag melden Bergleute einen Bergfall. Elis wird nicht gefunden.</li>\n<li><strong>Fünfzig Jahre später:</strong> Bergleute finden in dreihundert Ellen Tiefe im Vitriolwasser den Leichnam eines jungen Bergmanns, wie im Schlaf erhalten. Eine uralte Frau, die jedes Jahr am Johannistag an die Pinge kam, erkennt ihn: Es ist Ulla. Sie stirbt über ihm, sein Körper beginnt „in Staub zu zerfallen“. Beide werden in der Kirche begraben, in der sie hätten heiraten sollen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Elis Fröbom:</strong> still, schwermütig, stammt aus der Landschaft Nerike. Er will Ulla und das Glück oben und wird zugleich von der Tiefe angezogen.</li>\n<li><strong>Ulla Dahlsjö:</strong> fromm, freundlich, liebt Elis. Sie ahnt die Gefahr und bleibt ihm treu bis zum Tod.</li>\n<li><strong>Pehrson Dahlsjö:</strong> Ullas Vater, Masmeister, Altermann, Besitzer von Anteilen an der Grube. Er nimmt Elis „als einen geliebten Sohn“ auf und erklärt alles Unheimliche mit Liebeskummer.</li>\n<li><strong>Torbern:</strong> der alte Bergmann aus der Sage. Er lockt Elis nach Falun, wacht über ihn in der Grube und bindet ihn an die Königin.</li>\n<li><strong>Die Königin:</strong> erscheint nur in Elis' Traum und Visionen, mächtig, ernst, anziehend und erschreckend. Der Text nennt sie „die Königin“; in der Forschung und im Unterricht heißt sie oft Bergkönigin.</li>\n<li><strong>Der Obersteiger:</strong> lehrt Elis die Arbeit, erzählt die Sage von Torbern und glaubt, „der böse Torbern“ habe es Elis angetan.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Oben und unten schließen sich aus.</strong> Torbern sagt es Elis ins Gesicht: Unten sei er „ein blinder Maulwurf, dem der Metallfürst ewig abhold bleiben wird“, oben vermöge er „auch nichts“. Wer beides will, verliert beides. Der Hochzeitstag ist zugleich der Todestag.</li>\n<li><strong>Das gespaltene Ich.</strong> Nach der Verlobung fühlt Elis, „als stiege sein besseres, sein eigentliches Ich hinab in den Mittelpunkt der Erdkugel und ruhe aus in den Armen der Königin“. Deutung: Hoffmann erzählt den Konflikt als Riss in der Person, nicht nur als Wahl zwischen zwei Orten.</li>\n<li><strong>Arbeit aus Liebe oder für einen Zweck.</strong> Torbern warnt vor Bergbau aus „gewinnsüchtiger Gier“, Pehrson vor jedem Gedanken neben der Arbeit. Elis arbeitet für Ulla, also für einen Zweck. Deutung: Die Tiefe verlangt den ganzen Menschen, und darin liegt Elis' Schuld oder sein Verhängnis.</li>\n<li><strong>Sehnsucht nach dem Tod.</strong> Schon am Anfang wünscht Elis sich den Meeresgrund als Grab. Die Tiefe des Meeres und die Tiefe der Erde verschmelzen im Traum. Erfüllung und Tod liegen bei ihm von Anfang an nah beieinander.</li>\n<li><strong>Wirklichkeit oder Wahn.</strong> Pehrson erklärt alles mit Liebe, der Obersteiger mit Torbern. Die Schätze, die Elis sieht, finden die anderen nicht: An seinen Stellen finden sie nichts „als taubes Gestein“. Der Text gibt keine sichere Antwort. Zeig beide Lesarten.</li>\n<li><strong>Stillgestellte Zeit.</strong> Oben vergehen fünfzig Jahre, Ulla wird zur Greisin. Unten bleibt Elis jung, bis er ans Licht kommt und zerfällt. Deutung: Die Tiefe bewahrt den Augenblick, aber nur um den Preis des Lebens.</li>\n</ul>\n\n<h4>Der Vergleich mit dem Runenberg</h4>\n<p>In Niedersachsen gelten Falun und Tiecks Runenberg für die Zahl der Ganzschriften formal als eine Ganzschrift, und der Vergleich der Figuren und Konflikte ist verlangt. Schreib an Achsen entlang.</p>\n<ul>\n<li><strong>Ausgangslage:</strong> Elis ist nach dem Tod der Mutter allein und lebensmüde. Christian verlässt sein Elternhaus in der Ebene aus Abscheu vor der „Gewöhnlichkeit“; die Eltern leben noch.</li>\n<li><strong>Wer lockt:</strong> Torbern, ein Bergmann aus der Sage mit Namen und Geschichte. Bei Tieck ein namenloser Fremder, der bei einem alten Schacht wohnt.</li>\n<li><strong>Die Frau der Alltagswelt:</strong> Ulla und Elisabeth. Christian heiratet und lebt Jahre im Dorf, Elis stirbt am Hochzeitsmorgen.</li>\n<li><strong>Die Frau der Gegenwelt:</strong> die Königin in der Tiefe, bei Tieck die Frau im Saal auf dem Berg und das hässliche Waldweib. Beide Texte machen das Schöne und das Schreckliche zu einer Gestalt.</li>\n<li><strong>Der Stein:</strong> Elis' Almandin mit der „Lebenstafel“, Christians Tafel aus Edelsteinen. In beiden Texten trägt ein Stein eine Schrift, die das Leben bestimmt.</li>\n<li><strong>Der Vater:</strong> Pehrson Dahlsjö nimmt Elis als Sohn an und bringt ihn mit der List erst recht zur Pinge. Christians Vater warnt vor dem Gold und kann ihn nicht halten.</li>\n<li><strong>Das Ende:</strong> Elis wird verschüttet und nach fünfzig Jahren gefunden, Ulla stirbt bei ihm. Christian kehrt mit Kieseln zurück und verschwindet im Wald; Elisabeth hat neu geheiratet.</li>\n<li><strong>Die Erzählweise:</strong> Hoffmann nennt Orte, Bergbau-Wörter und das Jahr 1687. Tieck nennt weder Orte noch Jahre. Deutung: Bei Hoffmann bricht die Gegenwelt in eine genau beschriebene wirkliche Welt ein.</li>\n</ul>\n<p><strong>Gemeinsam:</strong> Beide Männer wollen die Bindung im Alltag und das Absolute der Gegenwelt, und beide Texte lassen das nicht zu. <strong>Unterschied:</strong> Elis wird im Moment des höchsten Glücks genommen, und die Liebe hält über den Tod hinaus. Christian verfällt langsam, und seine Familie geht mit ihm unter.</p>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>E. T. A. Hoffmann lebte von 1776 bis 1822. „Die Bergwerke zu Falun“ steht im ersten Band der „Serapionsbrüder“ von 1819, einer Sammlung, in der Freunde einander Erzählungen vortragen und darüber sprechen.</li>\n<li>Den Bergsturz von 1687 gab es wirklich: Am Mittsommertag 1687 stürzte ein großer Teil der Grube von Falun ein. Hoffmann verlegt Torberns Verschwinden in dieses Unglück.</li>\n<li>Hinter dem Schluss steht ein echter Fall: Der Bergmann Mats Israelsson verunglückte 1677 in Falun, 1719 fand man seinen durch Vitriol erhaltenen Leichnam, und seine frühere Braut erkannte ihn.</li>\n<li>Der Stoff wurde oft weiter bearbeitet, zum Beispiel von Hugo von Hofmannsthal im Schauspiel „Das Bergwerk zu Falun“ (entstanden 1899). Das passt zum Unterrichtsaspekt, wie romantische Motive später weiterleben.</li>\n<li>Romantische Motive, die du hier zeigen kannst: Sehnsucht nach dem Unendlichen, der Traum als zweite Wirklichkeit, die Tiefe der Erde als Spiegel der Seele, die Nähe von Liebe und Tod.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Niedersachsen</span>\n<p>„Die Bergwerke zu Falun“ ist verbindliche Lektüre im Wahlpflichtmodul 5 „Gegenwelten in der Romantik“ (Rahmenthema „Literatur und Sprache um 1800“), zusammen mit Tiecks „Der Runenberg“. Für die Zahl der Ganzschriften gelten beide Texte formal als eine Ganzschrift.</p>\n<p>Verbindlich sind drei Unterrichtsaspekte: „Figuren- und Konfliktgestaltung sowie deren Vergleich“, „literaturgeschichtliche Entwicklungen der Zeit unter besonderer Berücksichtigung der Romantik“ und „zentrale Themen und Motive der Romantik (auch in Gedichten), exemplarisch auch deren Verarbeitung in Texten des 20./21. Jahrhunderts“.</p>\n<p>Dir liegen vier Aufgaben zur Auswahl vor. Möglich sind Interpretation literarischer Texte, Erörterung literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte und materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte; eine Aufgabe bezieht sich auf politisch-gesellschaftliche Sprache. Die Aufgaben beruhen in der Regel nicht auf Auszügen aus den Pflichtlektüren: Meist bekommst du einen unbekannten Text und stellst den Bezug zu Falun selbst her. Alle in den Hinweisen genannten Texte darfst du im Sinne der Hilfsmittelregelung in der Prüfung verwenden.</p>\n<p>Nur auf erhöhtem Niveau: Dazu kommt Tiecks Novelle „Des Lebens Überfluß“ (1839) mit dem Aspekt „Philisterkritik und (romantische) Ironie“.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://bildungsportal-niedersachsen.de/allgemeinbildung/zentrale-arbeiten/zentralabitur/zentralabitur/2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Niedersächsisches Kultusministerium, Deutsch: Hinweise zur schriftlichen Abiturprüfung 2027, S. 1 und 2</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Elis Fröbom geht nicht an der Grube zugrunde, sondern an sich selbst.“ Erörtern Sie diese These mit Blick auf Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ und beziehen Sie Tiecks „Der Runenberg“ vergleichend ein.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, zum Beispiel ein Gedicht über die Tiefe oder die Sehnsucht, und stellst dann einen Bezug zu Falun oder zum Runenberg her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Nacherzählen sollst du die Novelle in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Nach der Verlobung, in der Grube</span>\n<p>„Die herrlichsten Gänge lagen offen ihm vor Augen, er arbeitete mit verdoppeltem Eifer, er vergaß alles, er mußte sich, auf die Oberfläche hinaufgestiegen, auf Pehrson Dahlsjö, ja auf seine Ulla besinnen, er fühlte sich wie in zwei Hälften geteilt, es war ihm, als stiege sein besseres, sein eigentliches Ich hinab in den Mittelpunkt der Erdkugel und ruhe aus in den Armen der Königin, während er in Falun sein düsteres Lager suche.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Elis ist mit Ulla verlobt, die Hochzeit steht bevor.<em>Der Auszug stammt aus der Zeit nach der Verlobung, als Elis wieder in die Grube einfährt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Ein einziger langer Satz, der Teilsatz an Teilsatz reiht. Oben und unten tauschen die Rollen: Unten ist er „eigentlich“, oben muss er sich auf Ulla „besinnen“.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Das Glück der Verlobung ist schon hier ausgehöhlt. Das „bessere“ Ich ruht bei der Königin, oben bleibt nur ein „düsteres Lager“.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Der Hochzeitsmorgen setzt diese Spaltung in eine Tat um.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Nach der Verlobung wäre Elis am Ziel, doch gerade jetzt zeigt der Text seine innere Spaltung. Ein langer, reihender Satz führt ihn von der Arbeit, bei der er „alles“ vergisst, zu dem Bekenntnis, er fühle sich „wie in zwei Hälften geteilt“. Bemerkenswert ist die Umkehr der Werte: Sein „besseres, sein eigentliches Ich“ steigt hinab „in den Mittelpunkt der Erdkugel“ und ruht „in den Armen der Königin“, während ihm oben nur ein „düsteres Lager“ bleibt. Ulla, die eigentlich das Ziel seiner Arbeit war, muss er sich erst ins Gedächtnis rufen. Die Oberwelt, die Elis im Traum noch als seine Heimat bezeichnet hat, ist damit zum Ort der Fremdheit geworden. Ob man das als Verführung durch Torbern oder als Wahn eines schwermütigen Menschen liest, lässt der Text offen; Pehrson erklärt es mit Liebe, der Obersteiger mit Torbern. Sicher ist nur, dass die Spaltung keinen Ausgleich findet: Am Hochzeitsmorgen steigt Elis hinab, und das Glück oben und die Tiefe lassen sich nicht vereinen.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er beobachtet Satzbau und Wortwahl genau, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, sagt, was die Beobachtung bewirkt, und lässt zwei Lesarten stehen. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Hochzeitsmorgen. Elis zu Ulla: „Unten in der Teufe liegt in Chlorit und Glimmer eingeschlossen der kirschrot funkelnde Almandin, auf den unsere Lebenstafel eingegraben, den mußt du von mir empfangen als Hochzeitsgabe.“ Schreib einen Absatz: Wie verbindet Elis hier Liebe und Tiefe, und warum ist das Geschenk zugleich ein Abschied?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Elis will Ulla etwas aus der Tiefe schenken. Der Stein soll ihre gemeinsame „Lebenstafel“ tragen, also ihre Zukunft. Die Liebe oben soll durch einen Schatz von unten besiegelt werden. Damit versucht Elis, die Spaltung aufzuheben, die ihn seit der Verlobung quält.</p>\n<p>Gerade dieser Versuch führt ihn in den Tod. Um das Geschenk zu holen, muss er am Hochzeitstag hinab, und der Bergfall verschüttet ihn. Gute Absätze sehen die Ironie: Die Gabe, die die Ehe begründen soll, verhindert sie. Ein Vergleich passt hier gut: Auch Christian im Runenberg bekommt eine Tafel aus Edelsteinen, die sein Leben bestimmt.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Die Zitate auf diesem Lernzettel folgen dem Text bei zeno.org (nach E. T. A. Hoffmann: Poetische Werke in sechs Bänden, Band 3, Berlin 1963) in dessen Schreibung, also zum Beispiel „mußte“ und „Lieb'“. Schulausgaben können leicht abweichen. Nenn die Seite deiner Ausgabe und die Stelle, zum Beispiel: „Unten liegt mein Schatz, mein Leben, mein alles!“ (an der Pinge, S. …).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Elis nur als Opfer sehen.</strong> Er entscheidet sich am Hochzeitsmorgen selbst, hinabzusteigen, obwohl Ulla ihn anfleht.</li>\n<li><strong>Torbern zum bloßen Bösewicht machen.</strong> Er warnt auch vor Gier und verlangt Liebe zum Gestein. Er ist Lockfigur und Mahner zugleich.</li>\n<li><strong>Die Königin für eine wirkliche Person in Falun halten.</strong> Sie erscheint nur in Traum und Visionen.</li>\n<li><strong>Die Zeit am Ende übersehen.</strong> Fünfzig Jahre liegen zwischen Unglück und Fund. Darin liegt viel Deutung.</li>\n<li><strong>Die Novelle als Bergwerksbericht lesen.</strong> Die Bergbau-Wörter machen die Welt genau, aber es geht um Elis' Inneres.</li>\n<li><strong>Im Vergleich zwei Inhaltsangaben schreiben.</strong> Wähl Achsen wie Lockfigur, Frau der Alltagswelt, Frau der Gegenwelt, Ende.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Ludwig Tieck: <em>Des Lebens Überfluß</em> (1839), nur erhöhtes Niveau</h3>\n<p class=\"intro-text\"><em>In Niedersachsen ist diese Novelle vertiefende verbindliche Lektüre im Wahlpflichtmodul 5 „Gegenwelten in der Romantik“, aber nur auf erhöhtem Anforderungsniveau. Verbindlicher Unterrichtsaspekt ist Philisterkritik und (romantische) Ironie; für die Zahl der Ganzschriften zählt die Novelle auf erhöhtem Niveau als eine weitere Ganzschrift.</em></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Tiecks „Des Lebens Überfluß“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. In der Novelle (1839) sind Heinrich und Clara heimlich durchgebrannt, weil Claras vornehmer Vater die Ehe mit dem bürgerlichen Heinrich nicht erlaubt hätte. Sie leben versteckt im Obergeschoss eines kleinen Hauses in einer Großstadt, verkaufen alles und erklären jeden Mangel heiter zum Überfluss, den man nicht braucht. Im harten Winter verheizt Heinrich erst das eichene Treppengeländer, dann mit Hilfe der alten Christine die ganze Treppe, und Clara heizt damit, ohne es zu wissen. Als der Hauswirt früher zurückkommt, gibt es einen Aufruhr mit Polizei, bis Heinrichs reicher Jugendfreund Andreas auftaucht und alles löst. Lesen sollst du die Novelle vor allem auf zwei Dinge hin: wie sie den nüchternen Bürger verspottet und wie sie zugleich die romantische Haltung des Paares ironisch zeigt.</p></div>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Hinweise des Kultusministeriums:</strong> Pflicht nur auf erhöhtem Niveau, auf grundlegendem Niveau nicht. Alle in den Hinweisen genannten Texte dürfen in der Prüfung als Hilfsmittel verwendet werden. Nicht mit dem Runenberg verwechseln: Die Novelle erschien 35 Jahre später und spielt in einer Großstadt.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:tieck-ueberfluss -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Die Novelle erzählt eine einzige ungewöhnliche Begebenheit: Ein Mieter verbrennt die Treppe des Hauses. Sie beginnt mit dem Ende, einem rätselhaften Tumult in der Vorstadt Ende Februar, und springt dann zurück zu Weihnachten. Die Vorgeschichte, die Flucht des Paares, erfährst du nebenbei, weil Heinrich sein altes Tagebuch rückwärts liest.</p>\n<p>Zwei Fachwörter brauchst du. Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Philister<span class=\"wort-erkl\">in der Romantik ein Spottwort für den satten, nüchternen Bürger, der nur an Nutzen, Besitz und Ordnung denkt</span></span> ist hier zum Beispiel der geizige Hauswirt Emmerich. <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Romantische Ironie<span class=\"wort-erkl\">der Text zeigt eine Haltung oder eine Illusion und macht zugleich sichtbar, dass sie nur ein Spiel ist; er bricht sie, ohne sie ganz zu verwerfen</span></span> heißt hier: Die Novelle spielt das poetische Leben des Paares liebevoll durch und lässt es zugleich an einer leeren Treppe scheitern.</p>\n<p>Die Novelle hat keine Kapitel. Du zitierst mit der Seite deiner Ausgabe und der Stelle der Handlung.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in ihrer Reihenfolge</h4>\n<ul>\n<li><strong>Der Anfang mit dem Ende:</strong> Ende Februar gibt es in einem kleinen Haus der Vorstadt einen Tumult mit Polizei. In der Stadt laufen Gerüchte um von einem Rebellen, einem Gottesleugner, einer Kanone. Niemand weiß, was wirklich geschah.</li>\n<li><strong>Weihnachten in der Stube:</strong> Heinrich und Clara wohnen im zweiten Stock: eine Stube mit zwei Fenstern, eine Kammer. Ein vorgebautes Ziegeldach versperrt den Blick auf die Straße. Sie essen Brotsuppe und Wasser und sind glücklich: „Lieben und leben hieß nun unsre Losung“. Heinrich fühlt sich mit Clara „wie Adam und Eva hier in unserm Paradiese“. Nur Clara bemerkt, das Holz fange an, „ganz einzugehen“.</li>\n<li><strong>Das Tagebuch:</strong> Heinrich liest seine Einträge rückwärts. So erfährst du: Er war ein junger Diplomat, Clara die Tochter einer Exzellenz. Als ihr Vater ihre Briefe fand, sollte sie zu einer Tante verschickt werden; die beiden flohen über die Grenze und heirateten. Unterwegs schloss sich Christine an, Claras alte Amme. Sie wohnt unten in einer Kammer und arbeitet heimlich für die beiden. Heinrich hat seine kostbarste Habe verkauft, eine alte Chaucer-Ausgabe, ein Geschenk seines Jugendfreundes Andreas Vandelmeer, der nach Ostindien ging.</li>\n<li><strong>Das Geländer:</strong> Eines Morgens hört Clara eine Säge. Heinrich hat Säge und Beil vom Dachboden geholt und das eichene Geländer herausgebrochen. Es sei eine „von des Lebens ganz unnützen Überflüssigkeiten“. Clara erschrickt, lacht dann und hilft beim Sägen. Der Hauswirt ist den Winter über verreist.</li>\n<li><strong>Der Traum von der Versteigerung:</strong> Heinrich träumt, er werde wie ein altes Möbelstück versteigert. Erst bietet niemand, dann treiben vornehme Damen seinen Preis hoch, und am Ende werden er und Clara verurteilt, weil sie sich zu teuer verkauft haben.</li>\n<li><strong>Die Treppe:</strong> Wochen später will Clara nach Christine sehen. Heinrich hält sie fest: „Diese Stufen […] wirst Du niemals wieder betreten!“ Die Treppe ist weg. Clara: „Also die Treppe haben wir nun auch verbrannt!“ Heinrich erzählt: Mit Christines Hilfe brach er erst jede zweite Stufe heraus, dann den Rest. Christine reicht Brot und Wasser jetzt in einem Korb am Strick hinauf.</li>\n<li><strong>Der Hauswirt kommt zurück:</strong> Herr Emmerich kehrt früher heim, tappt im Dunkeln und schreit: „Herr! wo ist meine Treppe geblieben!“ Heinrich verteidigt sich von oben mit witzigen Reden: Die zweiundzwanzig Stufen seien überflüssig gewesen, ja eine Brandgefahr. Die Polizei kommt, Heinrich droht mit Flinten und einer Kanone, die in Wahrheit zwei Stäbe und ein alter Stiefel sind. Die Menge hält ihn für einen Revolutionär.</li>\n<li><strong>Die Rettung:</strong> Ein vornehmer Herr fährt vor. Es ist Andreas Vandelmeer. Er hat in London den verkauften Chaucer entdeckt, darin ein Blatt mit Heinrichs Adresse. Heinrichs Geld, das Andreas in Indien angelegt hat, hat sich vermehrt. Claras Vater ist in der Stadt, bereut seine Härte und hat ihr verziehen. Das Paar lässt „die notgedrungene Philosophie der Armut“ gern fahren. Emmerich wird reich entschädigt und baut wieder eine hölzerne Treppe.</li>\n<li><strong>Drei Jahre später:</strong> Claras Vater ist gestorben. Das Paar besucht das alte Zimmer, in dem jetzt ein Buchbinder die zweite Auflage von Heinrichs verlorenem Buch bindet. Der letzte Satz: „Beide sannen nach über den Inhalt des menschlichen Lebens, dessen Bedürfnis, Überfluß und Geheimnis.“</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Heinrich Brand:</strong> früher Diplomat, bürgerlich, geistreich, witzig, lebt unter einem angenommenen Namen. Er redet jeden Mangel schön.</li>\n<li><strong>Clara:</strong> Tochter einer Exzellenz, liebt Heinrich, lacht mit ihm, ist aber oft die, die nüchtern nach morgen fragt.</li>\n<li><strong>Christine:</strong> Claras alte Amme. Sie arbeitet für andere Familien, um die beiden zu versorgen, und hilft beim Zerlegen der Treppe.</li>\n<li><strong>Herr Emmerich:</strong> der alte, geizige Hauswirt mit Podagra, sein Diener heißt Ulrich. Er denkt in Besitz und Schaden.</li>\n<li><strong>Andreas Vandelmeer:</strong> Heinrichs reicher Jugendfreund, kommt aus Indien zurück und rettet das Paar.</li>\n<li><strong>Claras Vater:</strong> eine Exzellenz und Gesandter, der die Verbindung mit einem Bürgerlichen nicht wollte und am Ende verzeiht.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Das Wort „Überfluß“ wird umgedreht.</strong> Heinrich nennt das Geländer „eine von des Lebens ganz unnützen Überflüssigkeiten“ und die Stufen „nur ein Luxus, ein Überfluß“. Was jeder zum Leben braucht, erklärt er zum Überflüssigen. Deutung: Der Titel meint beides, den Überfluss an Liebe und Gespräch und den Mangel an allem anderen.</li>\n<li><strong>Philisterkritik.</strong> Der Hauswirt Emmerich sieht nur Besitz und Schaden. Heinrich spottet, er sei „zu empirisch und rationalistisch“, um zu verstehen, dass man keine Treppe braucht. Als die Polizei kommt, freuen sich viele Nachbarn, weil sie „dem geizigen Hausbesitzer dieses Ärgernis gönnten“. Am Ende reibt sich Emmerich über die Entschädigung die Hände. Der nüchterne Bürger wird komisch, weil er nur zählt.</li>\n<li><strong>Ironie gegen das Paar selbst.</strong> Clara nennt Heinrichs Witze „der wahre Humor der Ängstlichkeit“. Heinrich fragt sich einmal unter Tränen, warum er nicht als Tagelöhner arbeitet, und verwirft es: Dann müsste das Paar sich eingestehen, dass es unglücklich ist. Gerettet wird das Paar nicht durch Poesie, sondern durch Kapital aus Indien, und es lässt „die notgedrungene Philosophie der Armut“ gern fahren. Deutung: Die Novelle verspottet nicht nur den Philister, sondern auch die romantische Pose, die sich von der Welt abdichtet.</li>\n<li><strong>Die Treppe als Bild.</strong> Heinrich nennt die Treppe „eine Vermittlung, eine Veranlassung, von unten nach oben zu gelangen“. Ohne Treppe ist das Paar ganz von der Welt getrennt. Am Ende sagt Andreas über den Chaucer: „dies Buch ist wunderbarer Weise die Treppe, die uns wieder zu einander geführt hat.“ Die Verbindung zur Welt kommt über das Buch zurück.</li>\n<li><strong>Leben wie im Märchen.</strong> Clara sagt: „Wir leben eigentlich […] ein Märchen“. Das Paar liest die Feuermauern gegenüber als Felsen der Schweiz und die Dächer als Gärten der Semiramis. Die Fantasie macht die Armut erträglich. Deutung: Die Novelle zeigt die romantische Einbildungskraft als Kraft und als Gefahr zugleich.</li>\n<li><strong>Literatur über Literatur.</strong> Heinrich vergleicht sich mit Jean Pauls „Siebenkäs“, mit Don Quixote, Götz von Berlichingen und Robinson Crusoe. Deutung: Die Figuren sehen ihr Leben durch Bücher. Das ist ein Kennzeichen romantischer Ironie: Der Text zeigt, dass seine Figuren in einer erzählten Welt leben, und spielt damit.</li>\n</ul>\n\n<h4>Der Bezug zum Runenberg und zu Falun</h4>\n<ul>\n<li><strong>Gegenwelt:</strong> Im Runenberg und in Falun bricht eine übernatürliche Gegenwelt ins Leben ein. Hier baut sich das Paar seine Gegenwelt selbst, mitten in der Großstadt, und der Text zeigt sie ironisch.</li>\n<li><strong>Abgeschieden oben:</strong> Christian und Elis zieht es in den Berg und in die Tiefe. Heinrich und Clara ziehen sich nach oben zurück und kappen den Weg nach unten.</li>\n<li><strong>Ein Bild aus dem Bergbau:</strong> Heinrich nennt die halb verheizte Treppe selbst „eine Art von Kohlenbergwerk, eine Grube“. Deutung: Was in Falun tödlicher Ernst ist, wird hier zum Witz.</li>\n<li><strong>Das Ende:</strong> Christian verschwindet, Elis stirbt. Heinrich und Clara werden gerettet und kehren in Wohlstand und Familie zurück. Deutung: Der späte Tieck lässt die Gegenwelt nicht tödlich enden, sondern in der bürgerlichen Welt aufgehen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Epoche</h4>\n<ul>\n<li>Die Novelle erschien 1839 in dem Taschenbuch „Urania“. Zwischen Tiecks Runenberg (1804) und dieser Novelle liegen 35 Jahre.</li>\n<li>Die Novelle spielt in ihrer eigenen Gegenwart: Erwähnt werden die Cholera und geheime Gesellschaften; der Polizeianführer hält Heinrich für einen „Demagog und Carbonari“, also für einen Revolutionär. Daran siehst du, dass hier nicht mehr im Märchenwald erzählt wird, sondern in einer Stadt mit Polizei und Gerüchten.</li>\n<li>Der Text spielt mit der Literatur der Romantik und ihren Vorbildern, vor allem mit Jean Pauls Roman „Siebenkäs“: Heinrich fragt sich gleich am Anfang, wie sich dessen Held in ihrer Lage helfen würde, und Clara wünscht sich, sie hätte wie Lenette aus dem Roman Kleider zum Verkaufen mitgebracht.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Niedersachsen</span>\n<p>Nur auf erhöhtem Niveau: „Des Lebens Überfluß“ ist dort die vertiefende verbindliche Lektüre im Wahlpflichtmodul 5 „Gegenwelten in der Romantik“, neben Tiecks „Der Runenberg“ und Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“. Verbindlicher Unterrichtsaspekt: „Philisterkritik und (romantische) Ironie“. Für die Zahl der Ganzschriften zählt die Novelle auf erhöhtem Niveau als eine weitere Ganzschrift.</p>\n<p>Dir liegen vier Aufgaben zur Auswahl vor. Möglich sind Interpretation literarischer Texte, Erörterung literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte und materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte; eine Aufgabe bezieht sich auf politisch-gesellschaftliche Sprache. Die Aufgaben beruhen in der Regel nicht auf Auszügen aus den Pflichtlektüren. Alle in den Hinweisen genannten Texte darfst du im Sinne der Hilfsmittelregelung in der Prüfung verwenden.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://bildungsportal-niedersachsen.de/allgemeinbildung/zentrale-arbeiten/zentralabitur/zentralabitur/2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Niedersächsisches Kultusministerium, Deutsch: Hinweise zur schriftlichen Abiturprüfung 2027, S. 1 und 2</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Tieck verspottet in ‚Des Lebens Überfluß‘ nicht den Philister, sondern die Romantiker.“ Erörtern Sie diese These und beziehen Sie dabei Ihre Kenntnis von „Der Runenberg“ ein.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zur Novelle her, zum Beispiel zur Frage, wie Ironie eine Haltung bloßstellt. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Nacherzählen sollst du die Novelle in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Nach der Rückkehr des Hauswirts</span>\n<p>HEINRICH: „Was ist Raum? ein Unbedingtes, ein Nichts, eine Form der Anschauung. Was ist eine Treppe? ein Bedingtes, aber nichts weniger als ein selbständiges Wesen, eine Vermittlung, eine Veranlassung, von unten nach oben zu gelangen, und wie relativ sind selbst diese Begriffe von Oben und Unten.“</p>\n<p>CLARA: „Ja, ja, sagte Clara lächelnd, phantasiere und witzle nur; das ist der wahre Humor der Ängstlichkeit.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Emmerich ist unten angekommen und wird gleich merken, dass die Treppe fehlt.<em>Der Auszug steht kurz vor dem Streit mit dem Hauswirt, als das Paar oben lauscht.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Heinrich antwortet auf eine ganz praktische Gefahr mit Philosophie. Die Treppe wird zum Begriff.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Clara durchschaut ihn mit einem einzigen Satz. Hinter dem Witz steckt Angst.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Der Text verspottet den Philister und zeigt zugleich, wie brüchig die romantische Pose ist.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Kurz bevor der Hauswirt die fehlende Treppe entdeckt, flüchtet sich Heinrich in die Philosophie. Er fragt „Was ist eine Treppe?“ und antwortet in der Sprache der Gelehrten: Sie sei „ein Bedingtes“, nur „eine Vermittlung, eine Veranlassung, von unten nach oben zu gelangen“. Der Witz liegt im Abstand zwischen der hohen Sprache und der ganz handfesten Lage: Die Treppe ist verbrannt, und unten steht ein wütender Eigentümer. Heinrich spottet über den Philister, der sich „auf die alte Erfahrung des Geländers stützen“ will. Doch Clara durchschaut ihn sofort und nennt seine Reden „der wahre Humor der Ängstlichkeit“. Damit richtet sich die Ironie nicht nur gegen den Hauswirt, sondern auch gegen Heinrich selbst: Sein Witz ist eine Schutzmauer gegen die Angst. Die Stelle zeigt im Kleinen, was die ganze Novelle tut. Sie lässt den nüchternen Bürger komisch aussehen und zeigt zugleich, dass die heitere Weltflucht des Paares auf wackligem Grund steht.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er erklärt die Ironie an einer genauen Beobachtung, nicht als Etikett, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein und zeigt beide Seiten, Philisterkritik und Selbstironie. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Andreas über den wiedergefundenen Chaucer: „So empfange es denn zurück zum zweiten Male und halte es in Ehren, denn dies Buch ist wunderbarer Weise die Treppe, die uns wieder zu einander geführt hat.“ Schreib einen Absatz: Was bedeutet es, dass ein Buch hier die Treppe ersetzt, und wie passt das zum Ende der Novelle?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Die echte Treppe hat Heinrich verbrannt, um ganz für sich zu sein. Jetzt wird das Buch zur neuen Verbindung: Ein Blatt darin trug Heinrichs Adresse, und so hat Andreas ihn gefunden. Was Heinrich aus Not verkauft hat, führt ihn zurück in die Welt.</p>\n<p>Das passt zum Ende. Das Paar kehrt in Wohlstand zurück, und drei Jahre später bindet ein Buchbinder die zweite Auflage von Heinrichs Buch. Literatur verbindet also oben und unten. Zugleich ist die Rettung ironisch: Sie kommt durch Zufall und durch Geld aus Indien. Gute Absätze nennen beides, den Sinn des Bildes und die Ironie der glücklichen Fügung.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Die Zitate auf diesem Lernzettel folgen dem Text bei Projekt Gutenberg-DE (nach einer Ausgabe des Insel Verlags, 2003) in dessen Schreibung, also zum Beispiel „Überfluß“. Ältere Ausgaben schreiben „Ueberfluß“ oder „Armuth“. Nenn die Seite deiner Ausgabe und die Stelle, zum Beispiel: „Also die Treppe haben wir nun auch verbrannt!“ (Clara entdeckt die leere Treppe, S. …).</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Die Treppe auf einmal verschwinden lassen.</strong> Erst das Geländer, dann jede zweite Stufe mit Christines Hilfe, dann der Rest. Clara heizt lange, ohne es zu wissen.</li>\n<li><strong>Von Kohle sprechen.</strong> Verheizt wird Holz. Das „Kohlenbergwerk“ ist nur Heinrichs Witz.</li>\n<li><strong>Gläubiger erfinden.</strong> Die Miete ist bis Ostern bezahlt; der Konflikt kommt durch die verfrühte Rückkehr des Hauswirts.</li>\n<li><strong>Ironie mit Sarkasmus gleichsetzen.</strong> Der Text spottet nicht von außen, er lässt die Figuren ihre Illusion selbst aussprechen und bricht sie.</li>\n<li><strong>Nur den Philister kritisiert sehen.</strong> Auch das Paar und seine „Philosophie der Armut“ werden ironisch gezeigt.</li>\n<li><strong>Mit dem Runenberg verwechseln.</strong> Kein Berg, keine Gegenwelt aus Stein, sondern eine Großstadt, eine Treppe und ein glückliches Ende.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Jenny Erpenbeck: <em>Heimsuchung</em> (2008)</h3>\n<p class=\"intro-text\"><em>In Niedersachsen ist „Heimsuchung“ verbindliche Lektüre 2027 im Wahlpflichtmodul 8 „Neue und neueste Tendenzen der Erzählliteratur“. Aspekte laut Bildungsministerium sind Figuren- und Konfliktgestaltung, Erzähltechnik, auf die literarische Verarbeitung von Geschichte(n) und auf Romanrezeption und -kritik.</em></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Erpenbecks „Heimsuchung“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Der Roman (2008) erzählt nicht von einer Hauptfigur, sondern von einem Ort: einem Grundstück mit Haus am Scharmützelsee, den der Roman Märkisches Meer nennt. Elf Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern und die des namenlosen Gärtners hängen an diesem Ort, vom Ende des 19. Jahrhunderts über NS-Zeit, Krieg und DDR bis nach 2000. Wer dort baut, kauft, flieht oder enteignet wird, entscheidet jedes Mal die Politik. Vor jedem Bewohnerkapitel steht ein kurzes Kapitel „Der Gärtner“; in seinem letzten Kapitel verschwindet er, danach wird das Haus abgerissen. Die meisten Figuren heißen nach ihrer Rolle, und die Kapitel springen in der Zeit vor und zurück.</p></div>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben vom Bildungsministerium:</strong> für gA und eA. Rezeption und Kritik gehören zum Modul, also auch, wie der Roman gelesen und bewertet wurde, nicht nur die Handlung. eA zusätzlich: <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('ni-de-abitur2027-sibirien'); return false;\">Sibirien</a> (zählt nicht als Ganzschrift).</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:erpenbeck-heimsuchung -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Heimsuchung“ ist ein kurzer Roman der Gegenwartsliteratur, knapp 190 Seiten, aber sehr dicht. Der See heißt im Roman Märkisches Meer. Das ist der alte Name für den Scharmützelsee in der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mark<span class=\"wort-erkl\">alter Name für die Landschaft rund um die Hauptstadt, daher „märkisch“</span></span>, wo Erpenbecks Großeltern ein Haus hatten. Nach der Wende musste die Familie es zurückgeben. Danach hat Erpenbeck in Archiven die Geschichte des Grundstücks recherchiert.</p>\n<p>Der Titel hat zwei Seiten. Eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Heimsuchung<span class=\"wort-erkl\">ein Unglück, das über Menschen hereinbricht; im Wort steckt auch „ein Heim suchen“</span></span> trifft Menschen von außen. Beides passiert hier: Die Figuren suchen am See ein Zuhause, und die Geschichte des 20. Jahrhunderts sucht sie heim.</p>\n<p>Ein Wort für den Schluss: Wer in der DDR enteignet worden war, konnte nach der Wende sein Grundstück zurückfordern. Das heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Restitution<span class=\"wort-erkl\">Rückübertragung von Eigentum an die früheren Besitzer oder ihre Erben</span></span>. Deshalb verliert am Ende eine Familie das Haus, die dort Jahrzehnte gelebt hat.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Kapitel in ihrer Reihenfolge</h4>\n<p>Nach dem Prolog folgen 22 Kapitel und ein Epilog. Die ungeraden Kapitel 1 bis 21 heißen jedes „Der Gärtner“ und stehen vor dem jeweiligen Bewohnerkapitel. Die geraden Kapitel 2 bis 22 erzählen je eine Figur. Nach Kapitel 22 kommt kein Gärtner-Kapitel mehr. In Kapitel 21 zieht sich der Gärtner zurück und verschwindet. Die Bewohnerkapitel sind nicht chronologisch: Das Kapitel über den Architekten (Kapitel 4) spielt Anfang der 1950er-Jahre, das über die jüdische Familie (Kapitel 6) danach in den 1930ern.</p>\n<ul>\n<li><strong>Prolog:</strong> Vor ungefähr 24 000 Jahren schiebt sich das Eis vor. Der See entsteht erst später, als das Toteis taut, und bekommt den Namen Märkisches Meer. Am Ende steht, dass auch er einmal verschwinden wird.</li>\n<li><strong>Kapitel 2, Der Großbauer und seine vier Töchter:</strong> Der Dorfschulze Wurrach lässt seine jüngste Tochter Klara, die psychisch krank wird, entmündigen. Ihr Erbe, den Wald am See, teilt er in drei Grundstücke und verkauft sie: an einen Kaffee- und Teeimporteur, an einen jüdischen Tuchfabrikanten aus Guben und an einen Berliner Architekten. Klara geht im Winter in den See.</li>\n<li><strong>Kapitel 4, Der Architekt:</strong> Anfang der 1950er geht er ein letztes Mal durch sein Haus. Er muss in den Westen fliehen, weil er für einen Bau in Ost-Berlin Schrauben aus dem Westen besorgt hat. Das Nachbargrundstück der jüdischen Familie hat er 1939 weit unter Wert gekauft.</li>\n<li><strong>Kapitel 6, Der Tuchfabrikant:</strong> Arthur und Hermine verbringen mit Sohn Ludwig und Enkelin Doris Tage am See. Ludwig wandert mit Anna nach Südafrika aus, die Eltern besuchen ihn in Kapstadt und kehren zurück. 1939 verkaufen sie das Grundstück, um auszureisen. Die Ausreise scheitert, sie werden ermordet.</li>\n<li><strong>Kapitel 8, Die Frau des Architekten:</strong> Sechs Jahre nach dem Krieg erinnert sie sich an ihr Leben im Haus. Bei Kriegsende hat sie sich vor sowjetischen Soldaten in einem geheimen Schrank versteckt. Der junge Offizier fand sie dort, es kam zu einem erzwungenen Geschlechtsakt. Das Erlebnis hat „ein Loch in ihre Ewigkeit“ gebohrt.</li>\n<li><strong>Kapitel 10, Das Mädchen:</strong> Doris, die zwölfjährige Enkelin des Tuchfabrikanten, versteckt sich im geräumten Warschauer Ghetto in einer dunklen Kammer und erinnert sich an die Sommer am See. Sie wird entdeckt, verschleppt und ermordet.</li>\n<li><strong>Kapitel 12, Der Rotarmist:</strong> Der junge Offizier, dessen Familie von deutschen Soldaten ermordet wurde, besetzt mit seinen Männern das Haus. Dieselbe Nacht im Schrank wird jetzt aus seiner Sicht erzählt.</li>\n<li><strong>Kapitel 14, Die Schriftstellerin:</strong> Eine Kommunistin, die aus dem Exil in der Sowjetunion in die DDR zurückgekehrt ist, hat das Haus vom Staat gepachtet. Sie schreibt über ihre Heimkehr und streitet mit dem Nachbarn um das Grundstück.</li>\n<li><strong>Kapitel 16, Die Besucherin:</strong> Die Großmutter der Schwiegertochter der Schriftstellerin ist bei Kriegsende mit drei Enkeln aus Ostpreußen geflohen. Am See fühlt sie sich fremd.</li>\n<li><strong>Kapitel 18, Die Unterpächter:</strong> Ein Rentnerehepaar hat die Werkstatt am Ufer als Wochenendhaus gepachtet und segelt von dort aus. Nach der Wende erfährt die Frau, dass sie als Flüchtlingskind von ihrer Schwester getrennt wurde. Der Mann denkt an seinen gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR. Weil unklar ist, wem das Grundstück gehört, fürchten beide, die Werkstatt aufgeben zu müssen.</li>\n<li><strong>Kapitel 20, Der Kinderfreund:</strong> Ein Mann aus dem Dorf repariert das leerstehende Haus. Er erinnert sich an die Kindheit mit der Enkelin der Schriftstellerin und an die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens, die beide als Kinder aus einem Versteck mit ansahen.</li>\n<li><strong>Kapitel 22, Die unberechtigte Eigenbesitzerin:</strong> Die Enkelin muss das Haus aufgeben, weil die Erben der Frau des Architekten es zurückfordern. Sie versteckt sich im selben Schrank und hört der Maklerin zu.</li>\n<li><strong>Epilog:</strong> Das Haus wird nach allen Vorschriften abgerissen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Das Dorf:</strong> der Großbauer Wurrach und seine Töchter; der Gärtner, von dem im Dorf niemand weiß, woher er kommt.</li>\n<li><strong>Das Architektenpaar:</strong> baut das Haus; bei Kriegsende dringt der Rotarmist ein.</li>\n<li><strong>Die jüdische Familie aus Guben:</strong> Arthur und Hermine; Sohn Ludwig mit Anna in Kapstadt; Tochter Elisabeth mit Ernst und ihrer Tochter Doris.</li>\n<li><strong>Die Familie der Schriftstellerin:</strong> ihr Sohn, seine Frau, deren Großmutter (die Besucherin), die Enkelin (später die Eigenbesitzerin) und ihr Kinderfreund; dazu die Unterpächter.</li>\n</ul>\n<p>Mit Vornamen erscheinen vor allem die jüdische Familie und die Bauernfamilie, alle anderen heißen nach ihrer Rolle. Deutung: Die Rollennamen machen jede Figur zum Beispiel für ihre Zeit, die Namen halten die Ermordeten fest.</p>\n\n<h4>Woran du die Erzählweise erkennst</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zeitsprünge:</strong> Die Kapitel springen vor und zurück und überblenden Zeitebenen. Die Neue Zürcher Zeitung beschrieb das als Geschichte als „geschichtete Zeit“.</li>\n<li><strong>Ein Ort, mehrere Sichten:</strong> Die Nacht im Schrank steht zweimal da, aus Sicht der Frau und aus Sicht des Rotarmisten. Vergleiche beide, statt einer zu glauben.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Leitmotive<span class=\"wort-erkl\">Wörter, Bilder oder Dinge, die immer wiederkehren und Stellen miteinander verbinden</span></span>:</strong> der Schrank mit dem geheimen Mechanismus, das Badehaus, der Satz „Ich kehre heim“, im Kapitel des Architekten das Wort „Abschließen“. Sie verbinden Kapitel, die zeitlich weit auseinanderliegen.</li>\n<li><strong>Erzählbericht ohne Anführungszeichen:</strong> Figurenrede steht oft ohne Anführungszeichen im Text, vieles klingt wie Erinnerung. Erzählt wird meist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">zeitraffend<span class=\"wort-erkl\">viel Zeit wird in wenigen Sätzen erzählt</span></span>, die Szene im Schrank dagegen sehr langsam.</li>\n<li><strong>Der wortlose Gärtner:</strong> Er arbeitet, aber er spricht und urteilt nicht. Ein Urteil über die Figuren musst du selbst begründen. In Kapitel 21 verschwindet er und wird nicht wieder gesehen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Heimat finden und verlieren.</strong> Fast jede Figur sucht am See ein Zuhause und muss es wieder verlassen. Die Schriftstellerin tippt immer wieder den Satz „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“, obwohl sie das Haus nur gepachtet hat.</li>\n<li><strong>Besitz und Unrecht.</strong> Der Architekt kauft 1939 das Grundstück der jüdischen Familie weit unter Wert; nach der Wende fordern die Erben seiner Frau das Haus zurück. Schon der Prolog sagt, dass auch der See vergehen wird. Deutung: Besitz ist in diesem Roman immer vorläufig, und jeder Erwerb hat eine Vorgeschichte.</li>\n<li><strong>Erinnern an die Ermordeten.</strong> Der Roman ist Doris Kaplan gewidmet, einem jüdischen Mädchen, das 1942 mit seiner Mutter ins Warschauer Ghetto deportiert wurde. Das Kapitel „Das Mädchen“ erzählt ihr Schicksal nach Recherchen. Deutung: Die Widmung mit vollem Namen stellt sich gegen das Vergessen.</li>\n<li><strong>Natur gegen Geschichte.</strong> Prolog und Epilog rahmen die Menschengeschichte mit Erdgeschichte. Die Neue Zürcher Zeitung las die Naturbilder als Gleichnisse für die Verletzungen, die Menschen der Natur und einander zufügen.</li>\n<li><strong>Gewalt aus beiden Richtungen.</strong> Die Familie des Rotarmisten wurde von Deutschen ermordet, er selbst tut der Frau Gewalt an. Der Roman erzählt beide Seiten. Wie der Roman Sexualität und Gewalt erzählt, ist umstritten: Die Süddeutsche Zeitung kritisierte Passagen als „pornografischen Kitsch“.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Erschienen 2008. Ausgangspunkt war das Haus der Großeltern am Scharmützelsee und der Verlust nach der Wende.</li>\n<li>Erpenbeck hat für die Kapitel über die jüdische Familie in Archiven recherchiert; reale Spuren und Erfindung gehen ineinander über. Deshalb liest man den Roman auch als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Erinnerungsliteratur<span class=\"wort-erkl\">Literatur, die erzählt, wie eine Gesellschaft sich an ihre Vergangenheit erinnert</span></span>.</li>\n<li>Geschichtlicher Hintergrund in Stichworten: Arisierung jüdischen Besitzes in der NS-Zeit, Holocaust, Flucht und Vertreibung bei Kriegsende, Enteignung in der DDR, Republikflucht, Rückübertragung nach der Wende.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Niedersachsen</span>\n<p>Verbindliche Lektüre im Wahlpflichtmodul 8, auf grundlegendem und erhöhtem Niveau. Auf erhöhtem Niveau kommt Erpenbecks Erzählung „Sibirien“ dazu; sie zählt nicht als Ganzschrift. Zur Wahl stehen vier Aufgaben, unter anderem Interpretation und Erörterung literarischer Texte.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://bildungsportal-niedersachsen.de/allgemeinbildung/zentrale-arbeiten/zentralabitur/zentralabitur/2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hinweise zur schriftlichen Abiturprüfung Deutsch, Zentralabitur 2027</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zum Roman her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Das ganze Jahrhundert nacherzählen sollst du in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Kapitel „Die Schriftstellerin“</span>\n<p>Die Schriftstellerin sitzt an der Schreibmaschine und tippt: „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (Penguin-Taschenbuch S. 112, Reclam S. 107). Der Satz kehrt im Kapitel wieder.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> DDR, die Schriftstellerin ist aus dem sowjetischen Exil zurück und hat das Haus vom Staat gepachtet.<em>Der Auszug stammt aus dem Kapitel „Die Schriftstellerin“, das in der DDR spielt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Die Bindestriche zerlegen den Satz in einzelne Buchstaben.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die Heimkehr wird nicht behauptet, sie wird mühsam getippt, Anschlag für Anschlag.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Titel und Leitmotiv Heimat.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Im Kapitel „Die Schriftstellerin“ tippt die Figur immer wieder denselben Satz: „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (S. 112). Die Bindestriche zerlegen ihn in einzelne Buchstaben. So wird aus einer einfachen Aussage ein mühsamer Vorgang, Anschlag für Anschlag. Das passt zu ihrer Lage: Sie ist aus dem Exil in die DDR zurückgekehrt, doch das Haus am See hat sie nur vom Staat gepachtet, und um das Grundstück streitet sie mit dem Nachbarn. Die Heimkehr, die der Satz behauptet, ist also nicht abgeschlossen; sie muss immer neu geschrieben werden. Damit greift die Stelle den Titel auf: Heimat ist in diesem Roman kein sicherer Besitz, sondern etwas, das man sucht und wieder verlieren kann.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: eine genaue Beobachtung an der Sprache, ein kurzes Zitat mit Seite, die Wirkung, die Einordnung ins Kapitel und am Ende der Bogen zum ganzen Roman. Kurze Zitate aus einem geschützten Roman sind für die Analyse erlaubt; lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag das Kapitel „Die Frau des Architekten“ auf und such die Wendung vom „Loch in ihre Ewigkeit“. Schreib einen Absatz: Was meint „Ewigkeit“ für diese Figur, und was hat das Loch hineingebohrt? Vergleiche kurz mit dem Kapitel „Der Rotarmist“.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>„Ewigkeit“ steht für das Leben, das sie für immer friedlich am See führen wollte: das Haus, die Gäste, die Sommer. Das „Loch“ ist die Nacht bei Kriegsende, als der Offizier sie im Schrank fand. Seitdem ist diese Zeit nicht mehr heil.</p>\n<p>Im Kapitel „Der Rotarmist“ steht dieselbe Nacht aus seiner Sicht, mit seiner eigenen Geschichte von Verlust und Rache. Ein guter Absatz nennt beide Sichten und urteilt nicht vorschnell, sondern zeigt, was der Wechsel der Perspektive bewirkt.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Nenn Kapitel und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Kapitel ‚Die Schriftstellerin‘, S. 112)“. Bau kurze Halbsätze in deine eigenen Sätze ein.</p>\n<!-- land-extra -->\n<h4>Nur in Niedersachsen: wie der Roman aufgenommen wurde</h4>\n<p>Zum Modul gehört die Rezeption: wie die Kritik den Roman gelesen und bewertet hat. Die großen Zeitungen waren sich beim Erscheinen nicht einig.</p>\n<ul>\n<li><strong>Lob:</strong> Roman Bucheli (Neue Zürcher Zeitung) lobt die „enorme poetische Kraft“ und die Zeitsprünge, durch die Geschichte als „geschichtete Zeit“ sichtbar wird. Katharina Granzin (taz) nennt das Buch einen „Jahrhundertroman“. Katharina Döbler (Die Zeit) lobt die genaue Recherche.</li>\n<li><strong>Einwände:</strong> Martin Halter (FAZ) bewundert die Komposition, doch „atmen, wuchern, leben“ könne darin nichts mehr. Kristina Maidt-Zinke (Süddeutsche Zeitung) findet das Buch angestrengt: Die Autorin komme aus ihrem „rigiden Korsett“ kaum heraus. Alexander Cammann (Frankfurter Rundschau) wirft ihm vor, es wolle zu viel; „leiser, privater“ wäre es besser gewesen.</li>\n<li><strong>So nutzt du das:</strong> Nimm ein Urteil und prüf es an einer Stelle im Text, zum Beispiel Halters Einwand an einem Kapitel deiner Wahl. Daraus wird deine eigene, begründete Meinung.</li>\n</ul>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: Rezensionsnotizen bei <a href=\"https://www.perlentaucher.de/buch/jenny-erpenbeck/heimsuchung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">perlentaucher.de</a> zu NZZ (02.02.2008), SZ (09.02.2008), FAZ (23.02.2008), taz (08.03.2008), FR (11.03.2008) und Zeit (29.05.2008).</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Das Jahrhundert nacherzählen.</strong> Den Auszug kurz einordnen, dann an der Sprache arbeiten.</li>\n<li><strong>Die Zeitsprünge übersehen.</strong> Die Kapitelfolge ist nicht die Reihenfolge der Ereignisse.</li>\n<li><strong>Den Gärtner zum Erzähler machen.</strong> Er bleibt wortlos und erklärt nichts.</li>\n<li><strong>Figuren nur in Täter und Opfer sortieren.</strong> Der Architekt profitiert 1939 und muss später selbst fliehen; der Rotarmist ist Opfer und Täter.</li>\n<li><strong>Roman und Familiengeschichte gleichsetzen.</strong> Das Haus hat ein reales Vorbild, die Figuren sind trotzdem erzählt.</li>\n<li><strong>Lange Passagen abschreiben.</strong> Kurze Zitate mit Kapitel und Seite reichen.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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Der Mann verstummte, schrieb der Freundin heimlich Briefe in Kurzschrift, begann zu trinken und starb früh. Der Vater bewundert seine Mutter grenzenlos, doch die Einzelheiten, die er selbst erzählt, lassen auch den Großvater und die Freundin in einem anderen Licht erscheinen. Deshalb fragst du bei diesem Text immer, wer erinnert, was er dabei glättet und was im Schatten bleibt.</p></div>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Hinweise des Kultusministeriums:</strong> nur erhöhtes Niveau. Jenny Erpenbeck, „Sibirien“ (2001), in: „Tand“, S. 91 bis 106. Verbindlicher Unterrichtsaspekt: Konstruktion von Erinnerung in der Gegenwartsliteratur. Die Erzählung zählt nicht als Ganzschrift. Alle in den Hinweisen genannten Texte dürfen in der Prüfung als Hilfsmittel verwendet werden.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:erpenbeck-sibirien -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Sibirien“ ist eine Erzählung aus Erpenbecks Band „Tand“ (2001), nur gut fünfzehn Seiten lang. Für diesen Text bekam sie 2001 beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt den Preis der Jury. Es ist nicht der Roman „Heimsuchung“, sondern ein eigenes Werk.</p>\n<p>Der ganze Text ist fast ausschließlich <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">indirekte Rede<span class=\"wort-erkl\">wiedergegebene Rede im Konjunktiv: „er habe“, „sie sei“; man hört den Sprecher nur durch einen anderen hindurch</span></span>. Immer wieder steht die Formel „sagt mein Vater“. Manchmal bricht der Vater in direkter Rede durch, dann hörst du ihn ohne Filter. Erst ganz am Schluss siehst du die Erzählsituation: Vater und Kind sitzen im Flur und räumen die Sachen der Großmutter aus.</p>\n<p>Die Figuren haben keine Namen, nur Rollen: das Ich, der Vater, seine Mutter (die Großmutter), sein Vater (der Großvater), dessen Freundin. Ob das Ich eine Tochter oder ein Sohn ist, sagt der Text nicht. Weil der Text geschützt ist, zitierst du kurz und mit Seite deiner Ausgabe.</p>\n</div>\n\n<h4>Der Text in seiner Reihenfolge</h4>\n<p>Der Text springt hin und her und erzählt manche Szenen mehrmals, besonders den Hinauswurf. Diese Liste folgt dem Text, nicht der Zeit.</p>\n<ul>\n<li><strong>Der erste Satz:</strong> Die Mutter des Vaters hat ihre Widersacherin an den Haaren aus dem Haus geschleift. Der Vater nennt seine Mutter „großartig“, weil sie Sibirien überlebt hat: Waggon, Kälte, Hunger, Arbeit, Typhus, Gewalt. Zurück kam sie unter dem Namen einer Toten.</li>\n<li><strong>Die Russen:</strong> Nach allem habe sie nie ein schlechtes Wort gegen die Russen gesagt. Die Kinder ihrer Bewacher seien gestorben, sie habe überlebt.</li>\n<li><strong>Die Ankunft:</strong> Kahl geschoren kommt sie auf einem Milchtankwagen über die Brandenburger Alleen. Ihr kleiner Sohn, der heutige Vater, erkennt sie nicht, weil er drei Jahre ohne Mutter war. In der Küche sitzen sein Vater und die Freundin beim Mittagessen.</li>\n<li><strong>Der Hinauswurf, genauer:</strong> Sie packt die Freundin, ohrfeigt sie, beschimpft sie und wirft sie die kleine Treppe hinunter. Der Vater deutet: Ihre Kraft habe der Anstrengung entsprochen, wieder die Frau von früher zu werden.</li>\n<li><strong>Die Freundin:</strong> unscheinbar, schweigsam, sie hat bei Vater und Sohn gewohnt. Die Mutter nennt sie später spöttisch „Deine Schattenmorelle“.</li>\n<li><strong>Fotos und Sibirien:</strong> Auf den Fotos nach der Gefangenschaft wirkt die Mutter durchscheinend. Sibirien nennt sie immer wieder ein schönes Land mit fruchtbarem Boden.</li>\n<li><strong>Essen und Briefe:</strong> Sie kippt das Essen der Freundin in den Abfall und kocht neu. Der Großvater schreibt der Freundin Briefe in Kurzschrift und versteckt sie in einem Mauerschlitz; sie antwortet. Was darin steht, weiß der Vater bis heute nicht.</li>\n<li><strong>Der Traum:</strong> In der letzten Nacht hat der Vater geträumt, sein Vater rudere mit ihm auf einen See, der zum Meer wird. Der Großvater will sprechen, aber der Wind reißt ihm die Worte weg. Am Ende ist das Boot festgefroren.</li>\n<li><strong>Licht und Schatten:</strong> Vom Verstand der Mutter sei ein grelles Licht ausgegangen, das harte Schatten warf. Was in diesen Schatten fiel, sei blind geblieben.</li>\n<li><strong>Der Großvater:</strong> Er hat im Krieg ein Bein verloren und ist nach der Rückkehr seiner Frau fast verstummt. Der Sohn beobachtet ihn im Holzschuppen, wo er Briefe liest und trinkt, immer nur bis zum hellblauen Streifen am Glas.</li>\n<li><strong>Der Spiegel:</strong> Eines Abends fällt der Großvater betrunken in den großen Spiegel im Flur. Mutter und Sohn ziehen ihn die ganze Nacht auf einem Schlitten ins Krankenhaus.</li>\n<li><strong>„Der Krieg ist aus“:</strong> Als der kleine Sohn droht, Glassplitter zu schlucken, sagt der Großvater nur diesen Satz und arbeitet weiter.</li>\n<li><strong>Das Sterben:</strong> Bis zum letzten Atemzug zieht der Großvater seiner Frau die Hand weg. Die Freundin steht in einem bunt bedruckten Kleid auf der anderen Straßenseite und kommt nie näher.</li>\n<li><strong>Der Schluss:</strong> Vater und Ich sitzen im Flur zwischen Kleidern, Fotos und Kartons der Großmutter. Sie hat den Haushalt bis zuletzt geführt wie zu Lebzeiten ihres Mannes. Der letzte Satz: „Ich habe Angst, sagt mein Vater, daß ich die Briefe finde.“</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Das Ich:</strong> das erwachsene Kind des Vaters. Es war nicht dabei, gibt nur weiter und kommentiert nichts.</li>\n<li><strong>Der Vater:</strong> damals ein kleiner Junge, heute der eigentliche Erzähler der Familiengeschichte. Er bewundert seine Mutter und hält seinen Vater und die Freundin für feige.</li>\n<li><strong>Die Großmutter, die Heimkehrerin:</strong> stark, laut, gewaltsam, mit großem Lebenswillen. Was sie selbst fühlt, erfährst du kaum.</li>\n<li><strong>Der Großvater:</strong> kriegsversehrt, schweigsam, lebensmüde. Außer im Traum des Vaters hörst du ihn kaum sprechen; ein Satz von ihm bleibt dem Sohn: „Der Krieg ist aus“.</li>\n<li><strong>Die Freundin des Großvaters:</strong> kommt nie selbst zu Wort, wehrt sich nicht, schreibt aber zurück und wartet am Ende vor dem Haus.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Erinnerung aus zweiter Hand.</strong> Die Formel „sagt mein Vater“ kehrt ständig wieder. Das Ich stellt die Sätze des Vaters aus, ohne sie zu bestätigen. Laut dem Bericht des ORF über die Diskussion in Klagenfurt nannte die Jurorin Birgit Vanderbeke den Text eine Geschichte, die „aus dem Hörensagen erzählt ist und nicht aus dem Archiv“.</li>\n<li><strong>Ein Erzähler, der eindeutig wertet, in einer doppeldeutigen Geschichte.</strong> Der Vater lobt die Mutter und verachtet den Großvater. Doch die Einzelheiten, die er liefert, wecken Mitgefühl mit den Schweigenden: die weggezogene Hand, das Glas mit dem Streifen, die Frau auf der anderen Straßenseite. Deutung: Der Vater ist ein unzuverlässiger Erzähler, ohne zu lügen.</li>\n<li><strong>Licht und Schatten.</strong> Vom Verstand der Mutter sei „ein gleißendes Licht“ ausgegangen, das „harte Schatten“ warf. Deutung: Man kann das Bild gegen den Vater lesen. Was im Schatten liegt, die Freundin, die Briefe, der Großvater, sieht er bis heute nicht.</li>\n<li><strong>Die umgedrehte Heimkehrergeschichte.</strong> Sonst kehrt in Nachkriegsgeschichten der Mann aus der Gefangenschaft heim. Hier kommt die Frau zurück, der Mann war schon da. Der Juror Burkhard Spinnen begründete laut ORF seine Stimme so: Die Erzählung drehe „das bekannte Muster der Kriegsheimkehrergeschichte“ um und entwerfe ein „Gruppenbild beschädigter Menschen“.</li>\n<li><strong>Sprechen und Schweigen.</strong> Die Mutter hat eine große Stimme, der Großvater und die Freundin schweigen; ihre Worte stehen nur in Briefen, die niemand lesen kann. Im Traum reißt der Wind dem Großvater die Worte vom Mund. Deutung: Die Familienerinnerung ist die Erinnerung derer, die laut waren.</li>\n<li><strong>Wahrheit als offene Frage.</strong> Im Traum sagt der Großvater, die Wahrheit sei „aus anderem Stoff als ein Schweinebraten“. Danach stellt sich der Vater die Wahrheit als Wind vor, der ein Boot ohne Ende schaukelt. Der Schluss, die Angst vor den Briefen, ist die Angst vor einer anderen Fassung der Geschichte.</li>\n</ul>\n\n<h4>Der Vergleich mit Heimsuchung</h4>\n<ul>\n<li><strong>Umfang und Zentrum:</strong> „Sibirien“ ist eine kurze Erzählung um eine Ehe und eine Heimkehr. „Heimsuchung“ (2008) ist ein Roman um ein Grundstück am Scharmützelsee und viele Bewohner von Ende des 19. Jahrhunderts bis nach 2000.</li>\n<li><strong>Stimme:</strong> Hier gibt ein einziges Ich die Rede des Vaters weiter. In „Heimsuchung“ wechselt die Perspektive mit jedem Kapitel, dazwischen arbeitet der wortlose Gärtner.</li>\n<li><strong>Zeit:</strong> Beide Texte erzählen nicht chronologisch und kehren zu einzelnen Szenen zurück.</li>\n<li><strong>Erinnerung:</strong> In „Sibirien“ baut sich eine Familie ein Bild ihrer Vergangenheit. In „Heimsuchung“ bleibt der Ort, die Menschen und ihre Geschichten wechseln.</li>\n<li><strong>Gemeinsam:</strong> Beide Texte misstrauen der glatten Chronik. Gewalt steht oft knapp, und vieles bleibt ungesagt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. „Sibirien“ las sie im Sommer 2001 beim Wettbewerb in Klagenfurt und gewann den Preis der Jury; im selben Jahr erschien der Band „Tand“.</li>\n<li>Der Text nennt kein Jahr. Erzählt wird von der Zeit nach Kriegsende, aus einer Gegenwart Jahrzehnte später.</li>\n<li>Geschichtlicher Hintergrund in Stichworten: deutsche Frauen und Männer in sowjetischer Gefangenschaft und Zwangsarbeit, Heimkehrer, Kriegsversehrte, das Schweigen in den Familien nach dem Krieg.</li>\n<li>Der Text gehört zur Gegenwartsliteratur, die nicht einfach erzählt, wie es war, sondern wie eine spätere Generation sich daran erinnert.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Niedersachsen</span>\n<p>Nur auf erhöhtem Niveau: „Sibirien“ ist dort die vertiefende verbindliche Lektüre im Wahlpflichtmodul 8 „Neue und neueste Tendenzen der Erzählliteratur“ (Rahmenthema „Literatur und Sprache von 1945 bis zur Gegenwart“), neben Erpenbecks Roman „Heimsuchung“. Die Hinweise nennen die Erzählung so: „Sibirien (2001), in: Jenny Erpenbeck: Tand. Berlin 2001, S. 91-106“. Verbindlicher Unterrichtsaspekt: „Konstruktion von Erinnerung in der Gegenwartsliteratur“.</p>\n<p>Die Erzählung zählt nicht als Ganzschrift. Dir liegen vier Aufgaben zur Auswahl vor. Möglich sind Interpretation literarischer Texte, Erörterung literarischer Texte, Analyse pragmatischer Texte und materialgestütztes Verfassen argumentierender Texte; eine Aufgabe bezieht sich auf politisch-gesellschaftliche Sprache. Die Aufgaben beruhen in der Regel nicht auf Auszügen aus den Pflichtlektüren. Alle in den Hinweisen genannten Texte darfst du im Sinne der Hilfsmittelregelung in der Prüfung verwenden.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://bildungsportal-niedersachsen.de/allgemeinbildung/zentrale-arbeiten/zentralabitur/zentralabitur/2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Niedersächsisches Kultusministerium, Deutsch: Hinweise zur schriftlichen Abiturprüfung 2027, S. 1 und 2</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie den vorliegenden Erzähltext mit Blick darauf, wie die Erinnerung an ein vergangenes Ereignis dargestellt wird. 2. Vergleichen Sie die Konstruktion von Erinnerung in diesem Text mit der in Jenny Erpenbecks Erzählung „Sibirien“.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zur Erzählung her, zum Beispiel zur Frage, wie dort Erinnerung gebaut wird. Nacherzählen sollst du „Sibirien“ in keinem Fall, und „Heimsuchung“ ziehst du nur heran, wenn die Aufgabe den Vergleich verlangt.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Schluss</span>\n<p>Vater und Ich sitzen im Flur zwischen den Sachen der Großmutter. Der letzte Satz der Erzählung lautet: „Ich habe Angst, sagt mein Vater, daß ich die Briefe finde.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Schluss, Erzählgegenwart. Erst hier siehst du, wo und wann erzählt wird.<em>Der Auszug stammt aus dem Schluss, in dem Vater und Kind den Nachlass der Großmutter ausräumen.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Die Formel „sagt mein Vater“ steht mitten im Satz, aber der Vater spricht in der Ich-Form. Zum ersten Mal sagt er etwas über sich selbst.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Der Erzähler, der bisher alles sicher bewertet hat, gibt seine Angst zu.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Die Briefe sind die andere Fassung der Geschichte, die des Großvaters und der Freundin.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Erst am Schluss wird die Erzählsituation sichtbar: Vater und Ich sitzen im Flur zwischen den Sachen der Großmutter. Der letzte Satz bricht mit dem bisherigen Muster. Zwar steht auch hier die Formel „sagt mein Vater“, doch der Vater spricht in direkter Rede und zum ersten Mal über sich selbst: „Ich habe Angst“. Bis dahin hat er sicher geurteilt, die Mutter gelobt und den Großvater und die Freundin feige genannt. Jetzt fürchtet er, die Briefe zu finden, die er schon als Kind nicht lesen konnte. Damit gibt er indirekt zu, dass es eine andere Fassung der Geschichte geben könnte, die des Großvaters und der Freundin, und dass sie sein Bild der Mutter erschüttern würde. Die Erzählung endet also nicht mit einer Wahrheit, sondern mit der Angst vor ihr. So zeigt der Schluss, worum es im ganzen Text geht: Erinnerung ist hier keine Abschrift der Vergangenheit, sondern ein Bild, das eine Familie sich baut und gegen Störungen schützt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er beobachtet genau, wer spricht, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, verbindet die Stelle mit dem ganzen Text und bleibt bei dem, was der Text zeigt. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent. Kurze Zitate aus einem geschützten Text sind für die Analyse erlaubt, lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag die Stelle auf, an der es heißt, vom Verstand der Mutter sei „ein gleißendes Licht“ ausgegangen, das „harte Schatten“ warf. Schreib einen Absatz: Was will der Vater mit dem Bild über seine Mutter sagen, und was verrät es gegen seinen Willen?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Vater meint das Bild als Lob. Seine Mutter habe klar gesehen, was recht und unrecht war, und musste darüber nicht lange nachdenken. Ihr Verstand leuchtet alles scharf aus.</p>\n<p>Gegen seinen Willen sagt das Bild aber auch: Wo starkes Licht ist, entstehen harte Schatten, und was dort liegt, bleibt „blind“. Im Schatten liegen die Freundin, die Briefe und der schweigende Großvater. Ein guter Absatz zeigt, dass der Vater selbst in diesem Licht steht und deshalb die anderen nicht sieht. So wird an einem Bild die Konstruktion der Erinnerung sichtbar.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Der Wortlaut der kurzen Zitate auf diesem Lernzettel ist an der Klagenfurter Lesefassung von 2001 geprüft (Archiv des ORF). Die Buchfassung in „Tand“ kann in Kleinigkeiten abweichen; prüf jedes Zitat in deiner Ausgabe und nenn die Seite, zum Beispiel „(Sibirien, S. …)“. Zitier nur kurze Wendungen.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Ein Jahr erfinden.</strong> Der Text nennt kein Jahr. Schreib „nach Kriegsende“.</li>\n<li><strong>Das Ich festlegen.</strong> Ob Enkelin oder Enkel, sagt der Text nicht. Schreib „das Ich“.</li>\n<li><strong>Die Wertungen des Vaters übernehmen.</strong> „Großartig“ und „feige“ sind seine Urteile, nicht die des Textes.</li>\n<li><strong>Den Text als Bericht über die Gefangenschaft lesen.</strong> Sibirien steht nur in einer knappen Aufzählung und in den Sätzen der Mutter. Es geht darum, wie die Familie erinnert.</li>\n<li><strong>Die Rahmensituation übersehen.</strong> Erst der Schluss zeigt, wo und warum erzählt wird.</li>\n<li><strong>„Heimsuchung“ nacherzählen.</strong> Anderes Werk; ein Vergleich nur, wenn die Aufgabe ihn verlangt.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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