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  "category": "Abitur 2027",
  "productId": "sachsen_deutsch",
  "version": "2027.1",
  "lastUpdated": "2026-10-02",
  "cardCount": 10,
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    {
      "id": "sn-de-lastminute-2027",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Vorbereitung in letzter Minute (2027)",
      "short": "Die letzten Tage vor der Deutschklausur: was in deinem Land drankommt, welche Lernzettel du jetzt öffnest und was du am Ende prüfst.",
      "cardType": "strategy",
      "content": "<!-- core-card:de-lastminute-2027 -->\n<p class=\"ks-kopf\"><span class=\"ks-typ\">Prüfung</span><span>Abitur</span></p>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>Dieser Lernzettel ist für die letzten Tage vor der schriftlichen Deutschprüfung. Oben steht, was in deinem Land amtlich gilt: Arbeitszeit, Auswahl, Hilfsmittel und Aufgabenarten. Darunter findest du die Lernzettel zu deinen Schwerpunkten, die du jetzt noch einmal öffnen solltest. Zum Schluss steht, was du in den letzten Minuten der Klausur prüfst. Uhrzeit und Raum erfährst du von deiner Schule.</p></div>\n<!-- land -->\n<div class=\"ks-land\"><span class=\"ks-label\">Was in der Prüfung drankommt</span><details class=\"ks-wortlaut\"><summary>Amtlicher Wortlaut anzeigen</summary><p>Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine; bei mehrteiligen Aufgaben steht die Gewichtung in Prozent dabei. Leistungskurs 315, Grundkurs 255 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit. Hilfsmittel: Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung und für bestimmte Aufgaben die Textausgaben der Ganzschriften.</p></details><p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3 und 5</a></p></div>\n<!-- /land -->\n<h4>Deine Schwerpunkte</h4>\n<!-- land-extra -->\n<p>Öffne jetzt noch einmal diese Lernzettel:</p>\n<ul>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-hein-landnahme\">Hein: Landnahme (LK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-schiller-maria-stuart\">Schiller: Maria Stuart (LK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-buechner-woyzeck\">Büchner: Woyzeck (LK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-erpenbeck-heimsuchung\">Erpenbeck: Heimsuchung (GK + LK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-kafka-strafkolonie\">Kafka: In der Strafkolonie (LK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-medea\">Medea-Stoff: Euripides und Wolf (LK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-hein-garten\">Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten (GK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-hoffmann-sandmann\">Hoffmann: Der Sandmann (GK)</a></li>\n<li><a href=\"?category=Abitur+2027&card=sn-de-abitur-rache-motiv\">Rache-Motiv: Euripides und Dürrenmatt (GK)</a></li>\n</ul>\n\n<!-- /land-extra -->\n\n<h4>Was du noch klären solltest</h4>\n<ul>\n<li><!-- pruefungstag --><strong>Prüfungstag:</strong> Dienstag, 27. April 2027. Uhrzeit und Raum erfährst du von deiner Schule. <a href=\"https://www.schule.sachsen.de/gymnasium-4701.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Amtliche Terminliste</a><!-- /pruefungstag --></li>\n<li><strong>Welche Textausgabe zugelassen ist:</strong> Wenn Lektüren als Hilfsmittel erlaubt sind, ist oft genau festgelegt, welche Ausgabe und ob Notizen darin stehen dürfen. Frag deine Lehrkraft, bevor du dein Exemplar einpackst.</li>\n<li><strong>Wörterbuch:</strong> Frag deine Lehrkraft, ob du ein eigenes Rechtschreibwörterbuch mitbringst oder die Schule eines stellt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wofür es Punkte gibt</h4>\n<p>In Abituraufgaben zu Texten zählt die Verstehensleistung etwa 70 %, die Darstellungsleistung etwa 30 %; bei materialgestützten Aufgaben etwa 60 zu 40. Zur Darstellung gehören Aufbau, Fachsprache, Zitieren und Belegen, Ausdruck und Stil sowie Rechtschreibung und Grammatik. Gerade diese Punkte kannst du in den letzten Minuten noch sichern.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">IQB, Abituraufgaben Deutsch, Bewertungshinweise (Interpretation gA 2024; Materialgestütztes Verfassen eA 2024).</p>\n\n<figure class=\"ks-abb\">\n<p class=\"ks-abb-kopf\">So wird gewertet <span>· Zwei Balken zeigen, wie viel Verstehen und wie viel Darstellung zählen. Du siehst, wo sich die letzten Minuten lohnen.</span></p>\n<svg viewBox=\"0 0 360 136\" role=\"img\" aria-labelledby=\"lm-t lm-d\" fill=\"currentColor\">\n<title id=\"lm-t\">So werden Textaufgaben gewertet</title>\n<desc id=\"lm-d\">Zwei Balken: Bei Abituraufgaben zu Texten zählt die Verstehensleistung etwa 70 Prozent und die Darstellungsleistung etwa 30 Prozent, bei materialgestützten Aufgaben etwa 60 zu 40.</desc>\n<text x=\"6\" y=\"14\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Aufgaben zu Texten</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"20\" width=\"243.6\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"127.8\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Verstehen</text>\n<text x=\"127.8\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 70 %</text>\n<rect x=\"249.6\" y=\"20\" width=\"104.4\" height=\"36\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#16a34a\"/>\n<text x=\"301.8\" y=\"36\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Darstellung</text>\n<text x=\"301.8\" y=\"50\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 30 %</text>\n<text x=\"6\" y=\"76\" font-size=\"10.5\" text-anchor=\"start\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\" opacity=\"0.75\">Materialgestützte Aufgaben</text>\n<rect x=\"6.0\" y=\"82\" width=\"208.8\" height=\"36\" fill=\"#2563eb\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#2563eb\"/>\n<text x=\"110.4\" y=\"98\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Verstehen</text>\n<text x=\"110.4\" y=\"112\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 60 %</text>\n<rect x=\"214.8\" y=\"82\" width=\"139.2\" height=\"36\" fill=\"#16a34a\" fill-opacity=\"0.18\" stroke=\"#16a34a\"/>\n<text x=\"284.4\" y=\"98\" font-size=\"10.5\" font-weight=\"700\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">Darstellung</text>\n<text x=\"284.4\" y=\"112\" font-size=\"9.5\" text-anchor=\"middle\" font-family=\"system-ui,sans-serif\" fill=\"currentColor\">ca. 40 %</text>\n</svg>\n<figcaption><strong>Eigene Grafik.</strong> Die Gewichtung aus diesem Lernzettel als Balken.</figcaption>\n</figure>\n\n<h4>Die letzten zehn Minuten in der Klausur</h4>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Operator.</strong> Lies die Aufgabe noch einmal: Hast du wirklich interpretiert, erörtert, verglichen, und alle Teilaufgaben bearbeitet?</li>\n<li><strong>Zitate.</strong> Wörtlich, in Anführungszeichen, mit Zeile oder Vers.</li>\n<li><strong>Tempus und Modus.</strong> Präsens für deine Aussagen über den Text, Konjunktiv für fremde Thesen.</li>\n<li><strong>Bezüge.</strong> Heißt es „der Erzähler“ und „das lyrische Ich“, nicht „der Autor sagt“?</li>\n<li><strong>Rechtschreibung.</strong> Namen und Titel aus der Vorlage abgleichen, Kommas vor „dass“ und bei Einschüben.</li>\n</ol>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du · eine echte Aufgabenstellung lesen</span>\n<p><em>1. Stellen Sie den Gedankengang des Textes von Andreas Frey dar und erläutern Sie die Intention des Textes.</em> (ca. 40 %)<br><em>2. Erörtern Sie ausgehend vom vorliegenden Text die Position des Autors.</em> (ca. 60 %)</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Abituraufgabe des IQB, Erörterung pragmatischer Texte, erhöhtes Niveau (Aufgabe 2024).</p>\n<p>Beantworte in einer Minute: Welche Operatoren stecken darin? Welcher Teil bekommt mehr Zeit? Worauf muss sich die Erörterung beziehen?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Drei Operatoren: darstellen, erläutern (Teil 1) und erörtern (Teil 2). Teil 2 wiegt mit ca. 60 % schwerer und bekommt deshalb mehr Schreibzeit. Die Erörterung geht „ausgehend vom vorliegenden Text“ von der Position des Autors aus, nicht vom Thema allgemein.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<h4>Typische Fehler kurz vorher</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Neuen Stoff anfangen.</strong> In den letzten Tagen wiederholst du, was du kannst, statt ein neues Werk zu lesen.</li>\n<li><strong>Die Auswahl verschleppen.</strong> Entscheide dich in der Auswahlzeit und bleib dann bei deiner Aufgabe.</li>\n<li><strong>Ohne Konzept losschreiben.</strong> Ein Plan mit Hypothese und Gliederung spart später Zeit.</li>\n<li><strong>Keine Zeit für die Kontrolle.</strong> In den letzten Minuten lassen sich Fehler in der Darstellung noch beheben.</li>\n<li><strong>Falsche Ausgabe mitbringen.</strong> Wenn eine Lektüre erlaubt ist, gilt oft nur eine bestimmte Ausgabe ohne Notizen.</li>\n</ul>\n<nav class=\"ks-weiter\" aria-label=\"Weiter lernen\">\n<p><span class=\"ks-label\">Weiter mit</span><a class=\"ks-chip ks-weiter-haupt\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=sn-de-ausdruck-fehler\">Typische Ausdrucksfehler vermeiden</a></p>\n<p><span class=\"ks-label\">Verwandt</span><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=sn-de-methoden-zitieren\">Richtig zitieren</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Methoden&card=sn-de-methoden-einleitungssatz\">Einleitungssatz schreiben (TATT-Formel)</a><a class=\"ks-chip\" href=\"?category=Ausdruck+%26+Sprache&card=sn-de-ausdruck-ueberleitung\">Überleitungen schreiben</a></p>\n</nav>\n<!-- /core-card:de-lastminute-2027 -->"
    },
    {
      "id": "sn-de-abitur-hein-landnahme",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Hein: Landnahme (LK)",
      "short": "Landnahme von Christoph Hein: Zusammenfassung, Bernhard Haber, fünf Erzähler, Guldenberg. Lernzettel fürs Abitur.",
      "cardType": "theme",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Christoph Hein: <em>Landnahme</em> (2004)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Heins „Landnahme“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Der Roman (2004) erzählt, wie Bernhard Haber 1950 als Zehnjähriger mit seinen Eltern aus Breslau in die sächsische Kleinstadt Guldenberg kommt und dort fast fünfzig Jahre später zu den einflussreichsten Bürgern gehört. Dazwischen liegen Ablehnung und Gewalt: Sein Hund wird getötet, die Tischlerei des Vaters brennt, der Vater wird erhängt aufgefunden, und erst spät stellt sich heraus, dass er ermordet wurde. Bernhard selbst erzählt kein einziges Kapitel. Fünf Menschen aus Guldenberg erzählen nacheinander von ihm, und jede Stimme hat ein eigenes Interesse. Deshalb fragst du bei jeder Stelle zuerst, wer spricht.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „Landnahme“ im Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff. 1950 kommt Bernhard Haber mit zehn Jahren aus Breslau nach Guldenberg; fünf andere erzählen sein Leben, er selbst erzählt kein Kapitel.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Christoph Hein, <em>Landnahme</em>. Leistungskurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:hein-landnahme -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Landnahme“ ist ein Roman der Gegenwartsliteratur. Er spielt von 1950 bis in die Jahre nach der Wende, fast immer in Guldenberg, einer erfundenen Kleinstadt. Hein hat dort schon seinen Roman „Horns Ende“ (1985) spielen lassen.</p>\n<p>Erzählt wird von fünf <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Ich-Erzählern<span class=\"wort-erkl\">Figuren, die in der Ich-Form von dem erzählen, was sie selbst erlebt haben</span></span>, einer nach dem anderen. Alle erinnern sich im Rückblick. Über Bernhard erfährst du also nur, was andere über ihn sagen. Er ist die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Leerstelle<span class=\"wort-erkl\">etwas Wichtiges, das der Text nicht sagt; du musst es selbst erschließen und begründen</span></span> des Romans.</p>\n<p>Die Habers gehören zu den Deutschen, die nach dem Krieg aus Schlesien vertrieben wurden. In der DDR durfte man das nicht so nennen. Offiziell hieß es <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Umsiedlung<span class=\"wort-erkl\">Wort der DDR für die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten; die Vertriebenen hießen dort „Umsiedler“</span></span>. Der Titel greift ein altes Wort auf: Eine Landnahme ist die Besiedlung eines Landes durch Menschen, die neu dazukommen.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung nach den fünf Stimmen</h4>\n<p>Der Roman beginnt und endet beim Straßenkarneval in Guldenberg. Bernhard steht dort als angesehener Bürger auf der Treppe des Rathauses. Dazwischen erzählen fünf Stimmen, ungefähr in der Reihenfolge der Zeit.</p>\n<ol>\n<li><strong>Thomas Nicolas, der Schulkamerad:</strong> Er erzählt die Ankunft und die Schulzeit. Die Stadt will die Vertriebenen und Ausgebombten so schnell wie möglich wieder loswerden. Der Vater ist Tischler, hat aber nur noch einen Arm, und bei dem Fremden bestellt niemand Möbel. Bernhard wehrt sich gegen jeden Angriff. Sein Hund wird mit einer Drahtschlinge erwürgt, die Werkstatt des Vaters brennt ab.</li>\n<li><strong>Marion Demutz, die erste Freundin:</strong> Sie erzählt von ihrer Beziehung zu Bernhard. Er macht bei einer Gruppe mit, die die Bauern unter Druck setzt, in die Genossenschaft einzutreten. Später sagt er, es sei ihm um Rache gegangen, nicht um Politik.</li>\n<li><strong>Peter Koller, noch ein Schulkamerad:</strong> Sein Teil ist der mittlere und längste. Er erzählt von Bernhards Geschäften nach der Schule. Bernhard verdient einige Jahre lang viel Geld als Fluchthelfer nach West-Berlin. Koller steigt mit ein, wird erwischt und sitzt fünfeinhalb Jahre im Gefängnis. Bernhard hat Glück.</li>\n<li><strong>Katharina Hollenbach, die Schwägerin:</strong> Sie ist die Schwester von Friederike, die Bernhard heiratet. Sie verführt Bernhard, um ihn später erpressen zu können. Bernhard bleibt bei Friederike.</li>\n<li><strong>Sigurd Kitzerow, der Geschäftspartner:</strong> Der Sägewerksbesitzer bringt Bernhard in den <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Kegelklub<span class=\"wort-erkl\">im Roman ein heimlicher Verband der Selbstständigen von Guldenberg, eine Art Wirtschaftskartell</span></span>. Bernhard steigt auf, vor und nach 1989. Sigurd erfährt schließlich, dass Bernhards Vater ermordet wurde, und sagt es ihm.</li>\n</ol>\n<p>Der Vater wird schon Jahre vorher erhängt aufgefunden. Es heißt, er habe sich selbst getötet. Bernhard glaubt keine Sekunde daran.</p>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Bernhard Haber:</strong> stur, verschlossen, wehrt sich. Vom verachteten Umsiedlerkind wird er zum Unternehmer und einflussreichen Bürger.</li>\n<li><strong>Der Vater:</strong> einarmiger Tischler aus Breslau, angefeindet, am Ende ermordet.</li>\n<li><strong>Die fünf Erzähler:</strong> zwei Schulkameraden (Thomas, Peter), die erste Freundin (Marion), die Schwägerin (Katharina), der Geschäftspartner (Sigurd). Jeder kennt Bernhard aus einer anderen Lebensphase.</li>\n<li><strong>Friederike:</strong> Bernhards Frau, Katharinas Schwester.</li>\n<li><strong>Die Stadt:</strong> Guldenberg mit Kegelklub und Karnevalsverein. Wer Einfluss hat, sitzt dort.</li>\n</ul>\n\n<h4>Woran du die Erzählweise erkennst</h4>\n<ul>\n<li><strong>Fünf Stimmen, kein Haber:</strong> Der Roman ist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">multiperspektivisch<span class=\"wort-erkl\">aus mehreren Sichten erzählt, die sich ergänzen oder widersprechen</span></span>. Jede Stimme hat ihre eigene Sprache und ihren eigenen Lebensentwurf.</li>\n<li><strong>Rückblick mit Interesse:</strong> Die Erzähler wissen heute mehr als damals, und sie haben Gründe, manches zu beschönigen. Prüfe, was sie weglassen.</li>\n<li><strong>Rahmen:</strong> Der Karneval am Anfang und am Schluss klammert die fünfzig Jahre ein.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Fremd im eigenen Land.</strong> Die Habers sind Deutsche, werden aber wie Fremde behandelt. Einer der Erzähler sagt: „Irgendwie kamen sie aus einem Deutschland, das nicht unser Deutschland war.“ Das Wort „irgendwie“ verrät, dass er keinen Grund nennen kann.</li>\n<li><strong>Die Stadt als Täter.</strong> Nach dem Brand sagt der Vater zum Polizisten: „Wenn Sie den Täter haben wollen, schreiben Sie Guldenberg hin.“ Gewalt kommt hier nicht von einem Einzelnen, sondern aus der Gemeinschaft. Dass der Vater ermordet wurde, kommt erst viel später heraus.</li>\n<li><strong>Opfer und Täter.</strong> Bernhard wird gedemütigt und setzt später selbst die Bauern unter Druck. Die Wochenzeitung Freitag überschrieb ihre Rezension: „Das Opfer, das zum Täter wird“. Ina Hartwig (Frankfurter Rundschau) las den Roman dagegen als „die Geschichte eines Racheverzichts“. Deutung: Beide Lesarten lassen sich am Text belegen; eine gute Erörterung wägt sie ab.</li>\n<li><strong>Anpassung als Überlebensform.</strong> Bernhard nutzt jedes System, das ihm nützt: die Kampagne für die Genossenschaft, die Fluchthilfe, den Kegelklub, nach 1989 den freien Markt. Hubert Spiegel (FAZ) nannte ihn einen „mürrischen Agenten der Anpassung“.</li>\n<li><strong>Die Geschichte wiederholt sich.</strong> Im Schlussbild prügelt sich Bernhards Sohn mit Ausländern, weil Karneval ein deutsches Fest sei. Bernhard antwortet: „Dein Großvater war auch ein Vertriebener.“ Deutung: Der Satz verbindet die Fremdenfeindlichkeit von 1950 mit der Gegenwart nach der Wende.</li>\n<li><strong>Wer nimmt hier Land?</strong> Der Titel lässt mehrere Antworten zu: der Umsiedler, der sich seinen Platz erkämpft, oder nach 1989 die Sieger der Einheit. Deutung: Den Karnevalsrahmen kann man als Parodie auf die Wiedervereinigung lesen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Erschienen 2004 bei Suhrkamp. Christoph Hein wurde 1944 in Heinzendorf in Schlesien geboren und wuchs nach Kriegsende in Bad Düben bei Leipzig auf.</li>\n<li>Der Roman greift ein Thema auf, über das in der DDR kaum offen gesprochen wurde: die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien und die Ablehnung, die viele von ihnen danach erlebten.</li>\n<li>Geschichtlicher Hintergrund in Stichworten: Ankunft der Umsiedler um 1950, Kollektivierung der Landwirtschaft, Republikflucht und Fluchthilfe bis zum Mauerbau, DDR-Alltag, Wende und Wiedervereinigung.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>Nur im Leistungskurs: „Landnahme“ gehört zum möglichen Prüfungsstoff, neben weiteren Ganzschriften. Im Grundkurs steht von Hein stattdessen „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ auf der Liste.</p>\n<p>Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine. Möglich sind Interpretation und Erörterung literarischer Texte, Analyse und Erörterung pragmatischer Texte und materialgestütztes Schreiben, auch als Mischform. Bei mehrteiligen Aufgaben stehen die Gewichte der Teilaufgaben als Prozentangaben dabei.</p>\n<p>Zu einem Roman wie diesem gibt es zwei Wege: Du interpretierst einen unbekannten Text und vergleichst ihn mit dem Roman oder beziehst dich auf ihn. Oder du erörterst den Roman; die These ist dann vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext. In beiden Fällen steht dir die Ganzschrift zur Verfügung.</p>\n<p>Zeit im Leistungskurs: 315 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit. Hilfsmittel: ein Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung und für bestimmte Aufgaben die Textausgabe. Unzulässige Eintragungen darf die Ausgabe nicht enthalten, und Zusatzmaterial, das in der Ausgabe steht, darfst du nicht benutzen. Bewertet wird in einer Gesamtwürdigung mit einem Gutachten nach Kriterien.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Bernhard Haber ist ein Opfer, das zum Täter wird.“ Erörtern Sie diese Aussage mit Blick auf Christoph Heins Roman „Landnahme“. Beziehen Sie mindestens zwei Erzählerstimmen ein.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt ein Roman wie dieser meist so vor: Du interpretierst einen Auszug oder einen unbekannten Text und stellst einen Bezug zum Roman her, oder du erörterst eine These über den ganzen Roman. Bernhards Leben nacherzählen sollst du in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Teil von Thomas Nicolas, nach dem Brand der Tischlerei</span>\n<p>Der Vater zum Polizisten: „Wenn Sie den Täter haben wollen, schreiben Sie Guldenberg hin.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> frühe 1950er-Jahre, die Werkstatt des Vaters ist abgebrannt.<em>Der Satz steht im ersten Teil, den der Schulkamerad Thomas Nicolas erzählt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Statt eines Namens nennt der Vater eine ganze Stadt.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die Schuld wird von einem Einzelnen auf die Gemeinschaft verschoben, die Polizei soll das amtlich aufschreiben.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Der Erzähler ist selbst Guldenberger, und der Mord am Vater kommt erst spät heraus.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Nach dem Brand der Tischlerei antwortet der alte Haber dem Polizisten: „Wenn Sie den Täter haben wollen, schreiben Sie Guldenberg hin.“ Er nennt keinen Verdächtigen, sondern den Namen der Stadt. Damit macht er aus einem einzelnen Anschlag ein Urteil über die ganze Gemeinschaft, die seine Familie seit der Ankunft ablehnt. Die Aufforderung „schreiben Sie … hin“ zielt zugleich auf die Behörde: Ein Täter, den man aufschreiben müsste, wird nie aufgeschrieben. Wichtig ist, wer den Satz überliefert. Thomas Nicolas ist selbst Guldenberger und erzählt im Rückblick. Man könnte die Anklage als Übertreibung eines Verbitterten lesen. Im Licht des späteren Mordes am Vater bekommt sie jedoch recht: Die Gewalt kam aus der Stadt, und sie blieb lange ungesühnt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er zitiert kurz und genau, beobachtet ein Wort („Guldenberg“ statt eines Namens), sagt, was es bewirkt, prüft die Erzählerstimme und lässt eine zweite Lesart zu. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation: textnah, funktional, Zitate in eigene Sätze eingebaut, auch alternative Lesarten. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent. Kurze Zitate aus einem geschützten Roman sind für die Analyse erlaubt, lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag den Schluss auf, das Bild beim Straßenkarneval, und such Bernhards Satz an seinen Sohn: „Dein Großvater war auch ein Vertriebener.“ Schreib einen Absatz: Warum steht dieser Satz am Ende, und wie verbindet er den Schluss mit der Ankunft von 1950?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Sohn hat sich mit Ausländern geprügelt, weil Karneval ein deutsches Fest sei. Bernhard erinnert ihn daran, dass die eigene Familie selbst als Fremde nach Guldenberg kam. Der Satz holt die Ablehnung von 1950 in die Gegenwart zurück: Was Bernhard erlitten hat, tut jetzt sein Sohn anderen an.</p>\n<p>Ein guter Absatz sagt außerdem, wo der Satz steht: im Karnevalsrahmen, in dem Bernhard als angesehener Bürger auf der Rathaustreppe steht. Der Aufstieg ist geschafft, die Fremdenfeindlichkeit ist geblieben. Man kann den Satz als Mahnung lesen oder als hilflose Geste eines Mannes, der sich selbst längst angepasst hat. Beides lässt sich begründen.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Nenn immer, wer spricht, und die Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Teil von Thomas Nicolas, S. …)“. Wir zitieren kurze Stellen nach Rezensionen, die den Roman wörtlich anführen; prüf jede Stelle in deiner Ausgabe (Suhrkamp, auch als suhrkamp taschenbuch 3729). Bau Halbsätze in deine eigenen Sätze ein.</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Haber zum Erzähler machen.</strong> Er erzählt kein einziges Kapitel. Die Ich-Erzähler sind Thomas, Marion, Peter, Katharina und Sigurd.</li>\n<li><strong>Das falsche Jahr nennen.</strong> Die Familie kommt 1950 nach Guldenberg, nicht direkt nach Kriegsende.</li>\n<li><strong>Den Erzählern alles glauben.</strong> Jede Stimme erzählt im Rückblick und mit eigenem Interesse. Prüfe, was sie beschönigt.</li>\n<li><strong>Bernhards Leben nacherzählen.</strong> Ordne den Auszug über die Stimme ein, dann arbeite an der Sprache.</li>\n<li><strong>Bernhard nur als Opfer oder nur als Täter sehen.</strong> Der Roman zeigt beides.</li>\n<li><strong>DDR-Geschichte abladen.</strong> Kollektivierung, Mauerbau und Wende gehören nur in den Aufsatz, wenn du sie an einer Stelle festmachst.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
    },
    {
      "id": "sn-de-abitur-schiller-maria-stuart",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Schiller: Maria Stuart (LK)",
      "short": "Maria Stuart: Zusammenfassung nach Aufzügen, Maria, Elisabeth, Leicester, Deutung. Lernzettel fürs Abitur.",
      "cardType": "theme",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Friedrich Schiller: <em>Maria Stuart</em> (1800)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Schillers „Maria Stuart“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Das Trauerspiel (1800) zeigt die letzten Tage der schottischen Königin, die in England gefangen sitzt und von einem englischen Gericht zum Tod verurteilt ist. Elisabeth, Königin von England, will Marias Tod, aber nicht die Verantwortung dafür. Im dritten Aufzug treffen sich die beiden Königinnen in einem Park. Diese Begegnung hat Schiller erfunden: Maria verliert die Beherrschung und nennt Elisabeth vor deren Gefolge einen „Bastard“. Danach unterschreibt Elisabeth das Urteil, Maria geht gefasst in den Tod, und Elisabeth schiebt die Schuld anderen zu und bleibt allein zurück.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „Maria Stuart“ im Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff. Maria sitzt in Haft, und Elisabeth soll entscheiden; die Begegnung der Königinnen ist Schillers Erfindung.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Friedrich Schiller, <em>Maria Stuart</em>. Leistungskurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:schiller-maria-stuart -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Trauerspiel<span class=\"wort-erkl\">älteres Wort für Tragödie</span></span> in fünf Aufzügen. Schiller sagt Aufzug statt Akt und Auftritt statt Szene. Ein neuer Auftritt beginnt, wenn eine Figur kommt oder geht. Du zitierst deshalb mit Aufzug und Auftritt, zum Beispiel III,4.</p>\n<p>Das Stück ist in <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Blankversen<span class=\"wort-erkl\">Verse ohne Reim mit fünf betonten Silben</span></span> geschrieben. Wo Schiller davon abweicht, lohnt sich ein Blick: Im Park spricht Maria in gereimten, schnellen Versen (III,1).</p>\n<p>Der Bau ist streng. Die Orte wechseln zwischen Marias Gefängnis in Fotheringhay und Elisabeths Palast in Westminster, in der Mitte treffen sich die Königinnen. Ein Drama mit so klarem Aufbau heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">geschlossene Form<span class=\"wort-erkl\">fünf Aufzüge, wenige Orte, ein Handlungsstrang, ein Höhepunkt in der Mitte</span></span>.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in fünf Aufzügen</h4>\n<ul>\n<li><strong>I. Aufzug, Fotheringhay:</strong> Paulet, Marias strenger Hüter, durchsucht ihren Schrank (I,1). Maria gesteht ihrer Amme Hanna Kennedy, dass sie vom Mord an ihrem Mann Darnley wusste (I,4). Mortimer, Paulets Neffe, gibt sich als heimlicher Katholik und Retter zu erkennen; Maria gibt ihm einen Brief mit ihrem Bildnis für Leicester mit (I,6). Burleigh verkündet das Urteil der 42 Richter, Maria bestreitet, dass sie über sie richten dürfen (I,7). Burleigh deutet Paulet an, Maria heimlich sterben zu lassen; Paulet lehnt ab (I,8).</li>\n<li><strong>II. Aufzug, Westminster:</strong> Elisabeth gibt dem französischen Botschafter Bellievre einen Ring für die geplante Heirat mit dem Duc von Anjou (II,2). Im Staatsrat fordert Burleigh Marias Tod, Shrewsbury rät zur Gnade, Leicester will das Urteil bestehen lassen, aber nicht vollstrecken (II,3). Elisabeth deutet Mortimer an, er solle Maria heimlich töten; er sagt zum Schein zu (II,5 und 6). Leicester erfährt von Mortimer, dass Maria auf ihn hofft, und überredet Elisabeth, wie zufällig bei einer Jagd an Fotheringhay vorbeizukommen (II,8 und 9).</li>\n<li><strong>III. Aufzug, im Park:</strong> Maria genießt zum ersten Mal freie Luft (III,1). Elisabeth kommt, Maria kniet nieder und bittet, Elisabeth demütigt sie, Maria schlägt zurück (III,4). Mortimer bedrängt Maria und will sie mit Gewalt befreien (III,6). Dann kommt die Nachricht: Ein Mönch hat auf dem Weg nach London einen Mordanschlag auf Elisabeth versucht, Shrewsbury hat ihn entwaffnet (III,7 und 8).</li>\n<li><strong>IV. Aufzug, Westminster:</strong> Burleigh lässt den Befehl zur Hinrichtung aufsetzen (IV,2). Leicester verrät Mortimer, um sich zu retten; Mortimer ersticht sich (IV,4). Leicester stimmt jetzt für Marias Tod und soll die Hinrichtung selbst leiten (IV,6). Das Volk tobt vor dem Palast. Allein unterschreibt Elisabeth (IV,10) und gibt das Blatt dem Staatssekretär Davison, ohne zu sagen, was er damit tun soll (IV,11). Burleigh reißt es ihm aus der Hand (IV,12).</li>\n<li><strong>V. Aufzug, Fotheringhay, am Schluss Westminster:</strong> Marias Diener nehmen Abschied. Ihr Haushofmeister Melvil, inzwischen Priester, hört ihre Beichte (V,7). Maria lässt Elisabeth sagen, dass sie ihr den Tod vergibt (V,8), verabschiedet sich von Leicester und geht zum Schafott (V,9). Leicester bleibt zurück und hört die Hinrichtung mit an, die unter ihm stattfindet (V,10). In London meldet Shrewsbury, dass Marias Schreiber Kurl gesteht, falsch ausgesagt zu haben (V,13). Elisabeth gibt Davison und Burleigh die Schuld, Shrewsbury legt sein Amt nieder, und Leicester ist „zu Schiff nach Frankreich“ (V,14 und 15).</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Maria Stuart</strong>, Königin von Schottland, katholisch, in englischer Haft. Am Mord an ihrem Mann Darnley ist sie mitschuldig, den Anschlag auf Elisabeth bestreitet sie bis zuletzt.</li>\n<li><strong>Elisabeth</strong>, Königin von England. Sie braucht den Ruf, gerecht zu sein, und will doch Marias Tod.</li>\n<li><strong>Leicester</strong>, Elisabeths Günstling. Er spielt beide Seiten und rettet am Ende nur sich. Maria sagt ihm zum Abschied: „Ihr durftet werben um zwei Königinnen, / Ein zärtlich liebend Herz habt Ihr verschmäht, / Verraten, um ein stolzes zu gewinnen“ (V,9).</li>\n<li><strong>Burleigh</strong>, Großschatzmeister: will den Tod Marias, weil der Staat sicher sein soll.</li>\n<li><strong>Shrewsbury</strong> (Talbot): alter Rat, Stimme der Gnade. Er rettet Elisabeth beim Anschlag und geht am Ende.</li>\n<li><strong>Mortimer</strong>: Paulets Neffe, in Frankreich und Rom katholisch geworden, schwärmt für Maria. Er ist die einzige erfundene Hauptfigur.</li>\n<li><strong>Paulet</strong>: Marias Hüter, streng und ehrlich. <strong>Davison</strong>: Staatssekretär, der am Ende die Schuld bekommt. <strong>Hanna Kennedy</strong>: Marias Amme. <strong>Melvil</strong>: ihr Haushofmeister.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Recht gegen Macht.</strong> Maria erkennt das englische Gericht nicht an: „Nur Könige sind meine Peers.“ Ihr Satz an Burleigh fasst den Streit zusammen: „Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten!“ (I,7). Burleigh sagt dagegen, wer „Englands Luft“ atme, sei dem Gesetz untertan. Das Stück lässt offen, ob das Urteil Recht ist oder nur Macht.</li>\n<li><strong>Schein und Sein.</strong> Elisabeth erklärt Mortimer, warum sie den Mord heimlich will: „Was man scheint, / Hat jedermann zum Richter, was man ist, hat keinen.“ (II,5). Maria hat ihr genau das schon vorgeworfen: „Und was sie ist, das wage sie zu scheinen!“ (I,7). Elisabeths Problem ist nicht das Gewissen, sondern ihr Bild in der Welt.</li>\n<li><strong>Die unfreie Königin.</strong> Allein vor dem Todesurteil klagt Elisabeth: „O der ist noch nicht König, der der Welt / Gefallen muß!“ (IV,10). Sie hat alle Macht und kann doch nicht frei handeln, weil ihre Herrschaft am Volk und an ihrem Ruf hängt.</li>\n<li><strong>Die Kränkung entscheidet.</strong> Im selben Monolog nimmt Elisabeth Marias Wort aus dem Park wieder auf: „Ein Bastard bin ich dir?“ Sie sei es nur, „so lang du lebst und atmest“. Dann unterschreibt sie (IV,10). Deutung: Die erfundene Begegnung macht aus einer Staatsfrage eine persönliche Feindschaft.</li>\n<li><strong>Verantwortung, die keiner tragen will.</strong> Elisabeth gibt Davison das unterschriebene Urteil und sagt: „Ein Blatt Papier entscheidet / Noch nicht, ein Name tötet nicht.“ (IV,11). Am Ende bestraft sie Davison und verbannt Burleigh, die getan haben, was sie wollte (V,15). Shrewsbury geht mit dem Satz: „Ich habe deinen edlern Teil / Nicht retten können.“</li>\n<li><strong>Schuld und Läuterung.</strong> Maria bekennt früh: „Ich wußte drum. Ich ließ die Tat geschehn“ (I,4). In der Beichte bestreitet sie den Anschlag auf Elisabeth und nimmt den Tod doch an: „Gott würdigt mich, durch diesen unverdienten Tod / Die frühe schwere Blutschuld abzubüßen.“ (V,7). Deutung: Maria wird innerlich frei, während sie äußerlich alles verliert; Elisabeth gewinnt äußerlich und steht am Ende allein.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Epoche</h4>\n<ul>\n<li>Schiller (1759 bis 1805) schrieb das Stück 1799 und 1800. Uraufführung am 14. Juni 1800 am Weimarer Hoftheater, als Buch 1801 bei Cotta in Tübingen.</li>\n<li>Das Stück gehört zur <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Weimarer Klassik<span class=\"wort-erkl\">Zeit, in der Goethe und Schiller in Weimar zusammenarbeiteten; ihr Ideal sind Maß, strenge Form und innere Freiheit</span></span>.</li>\n<li>Geschichtlich: Maria floh 1568 nach England und wurde dort fast zwei Jahrzehnte gefangen gehalten. Wegen der Babington-Verschwörung gegen Elisabeth verurteilt, wurde sie am 8. Februar 1587 auf Schloss Fotheringhay hingerichtet.</li>\n<li>Was Schiller erfindet: Die beiden Königinnen haben sich nie getroffen, und Mortimer gab es nicht. Schiller verdichtet die Handlung auf die letzten Tage vor der Hinrichtung. Frag in der Klausur nicht nur, ob etwas stimmt, sondern warum Schiller es ändert.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>„Maria Stuart“ gehört zum möglichen Prüfungsstoff, neben anderen Ganzschriften. Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine aus. Bei mehrteiligen Aufgaben steht an jeder Teilaufgabe eine Prozentangabe, wie stark sie zählt. Arbeitszeit 315 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit.</p>\n<p>Mit einer Ganzschrift kann eine Aufgabe auf zwei Arten verbunden sein. Bei der Interpretation deutest du einen Text, den du nicht aus dem Unterricht kennst, und vergleichst ihn mit dem Werk oder beziehst dich darauf. Bei der Erörterung literarischer Texte ist die These oder strittige Frage vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext. In beiden Fällen steht dir die Ganzschrift zur Verfügung.</p>\n<p>Hilfsmittel: das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung und für bestimmte Aufgaben die Textausgabe der Ganzschrift. Darin dürfen keine unzulässigen Eintragungen stehen, und zusätzliche Materialien in der Ausgabe darfst du nicht benutzen. Was in deiner Ausgabe dazu zählt, frag deine Lehrkraft.</p>\n<p>Bewertet wird die Arbeit als Ganzes: Die Notenpunkte ergeben sich aus einer Gesamtwürdigung, begründet in einem Gutachten nach festen Kriterien. Das Kultusministerium schreibt dazu, die Arbeit verlange eine geschlossene Darstellung, und die Ganzschrift diene zur Orientierung und als Quelle für Verweise und wörtliche Zitate.</p>\n<p>Nur im Leistungskurs: „Maria Stuart“ steht nur auf der Liste des Leistungskurses, nicht im Grundkurs.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a>; <a href=\"https://www.schule.sachsen.de/gymnasium-4701.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kultusministerium, Hinweise zum Grund- und Leistungskurs Deutsch</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Maria siegt moralisch und unterliegt politisch.“ Erörtern Sie diese These mit Bezug auf Friedrich Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt ein klassisches Drama meist so vor: Du interpretierst einen Auszug oder einen fremden Text und stellst den Bezug zum ganzen Stück her, oder du erörterst eine These, etwa „Maria siegt moralisch und unterliegt politisch“. Nacherzählen sollst du nie. Du ordnest die Stelle ein und arbeitest am Text.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">III. Aufzug, 4. Auftritt</span>\n<p>ELISABETH: „Es lüstet keinen, Euer – vierter Mann / Zu werden, denn Ihr tötet Eure Freier / Wie Eure Männer!“</p>\n<p>MARIA: „Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt, / Die Macht verführte mich, ich hab es nicht / Verheimlicht und verborgen, falschen Schein / Hab ich verschmäht, mit königlichem Freimut. / Das Ärgste weiß die Welt von mir und ich / Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf.“</p>\n<p>Wenig später: „Der Thron von England ist durch einen Bastard / Entweiht, der Briten edelherzig Volk / Durch eine listge Gauklerin betrogen.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Maria hat sich vor Elisabeth niedergekniet und um Gnade gebeten. Elisabeth antwortet mit Spott über Marias Ehen.</li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Maria gibt ihre Schuld zu, setzt sie aber gegen den „falschen Schein“ der anderen. Dann greift sie Elisabeths Geburt an.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Aus der Bittenden wird die Anklägerin. Rhetorisch gewinnt sie, politisch verliert sie alles.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Im IV. Aufzug nimmt Elisabeth das Wort „Bastard“ auf und unterschreibt.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>In der erfundenen Begegnung kippt das Verhältnis der Königinnen, und den Anstoß gibt Elisabeth. Mit dem Spott, keiner wolle Marias „vierter Mann“ werden, denn sie töte „Eure Freier / Wie Eure Männer“, trifft sie Marias wunden Punkt, den Mord an Darnley. Maria leugnet ihre Schuld nicht, sie nennt sie „menschlich, jugendlich“ und stellt ihr die eigene Offenheit gegenüber: „falschen Schein / Hab ich verschmäht“. Darin steckt ein Vorwurf an Elisabeth, die im ganzen Stück um ihren Schein besorgt ist. Mit dem Satz „ich bin besser als mein Ruf“ behauptet Maria eine Würde, die von der öffentlichen Meinung unabhängig ist. Dann aber greift sie Elisabeths Geburt an: Der Thron sei „durch einen Bastard / Entweiht“. Das <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Enjambement<span class=\"wort-erkl\">der Satz läuft über das Versende hinaus in den nächsten Vers</span></span> stellt das Schimpfwort ans Versende, „Entweiht“ folgt erst im nächsten Vers. Aus der Bittenden ist die Anklägerin geworden. Man kann das als Triumph der Wahrheit lesen; man kann es auch als Verlust der Beherrschung lesen, um die Shrewsbury sie gebeten hatte. Politisch ist der Satz tödlich, denn im IV. Aufzug nimmt Elisabeth genau dieses Wort auf, bevor sie unterschreibt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er bleibt nah am Text, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, erklärt die Wirkung eines Versmittels, verbindet die Stelle mit dem ganzen Stück und nennt zwei Lesarten. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>IV. Aufzug, 10. Auftritt. Elisabeth allein, kurz vor der Unterschrift: „Ein Bastard bin ich dir? – Unglückliche! / Ich bin es nur, so lang du lebst und atmest. / Der Zweifel meiner fürstlichen Geburt / Er ist getilgt, sobald ich dich vertilge.“ Schreib einen Absatz: Warum unterschreibt Elisabeth hier, und was zeigt das über ihre Macht?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Elisabeth antwortet allein auf Marias Beleidigung aus dem Park. Sie wiederholt das Wort „Bastard“ als Frage und deutet es um: Unehelich sei sie nur, solange Maria lebt. Das Wortspiel „getilgt“ und „vertilge“ verbindet den Zweifel an ihrer Geburt mit Marias Tod.</p>\n<p>Elisabeth unterschreibt also nicht aus Gründen des Rechts, sondern um einen persönlichen Makel loszuwerden. Ihre Macht wirkt hier abhängig: Sie braucht Marias Tod, um sich selbst sicher zu fühlen. Gute Absätze verbinden die Stelle mit dem Anfang desselben Monologs („O der ist noch nicht König, der der Welt / Gefallen muß!“) und mit der Begegnung in III,4.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Wir zitieren nach Schiller, Sämtliche Werke, Band 2, München 1962 (Hanser, auf zeno.org), mit Aufzug und Auftritt; diese Ausgabe druckt keine Verszahlen. Die Schreibweise der Ausgabe bleibt, also etwa „listge“ statt „listige“. Druckt deine Ausgabe Verszahlen, nennst du sie mit: „Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten!“ (I,7, V. … deiner Ausgabe).</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Die englische Geschichte nacherzählen.</strong> Sie ist Hintergrund. Gefragt ist die Deutung der Stelle.</li>\n<li><strong>Gut gegen Böse.</strong> Maria ist schuldig und würdig zugleich, Elisabeth mächtig und unfrei. Zeig beides.</li>\n<li><strong>Die Begegnung für historisch halten.</strong> Es gab sie nie. Sag, dass Schiller sie erfindet, und wozu.</li>\n<li><strong>Marias Ausbruch ohne Vorgeschichte zitieren.</strong> Maria beleidigt erst, nachdem Elisabeth sie gedemütigt hat.</li>\n<li><strong>Maria für ganz unschuldig halten.</strong> Am Anschlag ist sie nach eigener Aussage unschuldig, am Mord an Darnley nicht.</li>\n<li><strong>Akt und Szene ohne Angabe.</strong> Zitiere mit Aufzug und Auftritt, sonst findet niemand deine Stelle.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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    {
      "id": "sn-de-abitur-buechner-woyzeck",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Büchner: Woyzeck (LK)",
      "short": "Woyzeck: Zusammenfassung Szene für Szene, Marie, Hauptmann, Doktor, Deutung. Lernzettel fürs Abitur.",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Georg Büchner: <em>Woyzeck</em> (Fragment)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Büchners „Woyzeck“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Das Drama ist unvollendet und besteht aus kurzen Szenen. Der arme Soldat Franz Woyzeck verdient Geld dazu, indem er den Hauptmann rasiert und sich vom Doktor für einen Versuch benutzen lässt, bei dem er nur Erbsen essen darf. Marie, mit der er ein Kind hat, lässt sich mit dem Tambourmajor ein. Woyzeck hört Stimmen, kauft ein Messer und ersticht Marie vor der Stadt. Weil Büchner starb, bevor er das Stück ordnen konnte, nennst du beim Zitieren immer den Szenentitel und deine Ausgabe.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „Woyzeck“ im Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff. Das Dramenfragment besteht aus kurzen Szenen: Der Soldat Woyzeck wird von Hauptmann und Doktor benutzt und tötet am Ende Marie.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Georg Büchner, <em>Woyzeck</em>. Leistungskurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:buechner-woyzeck -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Woyzeck“ hat keine Akte. Es besteht aus über zwanzig kurzen Szenen, oft nur ein paar Sätze lang, mit vielen Ortswechseln. So ein Drama heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">offene Form<span class=\"wort-erkl\">Drama ohne festen Bau: lose Szenen, Sprünge in Ort und Zeit, kein Ende, das alles auflöst</span></span>. Das Gegenmodell ist das klassische Drama in fünf Akten, etwa Schillers „Maria Stuart“.</p>\n<p>Büchner hat nur Entwürfe hinterlassen: drei Gruppen von Szenen (H1, H2, H3) und eine unvollständige <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">vorläufige Reinschrift<span class=\"wort-erkl\">Büchners letzte, saubere Abschrift der Szenen, kurz H4; sie bricht ab, bevor der Mord kommt</span></span>. Jede Leseausgabe setzt daraus eine eigene Szenenfolge zusammen. Deshalb hat dieselbe Szene in deiner Ausgabe vielleicht eine andere Nummer als bei deiner Banknachbarin. Nenne in der Klausur den Szenentitel und die Seite deiner Ausgabe.</p>\n<p>Woyzeck und Marie sprechen <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mundart<span class=\"wort-erkl\">regional gefärbte Alltagssprache, hier mit Formen wie „nit“, „Bub“ oder „Wir arme Leut“</span></span>, Hauptmann und Doktor reden gebildet und gespreizt. An dieser Kluft hängt viel von dem, was du deuten kannst.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung Szene für Szene</h4>\n<p>Die Folge unten entspricht den gängigen Lesefassungen. In Klammern steht, aus welcher Handschrift die Szene stammt, und in Anführungszeichen ihr Titel bei Büchner.</p>\n<ul>\n<li><strong>„Freies Feld. Die Stadt in der Ferne.“ (H4,1):</strong> Woyzeck und Andres schneiden Stöcke. Woyzeck hört es hohl unter dem Boden, sieht Feuer am Himmel und glaubt, die Freimaurer seien hinter ihm her.</li>\n<li><strong>Marie am Fenster (H4,2):</strong> Der Zapfenstreich zieht vorbei, voran der Tambourmajor. Marie bewundert ihn und streitet mit der Nachbarin Margreth. Woyzeck kommt kurz, ganz verstört, und geht wieder. Marie: „Er hat sein Kind nicht angesehn.“</li>\n<li><strong>Jahrmarkt, „Buden. Volk“ (H1,1 bis 2, H2,3):</strong> Ein Marktschreier zeigt ein dressiertes Pferd als vernünftiges Tier. Der Tambourmajor, im Entwurf noch Unteroffizier, sieht Marie.</li>\n<li><strong>Marie mit den Ohrringen (H4,4):</strong> Marie betrachtet sich mit neuen Ohrringen im Spiegelscherben. Woyzeck fragt, sie sagt: „hab's gefunden“. Er bringt ihr seinen Lohn. Allein sagt sie: „Ich bin doch ein schlecht Mensch.“</li>\n<li><strong>„Der Hauptmann. Woyzeck.“ (H4,5):</strong> Woyzeck rasiert den Hauptmann. Der redet über Zeit, Ewigkeit und Moral und wirft Woyzeck vor, ein Kind „ohne den Segen der Kirche“ zu haben. Woyzeck antwortet, Tugend könne sich nur leisten, wer Geld hat.</li>\n<li><strong>„Marie. Tambour-Major.“ (H4,6):</strong> Marie gibt dem Tambourmajor nach: „Meintwegen. Es ist Alles eins.“</li>\n<li><strong>„Marie. Woyzeck“ (H4,7):</strong> Woyzeck ahnt den Betrug und sucht an Maries Gesicht ein Zeichen der Sünde. „Ich hab ihn gesehn.“</li>\n<li><strong>„Woyzeck. Der Doctor.“ (H4,8):</strong> Der Doktor schimpft, weil Woyzeck an die Wand uriniert hat, obwohl er ihm dafür täglich Geld zahlt. Er fragt nach den Erbsen und freut sich über Woyzecks Wahnvorstellungen als schönen Fall.</li>\n<li><strong>„Der Hof des Professors.“ (H3,1):</strong> Vor Studenten führt der Doktor Woyzeck vor: „seit einem Vierteljahr ißt er nichts als Erbsen“. Woyzeck soll mit den Ohren wackeln.</li>\n<li><strong>„Hauptmann. Doctor.“ (H4,9, in vielen Ausgaben ergänzt aus H2,7):</strong> Hauptmann und Doktor verspotten sich gegenseitig. In der Ergänzung aus H2,7 spielt der Hauptmann vor Woyzeck auf ein Haar vom Bart „eines Tambourmajor“ an, und Woyzeck läuft davon.</li>\n<li><strong>„Die Wachtstube.“ (H4,10) und „Wirthshaus.“ (H4,11):</strong> Woyzeck hat keine Ruhe, weil draußen getanzt wird. Durchs Fenster sieht er Marie mit dem Tambourmajor tanzen und hört sie sagen: „Immer, zu, immer zu.“</li>\n<li><strong>„Freies Feld.“ (H4,12) und „Nacht.“ (H4,13):</strong> Stimmen aus dem Boden befehlen ihm, die „Zickwolfin“ zu erstechen. Nachts im Bett mit Andres kann er nicht schlafen.</li>\n<li><strong>„Wirthshaus.“ (H4,14):</strong> Der betrunkene Tambourmajor prahlt, ringt mit Woyzeck und besiegt ihn. Woyzeck blutet: „Eins nach dem andern.“</li>\n<li><strong>„Woyzeck. Der Jude.“ (H4,15):</strong> Woyzeck kauft für zwei Groschen ein Messer.</li>\n<li><strong>„Marie. Der Narr.“ (H4,16):</strong> Marie liest in der Bibel von der Ehebrecherin und kann nicht beten.</li>\n<li><strong>„Caserne.“ (H4,17):</strong> Woyzeck verschenkt seine Sachen an Andres und liest seine Lebensdaten vor. Andres meint, er gehöre ins Lazarett.</li>\n<li><strong>Die Großmutter erzählt (H1,14):</strong> Vor dem Haus erzählt die Großmutter den Kindern ein Märchen ohne Trost. Dann holt Woyzeck Marie: „S' ist Zeit.“</li>\n<li><strong>Der Mord (H1,15):</strong> Draußen vor der Stadt geht der Mond rot auf, „Wie ein blutig Eisen“. Woyzeck ersticht Marie und läuft weg, als Leute kommen.</li>\n<li><strong>„Das Wirthshaus“ (H1,17):</strong> Woyzeck tanzt mit Käthe. Sie sieht Blut an seiner Hand, die Leute werden misstrauisch, er flieht.</li>\n<li><strong>Am Teich (H1,19 und 20):</strong> Woyzeck sucht am Tatort das Messer, wirft es in einen Teich und will sich waschen.</li>\n<li><strong>Kinder und Gerichtsdiener (H1,18 und 21):</strong> Kinder laufen hinaus, um die Tote zu sehen. Der Gerichtsdiener lobt „Ein guter Mord, ein ächter Mord“.</li>\n</ul>\n<p>Was danach mit Woyzeck geschieht, steht in keiner Handschrift. Das Stück hat kein Ende.</p>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Franz Woyzeck</strong>, Soldat, nach eigener Angabe „30 Jahr, 7 Monat und 12 Tage“ alt (H4,17). Er rasiert, schneidet Stöcke, isst Erbsen für Geld und gibt alles Marie.</li>\n<li><strong>Marie</strong>: Mutter seines Kindes, nicht mit ihm verheiratet. Sie will mehr vom Leben und hat zugleich Schuldgefühle.</li>\n<li><strong>Der Hauptmann</strong>: redet ständig von Moral und Tugend, ist aber vor allem gelangweilt und ängstlich. Woyzeck ist sein Bursche.</li>\n<li><strong>Der Doktor</strong>: zahlt Woyzeck für seinen Versuch. Für ihn ist Woyzeck „ein interessanter casus“, also ein Fall, kein Mensch.</li>\n<li><strong>Der Tambourmajor</strong>: stark, eitel, prahlerisch. Er nimmt sich Marie und verprügelt Woyzeck.</li>\n<li><strong>Andres</strong>: Woyzecks Kamerad. Er singt, schläft und versteht nicht, was mit Woyzeck los ist.</li>\n<li>Dazu Margreth, die Nachbarin; der Narr Karl; die Großmutter; der Jude, der das Messer verkauft.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Moral hängt am Geld.</strong> Der Hauptmann sagt: „Woyzeck, Er hat keine Moral!“ Woyzeck antwortet: „Wir arme Leut.“ Und: „Geld, Geld. Wer kein Geld hat.“ Später sagt er: Wenn er „ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr“, wollte er „schon tugendhaft seyn“ (H4,5). Die Szene dreht den Vorwurf um: Tugend ist hier ein Luxus der Oberschicht.</li>\n<li><strong>Der Mensch als Versuchsobjekt.</strong> Der Doktor lobt Woyzecks Wahn: „Er ist ein interessanter casus. Subject Woyzeck Er kriegt Zulag.“ (H4,8). Zugleich predigt er, „der Mensch ist frei“, und schimpft, weil Woyzeck den Harn nicht halten kann. Deutung: Büchner zeigt eine Wissenschaft, die von Freiheit spricht und den Menschen wie ein Tier vermisst.</li>\n<li><strong>Macht steckt in der Anrede.</strong> Hauptmann und Doktor sagen „Er“ zu Woyzeck, er sagt „Sie“ und „Herr Hauptmann“ zu ihnen. Diese <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Er-Anrede<span class=\"wort-erkl\">ältere Anrede in der dritten Person; um 1800 oft von Vorgesetzten gegenüber Untergebenen benutzt</span></span> macht der Hauptmann selbst zum Thema: „Wenn ich sag: Er, so mein ich Ihn, Ihn.“ (H4,5). Woyzecks Antwort ist meist nur „Ja wohl, Herr Hauptmann.“ Wer redet, hat die Macht; Woyzeck darf nur bestätigen.</li>\n<li><strong>Natur gegen freien Willen.</strong> Woyzeck verteidigt sich beim Doktor: „Aber Herr Doctor, wenn einem die Natur kommt.“ (H4,8). Beim Hauptmann sagt er über die armen Leute: „es kommt einem nur so die Natur“ (H4,5). Deutung: Das Stück stellt die Frage, wie schuldig ein Mensch ist, den Armut, Hunger und Wahn treiben. Genau darum ging es beim echten Woyzeck vor Gericht.</li>\n<li><strong>Eine Welt ohne Trost.</strong> Im Märchen der Großmutter geht ein Waisenkind zu Mond, Sonne und Sternen und findet nur faules Holz, eine tote Sonnenblume und aufgespießte Mücken. Am Ende ist die Erde „ein umgestürzter Hafen“, und „da sitzt es noch und ist ganz allein“ (H1,14). Das ist ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Anti-Märchen<span class=\"wort-erkl\">sieht aus wie ein Märchen, endet aber ohne Rettung und ohne gutes Ende</span></span>. Es kommt direkt vor dem Mord.</li>\n<li><strong>Marie zwischen Begehren und Schuld.</strong> Mit den Ohrringen sagt Marie: „Ich bin doch ein schlecht Mensch. Ich könnt' mich erstechen.“ (H4,4). Später liest sie in der Bibel von der Ehebrecherin und bittet: „Herrgott gieb mir nur soviel, daß ich beten kann.“ (H4,16). Wer Marie nur verurteilt, übersieht, dass sie arm ist, sich nach mehr sehnt und ihr Handeln selbst verurteilt.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Georg Büchner (1813 bis 1837) hat Medizin studiert. 1834 schrieb er die Flugschrift „Der Hessische Landbote“, die der Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig bearbeitete. Über dem Text steht: „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ Büchner wurde steckbrieflich gesucht und floh 1835 nach Straßburg.</li>\n<li>An „Woyzeck“ schrieb er 1836 und 1837, zuerst in Straßburg, dann in Zürich. Dort starb er im Februar 1837 mit 23 Jahren an Typhus. Das Stück blieb Fragment.</li>\n<li>Vorbild ist ein echter Fall: Johann Christian Woyzeck erstach 1821 in Leipzig die Witwe Johanna Christiane Woost. Der Arzt Johann Christian August Clarus erklärte ihn in zwei Gutachten für zurechnungsfähig, obwohl er selbst Anzeichen einer Krankheit beschrieb. Am 27. August 1824 wurde er auf dem Leipziger Marktplatz öffentlich hingerichtet.</li>\n<li>Die Handschrift war stark verblasst. Erst Karl Emil Franzos machte sie Jahrzehnte später lesbar und veröffentlichte eine stark bearbeitete Fassung, zuerst in Teilen in Zeitschriften, 1879 in einer Werkausgabe, unter dem verlesenen Namen „Wozzeck“. Uraufgeführt wurde das Stück am 8. November 1913 in München.</li>\n<li>Epoche: Büchner gehört in den <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Vormärz<span class=\"wort-erkl\">Zeit vor der Revolution von 1848, in der Schriftsteller gegen Fürstenherrschaft und soziale Not schrieben</span></span>. Neu ist, dass ein armer Soldat die Hauptfigur einer Tragödie ist und nicht ein König oder Held.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>„Woyzeck“ gehört zum möglichen Prüfungsstoff, neben anderen Ganzschriften. Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine aus. Bei mehrteiligen Aufgaben steht an jeder Teilaufgabe eine Prozentangabe, wie stark sie zählt. Arbeitszeit 315 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit.</p>\n<p>Mit einer Ganzschrift kann eine Aufgabe auf zwei Arten verbunden sein. Bei der Interpretation deutest du einen Text, den du nicht aus dem Unterricht kennst, und vergleichst ihn mit dem Werk oder beziehst dich darauf. Bei der Erörterung literarischer Texte ist die These oder strittige Frage vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext. In beiden Fällen steht dir die Ganzschrift zur Verfügung.</p>\n<p>Hilfsmittel: das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung und für bestimmte Aufgaben die Textausgabe der Ganzschrift. Darin dürfen keine unzulässigen Eintragungen stehen, und zusätzliche Materialien in der Ausgabe darfst du nicht benutzen. Welche Teile deiner Woyzeck-Ausgabe als zusätzliches Material gelten, etwa ein Anhang mit Entwürfen, frag deine Lehrkraft.</p>\n<p>Bewertet wird die Arbeit als Ganzes: Die Notenpunkte ergeben sich aus einer Gesamtwürdigung, begründet in einem Gutachten nach festen Kriterien. Das Kultusministerium schreibt dazu, die Arbeit verlange eine geschlossene Darstellung, und die Ganzschrift diene zur Orientierung und als Quelle für Verweise und wörtliche Zitate.</p>\n<p>Nur im Leistungskurs: „Woyzeck“ steht nur auf der Liste des Leistungskurses, nicht im Grundkurs.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a>; <a href=\"https://www.schule.sachsen.de/gymnasium-4701.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kultusministerium, Hinweise zum Grund- und Leistungskurs Deutsch</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Woyzeck ist weniger Täter als Opfer seiner Verhältnisse.“ Erörtern Sie diese These mit Bezug auf Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt ein Werk wie „Woyzeck“ meist so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und vergleichst ihn mit dem Drama oder beziehst dich darauf. Oder du erörterst eine These über das ganze Stück, etwa ob Woyzeck Täter oder Opfer ist. Nacherzählen sollst du nie. Du ordnest eine Szene kurz ein und arbeitest dann am Text.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">„Der Hauptmann. Woyzeck.“ (H4,5)</span>\n<p>HAUPTMANN. „Woyzeck Er hat keine Tugend, Er ist kein tugendhafter Mensch.“</p>\n<p>WOYZECK. „Ja Herr Hauptmann, die Tugend! ich hab's noch nicht so aus. Sehn Sie, wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur, aber wenn ich ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr und eine anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft seyn. Es muß was Schöns seyn um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Woyzeck rasiert den Hauptmann, der ihm gerade das uneheliche Kind vorgehalten hat.</li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Woyzeck widerspricht nicht direkt. Er gibt dem Hauptmann scheinbar recht und zählt dann auf, was einem Herrn Tugend möglich macht: Hut, Uhr, Rock, feine Sprache.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Tugend wird zu etwas, das man kaufen kann. Der Vorwurf des Hauptmanns fällt auf seinen eigenen Stand zurück.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Das ganze Stück zeigt, wie Woyzeck von denen bewertet wird, von deren Geld er lebt.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>In der Rasierszene antwortet Woyzeck auf den Vorwurf, er habe „keine Tugend“, mit einer Liste, die den Begriff entlarvt. Wäre er „ein Herr“ mit „Hut“, „Uhr“ und „anglaise“ und könnte „vornehm reden“, dann wollte er „schon tugendhaft seyn“. Die Aufzählung von Kleidungsstücken und Sprechweisen zeigt, dass Tugend für ihn eine Frage des Besitzes ist, nicht des Charakters. Auch seine Sprache trennt ihn vom Hauptmann: „wir gemeine Leut, das hat keine Tugend“ ist Mundart und grammatisch schief, während der Hauptmann in glatten Sätzen moralisiert. Woyzeck bleibt dabei höflich und unterwürfig („Herr Hauptmann“), und gerade das macht seine Antwort scharf. Schon auf seine Antwort mit dem Bibelwort hatte der Hauptmann nur sagen können: „Er macht mich ganz confus mit seiner Antwort.“ Man kann den Schluss „Aber ich bin ein armer Kerl“ als Resignation lesen; man kann ihn auch als Anklage lesen, die das Stück am Ende in Gewalt umschlagen lässt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er bleibt nah am Text, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, sagt zu jedem Befund, was er bewirkt, verbindet Inhalt und Sprache und nennt am Ende zwei Lesarten. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>„Woyzeck. Der Doctor.“ (H4,8). Der Doktor: „Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit. Den Harn nicht halten können!“ Kurz darauf: „Er ist ein interessanter casus. Subject Woyzeck Er kriegt Zulag.“ Schreib einen Absatz: Wie passt das, was der Doktor über Freiheit sagt, zu dem, wie er Woyzeck behandelt?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Doktor verkündet in gehobener, fast philosophischer Sprache, der Mensch sei frei, und macht Woyzeck im selben Atemzug Vorwürfe, weil er seinen Körper nicht beherrscht. Der Widerspruch ist offensichtlich: Woyzeck isst auf Befehl nur Erbsen und wird dafür bezahlt, er ist also gerade nicht frei.</p>\n<p>Im zweiten Zitat wird Woyzeck zum „casus“ und „Subject“, also zum Fall und Versuchsobjekt. Seine Wahnideen sind für den Doktor kein Leid, sondern ein Grund für „Zulag“. Gute Absätze zeigen, dass die Rede von Freiheit hier Herrschaft verdeckt, und beziehen den Hauptmann mit ein, der Woyzeck auf ähnliche Weise moralisch abwertet.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Wir zitieren nach Büchners Handschriften in der Ausgabe von Werner R. Lehmann (Sämtliche Werke und Briefe, Band 1, München 1974, auf zeno.org), mit der Schreibweise der Handschrift. „H4,5“ heißt: vorläufige Reinschrift, fünfte Szene. In deiner Leseausgabe kann die Schreibweise moderner sein. In der Klausur nennst du den Szenentitel und die Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel: „Wir arme Leut.“ („Der Hauptmann. Woyzeck.“, S. … deiner Ausgabe).</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Nur Eifersucht sehen.</strong> Ohne Hauptmann, Doktor und Armut verstehst du den Mord nicht.</li>\n<li><strong>Szenennummern ohne Ausgabe.</strong> Die Nummer gilt nur in deiner Ausgabe. Nenne den Titel.</li>\n<li><strong>Eine feste Reihenfolge behaupten.</strong> Wie Büchner die Szenen ordnen wollte, weiß niemand. Schreib „in der Lesefassung“ oder „in meiner Ausgabe“.</li>\n<li><strong>Woyzeck nur als Opfer sehen.</strong> Er tötet Marie. Eine gute Arbeit hält beides fest: Er wird zerstört, und er wird zum Täter.</li>\n<li><strong>Marie als die Schuldige hinstellen.</strong> Ihre Armut, ihre Sehnsucht und ihre Reue gehören in die Deutung.</li>\n<li><strong>Das Ende erfinden.</strong> Ob Woyzeck ertrinkt, gefasst wird oder vor Gericht kommt, steht nicht im Text.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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      "short": "Grundkurs und Leistungskurs. Roman 2008: Grundstück am See, Besitz, Vertreibung, Erinnerung.",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Jenny Erpenbeck: <em>Heimsuchung</em> (2008)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Erpenbecks „Heimsuchung“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Der Roman (2008) erzählt nicht von einer Hauptfigur, sondern von einem Ort: einem Grundstück mit Haus am Scharmützelsee, den der Roman Märkisches Meer nennt. Elf Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern und die des namenlosen Gärtners hängen an diesem Ort, vom Ende des 19. Jahrhunderts über NS-Zeit, Krieg und DDR bis nach 2000. Wer dort baut, kauft, flieht oder enteignet wird, entscheidet jedes Mal die Politik. Vor jedem Bewohnerkapitel steht ein kurzes Kapitel „Der Gärtner“; in seinem letzten Kapitel verschwindet er, danach wird das Haus abgerissen. Die meisten Figuren heißen nach ihrer Rolle, und die Kapitel springen in der Zeit vor und zurück.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „Heimsuchung“ in Grundkurs und Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff. Der Roman erzählt von einem Grundstück am Scharmützelsee, im Roman Märkisches Meer, und von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern vom Ende des 19. Jahrhunderts bis nach 2000. Die großen Themen: Bauen, Besitz, Vertreibung, Mitmachen und Leerstand.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Jenny Erpenbeck, <em>Heimsuchung</em>. Grundkurs und Leistungskurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff. Bei bestimmten Aufgaben liegt die Ganzschrift als Textausgabe bereit.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:erpenbeck-heimsuchung -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„Heimsuchung“ ist ein kurzer Roman der Gegenwartsliteratur, knapp 190 Seiten, aber sehr dicht. Der See heißt im Roman Märkisches Meer. Das ist der alte Name für den Scharmützelsee in der <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Mark<span class=\"wort-erkl\">alter Name für die Landschaft rund um die Hauptstadt, daher „märkisch“</span></span>, wo Erpenbecks Großeltern ein Haus hatten. Nach der Wende musste die Familie es zurückgeben. Danach hat Erpenbeck in Archiven die Geschichte des Grundstücks recherchiert.</p>\n<p>Der Titel hat zwei Seiten. Eine <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Heimsuchung<span class=\"wort-erkl\">ein Unglück, das über Menschen hereinbricht; im Wort steckt auch „ein Heim suchen“</span></span> trifft Menschen von außen. Beides passiert hier: Die Figuren suchen am See ein Zuhause, und die Geschichte des 20. Jahrhunderts sucht sie heim.</p>\n<p>Ein Wort für den Schluss: Wer in der DDR enteignet worden war, konnte nach der Wende sein Grundstück zurückfordern. Das heißt <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Restitution<span class=\"wort-erkl\">Rückübertragung von Eigentum an die früheren Besitzer oder ihre Erben</span></span>. Deshalb verliert am Ende eine Familie das Haus, die dort Jahrzehnte gelebt hat.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Kapitel in ihrer Reihenfolge</h4>\n<p>Nach dem Prolog folgen 22 Kapitel und ein Epilog. Die ungeraden Kapitel 1 bis 21 heißen jedes „Der Gärtner“ und stehen vor dem jeweiligen Bewohnerkapitel. Die geraden Kapitel 2 bis 22 erzählen je eine Figur. Nach Kapitel 22 kommt kein Gärtner-Kapitel mehr. In Kapitel 21 zieht sich der Gärtner zurück und verschwindet. Die Bewohnerkapitel sind nicht chronologisch: Das Kapitel über den Architekten (Kapitel 4) spielt Anfang der 1950er-Jahre, das über die jüdische Familie (Kapitel 6) danach in den 1930ern.</p>\n<ul>\n<li><strong>Prolog:</strong> Vor ungefähr 24 000 Jahren schiebt sich das Eis vor. Der See entsteht erst später, als das Toteis taut, und bekommt den Namen Märkisches Meer. Am Ende steht, dass auch er einmal verschwinden wird.</li>\n<li><strong>Kapitel 2, Der Großbauer und seine vier Töchter:</strong> Der Dorfschulze Wurrach lässt seine jüngste Tochter Klara, die psychisch krank wird, entmündigen. Ihr Erbe, den Wald am See, teilt er in drei Grundstücke und verkauft sie: an einen Kaffee- und Teeimporteur, an einen jüdischen Tuchfabrikanten aus Guben und an einen Berliner Architekten. Klara geht im Winter in den See.</li>\n<li><strong>Kapitel 4, Der Architekt:</strong> Anfang der 1950er geht er ein letztes Mal durch sein Haus. Er muss in den Westen fliehen, weil er für einen Bau in Ost-Berlin Schrauben aus dem Westen besorgt hat. Das Nachbargrundstück der jüdischen Familie hat er 1939 weit unter Wert gekauft.</li>\n<li><strong>Kapitel 6, Der Tuchfabrikant:</strong> Arthur und Hermine verbringen mit Sohn Ludwig und Enkelin Doris Tage am See. Ludwig wandert mit Anna nach Südafrika aus, die Eltern besuchen ihn in Kapstadt und kehren zurück. 1939 verkaufen sie das Grundstück, um auszureisen. Die Ausreise scheitert, sie werden ermordet.</li>\n<li><strong>Kapitel 8, Die Frau des Architekten:</strong> Sechs Jahre nach dem Krieg erinnert sie sich an ihr Leben im Haus. Bei Kriegsende hat sie sich vor sowjetischen Soldaten in einem geheimen Schrank versteckt. Der junge Offizier fand sie dort, es kam zu einem erzwungenen Geschlechtsakt. Das Erlebnis hat „ein Loch in ihre Ewigkeit“ gebohrt.</li>\n<li><strong>Kapitel 10, Das Mädchen:</strong> Doris, die zwölfjährige Enkelin des Tuchfabrikanten, versteckt sich im geräumten Warschauer Ghetto in einer dunklen Kammer und erinnert sich an die Sommer am See. Sie wird entdeckt, verschleppt und ermordet.</li>\n<li><strong>Kapitel 12, Der Rotarmist:</strong> Der junge Offizier, dessen Familie von deutschen Soldaten ermordet wurde, besetzt mit seinen Männern das Haus. Dieselbe Nacht im Schrank wird jetzt aus seiner Sicht erzählt.</li>\n<li><strong>Kapitel 14, Die Schriftstellerin:</strong> Eine Kommunistin, die aus dem Exil in der Sowjetunion in die DDR zurückgekehrt ist, hat das Haus vom Staat gepachtet. Sie schreibt über ihre Heimkehr und streitet mit dem Nachbarn um das Grundstück.</li>\n<li><strong>Kapitel 16, Die Besucherin:</strong> Die Großmutter der Schwiegertochter der Schriftstellerin ist bei Kriegsende mit drei Enkeln aus Ostpreußen geflohen. Am See fühlt sie sich fremd.</li>\n<li><strong>Kapitel 18, Die Unterpächter:</strong> Ein Rentnerehepaar hat die Werkstatt am Ufer als Wochenendhaus gepachtet und segelt von dort aus. Nach der Wende erfährt die Frau, dass sie als Flüchtlingskind von ihrer Schwester getrennt wurde. Der Mann denkt an seinen gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR. Weil unklar ist, wem das Grundstück gehört, fürchten beide, die Werkstatt aufgeben zu müssen.</li>\n<li><strong>Kapitel 20, Der Kinderfreund:</strong> Ein Mann aus dem Dorf repariert das leerstehende Haus. Er erinnert sich an die Kindheit mit der Enkelin der Schriftstellerin und an die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens, die beide als Kinder aus einem Versteck mit ansahen.</li>\n<li><strong>Kapitel 22, Die unberechtigte Eigenbesitzerin:</strong> Die Enkelin muss das Haus aufgeben, weil die Erben der Frau des Architekten es zurückfordern. Sie versteckt sich im selben Schrank und hört der Maklerin zu.</li>\n<li><strong>Epilog:</strong> Das Haus wird nach allen Vorschriften abgerissen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Das Dorf:</strong> der Großbauer Wurrach und seine Töchter; der Gärtner, von dem im Dorf niemand weiß, woher er kommt.</li>\n<li><strong>Das Architektenpaar:</strong> baut das Haus; bei Kriegsende dringt der Rotarmist ein.</li>\n<li><strong>Die jüdische Familie aus Guben:</strong> Arthur und Hermine; Sohn Ludwig mit Anna in Kapstadt; Tochter Elisabeth mit Ernst und ihrer Tochter Doris.</li>\n<li><strong>Die Familie der Schriftstellerin:</strong> ihr Sohn, seine Frau, deren Großmutter (die Besucherin), die Enkelin (später die Eigenbesitzerin) und ihr Kinderfreund; dazu die Unterpächter.</li>\n</ul>\n<p>Mit Vornamen erscheinen vor allem die jüdische Familie und die Bauernfamilie, alle anderen heißen nach ihrer Rolle. Deutung: Die Rollennamen machen jede Figur zum Beispiel für ihre Zeit, die Namen halten die Ermordeten fest.</p>\n\n<h4>Woran du die Erzählweise erkennst</h4>\n<ul>\n<li><strong>Zeitsprünge:</strong> Die Kapitel springen vor und zurück und überblenden Zeitebenen. Die Neue Zürcher Zeitung beschrieb das als Geschichte als „geschichtete Zeit“.</li>\n<li><strong>Ein Ort, mehrere Sichten:</strong> Die Nacht im Schrank steht zweimal da, aus Sicht der Frau und aus Sicht des Rotarmisten. Vergleiche beide, statt einer zu glauben.</li>\n<li><strong><span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Leitmotive<span class=\"wort-erkl\">Wörter, Bilder oder Dinge, die immer wiederkehren und Stellen miteinander verbinden</span></span>:</strong> der Schrank mit dem geheimen Mechanismus, das Badehaus, der Satz „Ich kehre heim“, im Kapitel des Architekten das Wort „Abschließen“. Sie verbinden Kapitel, die zeitlich weit auseinanderliegen.</li>\n<li><strong>Erzählbericht ohne Anführungszeichen:</strong> Figurenrede steht oft ohne Anführungszeichen im Text, vieles klingt wie Erinnerung. Erzählt wird meist <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">zeitraffend<span class=\"wort-erkl\">viel Zeit wird in wenigen Sätzen erzählt</span></span>, die Szene im Schrank dagegen sehr langsam.</li>\n<li><strong>Der wortlose Gärtner:</strong> Er arbeitet, aber er spricht und urteilt nicht. Ein Urteil über die Figuren musst du selbst begründen. In Kapitel 21 verschwindet er und wird nicht wieder gesehen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Heimat finden und verlieren.</strong> Fast jede Figur sucht am See ein Zuhause und muss es wieder verlassen. Die Schriftstellerin tippt immer wieder den Satz „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“, obwohl sie das Haus nur gepachtet hat.</li>\n<li><strong>Besitz und Unrecht.</strong> Der Architekt kauft 1939 das Grundstück der jüdischen Familie weit unter Wert; nach der Wende fordern die Erben seiner Frau das Haus zurück. Schon der Prolog sagt, dass auch der See vergehen wird. Deutung: Besitz ist in diesem Roman immer vorläufig, und jeder Erwerb hat eine Vorgeschichte.</li>\n<li><strong>Erinnern an die Ermordeten.</strong> Der Roman ist Doris Kaplan gewidmet, einem jüdischen Mädchen, das 1942 mit seiner Mutter ins Warschauer Ghetto deportiert wurde. Das Kapitel „Das Mädchen“ erzählt ihr Schicksal nach Recherchen. Deutung: Die Widmung mit vollem Namen stellt sich gegen das Vergessen.</li>\n<li><strong>Natur gegen Geschichte.</strong> Prolog und Epilog rahmen die Menschengeschichte mit Erdgeschichte. Die Neue Zürcher Zeitung las die Naturbilder als Gleichnisse für die Verletzungen, die Menschen der Natur und einander zufügen.</li>\n<li><strong>Gewalt aus beiden Richtungen.</strong> Die Familie des Rotarmisten wurde von Deutschen ermordet, er selbst tut der Frau Gewalt an. Der Roman erzählt beide Seiten. Wie der Roman Sexualität und Gewalt erzählt, ist umstritten: Die Süddeutsche Zeitung kritisierte Passagen als „pornografischen Kitsch“.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Erschienen 2008. Ausgangspunkt war das Haus der Großeltern am Scharmützelsee und der Verlust nach der Wende.</li>\n<li>Erpenbeck hat für die Kapitel über die jüdische Familie in Archiven recherchiert; reale Spuren und Erfindung gehen ineinander über. Deshalb liest man den Roman auch als <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Erinnerungsliteratur<span class=\"wort-erkl\">Literatur, die erzählt, wie eine Gesellschaft sich an ihre Vergangenheit erinnert</span></span>.</li>\n<li>Geschichtlicher Hintergrund in Stichworten: Arisierung jüdischen Besitzes in der NS-Zeit, Holocaust, Flucht und Vertreibung bei Kriegsende, Enteignung in der DDR, Republikflucht, Rückübertragung nach der Wende.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>Heimsuchung gehört im Grund- und im Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff, neben anderen Ganzschriften. Für bestimmte Aufgaben liegt die Textausgabe als Hilfsmittel bereit. Leistungskurs 315, Grundkurs 255 Minuten mit Lese- und Auswahlzeit.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3 und 6</a></p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Lektüre oft so vor: Du interpretierst einen Text, den du nicht kennst, und stellst dann einen Bezug zum Roman her. Eine literarische Erörterung bezieht sich immer auf ein ganzes Werk. Das ganze Jahrhundert nacherzählen sollst du in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Kapitel „Die Schriftstellerin“</span>\n<p>Die Schriftstellerin sitzt an der Schreibmaschine und tippt: „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (Penguin-Taschenbuch S. 112, Reclam S. 107). Der Satz kehrt im Kapitel wieder.</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> DDR, die Schriftstellerin ist aus dem sowjetischen Exil zurück und hat das Haus vom Staat gepachtet.<em>Der Auszug stammt aus dem Kapitel „Die Schriftstellerin“, das in der DDR spielt.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Die Bindestriche zerlegen den Satz in einzelne Buchstaben.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die Heimkehr wird nicht behauptet, sie wird mühsam getippt, Anschlag für Anschlag.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Titel und Leitmotiv Heimat.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Im Kapitel „Die Schriftstellerin“ tippt die Figur immer wieder denselben Satz: „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (S. 112). Die Bindestriche zerlegen ihn in einzelne Buchstaben. So wird aus einer einfachen Aussage ein mühsamer Vorgang, Anschlag für Anschlag. Das passt zu ihrer Lage: Sie ist aus dem Exil in die DDR zurückgekehrt, doch das Haus am See hat sie nur vom Staat gepachtet, und um das Grundstück streitet sie mit dem Nachbarn. Die Heimkehr, die der Satz behauptet, ist also nicht abgeschlossen; sie muss immer neu geschrieben werden. Damit greift die Stelle den Titel auf: Heimat ist in diesem Roman kein sicherer Besitz, sondern etwas, das man sucht und wieder verlieren kann.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: eine genaue Beobachtung an der Sprache, ein kurzes Zitat mit Seite, die Wirkung, die Einordnung ins Kapitel und am Ende der Bogen zum ganzen Roman. Kurze Zitate aus einem geschützten Roman sind für die Analyse erlaubt; lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag das Kapitel „Die Frau des Architekten“ auf und such die Wendung vom „Loch in ihre Ewigkeit“. Schreib einen Absatz: Was meint „Ewigkeit“ für diese Figur, und was hat das Loch hineingebohrt? Vergleiche kurz mit dem Kapitel „Der Rotarmist“.</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>„Ewigkeit“ steht für das Leben, das sie für immer friedlich am See führen wollte: das Haus, die Gäste, die Sommer. Das „Loch“ ist die Nacht bei Kriegsende, als der Offizier sie im Schrank fand. Seitdem ist diese Zeit nicht mehr heil.</p>\n<p>Im Kapitel „Der Rotarmist“ steht dieselbe Nacht aus seiner Sicht, mit seiner eigenen Geschichte von Verlust und Rache. Ein guter Absatz nennt beide Sichten und urteilt nicht vorschnell, sondern zeigt, was der Wechsel der Perspektive bewirkt.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Nenn Kapitel und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Kapitel ‚Die Schriftstellerin‘, S. 112)“. Bau kurze Halbsätze in deine eigenen Sätze ein.</p>\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Das Jahrhundert nacherzählen.</strong> Den Auszug kurz einordnen, dann an der Sprache arbeiten.</li>\n<li><strong>Die Zeitsprünge übersehen.</strong> Die Kapitelfolge ist nicht die Reihenfolge der Ereignisse.</li>\n<li><strong>Den Gärtner zum Erzähler machen.</strong> Er bleibt wortlos und erklärt nichts.</li>\n<li><strong>Figuren nur in Täter und Opfer sortieren.</strong> Der Architekt profitiert 1939 und muss später selbst fliehen; der Rotarmist ist Opfer und Täter.</li>\n<li><strong>Roman und Familiengeschichte gleichsetzen.</strong> Das Haus hat ein reales Vorbild, die Figuren sind trotzdem erzählt.</li>\n<li><strong>Lange Passagen abschreiben.</strong> Kurze Zitate mit Kapitel und Seite reichen.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->",
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      "short": "In der Strafkolonie: Zusammenfassung, Offizier, Reisender, Apparat, Deutung. Lernzettel fürs Abitur.",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Franz Kafka: <em>In der Strafkolonie</em> (1919)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Kafkas „In der Strafkolonie“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Ein Offizier führt einem Forschungsreisenden eine Hinrichtungsmaschine vor, die dem Verurteilten das Gebot, gegen das er verstoßen hat, zwölf Stunden lang in den Leib schreibt. Der Verurteilte kennt sein Urteil nicht und durfte sich nicht verteidigen, denn der Grundsatz des Offiziers lautet: „Die Schuld ist immer zweifellos.“ Der Reisende lehnt es ab, dem Offizier gegen den neuen Kommandanten zu helfen, der das alte Verfahren nicht mehr will. Daraufhin lässt der Offizier den Verurteilten frei, legt sich selbst in die Maschine und stirbt, als sie zerfällt. Am Ende besucht der Reisende das Grab des alten Kommandanten und verlässt die Insel allein.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „In der Strafkolonie“ im Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff. Ein Offizier erklärt einem Reisenden eine Hinrichtungsmaschine, und als der Reisende ablehnt, legt der Offizier sich selbst hinein.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Franz Kafka, <em>In der Strafkolonie</em>. Leistungskurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:kafka-strafkolonie -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>„In der Strafkolonie“ ist eine Erzählung von gut 60 Seiten im Erstdruck, ohne Kapitel. Nur einmal trennen drei Sternchen den Schluss im Teehaus vom Rest. Du zitierst deshalb mit der Seite deiner Ausgabe und einem Stichwort zur Stelle.</p>\n<p>Keine Figur hat einen Namen. Es gibt den Reisenden, den Offizier, den Verurteilten und den Soldaten, der ihn bewacht. Erzählt wird in der dritten Person, meist so, wie der Reisende das Geschehen sieht und abwägt. Er ist die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Perspektivfigur<span class=\"wort-erkl\">die Figur, durch deren Augen und Gedanken du das Geschehen meistens wahrnimmst</span></span>, nicht der Offizier und nicht das Opfer.</p>\n<p>Der Apparat hat drei Teile: das Bett, auf das der Verurteilte geschnallt wird, den Zeichner mit dem Räderwerk und dazwischen die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Egge<span class=\"wort-erkl\">eigentlich ein Ackergerät mit Zinken, das die Erde aufkratzt; hier ein Gestell aus Glas mit Nadeln</span></span>, die schreibt. Was der Offizier über den Apparat sagt, ist der größte Teil des Textes.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung nach Abschnitten</h4>\n<p>Seitenangaben nach dem Erstdruck von 1919.</p>\n<ul>\n<li><strong>Im Tal (S. 5 bis 8):</strong> Der Reisende ist auf Einladung des Kommandanten gekommen, um der Hinrichtung eines Soldaten zuzusehen. Außer ihm sind nur der Offizier, der Verurteilte in Ketten und ein Soldat da. Der Offizier hat den Apparat vorbereitet und schwitzt in seiner Uniform: Sie bedeute „die Heimat“.</li>\n<li><strong>Der Apparat (S. 8 bis 14):</strong> Den Apparat hat der frühere Kommandant erfunden, der auch die ganze Kolonie eingerichtet hat und inzwischen tot ist. Der Offizier erklärt Bett, Zeichner und Egge. Er spricht Französisch, das weder der Soldat noch der Verurteilte versteht.</li>\n<li><strong>Das Urteil (S. 14 bis 20):</strong> Dem Verurteilten soll „Ehre deinen Vorgesetzten!“ auf den Leib geschrieben werden. Er kennt sein Urteil nicht und weiß nicht einmal, dass er verurteilt ist. Er hat als Diener eines Hauptmanns nachts den Dienst verschlafen und sich gewehrt, als der Hauptmann ihn mit der Reitpeitsche schlug. Der Offizier hat das Urteil gleich nach der Anzeige geschrieben, ohne ihn anzuhören.</li>\n<li><strong>Wie die Egge schreibt (S. 20 bis 29):</strong> Die Egge ist aus Glas, damit jeder zusehen kann. Die Zeichnungen des alten Kommandanten, nach denen sie schreibt, kann der Reisende nicht lesen. Die Schrift soll den Mann erst nach zwölf Stunden töten; um die sechste Stunde, sagt der Offizier, entziffere er sie mit seinen Wunden.</li>\n<li><strong>Pannen (S. 29 bis 34):</strong> Der Verurteilte wird ausgezogen und festgeschnallt, ein Riemen reißt, am alten Filzstumpf im Mund erbricht er sich. Der Offizier klagt über den neuen Kommandanten, der kein Geld für Ersatzteile gibt. Dazwischen überlegt der Reisende, ob er sich einmischen darf.</li>\n<li><strong>Die Bitte (S. 34 bis 50):</strong> Der Offizier schwärmt von früher, als das ganze Tal voller Zuschauer war. Er fürchtet, der Kommandant wolle das Verfahren mithilfe des Reisenden abschaffen, und entwirft einen Plan für die Sitzung am nächsten Tag. Dann bittet er: „helfen Sie mir gegenüber dem Kommandanten!“</li>\n<li><strong>Das Nein (S. 50 bis 52):</strong> Der Reisende sagt „Nein.“ Er sei ein Gegner des Verfahrens und werde das dem Kommandanten unter vier Augen sagen; er reise schon am nächsten Morgen ab.</li>\n<li><strong>Der Offizier unter der Egge (S. 52 bis 61):</strong> Der Offizier sagt zum Verurteilten: „Du bist frei“. Er stellt das Blatt „Sei gerecht!“ ein, zieht sich aus, zerbricht seinen Degen und legt sich unter die Egge. Soldat und Verurteilter schnallen ihn an. Die Maschine läuft von selbst an, ganz lautlos.</li>\n<li><strong>Der Zerfall (S. 61 bis 65):</strong> Zahnräder fallen aus dem Zeichner, die Egge schreibt nicht mehr, sie sticht nur. Der Reisende ruft „Helft doch!“ und will den Offizier von den Nadeln heben. Im Gesicht der Leiche findet er kein Zeichen der versprochenen Erlösung.</li>\n<li><strong>Teehaus und Abfahrt (S. 65 bis 69):</strong> Der Soldat zeigt dem Reisenden das Grab des alten Kommandanten unter einem Tisch im Teehaus. Die Inschrift sagt voraus, er werde auferstehen und die Kolonie zurückerobern. Der Reisende geht zum Hafen. Soldat und Verurteilter laufen ihm nach, doch er hält sie mit einem schweren Tau davon ab, ins Boot zu springen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Der Reisende</strong>: ein angesehener Forscher mit Empfehlungen hoher Ämter, erst seit Kurzem auf der Insel. Er lehnt das Verfahren ab, will sich aber lange nicht einmischen.</li>\n<li><strong>Der Offizier</strong>: Richter der Kolonie („Trotz meiner Jugend.“, S. 18), Bediener und letzter offener Anhänger der Maschine. Er verehrt den alten Kommandanten und trägt dessen Zeichnungen bei sich.</li>\n<li><strong>Der Verurteilte</strong>: ein Soldat, als Diener einem Hauptmann zugeteilt. Er versteht die Sprache des Offiziers nicht.</li>\n<li><strong>Der Soldat</strong>: bewacht den Verurteilten und freundet sich mit ihm an.</li>\n<li><strong>Der alte Kommandant</strong>: tot, aber in allem gegenwärtig. Der Reisende fragt, ob er „Soldat, Richter, Konstrukteur, Chemiker, Zeichner“ war, und der Offizier antwortet: „Jawohl“.</li>\n<li><strong>Der neue Kommandant</strong> und seine Damen: Sie treten nie auf. Alles, was du über sie liest, sagt der Offizier.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Recht ohne Verfahren.</strong> Der Offizier ist Richter und Vollstrecker zugleich. Sein Grundsatz: „Die Schuld ist immer zweifellos.“ Den Verurteilten anzuhören, hält er für schädlich: „Hätte ich den Mann zuerst vorgerufen und ausgefragt, so wäre nur Verwirrung entstanden.“ (S. 18 f.). Es gibt keine Anklage, keine Verteidigung und keine höhere Instanz.</li>\n<li><strong>Erkenntnis durch Schmerz.</strong> Das Urteil wird nicht verkündet: „Er erfährt es ja auf seinem Leib.“ (S. 16). Lesen kann man die Schrift nicht mit den Augen, sondern nur, so der Offizier, „mit seinen Wunden“ (S. 28 f.). Deutung: Das Gesetz ist eine Schrift, die niemand von außen lesen kann; auch der Reisende sagt vor den Zeichnungen nur: „Ich kann nicht“ (S. 25).</li>\n<li><strong>Der Reisende zwischen Urteil und Zurückhaltung.</strong> Er weiß: „Die Ungerechtigkeit des Verfahrens und die Unmenschlichkeit der Exekution war zweifellos.“ Und doch denkt er: „Es ist immer bedenklich, in fremde Verhältnisse entscheidend einzugreifen.“ (S. 32). Er sagt klar „Nein“, aber nur unter vier Augen will er sein Urteil aussprechen. Deutung: Sein Nein ist mutig und folgenlos zugleich; den Verurteilten lässt nicht er frei, sondern der Offizier.</li>\n<li><strong>Die alte Ordnung als Glaube.</strong> Der Offizier spricht über die Hinrichtungen wie über einen Gottesdienst: „alle wussten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit“ und „Wie nahmen wir alle den Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten Gesicht“ (S. 37 f.). Auf dem Grabstein steht eine Prophezeiung und die Aufforderung „Glaubet und wartet!“ (S. 68). Deutung: Das alte Recht wird wie eine Religion verehrt, die auf Wiederkehr hofft.</li>\n<li><strong>Die Maschine versagt an ihrem Diener.</strong> Unter der Egge stirbt der Offizier nicht so, wie er es beschrieben hat: „das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord.“ (S. 64). In seinem Gesicht ist „kein Zeichen der versprochenen Erlösung“ (S. 65). Deutung: Das Verfahren hält nicht, was es verspricht, nicht einmal für den, der als Einziger noch daran glaubt.</li>\n<li><strong>Grausamkeit im sachlichen Ton.</strong> Schon der erste Satz stellt die Maschine vor, nicht den Menschen: „Es ist ein eigentümlicher Apparat,“ (S. 5). Der Offizier erklärt Blutrinnen und Watte wie ein Ingenieur, und der Erzähler kommentiert nicht. Gerade dieser nüchterne Ton macht die Gewalt für dich als Leserin oder Leser spürbar.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Kafka (1883 bis 1924) schrieb die Erzählung im Oktober 1914, in der Zeit, in der er am Roman „Der Process“ arbeitete, wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs.</li>\n<li>Am 10. November 1916 las er die noch unveröffentlichte Erzählung in der Galerie Hans Goltz in München vor.</li>\n<li>Gedruckt wurde sie 1919 als eigenes Buch im Kurt Wolff Verlag in Leipzig.</li>\n<li>„Der Process“ ist ein anderes Werk mit anderen Figuren. Vergleiche nur, wenn eine Aufgabe es verlangt.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>„In der Strafkolonie“ gehört zum möglichen Prüfungsstoff, neben anderen Ganzschriften. Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine aus. Bei mehrteiligen Aufgaben steht an jeder Teilaufgabe eine Prozentangabe, wie stark sie zählt. Arbeitszeit 315 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit.</p>\n<p>Mit einer Ganzschrift kann eine Aufgabe auf zwei Arten verbunden sein. Bei der Interpretation deutest du einen Text, den du nicht aus dem Unterricht kennst, und vergleichst ihn mit dem Werk oder beziehst dich darauf. Bei der Erörterung literarischer Texte ist die These oder strittige Frage vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext. In beiden Fällen steht dir die Ganzschrift zur Verfügung.</p>\n<p>Hilfsmittel: das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung und für bestimmte Aufgaben die Textausgabe der Ganzschrift. Darin dürfen keine unzulässigen Eintragungen stehen, und zusätzliche Materialien in der Ausgabe darfst du nicht benutzen. Was in deiner Ausgabe dazu zählt, frag deine Lehrkraft.</p>\n<p>Bewertet wird die Arbeit als Ganzes: Die Notenpunkte ergeben sich aus einer Gesamtwürdigung, begründet in einem Gutachten nach festen Kriterien. Das Kultusministerium schreibt dazu, die Arbeit verlange eine geschlossene Darstellung, und die Ganzschrift diene zur Orientierung und als Quelle für Verweise und wörtliche Zitate.</p>\n<p>Nur im Leistungskurs: „In der Strafkolonie“ steht nur auf der Liste des Leistungskurses, nicht im Grundkurs.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a>; <a href=\"https://www.schule.sachsen.de/gymnasium-4701.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kultusministerium, Hinweise zum Grund- und Leistungskurs Deutsch</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Der Reisende ist der eigentlich Schuldige der Erzählung.“ Erörtern Sie diese These mit Bezug auf Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt eine Erzählung wie diese meist so vor: Du interpretierst einen Auszug oder einen fremden Text und beziehst ihn auf die Erzählung, oder du erörterst eine These, etwa über die Rolle des Reisenden. Nacherzählen sollst du nie. Du ordnest die Stelle ein und arbeitest am Text.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Der tote Offizier (S. 65)</span>\n<p>„Hiebei sah er fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des grossen eisernen Stachels.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Die Maschine ist zerfallen, der Offizier hängt tot an den Nadeln. Der Reisende versucht, ihn herunterzuheben.</li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Ein einziger langer Satz, nur durch Strichpunkte gegliedert. Er beschreibt das Gesicht Stück für Stück und endet mit dem Stachel.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die versprochene Verklärung bleibt aus; der Satz nimmt dem Ende jede Feierlichkeit.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Der Offizier hatte die Erleuchtung um die sechste Stunde als Höhepunkt des Verfahrens geschildert.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Der Blick auf die Leiche widerlegt die Verheißung, mit der der Offizier seine Maschine verteidigt hat. Der Reisende sieht „fast gegen Willen“ hin, und der Erzähler hält in einem einzigen, durch Strichpunkte gestauten Satz fest, was er findet: „kein Zeichen der versprochenen Erlösung“. Das Gesicht ist, „wie es im Leben gewesen war“, also unverändert. Die Gegenüberstellung („was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht“) betont den Ausschluss gerade dessen, der als Einziger noch an das Verfahren glaubt. Dass der Blick „ruhig und überzeugt“ bleibt, kann man doppelt lesen: als Treue zu seiner Überzeugung bis in den Tod oder als Zeichen, dass er nichts begriffen hat. Der Satz endet nicht mit einem Urteil des Erzählers, sondern mit dem nüchternen Detail des „eisernen Stachels“ in der Stirn. So bleibt die Bewertung bei dir, und die Gewalt wirkt umso schärfer.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er bleibt nah am Text, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, erklärt die Wirkung von Satzbau und Wortwahl, verbindet die Stelle mit dem ganzen Text und nennt zwei Lesarten. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>S. 32: „Der Reisende überlegte: Es ist immer bedenklich, in fremde Verhältnisse entscheidend einzugreifen. Er war weder Bürger der Strafkolonie, noch Bürger des Staates, dem sie angehörte. Wenn er diese Exekution verurteilen oder gar hintertreiben wollte, konnte man ihm sagen: Du bist ein Fremder, sei still.“ Schreib einen Absatz: Wie begründet der Reisende seine Zurückhaltung, und wie passt das zu seinem späteren Nein?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Reisende argumentiert formal: Er ist kein Bürger der Kolonie und nicht des Staates, dem sie gehört. Den Einwand gegen sich selbst formuliert er gleich mit („Du bist ein Fremder, sei still“). Die Erzählweise zeigt hier sein Denken von innen, ohne es zu bewerten.</p>\n<p>Gleich danach heißt es, die Ungerechtigkeit des Verfahrens sei „zweifellos“, also mit demselben Wort, mit dem der Offizier die Schuld des Verurteilten begründet. Später sagt der Reisende klar „Nein“, will seine Meinung aber nur unter vier Augen sagen und reist ab. Gute Absätze zeigen diese Spannung: Er urteilt richtig, handelt aber vorsichtig, und gerettet wird der Verurteilte nicht von ihm, sondern vom Offizier.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Wir zitieren nach dem Erstdruck: Franz Kafka, In der Strafkolonie, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1919 (auf Wikisource), mit dessen Seitenzahlen und Schreibweise („gross“, „wusste“, Komma vor dem schließenden Anführungszeichen). In deiner Ausgabe stehen andere Seiten. Gib die Seite deiner Ausgabe und ein Stichwort an, zum Beispiel: „Die Schuld ist immer zweifellos.“ (S. … deiner Ausgabe, Erklärung des Falls).</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>„Der Process“ hineinmischen.</strong> Hier gibt es keinen Josef K. Vergleiche nur, wenn die Aufgabe es verlangt.</li>\n<li><strong>Den Reisenden zum Retter machen.</strong> Er sagt Nein, aber den Verurteilten lässt der Offizier frei, und am Ende hält der Reisende die beiden vom Boot fern.</li>\n<li><strong>Behaupten, der Reisende greife nie ein.</strong> Als die Maschine zerfällt, will er den Offizier retten und ruft „Helft doch!“.</li>\n<li><strong>Den neuen Kommandanten als handelnde Figur beschreiben.</strong> Er tritt nie auf. Schreib dazu, dass alles über ihn vom Offizier kommt.</li>\n<li><strong>Die Maschine nur als Symbol abtun.</strong> Zeig zuerst, wie sie beschrieben wird. Eine Deutung trägt nur, wenn du sie am Ton belegst.</li>\n<li><strong>Eine Deutung als Inhalt ausgeben.</strong> Ob die Erzählung von Kolonialismus, Krieg oder Religion handelt, steht nicht im Text. Schreib „lässt sich lesen als“.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
    },
    {
      "id": "sn-de-abitur-medea",
      "cat": "Abitur 2027",
      "title": "Medea-Stoff: Euripides und Wolf (LK)",
      "short": "Medea bei Euripides und Christa Wolf: Zusammenfassung, Vergleich, Deutung. Lernzettel fürs Abitur.",
      "cardType": "theme",
      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Medea-Stoff: Euripides und Christa Wolf</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung vergleichst du die beiden Medea-Texte an einer Stelle oder These; Punkte gibt es dafür, dass du den Unterschied am Text belegst, nicht fürs Nacherzählen. In der Tragödie des Euripides ist Medea eine Fremde in Korinth, die Jason für die Tochter des Königs verlässt; sie tötet die Braut und König Kreon mit vergifteten Geschenken, dann ihre eigenen zwei Söhne, und entkommt auf dem Wagen des Sonnengottes nach Athen. In Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“ von 1996 sprechen sechs Figuren in elf Monologen, und Medea ist keine Mörderin: Sie entdeckt, dass Kreon seine ältere Tochter Iphinoe hat töten lassen, wird zum Sündenbock gemacht und verbannt. Die Korinther steinigen ihre Söhne und erzählen danach, Medea habe sie selbst getötet. Im Vergleich geht es deshalb um zwei Fragen: Wer tut die Tat, und wer erzählt sie?</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehören im Leistungskurs zwei Ganzschriften zum möglichen Prüfungsstoff: die antike Tragödie und Wolfs Roman. Bei Euripides tötet Medea die Kinder, bei Wolf töten die Korinther sie.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Der Medea-Stoff: Euripides, <em>Medea</em>; Christa Wolf, <em>Medea. Stimmen</em>. Leistungskurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:medea-euripides-wolf -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Stoff<span class=\"wort-erkl\">eine Geschichte mit festen Figuren und Ereignissen, die viele Autoren neu erzählen</span></span> wird hier zweimal erzählt. Euripides hat eine Tragödie für die Bühne geschrieben, in Versen. Neben den Figuren steht ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Chor<span class=\"wort-erkl\">Gruppe, die im antiken Drama das Geschehen kommentiert; hier Frauen aus Korinth</span></span>. Was hinter der Szene passiert, erzählt ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Botenbericht<span class=\"wort-erkl\">ein Bote berichtet auf der Bühne, was anderswo geschehen ist, oft Gewalt, die man nicht sieht</span></span>.</p>\n<p>Christa Wolf hat einen Roman geschrieben, der nur aus Monologen besteht. Jedes Kapitel ist eine „Stimme“: Medea, Jason, Agameda, Akamas, Glauke und Leukon erzählen nacheinander, jede Figur aus ihrer Sicht. Keine Stimme hat die ganze Wahrheit. Du setzt die Geschichte aus den Stimmen zusammen.</p>\n<p>Zitieren heißt deshalb zweimal etwas anderes: bei Euripides mit Vers, bei Wolf mit Stimme (Kapitel) und Seite deiner Ausgabe.</p>\n</div>\n\n<h4>Euripides, Medea: die Handlung in Szenen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Prolog:</strong> Die Amme klagt vor dem Haus in Korinth: Jason hat Medea und die Kinder verlassen und freit die Tochter Kreons. Sie fürchtet, Medea brüte „über etwas Schrecklichem“. Der Erzieher bringt das Gerücht, Kreon wolle Mutter und Kinder aus dem Land treiben.</li>\n<li><strong>Medea und der Chor:</strong> Medea tritt vor die Frauen von Korinth und spricht über das Los der Frauen: Sie würde lieber dreimal in der Schlacht stehen, als einmal ein Kind zu gebären. Sie bittet den Chor, über ihre Rache zu schweigen.</li>\n<li><strong>Kreon:</strong> Er verbannt Medea, weil er sie fürchtet. Sie erbittet „den einen Tag“ Aufschub und bekommt ihn.</li>\n<li><strong>Jason:</strong> Er nennt die neue Ehe einen klugen Schritt, auch für die Kinder. Medea zählt auf, was sie für ihn getan und verraten hat.</li>\n<li><strong>Aigeus:</strong> Der kinderlose König von Athen schwört, Medea aufzunehmen. Jetzt hat sie einen Fluchtort und legt dem Chor ihren Plan offen: die Braut vergiften und die eigenen Kinder töten.</li>\n<li><strong>Die Täuschung:</strong> Medea spielt Jason Versöhnung vor. Die Söhne bringen der Braut ein Kleid und einen goldenen Kranz, beide vergiftet.</li>\n<li><strong>Medeas großer Monolog:</strong> Der Erzieher meldet, die Gaben seien angenommen. Medea schwankt vor den Kindern, will sie mitnehmen, entscheidet sich dann doch für die Tat.</li>\n<li><strong>Botenbericht:</strong> Kranz und Kleid verbrennen die Königstochter. Kreon umarmt die Tote und stirbt am selben Gift.</li>\n<li><strong>Der Kindsmord:</strong> Medea geht ins Haus. Man hört die Söhne schreien. Der Chor fragt, ob er hineinstürmen soll, und tut es nicht.</li>\n<li><strong>Schluss:</strong> Jason kommt, um die Kinder vor der Rache der Verwandten Kreons zu retten. Medea erscheint auf einem Wagen, den ihr Großvater Helios geschickt hat, mit den toten Kindern. Sie verweigert Jason die Leichen, will sie im Heiligtum der Hera begraben, stiftet Korinth ein Fest zur Sühne und zieht zu Aigeus nach Athen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Christa Wolf, Medea. Stimmen: die Handlung nach Stimmen</h4>\n<ul>\n<li><strong>1. Medea:</strong> Nach einem Fest im Palast liegt Medea im Fieber. Sie ist der Königin Merope in einen Gang gefolgt und hat das Skelett eines Kindes ertastet: Iphinoe, Kreons erste Tochter.</li>\n<li><strong>2. Jason:</strong> In Korinth heißt es, Medea habe in Kolchis ihren Bruder Absyrtos getötet. Jason fürchtet um seine Stellung und erinnert sich an die Fahrt nach dem Goldenen Vlies.</li>\n<li><strong>3. Agameda:</strong> Medeas frühere Schülerin hasst sie. Mit dem ersten Astronomen Akamas und mit Presbon verbreitet sie das Gerücht vom Brudermord.</li>\n<li><strong>4. Medea:</strong> Sie erzählt die Wahrheit über Kolchis: König Aietes hat seinen Sohn töten lassen, um an der Macht zu bleiben. Sie erkennt dasselbe Verbrechen in Korinth.</li>\n<li><strong>5. Akamas:</strong> Er verteidigt den Tod Iphinoes als nötig für den Staat und will Medea loswerden, damit Jason Glauke heiraten kann.</li>\n<li><strong>6. Glauke:</strong> Kreons jüngere Tochter leidet an Anfällen. Medea hilft ihr, sich zu erinnern, wie Iphinoe nachts weggeführt wurde. Kreon verbietet den Kontakt.</li>\n<li><strong>7. Leukon:</strong> Der zweite Astronom ist Medeas Freund, tritt aber nicht für sie ein. Nach einem Erdbeben bricht die Pest aus, und die Stadt sieht in der Fremden die Schuldige.</li>\n<li><strong>8. Medea:</strong> Im Gefängnis erinnert sie sich an das Fest, bei dem Agameda sie öffentlich angriff, und an die Nacht, in der Kolcherinnen Akamas' Gehilfen Turon verstümmelten. Man klagt Medea als Anstifterin an.</li>\n<li><strong>9. Jason:</strong> Der Prozess steht im Ergebnis vorher fest. Medea wird verbannt, die Söhne sollen in Korinth bleiben.</li>\n<li><strong>10. Leukon:</strong> Glauke stirbt in einem Brunnen des Palastes, in dem Kleid, das Medea ihr geschenkt hat. Akamas erklärt ihren Tod zum Giftmord Medeas. Die Korinther steinigen Medeas Söhne.</li>\n<li><strong>11. Medea:</strong> In der Verbannung erfährt Medea Jahre später, dass Korinth sie als Kindsmörderin hinstellt und alle sieben Jahre an die toten Söhne erinnern lässt. Sie fragt, ob es eine Welt gibt, in die sie passt, und verflucht Korinth.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Medea:</strong> bei Euripides Königstochter aus Kolchis, Enkelin des Helios, Täterin und Verratene zugleich. Bei Wolf Heilerin, stolz, unangepasst, Opfer einer Intrige.</li>\n<li><strong>Jason:</strong> bei Euripides der Mann, der sich durch die neue Ehe verbessern will und Medea rät, sich „vernünftiger“ zu zeigen. Bei Wolf einer, der sich anpasst und Medea nicht verteidigt.</li>\n<li><strong>Kreon:</strong> bei Euripides der König, der Medea aus Angst verbannt. Bei Wolf der König, der seine Tochter Iphinoe töten ließ.</li>\n<li><strong>Die Königstochter:</strong> bei Euripides ohne Namen und ohne Auftritt; in Inhaltsangaben heißt sie oft Glauke. Bei Wolf heißt sie Glauke und hat eine eigene Stimme.</li>\n<li><strong>Nur bei Euripides:</strong> Aigeus, die Amme, der Erzieher, der Bote, der Chor.</li>\n<li><strong>Nur bei Wolf:</strong> Agameda, Akamas und Leukon als Stimmen, dazu Medeas Ziehschwester Lyssa, Königin Merope, Presbon, Turon und Medeas Geliebter Oistros.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Wer tötet die Kinder.</strong> Bei Euripides sagt Medea es selbst: „meine eignen Kinder muß / Ich töten. Niemand lebet, der sie retten kann!“ (V. 792 f.). Bei Wolf töten die Korinther die Kinder, und erst die Erzählung der Stadt macht Medea zur Mörderin (Stimmen 10 und 11). Das ist der Kern des Vergleichs.</li>\n<li><strong>Warum Medea tötet.</strong> Euripides gibt mehrere Gründe. Sie will Jason treffen: „Ja, weil ich so am tiefsten kränke meinen Mann!“ (V. 817). Sie will nicht verlacht werden: „Verhöhnt mich sehn von Feinden, Beste, duld ich nicht“ (V. 797). Und sie glaubt, die Kinder seien ohnehin verloren: „Ganz unabwendbar ist ihr Tod, und weil er's ist, / Will ich sie töten, die sie auch geboren hat“ (V. 1240 f.). Wolf braucht kein Motiv für Medea, sie fragt nach dem Motiv der Stadt: Wer das Geheimnis um Iphinoe kennt, muss weg.</li>\n<li><strong>Leidenschaft gegen Einsicht.</strong> Am Ende ihres Monologs sagt Medea: „Wohl fühl ich's, welch ein Leid ich anzurichten geh, / Doch mächtger als die Einsicht ist die Leidenschaft“ (V. 1078 f.). Euripides zeigt also eine Frau, die weiß, was sie tut. Deutung: Wolfs Medea ist dagegen die Vernünftige unter Unvernünftigen; nicht ihr Zorn, sondern die Angst der Stadt treibt die Handlung.</li>\n<li><strong>Die Fremde.</strong> Bei Euripides sagt Medea zum Chor: „Ich bin verlassen, ohne Heimat“, und Jason erinnert sie, er habe sie aus „wildem Land und Volk“ ins „schöne Griechenland“ geholt (Schlussszene). Bei Wolf wird die Kolcherin in der Pest zur Schuldigen (Stimme 7). Beide Texte zeigen Fremdheit; bei Wolf wird daraus der Mechanismus des <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Sündenbocks<span class=\"wort-erkl\">jemand, dem eine Gemeinschaft die Schuld zuschiebt, um sich selbst zu entlasten</span></span>.</li>\n<li><strong>Der Bruder.</strong> Jason wirft Medea bei Euripides vor: „deinen Bruder schlugst du tot am Vaterherd“ (V. 1334). Wolf dreht genau diesen Vorwurf um: Aietes ließ Absyrtos töten, und das Gerücht vom Brudermord ist eine Intrige von Agameda und Akamas (Stimmen 3 und 4).</li>\n<li><strong>Wie aus einer Tat eine Geschichte wird.</strong> Bei Euripides stiftet Medea selbst für Korinth „heilger Dienst und Opferweih“ für den „hier begangnen Greuelmord“ (V. 1381 bis 1383). Bei Wolf lässt Korinth alle sieben Jahre an Medeas Söhne erinnern, damit jeder glaubt, sie sei die Mörderin (Stimme 11). Deutung: Wolf erzählt, wie ein Ritual eine Lüge festschreibt. Damit kommentiert ihr Roman auch den Text des Euripides.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Euripides' „Medea“ wurde 431 v. Chr. in Athen aufgeführt.</li>\n<li>Antike Erklärungen zum Stück (die Scholien) überliefern ältere Fassungen, in denen Korinther die Kinder töten und Medea die Tat zuschieben. Viele Forscher halten deshalb den Kindsmord durch Medea für eine Neuerung des Euripides. Wolfs Roman greift diese Spur auf.</li>\n<li>Christa Wolf (aus der DDR) veröffentlichte „Medea. Stimmen“ 1996, nach ihrer Erzählung „Kassandra“, also wieder eine Frauenfigur aus der griechischen Sage. Deutung: Viele lesen das bescheidene Kolchis als Anspielung auf die DDR und das reiche Korinth als Anspielung auf die Bundesrepublik nach 1990. Nimm das als Lesart, nicht als Gleichung.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>„Der Medea-Stoff“ gehört im Leistungskurs zum möglichen Prüfungsstoff, mit zwei Ganzschriften: Euripides, „Medea“, und Christa Wolf, „Medea. Stimmen“. Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine davon aus. Mögliche Aufgabenarten sind unter anderem die Interpretation und die Erörterung literarischer Texte, Mischformen sind möglich.</p>\n<p>Eine Variante: Du interpretierst einen Text, den du nicht aus dem Unterricht kennst, und vergleichst ihn mit einem längeren Werk aus dem Unterricht oder beziehst dich darauf. Dann liegt dir die Ganzschrift vor. Bei der Erörterung literarischer Texte ist die These oder strittige Frage entweder vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext; auch dann stehen dir die entsprechenden Ganzschriften zur Verfügung.</p>\n<p>Zugelassen sind Textausgaben der Ganzschriften für bestimmte Aufgaben, ohne unzulässige Eintragungen. Zusatzmaterial, das in deiner Ausgabe steht, darfst du nicht benutzen. Dazu kommt das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung. Arbeitszeit im Leistungskurs 315 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit. Bewertet wird in einer Gesamtwürdigung, begründet durch ein kriteriengestütztes Gutachten.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie den vorliegenden Textauszug. 2. Vergleichen Sie die Darstellung der Medea-Figur darin mit Euripides' „Medea“ und Christa Wolfs „Medea. Stimmen“, besonders die Frage, wer am Tod der Kinder schuld ist.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Christa Wolf entlastet Medea, indem sie die Stadt Korinth belastet.“ Erörtern Sie diese These mit Blick auf beide Texte.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt der Stoff oft so vor: Du interpretierst einen Auszug aus einer der beiden Fassungen und vergleichst ihn mit der anderen, oder du erörterst, wie Wolf die Schuldfrage neu stellt. Zwei Inhaltsangaben hintereinander sind noch kein Vergleich.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Euripides, nach dem Botenbericht (Übersetzung J. A. Hartung)</span>\n<p>MEDEA: „Entschieden bin ich, Beste, jetzt die Kinder rasch / Zu töten und dann fortzueilen aus dem Land. / Ich will durch Zaudern meine Kinder nicht zum Mord / Preisgeben einer andern rachedürstgen Hand. / Ganz unabwendbar ist ihr Tod, und weil er's ist, / Will ich sie töten, die sie auch geboren hat.“ (V. 1236 bis 1241)</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Der Bote hat gerade den Tod der Königstochter und Kreons gemeldet. Jetzt ist klar, dass Korinth Rache nehmen wird.<em>Der Auszug folgt direkt auf den Botenbericht, kurz vor dem Kindsmord.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Medea spricht von „einer andern rachedürstgen Hand“. Sie rechnet damit, dass andere die Kinder töten würden.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Die Tat wird zur Wahl zwischen zwei Mördern. Medea beansprucht das Recht der Mutter, „die sie auch geboren hat“.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen und zu Wolf:</strong> Genau diese andere Hand führt bei Wolf die Tat aus.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Nach dem Botenbericht begründet Medea den Kindsmord nicht mehr nur mit Rache an Jason, sondern mit einer Zwangslage. Sie will die Kinder „nicht zum Mord / Preisgeben einer andern rachedürstgen Hand“ (V. 1238 f.), weil die Korinther den Tod ihres Königs rächen werden. Der Satz „Ganz unabwendbar ist ihr Tod“ (V. 1240) macht aus der Tat scheinbar eine Notwendigkeit, und mit „die sie auch geboren hat“ (V. 1241) beansprucht Medea, über Leben und Tod der Kinder selbst zu bestimmen. Euripides lässt damit offen, wie viel hier Logik und wie viel Selbsttäuschung ist; kurz vorher hatte Medea gestanden, die „Leidenschaft“ sei „mächtger als die Einsicht“ (V. 1079). Christa Wolf nimmt die Furcht vor „einer andern rachedürstgen Hand“ beim Wort: In ihrem Roman steinigen die Korinther die Söhne, und erst ihre Erzählung macht Medea zur Mörderin (Stimmen 10 und 11). Was bei Euripides eine Befürchtung Medeas ist, wird bei Wolf zur verdeckten Wahrheit. So verschiebt Wolf die Schuld von der Mutter auf die Stadt, die ihre eigene Gewalt verschweigt.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er bleibt nah an einer Stelle, baut kurze Zitate ein, deutet sie, schlägt den Bogen zur Gegenfassung und hält eine Vergleichsachse (wer tötet, wer erzählt). Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für einen guten Vergleich. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Euripides, Schlussszene. Jason zu Medea: „Denn deinen Bruder schlugst du tot am Vaterherd, / Bevor du ins schönbordge Schiff der Argo stiegst.“ (V. 1334 f.). Schlag dazu bei Wolf das vierte Kapitel auf, Medeas zweite Stimme. Schreib einen Absatz: Wie verändert Wolf den Vorwurf des Brudermords, und was bedeutet das für die Frage, wem man Medeas Geschichte glauben soll?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Bei Euripides ist der Brudermord für Jason ein Beweis, dass Medea schon immer grausam war; er nennt ihn als Anfang einer Reihe von Taten („In solcher Art begannst du“). Die Bühne widerspricht ihm nicht.</p>\n<p>Bei Wolf erzählt Medea in ihrer zweiten Stimme, dass ihr Vater Aietes Absyrtos töten ließ, um an der Macht zu bleiben. Der Vorwurf des Brudermords ist in Korinth ein Gerücht, das Agameda und Akamas gezielt verbreiten (drittes Kapitel, Agameda). Ein guter Absatz zeigt: Wolf macht aus einem Fakt der Überlieferung eine Verleumdung und lenkt den Blick darauf, wer ein Interesse daran hat, Medea schuldig zu machen.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Euripides zitieren wir in der gemeinfreien Übersetzung von Johann Adam Hartung (Text bei zeno.org nach: Griechische Tragiker, München 1958). Die Verszahlen folgen dem griechischen Text; deine Übersetzung kann anders zählen und anders formulieren, nimm deshalb immer Wortlaut und Vers deiner Ausgabe. Bei Wolf nennst du Stimme und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Leukon, 10. Kapitel)“ und dahinter die Seite, und zitierst nur kurze Wendungen.</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Zwei Inhaltsangaben hintereinander.</strong> Halte eine Achse fest, etwa: Wer tötet, und wer erzählt die Tat?</li>\n<li><strong>Wolfs Medea auch die Kinder töten lassen.</strong> Bei Wolf steinigen die Korinther die Söhne.</li>\n<li><strong>Glauke bei Wolf am Giftkleid sterben lassen.</strong> Sie stirbt im Brunnen; erst Akamas macht daraus einen Giftmord.</li>\n<li><strong>Eine bessere Medea küren.</strong> Frag, wie die Form (eine Bühne mit Chor oder elf Stimmen) die Schuldfrage verschiebt.</li>\n<li><strong>Die DDR-Lesart als Tatsache hinstellen.</strong> Schreib „lässt sich lesen als“.</li>\n<li><strong>Verse ohne Ausgabe.</strong> Übersetzungen zählen verschieden; nenn deine.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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      "short": "In seiner frühen Kindheit ein Garten: Zusammenfassung, Richard und Oliver Zurek, Deutung. Lernzettel fürs Abitur.",
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Christoph Hein: <em>In seiner frühen Kindheit ein Garten</em> (2005)</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung bekommst du zu Heins „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ eine Textstelle oder eine These und sollst sie am Text deuten; Punkte gibt es für Belege und Deutung, nicht fürs Nacherzählen. Im Roman (2005) stirbt der bundesweit gesuchte Terrorist Oliver Zurek auf dem Bahnhof von Kleinen bei einem Schusswechsel mit Beamten des Grenzschutzes. Die Behörden sprechen von Selbstmord, Zeugen sagen etwas anderes, der Innenminister tritt zurück, und trotzdem wird das Ermittlungsverfahren nach wenigen Monaten eingestellt. Erzählt wird nicht die Tat, sondern was sie mit Olivers Eltern macht. Der Vater Richard, ein pensionierter Schuldirektor, geht jahrelang den Rechtsweg und verliert dabei den Glauben an den Staat, dem er sein Leben lang gedient hat. Am Ende widerruft er vor Schülern und Lehrern seinen Amtseid.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ im Grundkurs zum möglichen Prüfungsstoff. Der gesuchte Terrorist Oliver Zurek stirbt auf dem Bahnhof von Kleinen, und sein Vater, ein pensionierter Schuldirektor, sucht jahrelang die Wahrheit.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Christoph Hein, <em>In seiner frühen Kindheit ein Garten</em>. Grundkurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:hein-garten -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Der Roman hat 23 nummerierte Kapitel. Erzählt wird in der Er- und Sie-Form, ganz nah an den Eltern Richard und Friederike Zurek. Oliver selbst tritt nur in ihren Erinnerungen, in Akten, Zeitungen und seinen Tagebüchern auf.</p>\n<p>Vorbild ist ein echter Fall: Im Juni 1993 starb das RAF-Mitglied Wolfgang Grams bei einem Einsatz der Spezialeinheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Ein Polizist wurde dabei erschossen. Die Ermittler kamen zu dem Ergebnis, dass Grams sich selbst erschossen hat; ganz aufgeklärt wurde der Ablauf nie. Im Roman heißen alle Personen anders. Im Vorspann steht: „Die namentlich genannten Personen des Romans sind frei erfunden.“</p>\n<p>Zwei Wörter brauchst du gleich am Anfang. Die <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">RAF<span class=\"wort-erkl\">Rote Armee Fraktion, eine linksextreme Terrorgruppe in der Bundesrepublik, die Anschläge und Morde verübte</span></span> ist die Gruppe, zu der Oliver gehört. Den <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Amtseid<span class=\"wort-erkl\">Schwur, den Beamte zu Beginn ablegen: Sie versprechen, Verfassung und Gesetze zu achten</span></span> hat Richard als Lehrer geschworen. Genau den nimmt er am Schluss zurück.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in drei Zeitschichten</h4>\n<p>Der Roman beginnt fünf Jahre nach Olivers Tod, springt dann zurück in die Zeit direkt danach und kehrt am Ende in die Gegenwart zurück.</p>\n<ul>\n<li><strong>Kapitel 1 bis 3, fünf Jahre danach:</strong> Richard ist nervös und geht kaum noch aus dem Haus. Im Lokal „Der Bahnhof“ spricht er mit Ronald Plöger, einem früheren Schüler und Schulfreund Olivers. In seinem Arbeitszimmer stehen statt Lexika jetzt Ordner: Briefe an Behörden und an den Anwalt Feuchtenberger, Schreiben der Staatsanwaltschaft, Zeitungsartikel.</li>\n<li><strong>Kapitel 4 bis 11, die Zeit nach dem Tod:</strong> Laut Polizei hat Oliver erst einen Beamten erschossen und dann sich selbst. Zeugen widersprechen. Der Innenminister tritt zurück, der Generalbundesanwalt wird in den Ruhestand versetzt. Die Boulevardpresse schreibt über die Mutter als „Die Mutter eines Monsters“. Die Tochter Christin gibt dem Bruder die Schuld. Aus Olivers Tagebüchern lernen die Eltern ihren Sohn neu kennen. Nach der Beerdigung wird das Verfahren eingestellt; Richard legt mit Feuchtenberger Beschwerde ein.</li>\n<li><strong>Die folgenden Kapitel:</strong> Die Zureks versuchen weiterzuleben, doch der Streit mit Christin hört nicht auf. Olivers Freundin Katharina Blumenschläger wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Richard zweifelt an allem, was er seinen Schülern über den Staat beigebracht hat.</li>\n<li><strong>Kapitel 21 bis 23, die Gegenwart:</strong> Die Eltern klagen. Das Gericht weist die Klage ab, weil sich weder eine Selbsttötung noch eine Tötung durch die Beamten beweisen lässt. Im letzten Kapitel spricht Richard in der Aula seiner alten Schule vor Schülern und Lehrern und widerruft seinen Amtseid.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Richard Zurek:</strong> früher Lehrer für Deutsch, Latein und Physik, zwanzig Jahre Direktor seiner Schule. Ein treuer Staatsdiener, als Lehrer „streng, sehr streng“, wie ein früherer Schüler sagt (Kapitel 1).</li>\n<li><strong>Friederike, genannt Rike:</strong> seine Frau. Sie hält den Alltag zusammen und will Ruhe für die Familie.</li>\n<li><strong>Oliver:</strong> der tote Sohn. Er spricht nie selbst, außer in seinen Tagebüchern.</li>\n<li><strong>Christin:</strong> die ältere Schwester, Oberstudienrätin, mit Matthias verheiratet. Sie steht auf der Seite des Staates.</li>\n<li><strong>Heiner:</strong> der jüngere Bruder. Er hält zu Oliver und zu den Eltern.</li>\n<li><strong>Feuchtenberger:</strong> der Anwalt, der den Rechtsweg mit Richard geht. <strong>Lutz Immenfeld:</strong> Richards Freund.</li>\n<li><strong>Katharina Blumenschläger:</strong> Olivers Freundin, zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihr Vorbild ist Birgit Hogefeld.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Die Suche nach einem Schuldigen.</strong> Gleich im ersten Kapitel stößt Richard seine Kaffeetasse um und gibt Rike die Schuld. Sie antwortet: „Dann haben wir ja einen Schuldigen gefunden“ (Kapitel 1, S. 9). Deutung: Der kleine Streit nimmt im Alltag vorweg, worum es im ganzen Roman geht. Der Staat hat seinen Schuldigen schnell gefunden, die Eltern finden keinen.</li>\n<li><strong>Akten ohne Antwort.</strong> Richard kennt nach fünf Jahren jede Zeile seiner Ordner und weiß, dass er „nichts finden“ wird, „was ihm das Unerklärliche verständlich machen könnte“ (Kapitel 2, S. 17). Die Wahrheit liegt nicht in den Akten. Deshalb endet auch das Gerichtsverfahren ohne Ergebnis.</li>\n<li><strong>Der Staatsdiener verliert seinen Glauben.</strong> Richard hat den Rechtsstaat ein Leben lang gelehrt. Später sagt er: „Ich habe ein Leben lang meinen Schülern Dinge beigebracht, die völlig unsinnig sind.“ Der Widerruf des Amtseids in der Aula ist der Endpunkt dieser Entwicklung. Der Kritiker Martin Lüdke (Frankfurter Rundschau) rückte die Figur in die Nähe von Kleists „Michael Kohlhaas“, der für sein Recht kämpft, bis er sich gegen den Staat stellt.</li>\n<li><strong>Eine gespaltene Familie.</strong> Christin hat ihren Bruder längst abgeschrieben: „Da hat er uns was Schönes eingebrockt.“ Heiner hält zu ihm. Deutung: Die Familie streitet so wie die Öffentlichkeit, und die Eltern stehen dazwischen.</li>\n<li><strong>Die verlorene Zeit.</strong> Jeden Abend stellt Richard zu den Nachrichten die Pendeluhr und sagt dabei: „Amici, diem perdidi“ (Kapitel 1, S. 7). Das ist Latein für „Freunde, ich habe einen Tag verloren“; nach dem römischen Geschichtsschreiber Sueton sagte Kaiser Titus das, wenn er einen Tag lang niemandem etwas Gutes getan hatte. Deutung: Der Lateinlehrer zählt die Tage, die vergehen, ohne dass er für seinen Sohn etwas erreicht.</li>\n<li><strong>Der Garten im Titel.</strong> Der Titel kommt aus dem Motto, einem Satz aus Iris Murdochs Roman „Der Schwarze Prinz“: „Es gibt glückliche Kinder, die in ihrer frühen Kindheit einen Garten, eine Landschaft ihr Reich nennen können“ (S. 6). Deutung: Der Garten steht für eine heile Kindheit, die Oliver hatte und die die Eltern verloren haben. Gegen dieses Bild steht der gesuchte Terrorist.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Erschienen 2005 bei Suhrkamp. Hein hält sich eng an den Fall Bad Kleinen: Rücktritt des Ministers, Ruhestand des Generalbundesanwalts, die Erklärung der Staatsanwaltschaft.</li>\n<li>Die Kritik war geteilt. Ijoma Mangold sah in dem Roman nur „Arbeit am Mythos“ RAF. Jens Jessen (Die Zeit) fasste seine Grundthese so zusammen: Der Kampf der Terroristen war schmutzig, weil der Staat schmutzig war. Die Frankfurter Rundschau nannte ihn ein „Lehrstück“, das „anrührt“ und „angeht“. Deutung: Ob der Roman die Sicht der Eltern übernimmt oder nur zeigt, kannst du in einer Erörterung prüfen.</li>\n<li>Hein wurde 1944 in Schlesien geboren und wuchs in der DDR auf. Dieser Roman erzählt eine westdeutsche Geschichte.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>„In seiner frühen Kindheit ein Garten“ gehört im Grundkurs zum möglichen Prüfungsstoff, neben weiteren Ganzschriften. Im Leistungskurs steht von Hein stattdessen „Landnahme“ auf der Liste.</p>\n<p>Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine. Möglich sind Interpretation und Erörterung literarischer Texte, Analyse und Erörterung pragmatischer Texte und materialgestütztes Schreiben, auch als Mischform. Bei mehrteiligen Aufgaben stehen die Gewichte der Teilaufgaben als Prozentangaben dabei.</p>\n<p>Zu einem Roman wie diesem gibt es zwei Wege: Du interpretierst einen unbekannten Text und vergleichst ihn mit dem Roman oder beziehst dich auf ihn. Oder du erörterst den Roman; die These ist dann vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext. In beiden Fällen steht dir die Ganzschrift zur Verfügung.</p>\n<p>Zeit im Grundkurs: 255 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit. Hilfsmittel: ein Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung und für bestimmte Aufgaben die Textausgabe. Unzulässige Eintragungen darf die Ausgabe nicht enthalten, und Zusatzmaterial, das in der Ausgabe steht, darfst du nicht benutzen. Bewertet wird in einer Gesamtwürdigung mit einem Gutachten nach Kriterien.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Richard Zurek verliert vor Gericht, aber er gewinnt sich selbst.“ Erörtern Sie diese Aussage mit Blick auf Christoph Heins Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“. Beziehen Sie den Schluss in der Aula ein.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt ein Roman wie dieser meist so vor: Du interpretierst einen Auszug oder einen unbekannten Text und stellst einen Bezug zum Roman her, oder du erörterst eine These über den ganzen Roman. Den echten Fall Bad Kleinen nacherzählen sollst du in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Kapitel 1, S. 9 (suhrkamp taschenbuch 3773)</span>\n<p>RICHARD: „Das kommt davon. Weil du mich mit deinen Fragen löcherst.“</p>\n<p>FRIEDERIKE: „Sehr schön. Dann ist ja alles wieder in Ordnung. Dann haben wir ja einen Schuldigen gefunden.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> fünf Jahre nach Olivers Tod. Richard ist so nervös, dass er beim Kaffeetrinken die Tasse umstößt.<em>Die Stelle steht im ersten Kapitel, bevor Oliver überhaupt genannt wird.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Rikes Antwort ist ironisch. Sie wiederholt Richards Vorwurf und macht ihn lächerlich.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Ein harmloser Unfall wird zu einer Schuldfrage. Das Wort „Schuldigen“ fällt in einem Kaffeestreit.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Der Staat hat seinen Schuldigen schnell, die Wahrheit über Olivers Tod findet niemand.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Schon im ersten Kapitel geht es um Schuld, lange bevor Olivers Tod erwähnt wird. Richard stößt beim Kaffeetrinken seine Tasse um und schiebt den Fehler seiner Frau zu: „Weil du mich mit deinen Fragen löcherst“ (S. 9). Rike antwortet ironisch: „Dann haben wir ja einen Schuldigen gefunden.“ Mit dem knappen „Sehr schön“ entlarvt sie, wie bequem es ist, einen Schuldigen zu benennen, statt nach der Ursache zu fragen. Der Erzähler kommentiert den Streit nicht, er berichtet nur, dass beide danach schweigen. Gerade dieser nüchterne Ton lässt die Szene größer wirken, als sie ist. Man kann sie als Vorspiel des ganzen Romans lesen: Die Behörden legen sich rasch fest, wer schuld ist, und Richard sucht fünf Jahre lang vergeblich nach einer Antwort. Die Nervosität, die ihn die Tasse umstoßen lässt, ist die Unruhe dieser Suche.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ordnet die Stelle ein, zitiert kurz und genau mit Seite, erklärt das Mittel (Ironie, Wiederholung) und seine Wirkung, achtet auf den Erzählton und schlägt den Bogen zum ganzen Roman, als Deutung gekennzeichnet. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation: textnah, funktional, Zitate in eigene Sätze eingebaut. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent. Kurze Zitate aus einem geschützten Roman sind für die Analyse erlaubt, lange Abschriften nicht.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Schlag Kapitel 2 auf, die Stelle im Arbeitszimmer mit den grauen Ordnern (im suhrkamp taschenbuch S. 16 und 17). Schreib einen Absatz: Was zeigt der Raum über Richards Leben vorher und jetzt, und warum weiß er, dass er in den Akten „nichts finden“ wird?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Früher standen im Regal Geschichtsatlanten und Lexika für den Unterricht; Richard hat sie in den Keller gebracht, um Platz für die Ordner zu schaffen. Der Lehrer ist zum Ermittler in eigener Sache geworden. Die Boulevardartikel sammelt er in eigenen Ordnern, damit sie ihm nicht überraschend unter die Augen kommen.</p>\n<p>Er kennt jede Zeile und weiß, dass er nichts finden wird, was ihm das Unerklärliche erklärt. Die Akten sind vollständig, aber sie geben keine Antwort. Ein guter Absatz verbindet das mit dem Schluss: Auch das Gericht kann am Ende nichts beweisen. Kurz danach weint Richard minutenlang, bevor das Telefon klingelt. Der nüchterne Bericht macht den Schmerz sichtbar, ohne ihn auszuschmücken.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Nenn Kapitel und Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel „(Kapitel 1, S. 9)“. Unsere Seitenzahlen gelten für das suhrkamp taschenbuch 3773; in der gebundenen Ausgabe von 2005 sind die Seiten andere. Weitere Zitate stammen aus Rezensionen, die den Roman wörtlich anführen; prüf sie in deiner Ausgabe.</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Den echten Fall nacherzählen.</strong> Bad Kleinen ist Hintergrund. Gefragt ist der Roman: Erzählweise, Figuren, Sprache.</li>\n<li><strong>Entscheiden, wie Oliver starb.</strong> Der Roman entscheidet es nicht, und auch das Gericht im Roman kann es nicht.</li>\n<li><strong>Oliver zum Erzähler machen.</strong> Er tritt nur in Erinnerungen, Akten und Tagebüchern auf. Erzählt wird nah an den Eltern.</li>\n<li><strong>Den nüchternen Ton für Kälte halten.</strong> Die ruhige Sprache trägt den Verlust. Zeig, was der Kontrast bewirkt.</li>\n<li><strong>Den Schluss nur als Niederlage lesen.</strong> Richard verliert vor Gericht, aber mit dem Widerruf des Amtseids handelt er zum ersten Mal selbst.</li>\n<li><strong>Fehler im Titel.</strong> Er heißt „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, mit „seiner“, nicht „früheren“.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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Für die Prüfung brauchst du genau diese offene Frage: Wahn oder Wirklichkeit, und wer erzählt gerade.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehört „Der Sandmann“ im Grundkurs zum möglichen Prüfungsstoff. Die Erzählung beginnt mit drei Briefen und führt dann einen Erzähler ein; was Wahn ist und was wirklich, lässt sie offen.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> E. T. A. Hoffmann, <em>Der Sandmann</em>. Grundkurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:hoffmann-sandmann -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>E. T. A. Hoffmann hat eine Erzählung geschrieben, die mit Briefen beginnt. Nathanael schreibt an seinen Freund Lothar, dessen Schwester Clara antwortet, dann schreibt Nathanael noch einmal an Lothar. Danach erzählt ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Erzähler<span class=\"wort-erkl\">die Stimme, die die Geschichte erzählt; hier ein Ich, das von „meinem armen Freunde“ Nathanael spricht</span></span> den Rest und spricht dich als „Leser“ an. Wer gerade spricht, ändert also, was du glauben kannst.</p>\n<p>Die Erzählung ist das erste Stück in Hoffmanns Sammlung „Nachtstücke“. Sie gehört zur <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Schwarzen Romantik<span class=\"wort-erkl\">Richtung der Romantik, die das Dunkle, Grauenhafte und Rätselhafte im Menschen zeigt</span></span>. Weil es keine Verse und in vielen Ausgaben keine Kapitel gibt, zitierst du mit Teil (Brief oder Erzählerteil) und Seite deiner Ausgabe.</p>\n<p>Ein Wort brauchst du sofort: das <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Perspektiv<span class=\"wort-erkl\">alte Bezeichnung für ein kleines Fernglas; Nathanael kauft es bei Coppola</span></span>. Durch dieses Glas sieht Nathanael Olimpia lebendig, und durch dieses Glas sieht er am Ende Clara an.</p>\n</div>\n\n<h4>Die Handlung in Textfolge</h4>\n<ul>\n<li><strong>Erster Brief, Nathanael an Lothar:</strong> Am 30. Oktober kam ein Wetterglashändler in Nathanaels Stube. Nathanael erzählt, warum ihn das erschüttert: Als Kind wurde er abends mit dem Satz ins Bett geschickt, der Sandmann komme. Die Amme erzählte, der Sandmann werfe Kindern Sand in die Augen, bis sie blutig herausspringen. Nathanael versteckte sich im Zimmer des Vaters und sah den Advokaten Coppelius mit dem Vater an einem Herd arbeiten. Coppelius rief „Augen her, Augen her!“, entdeckte den Jungen, wollte ihm glühende Körner in die Augen streuen und schraubte ihm, so erinnert es Nathanael, Hände und Füße ab. Ein Jahr später starb der Vater bei einer Explosion, Coppelius verschwand. Nathanael ist sicher: Der Wetterglashändler Giuseppe Coppola ist Coppelius.</li>\n<li><strong>Zweiter Brief, Clara an Nathanael:</strong> Nathanael hat den Brief aus Versehen an Clara adressiert. Sie schreibt, das Schreckliche spiele sich nur in seinem Inneren ab. Der Vater sei durch eigene Unvorsichtigkeit bei chemischen Versuchen gestorben, ein Apotheker habe ihr bestätigt, dass so eine Explosion möglich sei.</li>\n<li><strong>Dritter Brief, Nathanael an Lothar:</strong> Coppola sei doch nicht Coppelius. Professor Spalanzani kenne ihn seit vielen Jahren, und man höre, dass er wirklich aus Piemont stammt. Nathanael hat Spalanzanis Tochter Olimpia gesehen, die starr dasitzt, „als schliefe sie mit offnen Augen“. Ganz beruhigt ist er nicht.</li>\n<li><strong>Der Erzähler übernimmt:</strong> Er probiert vor dem Leser mehrere Anfänge aus und nimmt die drei Briefe, die Lothar ihm gegeben hat, als „Umriß“. Nathanael fährt heim. Er schreibt düstere Gedichte, in einem davon berührt Coppelius Claras Augen. Als Clara sagt, er solle das „wahnsinnige Märchen ins Feuer“ werfen, nennt er sie ein „verdammtes Automat“. Ein Duell zwischen Lothar und Nathanael verhindert Clara im letzten Moment. Sie versöhnen sich.</li>\n<li><strong>Olimpia:</strong> Nathanaels Wohnung ist abgebrannt, er zieht gegenüber von Spalanzani ein. Coppola kommt wieder, Nathanael kauft ihm ein Taschenperspektiv ab und sieht damit Olimpia an. Auf Spalanzanis Ball tanzt er mit ihr und vergisst Clara. Olimpia sagt fast nur „Ach, ach!“. Sein Freund Siegmund nennt sie eine „Holzpuppe“.</li>\n<li><strong>Der Streit um die Puppe:</strong> Als Nathanael ihr den Ring seiner Mutter bringen will, hört er Spalanzani und Coppelius streiten, so sagt es der Erzähler. Im Zimmer zerren Spalanzani und „der Italiener Coppola“ an Olimpia. Ihr Wachsgesicht hat keine Augen, „statt ihrer schwarze Höhlen“. Spalanzani wirft Nathanael blutige Augen gegen die Brust, Nathanael wird wahnsinnig und kommt ins Tollhaus. Spalanzani muss die Universität verlassen, in den Teegesellschaften prüfen Liebhaber nun misstrauisch, ob ihre Geliebte lebt.</li>\n<li><strong>Der Turm:</strong> Nathanael wird gesund und will mit Clara, Lothar und der Mutter auf ein geerbtes Gütchen ziehen. Auf dem Ratsturm greift er nach Coppolas Perspektiv, sieht Clara an und will sie hinabwerfen. Lothar rettet sie. Unten steht Coppelius und sagt, der komme „schon herunter von selbst“. Nathanael springt mit dem Schrei „Sköne Oke“ über das Geländer und stirbt.</li>\n<li><strong>Schluss:</strong> Jahre später will man Clara in einer fernen Gegend mit einem freundlichen Mann und zwei Jungen gesehen haben.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Nathanael</strong>, Student und Dichter: deutet alles als dunkles Schicksal und prüft nicht, was er sieht.</li>\n<li><strong>Clara</strong>, seine Verlobte (in manchen Ausgaben Klara): heiter, vernünftig. Manche nennen sie „kalt, gefühllos, prosaisch“, Nathanael beschimpft sie als Automat.</li>\n<li><strong>Lothar</strong>, Claras Bruder und Nathanaels Freund: Empfänger der Briefe, rettet Clara auf dem Turm.</li>\n<li><strong>Coppelius</strong>, alter Advokat: Besucher des Vaters, für das Kind der Sandmann. Er taucht am Ende wieder auf.</li>\n<li><strong>Giuseppe Coppola</strong>, Wetterglashändler aus Piemont: verkauft Brillen und das Perspektiv. Ob er Coppelius ist, entscheidet der Text nicht.</li>\n<li><strong>Spalanzani</strong>, Professor der Physik: baut Olimpia und gibt sie als Tochter aus.</li>\n<li><strong>Olimpia</strong>: die Puppe, die Nathanael für lebendig hält, weil sie ihm stundenlang zuhört.</li>\n<li><strong>Siegmund</strong>, Studienfreund: sieht Olimpia von Anfang an als Puppe.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Aus einem Geräusch wird eine Gestalt.</strong> Die Mutter sagt nur eine Redensart: „Nun Kinder! – zu Bette! zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk' es schon.“ Nathanael schreibt: „Wirklich hörte ich dann jedesmal etwas schweren, langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das mußte der Sandmann sein“ (erster Brief). Das „mußte“ ist ein Schluss, keine Beobachtung. Die Mutter widerspricht sogar: „Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind“. Das Kind glaubt ihr nicht.</li>\n<li><strong>Das Auge ist das Leitmotiv.</strong> Coppelius ruft „Augen her, Augen her!“ (erster Brief), Coppola verkauft Brillen und das Perspektiv, Olimpias Gesicht hat „statt ihrer schwarze Höhlen“ (Erzählerteil). Die Frage der Erzählung ist, wer wie sieht. Deutung: Sigmund Freud hat 1919 in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ den Sandmann als Hauptbeispiel genommen und die Angst um die Augen als Ersatz für die kindliche Kastrationsangst gelesen. Das ist eine Lesart, kein Fakt im Text.</li>\n<li><strong>Clara erklärt, der Text bestätigt nicht.</strong> Clara schreibt: „nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen“ (zweiter Brief). Am Schluss sagt aber der Erzähler selbst, unten am Turm rage „riesengroß der Advokat Coppelius hervor“. Wer Clara recht gibt, muss erklären, warum der Erzähler Coppelius dort auftreten lässt.</li>\n<li><strong>Der Erzähler ist nicht neutral.</strong> Er beginnt mit „Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden“, spricht von „meinem armen Freunde“ Nathanael und probiert drei Anfänge aus, darunter „Es war einmal“. Er gibt zu, dass er die Briefe als „Umriß“ nimmt und „Farbe hineinzutragen“ will. Deutung: Auch die Erzählerstimme ist eine Sicht, keine Schiedsinstanz.</li>\n<li><strong>Mensch und Maschine verwechseln.</strong> Nathanael nennt die lebendige Clara „Du lebloses, verdammtes Automat!“ und liebt die Puppe, die nur „Ach, ach!“ sagt. Siegmund sieht klar: „jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt“. Nathanael liebt also das, was ihm sein eigenes Bild zurückgibt.</li>\n<li><strong>Satire auf die Gesellschaft.</strong> Nach dem Skandal verlangen Liebhaber, dass die Geliebte „etwas taktlos singe und tanze“, und in den Teegesellschaften wird „unglaublich gegähnt“ (Erzählerteil). Fast niemand hatte vorher gemerkt, dass Olimpia keine Frau war. Die Erzählung lacht hier über eine Gesellschaft, die nur Form und Zuhören will.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>„Der Sandmann“ eröffnet den ersten Band der „Nachtstücke“. Der Band erschien Ende 1816 in Berlin, auf dem Titelblatt steht 1817. Deshalb liest du beide Jahreszahlen.</li>\n<li>Die Erzählung gilt als Beispiel der Schwarzen Romantik: Das Wunderbare kommt nicht als Märchen, sondern als Angst, und es bleibt offen, ob es von außen oder aus Nathanael selbst kommt.</li>\n<li>Freuds Aufsatz „Das Unheimliche“ (1919) hat die Erzählung berühmt gemacht. Für die Prüfung gilt: Freud nur nennen, wenn er deine Stelle trägt.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>Der Sandmann gehört im Grundkurs zum möglichen Prüfungsstoff, neben anderen Ganzschriften. Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine davon aus. Mögliche Aufgabenarten sind unter anderem die Interpretation und die Erörterung literarischer Texte, Mischformen sind möglich.</p>\n<p>Eine Variante: Du interpretierst einen Text, den du nicht aus dem Unterricht kennst, und vergleichst ihn mit einem längeren Werk aus dem Unterricht oder beziehst dich darauf. Dann liegt dir die Ganzschrift vor. Bei der Erörterung literarischer Texte ist die These oder strittige Frage entweder vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext; auch dann steht dir die Ganzschrift zur Verfügung.</p>\n<p>Zugelassen sind Textausgaben der Ganzschriften für bestimmte Aufgaben, ohne unzulässige Eintragungen. Zusatzmaterial, das in deiner Ausgabe steht, darfst du nicht benutzen. Dazu kommt das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung. Arbeitszeit im Grundkurs 255 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit. Bewertet wird in einer Gesamtwürdigung, begründet durch ein kriteriengestütztes Gutachten.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie den vorliegenden Textauszug. 2. Vergleichen Sie, wie hier und in E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinandertreten.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Am Ende hat Clara recht: Alles Unheimliche kommt aus Nathanael selbst.“ Erörtern Sie diese These mit Blick auf die gesamte Erzählung.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt die Erzählung oft so vor: Du interpretierst einen unbekannten Text und vergleichst ihn mit dem Sandmann, oder du erörterst eine These zur ganzen Erzählung, etwa ob sie zwischen Wahn und Wirklichkeit entscheidet. Nacherzählen sollst du sie in keinem Fall.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Erzählerteil, Schluss</span>\n<p>„Man wollte herauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, da lachte Coppelius, sprechend: ‚Ha ha – wartet nur, der kommt schon herunter von selbst‘, und schaute wie die übrigen hinauf. Nathanael blieb plötzlich wie erstarrt stehen, er bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr, und mit dem gellenden Schrei: ‚Ha! Sköne Oke – Sköne Oke‘ sprang er über das Geländer.“</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Ende der Erzählung. Nathanael hat Clara durch das Perspektiv angesehen und wollte sie vom Turm werfen; Lothar hat sie gerettet.<em>Der Auszug steht ganz am Ende, unmittelbar vor Nathanaels Tod.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Hier spricht der Erzähler, nicht Nathanael. Er nennt Coppelius beim Namen.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> „Sköne Oke“ sind Coppolas Worte („schöne Augen“). Nathanael ruft sie, als er Coppelius sieht. Beide Figuren fallen in diesem Schrei zusammen.</li>\n<li><strong>Bogen zum Ganzen:</strong> Claras Erklärung aus dem zweiten Brief wird am Ende weder bestätigt noch widerlegt.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>Der Schluss lässt die Frage, ob Nathanael nur einem Wahn erliegt, bewusst offen. Nicht Nathanael berichtet hier, sondern der Erzähler, und er stellt fest, dass Coppelius „wie die übrigen hinauf“ schaut. Damit ist die Figur aus Nathanaels Kindheit für einen Moment so wirklich wie die Menge auf dem Markt. Ihr Satz „der kommt schon herunter von selbst“ klingt wie ein Urteil, das ohne eigene Tat vollstreckt wird. Nathanael antwortet mit „Sköne Oke“, dem gebrochenen Deutsch, mit dem Coppola ihm Brillen und Gläser verkauft hat. In diesem Schrei verschmelzen Coppelius und Coppola, ohne dass der Text sagt, ob sie wirklich eine Person sind. Wer Claras Satz folgt, nur der Glaube an die feindliche Macht mache sie feindlich, kann das Ende als Folge von Nathanaels Angst lesen. Wer dem Erzähler folgt, sieht Coppelius wirklich unten stehen. Gerade weil beides möglich bleibt, wirkt der Schluss unheimlich.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er ist textnah, baut kurze Zitate in eigene Sätze ein, fragt, wer spricht, und lässt zwei Lesarten begründet nebeneinander stehen. Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für eine gute Interpretation. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Zweiter Brief. Clara schreibt: „Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen, verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muß sie in uns sich wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden“. Schreib einen Absatz: Was behauptet Clara über die „dunkle Macht“, und passt der Verlauf der Erzählung zu ihrer Erklärung?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Clara leugnet die dunkle Macht nicht ganz. Sie sagt: Wenn es sie gibt, wirkt sie nur, weil wir sie in uns aufnehmen und sie „unser Selbst“ wird. Die Gefahr liegt also in Nathanael, nicht in Coppelius. Der Satz ist vorsichtig gebaut („Gibt es …“, „so muß sie …“): Clara argumentiert, sie behauptet nichts über die Welt.</p>\n<p>Der Verlauf stützt sie zum Teil: Nathanael gerät immer dann in den Wahn, wenn er durch Coppolas Glas schaut, also wenn er selbst hinsieht. Gegen sie spricht, dass der Erzähler am Ende Coppelius wirklich unten am Turm stehen lässt. Ein guter Absatz nennt beides und entscheidet nicht vorschnell.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Wir zitieren nach E. T. A. Hoffmann, Poetische Werke in sechs Bänden, Band 2, Berlin 1963 (Text bei zeno.org), deshalb steht in unseren Zitaten „ich merk' es schon“. Den Namen schreiben wir wie der Erstdruck von 1816/17 „Clara“, diese Ausgabe schreibt „Klara“. Manche Ausgaben weichen bei Apostroph und Komma ab: Projekt Gutenberg-DE druckt etwa „ich merk es schon“ und „schweren langsamen Tritts“. Nimm immer den Wortlaut deiner Ausgabe und nenn den Teil und die Seite deiner Ausgabe, zum Beispiel: „das mußte der Sandmann sein“ (erster Brief, S. 12), wenn die Stelle bei dir auf Seite 12 steht.</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Clara zur Stimme der Wahrheit machen.</strong> Ihre Erklärung ist vernünftig, aber der Erzähler lässt Coppelius am Ende wirklich auftreten.</li>\n<li><strong>„Nathanael ist einfach verrückt.“</strong> Eine Diagnose ersetzt keine Deutung. Zeig, wer spricht und was er sieht.</li>\n<li><strong>Den Erzähler für neutral halten.</strong> Er spricht von „meinem armen Freunde“ Nathanael und will „Farbe“ in die Geschichte tragen.</li>\n<li><strong>Coppelius und Coppola sicher gleichsetzen.</strong> Das tut Nathanael, der Text entscheidet es nicht.</li>\n<li><strong>Freud abladen ohne Stelle.</strong> Wenn Freud, dann an den Augen-Belegen und als Lesart gekennzeichnet.</li>\n<li><strong>Olimpia nur „Puppe“ nennen.</strong> Wichtig ist, was Nathanaels Blick durch das Perspektiv aus ihr macht.</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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    {
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      "content": "<!-- land-kopf -->\n<h3>Rache-Motiv: Euripides und Dürrenmatt</h3>\n<div class=\"ks-kurz ks-oben\"><span class=\"ks-label\">Das Wichtigste in Kürze</span><p>In der Prüfung vergleichst du die beiden Dramen am Rache-Motiv; Punkte gibt es dafür, dass du den Unterschied an Textstellen belegst, nicht fürs Nacherzählen. In Euripides' Tragödie „Medea“ rächt sich die verlassene Medea selbst an Jason: Sie tötet seine neue Braut, König Kreon und ihre eigenen Söhne und entkommt nach Athen. In Dürrenmatts „tragischer Komödie“ „Der Besuch der alten Dame“ (1956) kehrt die Milliardärin Claire Zachanassian in die verarmte Kleinstadt Güllen zurück und bietet eine Milliarde, wenn jemand Alfred Ill tötet, der sie vor 45 Jahren mit bestochenen Zeugen um ihr Recht gebracht hat. Die Bürger lehnen empört ab, kaufen dann auf Kredit und töten Ill am Ende gemeinsam. Der Kern des Vergleichs: Bei Euripides handelt die Rächerin mit eigener Hand, bei Dürrenmatt zahlt sie und wartet, bis eine ganze Stadt die Tat übernimmt.</p></div>\n<p class='intro-text'><em>In Sachsen gehören im Grundkurs zwei Ganzschriften zum möglichen Prüfungsstoff: die antike Tragödie und die tragische Komödie. Medea rächt sich selbst, Claire bezahlt, und die Stadt Güllen tötet.</em></p>\n<div class=\"ks-land\"><strong>Vorgaben des Kultusministeriums:</strong> Das Rache-Motiv: Euripides, <em>Medea</em>; Friedrich Dürrenmatt, <em>Der Besuch der alten Dame</em>. Grundkurs. Gehört zum möglichen Prüfungsstoff.</div>\n<!-- /land-kopf -->\n\n<!-- spine:werk:rache-euripides-duerrenmatt -->\n<div class=\"ks-einstieg\">\n<span class=\"ks-label\">Worum es geht</span>\n<p>Ein <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Motiv<span class=\"wort-erkl\">eine Situation, die in vielen Werken wiederkehrt, hier: jemand rächt erlittenes Unrecht</span></span> verbindet zwei Stücke aus ganz verschiedenen Zeiten. Euripides schreibt eine Tragödie in Versen, mit einem <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">Chor<span class=\"wort-erkl\">Gruppe, die im antiken Drama das Geschehen kommentiert; hier Frauen aus Korinth</span></span>, der zusieht und mitfühlt. Dürrenmatt schreibt ein Stück in drei Akten, in Prosa, das er im Untertitel „Eine tragische Komödie“ nennt.</p>\n<p>Bei Dürrenmatt brauchst du das Wort <span class=\"wort\" tabindex=\"0\" role=\"button\">grotesk<span class=\"wort-erkl\">komisch und grauenhaft zugleich, so übertrieben, dass das Lachen im Hals stecken bleibt</span></span>: eine Milliardärin mit Prothesen, ein Sarg im Gepäck, eine Abstimmung über einen Mord vor laufender Kamera.</p>\n<p>Zitieren heißt deshalb: bei Euripides Vers deiner Übersetzung, bei Dürrenmatt Akt und Seite deiner Ausgabe.</p>\n</div>\n\n<h4>Euripides, Medea: die Handlung in Szenen</h4>\n<ul>\n<li><strong>Prolog:</strong> Die Amme klagt: Jason hat Medea und die Kinder verlassen und freit die Tochter Kreons. Sie fürchtet, Medea brüte „über etwas Schrecklichem“.</li>\n<li><strong>Medea und der Chor:</strong> Medea spricht zu den Frauen von Korinth über das Los der Frauen und über ihre Lage als Fremde ohne Heimat. Sie bittet den Chor, über ihre Rache zu schweigen.</li>\n<li><strong>Kreon:</strong> Er verbannt sie aus Angst und gewährt ihr „den einen Tag“ Aufschub.</li>\n<li><strong>Jason:</strong> Er nennt die neue Ehe vernünftig, auch für die Kinder. Medea hält ihm vor, was sie für ihn getan hat.</li>\n<li><strong>Aigeus:</strong> Der König von Athen schwört, sie aufzunehmen. Jetzt legt Medea dem Chor ihren Plan offen: die Braut vergiften, die Kinder töten.</li>\n<li><strong>Täuschung und Monolog:</strong> Sie spielt Versöhnung, die Söhne bringen der Braut ein vergiftetes Kleid und einen Kranz. Vor den Kindern schwankt Medea und entscheidet sich doch für die Tat.</li>\n<li><strong>Botenbericht:</strong> Die Königstochter verbrennt am Gift, Kreon stirbt, als er sie umarmt.</li>\n<li><strong>Kindsmord und Schluss:</strong> Medea tötet die Söhne im Haus, der Chor hört die Schreie und greift nicht ein. Medea erscheint auf dem Wagen des Helios, verweigert Jason die Leichen und flieht nach Athen.</li>\n</ul>\n\n<h4>Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame: die Handlung nach Akten</h4>\n<ul>\n<li><strong>1. Akt, das Angebot:</strong> Güllen ist pleite, die Schnellzüge halten nicht mehr. Claire Zachanassian, die hier als Klara Wäscher aufwuchs, zieht die Notbremse und steigt aus, mit ihrem siebten Ehemann, einem Butler, zwei blinden Männern, Sänftenträgern, einem schwarzen Panther und einem Sarg. Sie geht mit Ill, dem Krämer, in den Konradsweilerwald, wo sie sich früher liebten. Bei der Feier am Abend nennt sie ihre Bedingung: „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.“ Der Butler war der Richter im Vaterschaftsprozess von damals, die beiden Blinden waren die bestochenen Zeugen. Der Bürgermeister lehnt ab: „Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.“ Claire antwortet: „Ich warte.“</li>\n<li><strong>2. Akt, Kauf auf Kredit:</strong> In Ills Laden kaufen alle teurer ein und lassen anschreiben, alle tragen neue gelbe Schuhe. Der Polizist, der Bürgermeister und der Pfarrer helfen Ill nicht; der Bürgermeister plant ein neues Stadthaus, der Pfarrer hat eine neue Glocke und rät Ill zur Flucht. Claires Panther entläuft und wird erschossen. Am Bahnhof umringen die Güllener Ill, er traut sich nicht in den Zug und sagt: „Ich bin verloren.“</li>\n<li><strong>3. Akt, das Urteil der Stadt:</strong> Arzt und Lehrer bitten Claire, in die stillgelegten Betriebe zu investieren, doch sie hat längst alles aufgekauft und stilllegen lassen. Ill erkennt seine Schuld an. Der Bürgermeister lässt ihm ein geladenes Gewehr da, Ill nimmt sich nicht das Leben. Nach einem letzten Gespräch im Konradsweilerwald stimmt die Gemeindeversammlung vor Presse und Kamera für Claires „Stiftung“. Dann bilden die Männer eine Gasse, Ill geht hinein und liegt danach tot am Boden. Der Arzt spricht von Herzschlag, der Bürgermeister vom Tod aus Freude. Claire lässt Ill in ihren Sarg legen, übergibt den Scheck und reist ab. Ein Schlusschor feiert den neuen Wohlstand.</li>\n</ul>\n\n<h4>Wer mit wem</h4>\n<ul>\n<li><strong>Medea:</strong> die Fremde aus Kolchis, Enkelin des Sonnengottes, verraten von Jason. Sie plant und handelt selbst.</li>\n<li><strong>Jason:</strong> bricht seinen Eid und nennt das Vernunft. Am Ende hat er Braut und Kinder verloren.</li>\n<li><strong>Der Chor:</strong> Frauen aus Korinth, mitfühlend, schweigen auf Medeas Bitte und greifen nicht ein.</li>\n<li><strong>Claire Zachanassian:</strong> früher Klara Wäscher, jetzt Multimilliardärin. Sie handelt nicht mit eigener Hand, sie bezahlt und wartet.</li>\n<li><strong>Alfred Ill:</strong> Krämer, hat Klara als junge Frau mit falschen Zeugen um ihr Recht gebracht. Er wandelt sich vom Verdränger zu einem, der seine Schuld annimmt.</li>\n<li><strong>Die Güllener:</strong> Bürgermeister, Pfarrer, Polizist, Arzt, Lehrer, Ills Familie. Erst empört, dann auf Kredit gekauft, am Ende Täter.</li>\n</ul>\n\n<h4>Deutungsansätze, jeweils mit Beleg</h4>\n<ul>\n<li><strong>Eigene Hand gegen gekaufte Hand.</strong> Medea sagt selbst: „meine eignen Kinder muß / Ich töten“ (V. 792 f.). Claire stellt nur eine Bedingung: „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet“ (1. Akt). Bei Euripides gibt es eine Täterin, bei Dürrenmatt viele Täter und eine Auftraggeberin.</li>\n<li><strong>Ein Tag gegen fünfundvierzig Jahre.</strong> Medea erbittet von Kreon „den einen Tag“, und in diesem Tag geschieht alles. Claire hat jahrzehntelang vorbereitet, die Betriebe der Stadt aufgekauft und stillgelegt und sagt nach dem empörten Nein nur: „Ich warte“ (1. Akt). Deutung: Ihre Rache arbeitet mit Zeit und Geld, nicht mit Zorn im Augenblick.</li>\n<li><strong>Die Gemeinschaft schaut zu oder macht mit.</strong> Der Chor bei Euripides fragt, als die Kinder schreien: „Dring ich ins Haus hinein? Ich muß!“, und bleibt doch draußen. Güllen erklärt zuerst: „Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt“, und kauft dann auf Kredit; die gelben Schuhe zeigen Ill, dass die Stadt schon mit seinem Tod rechnet (2. Akt). Euripides' Chor wird schuldig durch Schweigen, Güllen durch Mitmachen.</li>\n<li><strong>Ehre und Gerechtigkeit.</strong> Medea will nicht verlacht werden: „Verhöhnt mich sehn von Feinden, Beste, duld ich nicht“ (V. 797). Claire nennt ihre Rache Gerechtigkeit, weil das Gericht von damals mit gekauften Zeugen falsch geurteilt hat; der Richter steht jetzt als ihr Butler auf der Bühne. Deutung: Beide Frauen holen sich, was ihnen eine Ordnung der Männer verweigert hat, aber Claire kauft sich ein neues Gericht.</li>\n<li><strong>Das Opfer und seine Schuld.</strong> Jason sieht bis zuletzt nur Medeas Schuld. Ill dagegen erkennt im 3. Akt seine Schuld an und flieht nicht mehr, nachdem er am Bahnhof gemerkt hat: „Ich bin verloren“ (2. Akt). Deutung: Bei Dürrenmatt wird der Schuldige zur einzigen Figur, die moralisch wächst, während die Stadt, die richtet, nur reicher wird.</li>\n<li><strong>Tragödie und tragische Komödie.</strong> Dürrenmatt schreibt in einer Anmerkung zum Stück, Claire sei durch ihr Vermögen in der Lage, „wie eine Heldin der griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam“. In seinem Essay „Theaterprobleme“ (1955) begründet er, warum er Komödien schreibt: Eine Tragödie braucht Schuldige und Verantwortliche, und die gibt es in der modernen Welt nach seiner Sicht nicht mehr. Deshalb endet das Stück mit einem Mord, den niemand begangen haben will, und mit einem Chor, der den Wohlstand preist.</li>\n</ul>\n\n<h4>Entstehung und Kontext</h4>\n<ul>\n<li>Euripides' „Medea“ wurde 431 v. Chr. in Athen aufgeführt.</li>\n<li>Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ wurde am 29. Januar 1956 in Zürich uraufgeführt. Ein Jahr vorher, 1955, war sein Essay „Theaterprobleme“ erschienen.</li>\n<li>Die Chöre am Schluss spielen bewusst auf die griechische Tragödie an. So holt Dürrenmatt die Form, aus der Medea stammt, in eine Kleinstadt mit Presse und Kamera.</li>\n</ul>\n\n<h4>So sieht die Aufgabe bei dir aus</h4>\n<div class=\"ks-land\">\n<span class=\"ks-label\">So prüft Sachsen</span>\n<p>„Das Rache-Motiv“ gehört im Grundkurs zum möglichen Prüfungsstoff, mit zwei Ganzschriften: Euripides, „Medea“, und Friedrich Dürrenmatt, „Der Besuch der alten Dame“. Du bekommst vier Aufgaben und wählst eine davon aus. Mögliche Aufgabenarten sind unter anderem die Interpretation und die Erörterung literarischer Texte, Mischformen sind möglich.</p>\n<p>Eine Variante: Du interpretierst einen Text, den du nicht aus dem Unterricht kennst, und vergleichst ihn mit einem längeren Werk aus dem Unterricht oder beziehst dich darauf. Dann liegt dir die Ganzschrift vor. Bei der Erörterung literarischer Texte ist die These oder strittige Frage entweder vorgegeben, oder du erschließt sie aus einem Sachtext; auch dann stehen dir die entsprechenden Ganzschriften zur Verfügung.</p>\n<p>Zugelassen sind Textausgaben der Ganzschriften für bestimmte Aufgaben, ohne unzulässige Eintragungen. Zusatzmaterial, das in deiner Ausgabe steht, darfst du nicht benutzen. Dazu kommt das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung. Arbeitszeit im Grundkurs 255 Minuten einschließlich Lese- und Auswahlzeit. Bewertet wird in einer Gesamtwürdigung, begründet durch ein kriteriengestütztes Gutachten.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Quelle: <a href=\"https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/21215-VwV-Abiturpruefung-2027\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VwV Abiturprüfung 2027, S. 2, 3, 5 und 6</a></p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>1. Interpretieren Sie den vorliegenden Textauszug. 2. Vergleichen Sie, wie hier und in Euripides' „Medea“ oder Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ die Rache organisiert ist.</p>\n</div>\n<div class=\"ks-aufgabe\">\n<span class=\"ks-label\">Übungsaufgabe (von uns erstellt)</span>\n<p>„Claire Zachanassian ist eine moderne Medea.“ Erörtern Sie diese These mit Blick auf beide Dramen.</p>\n</div>\n<p>In Abituraufgaben kommt das Motiv oft so vor: Du interpretierst einen Auszug, der nicht aus dem Unterricht stammt, und vergleichst ihn mit einem der beiden Stücke, oder du erörterst eine These zu beiden, etwa ob Claire eine moderne Medea ist. Zwei Inhaltsangaben hintereinander sind noch kein Vergleich.</p>\n\n<h4>Ein Musterabsatz an einer echten Stelle</h4>\n<div class=\"ks-zitat\">\n<span class=\"ks-label\">Euripides, nach der Aigeus-Szene (Übersetzung J. A. Hartung)</span>\n<p>MEDEA: „Und schaudern muß ich, welche Tat notwendig wird / Von dieser Stund an: meine eignen Kinder muß / Ich töten. Niemand lebet, der sie retten kann! / Und hab ich Jasons ganzes Haus zertrümmert dann, / So eil ich fort, von meiner teuren Kinder Mord / Hinweg, vom Lande, das mich zwang zur Greueltat! / Verhöhnt mich sehn von Feinden, Beste, duld ich nicht.“ (V. 791 bis 797)</p>\n</div>\n<ol class=\"ks-schritte\">\n<li><strong>Einordnen:</strong> Aigeus hat Medea Zuflucht in Athen geschworen. Jetzt erst legt sie dem Chor den ganzen Plan offen.<em>Der Auszug steht in der Mitte des Stücks, direkt nach der Aigeus-Szene.</em></li>\n<li><strong>Auffälligkeit:</strong> Lauter Ich-Sätze: „schaudern muß ich“, „muß / Ich töten“, „duld ich nicht“.</li>\n<li><strong>Wirkung:</strong> Medea übernimmt die Tat ganz. Sie fühlt das Grauen und handelt trotzdem, aus Ehre.</li>\n<li><strong>Bogen zu Dürrenmatt:</strong> Claire sagt nie „ich töte“, sie sagt „wenn jemand Alfred Ill tötet“ und „Ich warte“.</li>\n</ol>\n<div class=\"ks-beispiel\">\n<span class=\"ks-label\">Musterabsatz</span>\n<p>In Medeas Rede nach der Aigeus-Szene fällt auf, wie vollständig sie die Tat an sich bindet. Fast jeder Satz beginnt bei ihr selbst: „schaudern muß ich“, „meine eignen Kinder muß / Ich töten“ (V. 791 bis 793). Das Grauen wird nicht verdrängt, es wird ausgesprochen, und trotzdem hält Medea an der Rache fest, weil sie es nicht erträgt, von Feinden verhöhnt zu werden (V. 797). Die Rache ist damit eine Frage ihrer Ehre, die sie mit eigener Hand und um den Preis ihrer Kinder einlöst. Dürrenmatts Claire Zachanassian spricht ganz anders. Sie bietet „eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet“, und antwortet auf das empörte Nein nur: „Ich warte“ (1. Akt). Wo Medea „ich“ sagt, sagt Claire „jemand“. Ihre Rache kostet sie nichts als Geld, die Schuld verteilt sie auf eine ganze Stadt. So zeigt der Vergleich, dass sich das Motiv verschiebt: von der leidenschaftlichen Einzeltat zur gekauften, gemeinsamen Tat, die am Ende niemand begangen haben will.</p>\n<p class=\"ks-quelle\">Warum der Absatz gut ist: Er arbeitet an einer Stelle, deutet eine sprachliche Auffälligkeit (die Ich-Sätze), setzt zum Vergleich kurze Zitate aus dem zweiten Werk und hält eine Achse fest (wer handelt). Das verlangen die Bewertungshinweise des IQB für einen guten Vergleich. Dort zählt das Verstehen etwa 70 Prozent, die Darstellung etwa 30 Prozent.</p>\n</div>\n\n<div class=\"ks-jetztdu\">\n<span class=\"ks-label\">Jetzt du</span>\n<p>Euripides, Kindsmord-Szene. Die Söhne schreien im Haus, der Chor singt: „Hörst du der Kinder Ruf? Hörst du das Angstgeschrei? / Welch Unheil beginnst du, fühlloses Weib? / Dring ich ins Haus hinein? Ich muß! Ja! ich muß / Hemmen den Kindermord!“ Schlag dazu bei Dürrenmatt im 3. Akt die Gemeindeversammlung auf. Schreib einen Absatz: Wie verhält sich jeweils die Gemeinschaft, während getötet wird, und was folgt daraus für die Frage nach der Schuld?</p>\n<details class=\"ks-loesung\"><summary>Lösung zeigen</summary><div>\n<p>Der Chor bei Euripides erkennt die Tat, nennt Medea „fühlloses Weib“ und will eingreifen („Ich muß!“), doch er bleibt draußen. Er ist Zeuge, nicht Täter; seine Schuld liegt im Schweigen, um das Medea ihn am Anfang gebeten hat.</p>\n<p>In Güllen ist die Gemeinschaft selbst die Täterin. Die Versammlung stimmt vor der Presse für die „Stiftung“, also für Ills Tod, dann bilden die Männer die Gasse. Danach erklärt man den Tod zu Herzschlag und Freude. Ein guter Absatz zeigt die Steigerung: vom mitfühlenden Zuschauer zur Stadt, die tötet und die Tat sprachlich zum Verschwinden bringt.</p>\n</div></details>\n</div>\n\n<p><strong>Zitieren:</strong> Euripides zitieren wir in der gemeinfreien Übersetzung von Johann Adam Hartung (Text bei zeno.org nach: Griechische Tragiker, München 1958); die Verszahlen folgen dem griechischen Text. Deine Übersetzung kann anders zählen und anders formulieren, nimm Wortlaut und Vers deiner Ausgabe. Dürrenmatt zitierst du mit Akt und Seite deiner Ausgabe und nur in kurzen Wendungen, zum Beispiel „Ich warte“ (1. Akt).</p>\n<!-- land-extra -->\n<p>Wie du daraus einen Aufsatz machst, steht auf <a href='#' onclick=\"window.openCardModal('sn-de-methoden-werk-interpretation'); return false;\">Werk-Interpretation Schritt für Schritt</a>.</p>\n<!-- /land-extra -->\n\n\n<h4>Typische Fehler</h4>\n<ul class=\"ks-fehler\">\n<li><strong>Medea und Claire gleichsetzen.</strong> Gleiches Motiv, andere Organisation: Medea handelt selbst, Claire zahlt und wartet.</li>\n<li><strong>Güllen übergehen.</strong> Die Stadt ist die eigentliche Täterin; ohne sie fehlt der Kern des Stücks.</li>\n<li><strong>Ill nur als Opfer sehen.</strong> Er hat Klara mit falschen Zeugen um ihr Recht gebracht und erkennt diese Schuld am Ende an.</li>\n<li><strong>Den Chor bei Euripides zum Mittäter machen.</strong> Er hört zu, warnt und greift nicht ein; er stimmt nicht zu.</li>\n<li><strong>Grotesk mit „lustig“ verwechseln.</strong> Das Komische macht das Grauen sichtbar, es mildert es nicht.</li>\n<li><strong>Zwei Inhaltsangaben hintereinander.</strong> Leg eine Achse fest, etwa: Wer handelt, wer stimmt zu, wer zahlt?</li>\n</ul>\n<!-- /spine -->"
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