Sobald du in der Sachtextanalyse oder Erörterung sagst, was ein Autor meint, brauchst du die indirekte Rede. Hier lernst du, wie du den Konjunktiv I bildest, was du tust, wenn er wie der Indikativ aussieht, und wie du Fragen und Aufforderungen wiedergibst.
Bildung
Stamm + -e, -est, -e, -en, -et, -en
Ausnahme
sein: ich sei, er sei
Gleich wie Indikativ?
dann Konjunktiv II
Auch gleich?
dann würde + Infinitiv
Fragen
ob oder Fragewort
Aufforderung
sollen oder mögen
Was diese Seite ist: die Regeln mit Beispielen und Übungen, frei lesbar.
Was sie nicht ist: deine ganze Abiturvorbereitung. Wie dein Land Sachtextanalyse und Erörterung prüft, steht in den AVO-Deutsch-Lernzetteln, nach Bundesland sortiert.
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In der Sachtextanalyse gibst du an vielen Stellen wieder, was der Autor behauptet. In der Erörterung gibst du Positionen anderer wieder, bevor du sie prüfst. Mit dem Konjunktiv I zeigst du: Das ist die Aussage des Autors, nicht meine eigene.
Beispiel: „Der Autor schreibt, Hausaufgaben seien sinnlos.“ Ohne Konjunktiv („Hausaufgaben sind sinnlos“) klingt es, als würdest du das selbst behaupten. Dazu kommt die Genauigkeit: Du hältst fest, wer was sagt.
Wie streng dein Land und deine Lehrkraft die Sprachrichtigkeit bewerten, steht in deinen Vorgaben. Üben solltest du es auf jeden Fall.
Merke dir
Konjunktiv I heißt: „Das sagt er, ob es stimmt, lasse ich offen.“ Er ist kein Zeichen von Zweifel, sondern von Abstand.
Konjunktiv I bilden
Nimm den Infinitiv, streiche die Endung -en (das ist der Stamm), und hänge diese Endungen an:
sagen: ich sage, du sagest, er sage, wir sagen, ihr saget, sie sagen
haben: ich habe, du habest, er habe, wir haben, ihr habet, sie haben
werden: ich werde, du werdest, er werde, wir werden, ihr werdet, sie werden
sein (Ausnahme): ich sei, du seiest, er sei, wir seien, ihr seiet, sie seien
Bei sein fehlt die Endung in der 1. und 3. Person Singular: sei, nicht „seie“. Das ist das einzige Verb, dessen Konjunktiv I sich in allen Personen vom Indikativ unterscheidet.
Weitere Beispiele: er komme, sie lese, er wisse, sie könne, er müsse. Die Formen für du und ihr (du sagest, ihr saget) wirken altmodisch. Du brauchst sie im Abitur kaum, weil du meist über andere schreibst, also in der 3. Person.
Klausur-Tipp
Im Abitur schreibst du fast immer über einen Autor oder eine Figur. Du brauchst also vor allem er/sie/es (Singular) und die Mehrzahl sie. Lerne die Er-Form sicher: er sei, habe, werde, komme, könne.
Ersatzform: Konjunktiv II und würde
Bei den meisten Verben sieht der Konjunktiv I in der Mehrzahl (wir, sie) und bei ich genauso aus wie der Indikativ Präsens. Dann erkennt man die indirekte Rede nicht. Deshalb gilt die Ersatzregel in zwei Stufen:
Konjunktiv I gleich Indikativ? Dann nimm den Konjunktiv II (hätten, kämen, wären).
Konjunktiv II gleich Präteritum? Dann hilft er auch nicht. Nimm würde + Infinitiv.
Beispiel Stufe 1: „Die Schüler sagen: ‚Wir haben zu wenig Zeit.‘“ Konjunktiv I wäre „sie haben“, das ist Indikativ. Also: „Die Schüler sagen, sie hätten zu wenig Zeit.“
Beispiel Stufe 2: „Die Politiker sagen: ‚Wir fordern höhere Steuern.‘“ Konjunktiv I: „sie fordern“ (gleich Indikativ). Konjunktiv II: „sie forderten“ (gleich Präteritum). Also: „Die Politiker sagen, sie würden höhere Steuern fordern.“
Beispiel mit unregelmäßigem Verb: „Wir kommen morgen.“ Der Konjunktiv II „sie kämen“ unterscheidet sich vom Präteritum „kamen“. Also reicht hier der Konjunktiv II.
Klausur-Tipp
Prüfe immer in dieser Reihenfolge: erst Konjunktiv I, dann Konjunktiv II, zuletzt würde. Wenn der Konjunktiv I eindeutig ist (er habe, er sei), nimm ihn. Schreib nicht „er würde kommen“, wenn „er komme“ möglich ist. Bei Verben, deren Konjunktiv II altmodisch klingt (zum Beispiel hülfen), ist die würde-Form üblich.
Vom Regelwissen zur Klausur
Im Abitur wendest du das in Sachtextanalyse und Erörterung an. Die Lernzettel zeigen dir die Aufgaben deines Landes.
Die Zeit richtet sich danach, wann das Gesagte gemeint ist, nicht nach der Zeit der Redeeinleitung („sagte“, „sagt“).
Gleichzeitig (Gegenwart): Konjunktiv I Präsens. „Sie sagte: ‚Ich bin müde.‘“ wird zu „Sie sagte, sie sei müde.“
Vorzeitig (Vergangenheit): Konjunktiv I Perfekt, also sei/habe + Partizip II. „Er sagte: ‚Ich habe das Buch gelesen.‘“ wird zu „Er sagte, er habe das Buch gelesen.“ Auch Präteritum und Plusquamperfekt der direkten Rede werden so zu Perfekt.
Nachzeitig (Zukunft):werde + Infinitiv. „Sie sagte: ‚Ich werde kommen.‘“ wird zu „Sie sagte, sie werde kommen.“
Für die Ersatzform gilt dasselbe: „Wir sind gefahren“ wird zu „sie seien gefahren“ (Konjunktiv I, eindeutig). „Wir haben gelesen“ wird zu „sie hätten gelesen“ (Konjunktiv II als Ersatz).
Pronomen, Zeit und Ort ändern
Wenn du aus direkter indirekte Rede machst, ändert sich nicht nur das Verb. Auch die Personen und oft die Zeitangaben passen sich dem Sprecher an, der berichtet.
Pronomen: „Max sagt: ‚Ich habe meine Hausaufgaben vergessen.‘“ wird zu „Max sagt, er habe seine Hausaufgaben vergessen.“ Aus ich wird er, aus mein wird sein.
Zeit und Ort: Berichtest du an einem anderen Tag, passen sich die Angaben an:
heute → an diesem Tag, am selben Tag
gestern → am Vortag, tags zuvor
morgen → am nächsten Tag, am folgenden Tag
hier → dort
Beispiel: „Er sagte: ‚Ich war gestern krank.‘“ wird zu „Er sagte, er sei am Vortag krank gewesen.“ Berichtest du noch am selben Tag, kann heute stehen bleiben. Entscheidend ist, dass die Angabe zur Situation passt.
Merke dir
Anführungszeichen fallen weg, nach dem Komma folgt meist ein normaler Satz. Mit dass geht es auch: „Er sagte, dass er müde sei.“ Das Verb steht dann am Ende.
Fragen und Aufforderungen
Entscheidungsfragen (Ja/Nein) werden mit ob angeschlossen: „Der Lehrer fragte: ‚Hat sie die Aufgabe verstanden?‘“ wird zu „Der Lehrer fragte, ob sie die Aufgabe verstanden habe.“
Ergänzungsfragen (mit Fragewort) behalten das Fragewort: „Die Mutter fragte: ‚Wann kommt er nach Hause?‘“ wird zu „Die Mutter fragte, wann er nach Hause komme.“ Das Fragezeichen fällt weg.
Aufforderungen gibst du mit sollen oder mögen im Konjunktiv I wieder: „Der Lehrer sagte zu Lena: ‚Lies den Text noch einmal!‘“ wird zu „Der Lehrer sagte, Lena solle den Text noch einmal lesen.“ Höflicher klingt möge: „Er bat, sie möge den Text noch einmal lesen.“ Alternative ohne Konjunktiv: „Er forderte sie auf, den Text noch einmal zu lesen.“
Häufige Fehler
Indikativ statt Konjunktiv„Der Autor schreibt, Hausaufgaben sind sinnlos.“ Besser: „… seien sinnlos.“ In der Alltagssprache hört man das, im Abitur-Text zeigst du mit dem Konjunktiv den Abstand.
Immer „würde“„Er würde müde sein“ statt „er sei müde“. Würde ist nur die letzte Stufe, wenn Konjunktiv I und II nicht eindeutig sind.
Pronomen vergessen„Max sagt, ich habe …“ statt „er habe“. Prüfe nach jedem Satz, wer spricht und wer berichtet.
Zeit der Redeeinleitung übernehmen„Sie sagte, sie wäre müde gewesen“ nur, weil „sagte“ im Präteritum steht. Die Zeit der Aussage zählt: „sie sei müde.“
Fragezeichen und „ob“ vergessen„Sie fragte, kommst du mit?“ ist direkte Rede ohne Zeichen. Nimm ob oder das Fragewort und lass das Fragezeichen weg.
Falsche Form von seinEs heißt „er sei“, nicht „er seie“, und „sie seien“ in der Mehrzahl.
Übungen mit Lösungen
Schreib erst selbst, dann klapp die Lösung auf. Die Sätze sind ausgedacht, keine echten Zitate.
Aufgabe 1 · Konjunktiv I bilden leicht
Aufgabe: Setze in den Konjunktiv I (3. Person Singular): er kommt, sie ist, er hat, sie wird, sie liest, er kann.
Lösung: er komme, sie sei, er habe, sie werde, sie lese, er könne.
Aufgabe 2 · Pronomen leicht
Aufgabe: Max sagt: „Ich bin überzeugt, dass meine Methode funktioniert.“ Gib das in indirekter Rede wieder.
Lösung: Max sagt, er sei überzeugt, dass seine Methode funktioniere.
Aufgabe 3 · Ersatzform Stufe 1 mittel
Aufgabe: Die Schüler sagen: „Wir haben das Problem unterschätzt.“ Indirekte Rede?
Lösung: „sie haben … unterschätzt“ wäre Indikativ, also Konjunktiv II: Die Schüler sagen, sie hätten das Problem unterschätzt.
Aufgabe 4 · Ersatzform Stufe 2 mittel
Aufgabe: Die Politiker sagen: „Wir fordern höhere Steuern.“ Indirekte Rede?
Lösung: „fordern“ gleich Indikativ, „forderten“ gleich Präteritum. Also: Die Politiker sagen, sie würden höhere Steuern fordern.
Aufgabe 5 · Zeit und Ort mittel
Aufgabe: Er sagte: „Ich war gestern krank und komme morgen wieder.“ Gib das eine Woche später wieder.
Lösung: Er sagte, er sei am Vortag krank gewesen und komme am nächsten Tag wieder.
Aufgabe 6 · Frage mittel
Aufgabe: Sie fragte ihn: „Hast du gestern gelernt?“ Indirekte Rede?
Lösung: Sie fragte ihn, ob er am Vortag gelernt habe.
Aufgabe 7 · Aufforderung mittel
Aufgabe: Der Trainer sagte zu Ben: „Lauf schneller!“ Indirekte Rede?
Lösung: Der Trainer sagte, Ben solle schneller laufen.
Aufgabe 8 · Wie in der Klausur Klausurniveau
Aufgabe (ausgedachter Sachtext): Der Autor schreibt: „Soziale Netzwerke machen Jugendliche einsam. Ich habe das selbst erlebt.“ Gib die Position des Autors in zwei Sätzen wieder.
Lösung: Der Autor schreibt, soziale Netzwerke würden Jugendliche einsam machen („machen“ gleich Indikativ, „machten“ gleich Präteritum). Er habe das selbst erlebt („ich habe“ wird zu „er habe“).
Häufige Fragen zu Konjunktiv I und indirekter Rede
Wie bildet man den Konjunktiv I?
Du nimmst den Stamm des Infinitivs und hängst die Endungen -e, -est, -e, -en, -et, -en an, zum Beispiel er sage, er habe, er werde. Das Verb sein ist die Ausnahme: ich sei, er sei, wir seien.
Wann nehme ich Konjunktiv II statt Konjunktiv I?
Wenn der Konjunktiv I genauso aussieht wie der Indikativ, etwa bei sie haben oder ich sage. Dann nimmst du den Konjunktiv II, zum Beispiel sie hätten. Ist auch der gleich dem Präteritum, nimmst du würde + Infinitiv.
Wann benutze ich würde?
Nur als letzte Stufe: wenn weder Konjunktiv I noch Konjunktiv II von der Indikativform zu unterscheiden sind, etwa bei sie fordern (forderten gleich Präteritum). Du schreibst dann sie würden fordern.
Wie gibt man Fragen in indirekter Rede wieder?
Ja/Nein-Fragen werden mit ob angeschlossen, Fragen mit Fragewort behalten das Fragewort. Das Verb steht im Konjunktiv I, das Fragezeichen fällt weg: Sie fragte, ob er gelernt habe.
Wie gibt man Aufforderungen in indirekter Rede wieder?
Mit sollen oder mögen im Konjunktiv I: Der Trainer sagte, Ben solle schneller laufen. Möglich ist auch eine Umschreibung, etwa Er forderte ihn auf, schneller zu laufen.
Wozu brauche ich die indirekte Rede im Abitur?
In der Sachtextanalyse und in der Erörterung gibst du Aussagen des Autors oder anderer wieder. Der Konjunktiv I zeigt, dass es deren Aussage ist und nicht deine, und er macht deine Wiedergabe genauer.
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ErklärvideoHeimsuchung in unter einer MinuteErklärvideoHeimsuchung in unter einer Minute
Autorin
Jenny Erpenbeck
Erschienen
2008
Gattung
Roman, Gegenwartsliteratur
Schauplatz
Grundstück am Scharmützelsee (im Roman: Märkisches Meer)
Aufbau
Prolog, 22 Kapitel (ungerade: Der Gärtner, gerade: je eine Figur), Epilog
Zeitraum
Ende des 19. Jahrhunderts bis nach 2000
Erzählweise
multiperspektivisch, nicht-chronologisch
Abitur 2027
Pflicht in 9 Ländern
Worum es geht: Heimsuchung in fünf Sätzen
Ein Großbauer teilt sein Land am See in Parzellen und verkauft sie, unter anderem an einen Berliner Architekten und eine jüdische Tuchfabrikanten-Familie. Der Architekt baut ein Sommerhaus und kauft den Nachbarn ihr Ufergrundstück billig ab, als sie fliehen müssen; die meisten von ihnen werden ermordet. Bei Kriegsende kommt die Rote Armee ins Haus, in den frühen 1950ern flieht der Architekt in den Westen, in der DDR zieht eine aus dem Exil zurückgekehrte Schriftstellerin ein. Nach der Wende melden die Erben alte Ansprüche an, das Grundstück wird verkauft und das Haus abgerissen. Vor jedem Bewohnerkapitel arbeitet derselbe namenlose Gärtner. In seinem letzten Kapitel verschwindet er. Der Ort bleibt, die Menschen müssen gehen.
Karl Hagemeister: Der Schwielowsee in der Mark Brandenburg. Kein Bild aus dem Roman, aber eine märkische Seelandschaft wie die am Schauplatz. Bild: Karl Hagemeister, gemeinfrei, Wikimedia Commons
Die Kapitel einzeln
Die Bewohnerkapitel heißen nach ihrer Hauptfigur. Im Buch sind sie die geraden Kapitel 2 bis 22. Vor jedem steht ein kurzes Kapitel „Der Gärtner“, das sind die ungeraden Kapitel 1 bis 21. Nach Kapitel 22 steht keins mehr. Tippe ein Kapitel an, um die Zusammenfassung zu sehen.
Prolog Eiszeit
Vor ungefähr 24 000 Jahren schiebt sich das Eis vor. Der See entsteht erst später, als das Toteis taut, und bekommt von den Menschen den Namen Märkisches Meer. Gegen diese Zeitspanne wirken alle folgenden Menschenleben kurz.
2 · Der Großbauer und seine vier Töchter Ende 19. Jh. bis ca. 1934
Der Großbauer Wurrach teilt das Land am See in drei Parzellen. Er verkauft sie an einen Importeur, an einen Tuchfabrikanten und an einen Architekten aus Berlin. Eine seiner Töchter, Klara, ist tot. Das Kapitel zeigt die alte, dörfliche Ordnung, in der Land Erbe und Mitgift ist.
4 · Der Architekt frühe 1950er
Der Architekt hat das Sommerhaus gebaut. Jetzt, in der jungen DDR, bereitet er seine Flucht nach West-Berlin vor und muss das Haus zurücklassen, das er für die Ewigkeit geplant hatte.
6 · Der Tuchfabrikant NS-Zeit
Eine jüdische Familie aus Guben, Nachbarn des Architekten. Sohn Ludwig kann nach Südafrika fliehen. Das Ufergrundstück wird unter dem Druck der Verfolgung an den Architekten verkauft. Die Flucht der übrigen Familie scheitert.
8 · Die Frau des Architekten bis Kriegsende
Die Frau des Architekten erinnert sich an ihr Leben in dem Haus, von den ersten Sommern bis zur Flucht. Ihre Erinnerungen zeigen den privaten Alltag, während draußen die politische Geschichte weiterläuft.
10 · Das Mädchen Zweiter Weltkrieg
Doris, ein Mädchen aus der Familie des Tuchfabrikanten, versteckt sich im Warschauer Ghetto. Sie wird entdeckt und ermordet. Das Kapitel bleibt ganz in ihrer Wahrnehmung.
12 · Der Rotarmist 1945
Kriegsende. Die Frau des Architekten hat sich im begehbaren Wandschrank versteckt, als ein junger sowjetischer Offizier ins Haus kommt. Die sexuelle Gewalt wird nicht ausgemalt; die Szene wirkt durch das, was der Text auslässt.
14 · Die Schriftstellerin DDR
Eine kommunistische Schriftstellerin, aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrt, hat das Haus in der DDR gepachtet. Ihr Kapitel verbindet Exil, Aufbaujahre und den Rückzug ins Private.
16 · Die Besucherin ohne Jahr
Die Großmutter der Schwiegertochter ist zu Besuch. Sie wurde aus Masuren vertrieben. Mit ihr kommt eine weitere Geschichte von Heimatverlust ins Haus, diesmal die der deutschen Vertriebenen.
18 · Die Unterpächter nach 1989
Ein Rentnerehepaar wohnt im Werkstattteil des Grundstücks. Nach der Wende ist unklar, wem das Land gehört und wie lange sie bleiben dürfen.
20 · Der Kinderfreund ohne Jahr
Ein Mann repariert, erinnert sich und erzählt beiläufig. Zwischen den Zeilen wird der Missbrauch der zwölfjährigen Nicole sichtbar. Auch hier spricht der Text das Verbrechen nicht aus.
22 · Die unberechtigte Eigenbesitzerin nach 1989
Die Enkelin der Schriftstellerin. Die Erben der Architektenfrau machen ihre Ansprüche geltend, das Grundstück wird verkauft. Der Titel stammt aus der Sprache der Behörden: Wer jahrzehntelang dort gelebt hat, gilt nun als „unberechtigt“.
Der Gärtner Kapitel 1, 3, 5 … 21
Kurze Kapitel ohne Jahreszahl: Der namenlose Gärtner schneidet, pflanzt, repariert. In Kapitel 21 zieht er sich zurück und verschwindet. Danach wird er nicht wieder gesehen.
Epilog zuletzt
Das Haus wird abgerissen. Was bleibt, ist die Landschaft vom Anfang.
Zur Klausur: Lernzettel deines Landes
Die Zusammenfassung reicht nicht. Auszug-Analyse, Musterabsatz und 10 Fragen im Lernzettel deines Landes.
Im Buch springen die Kapitel durch die Zeit. Sortiert sieht das so aus. Die Zahl im Kreis ist die Kapitelnummer im Buch.
Ende 19. Jh.2Der Großbauer verkauft das Land in Parzellen. Das Haus wird gebaut.
bis Kriegsende8Die Frau des Architekten: das Leben im Haus, aus der Erinnerung.
NS-Zeit6Der Tuchfabrikant: Verfolgung, Verkauf unter Wert, gescheiterte Flucht.
Zweiter Weltkrieg10Das Mädchen Doris im Warschauer Ghetto.
194512Der Rotarmist: Kriegsende, Gewalt gegen Frauen.
frühe 1950er4Der Architekt flieht in den Westen.
DDR14Die Schriftstellerin pachtet das Haus in der DDR.
ohne Jahr16Die Besucherin, auf der Flucht im Zweiten Weltkrieg.
nach 198918Die Unterpächter: unsichere Besitzverhältnisse.
ohne Jahr20Der Kinderfreund.
nach 198922Die unberechtigte Eigenbesitzerin: Restitution, Verkauf, dann der Abriss.
Klausur-Tipp
Wenn ein Auszug vorgelegt wird, ordne ihn zuerst zeitlich ein und benenne, welche Vertreibung hier stattfindet. Fast jede Interpretationsaufgabe hängt an dieser Einordnung.
Aufbau & Erzählstruktur
Ein Prolog erzählt, wie vor ungefähr 24 000 Jahren das Eis vorrückt und später der See entsteht. Ein Epilog erzählt den Abriss des Hauses. Dazwischen stehen 22 Kapitel: elfmal „Der Gärtner“ (Kapitel 1, 3, 5 bis 21) und elf Bewohnerkapitel (Kapitel 2, 4, 6 bis 22). Der Gärtner steht vor jedem Bewohnerkapitel, nicht danach. In Kapitel 21 verschwindet er.
Vier Ordnungen auf demselben Grundstück
Anfang: Bürgertum, Privatbesitz, Sommerhaus. Der Ort steht für Aufstieg und scheinbare Dauer.
NS-Diktatur: Die jüdische Familie muss weit unter Wert verkaufen und wird ermordet. Der Besitzwechsel ist Teil der Verfolgung.
DDR: Flucht des Architekten, Pacht durch die Schriftstellerin, Rückkehr aus dem Exil. Wohnen hängt an politischer Zugehörigkeit.
Nach 1990: Restitutionsansprüche, Verkauf, Abriss. Der Ort wird zur Ware.
Was diese Struktur bedeutet
Der Ort ist die Hauptfigur. Die Menschen wechseln kapitelweise, das Grundstück bleibt. Deshalb gibt es keine durchgehende Handlung und keinen klassischen Spannungsbogen.
Wiederholung statt Fortschritt. Jede Ordnung bringt eine neue Vertreibung. Geschichte erscheint als Kreislauf.
Fragment statt Chronik. Die Kapitel springen zwischen den Epochen, die Chronologie setzt man selbst zusammen. Das ist gewollt und ein beliebter Analyseauftrag.
Die Gärtner-Perspektive
Die Gärtner-Kapitel sind kein bloßer Rahmen, sie tragen die Aussage des Romans. Der Gärtner bekommt keinen Namen, keine Biografie und keine Meinung. Er pflanzt, schneidet, wässert, repariert, über die Regierungen hinweg, und verschwindet in Kapitel 21, bevor die letzte Bewohnerin das Haus räumt.
Funktion im Roman
Konstante: Er verbindet die Epochen, ohne selbst Teil einer von ihnen zu sein.
Distanz: Wo die Bewohner-Kapitel ganz nah an die Figuren gehen, bleibt er kühl und beschreibend. Dieser Wechsel erzeugt die Wirkung des Romans.
Gegenbild: Natur und Handwerk laufen weiter, während politische Ordnungen sich ablösen. Dauer steht gegen Vergänglichkeit.
Wertungsverzicht: Er kommentiert nicht, was die Menschen einander antun. Das Urteil bleibt bei den Lesenden.
Sprachlich erkennbar an
Wiederholungen („Der Gärtner …“), litaneihaft, fast rituell
Parataxen: gleichgeordnete Sätze, die Arbeitsschritte aneinanderreihen
Fachwörter aus dem Gartenbau statt Gefühlswörtern
Jahreszeiten als Taktgeber anstelle von Jahreszahlen
Gärtner-Auszug analysieren: Schritt für Schritt zum Musterabsatz
Auf unseren Lernzetteln übst du, statt nur zu lesen: Du nimmst dir einen Auszug Satz für Satz vor, ordnest ihn ein, findest die Wiederholungen und benennst die Leerstelle. Am Ende hast du einen fertigen Musterabsatz als Vorlage für die Klausur.
Heimsuchung meint zweierlei: das Aufsuchen eines Heims und ein Unglück, das jemanden heimsucht. Beides gilt. Alle Figuren suchen hier ein Zuhause, und alle werden von der Geschichte getroffen. Diese Doppeldeutigkeit ist eine der häufigsten Interpretationsaufgaben überhaupt.
2. Heimat als immer wieder verlorener Ort
Heimat ist im Roman nie sicher. Sie wird gebaut, vererbt, geraubt, zugewiesen, zurückgefordert und schließlich abgerissen. Wer sie zu besitzen glaubt, verliert sie als Nächster.
3. Deutsche Geschichte als Wiederholung
Enteignung, Vertreibung, Verlust: dasselbe Muster unter vier Vorzeichen. Erpenbeck stellt die Systeme nicht gleich, zeigt aber, dass der Mechanismus sich gleicht. Hier setzen Erörterungsaufgaben an.
4. Erinnern und Vergessen
Der See bewahrt und verbirgt zugleich. Gegenstände, Verstecke und das Haus selbst tragen Spuren, die niemand mehr liest. Die Frage lautet nicht „Was ist passiert?“, sondern „Was bleibt davon übrig, wenn alle weg sind?“.
5. Darstellung ohne Moralurteil
Erpenbeck erklärt nicht, wer schuldig ist. Sie zeigt Abläufe, Formulare, Verträge, Handgriffe. Gerade diese Nüchternheit macht die Gewalt spürbar. Zugleich ist sie der häufigste Kritikpunkt, den du in einer Erörterung aufgreifen kannst.
6. Das Grundstück als Mikrokosmos
Ein Ort steht für ein Land: Was auf diesen wenigen Quadratmetern geschieht, ist deutsche Geschichte im Kleinen. Diese Übertragung solltest du in der Interpretation ausdrücklich benennen.
Mehr im Lernzettel
Fünf Deutungsansätze, jeder mit Beleg aus dem Roman (zum Beispiel Besitz und Unrecht, Erinnern an die Ermordeten, Natur gegen Geschichte), ein Musterabsatz an einer echten Stelle und Sätze, die du in der Klausur verwenden kannst.
Aufzählungen und Listen: Besitz, Inventar, Handgriffe. Sachlichkeit dort, wo man Empörung erwartet.
Symbolik: See (Erinnern und Verbergen), Garten (Pflege und Vergänglichkeit), Haus (Heimat, die verloren geht).
So belegst du sauber
Benenne das Mittel, zitiere knapp mit Seitenangabe, und erkläre die Wirkung im Zusammenhang der Textstelle. Eine Aufzählung von Stilmitteln ohne Deutung bringt kaum Punkte.
Typische Klausuraufgaben zu Heimsuchung
Die Aufgaben folgen den üblichen Operatoren: Analysieren, Interpretieren, Erläutern, Erörtern und Vergleichen. Wer weiß, was der Operator verlangt, hat die halbe Arbeit gemacht.
Analysieren (AFB II)
Analysieren Sie die Erzähltechnik in einem Gärtner-Kapitel.
Analysieren Sie die Darstellung der NS-Zeit in dem vorliegenden Auszug.
Analysieren Sie die Funktion des Sees als Symbol.
Interpretieren (AFB III)
Interpretieren Sie die Gärtner-Perspektive als Gegengewicht zu den Bewohner-Kapiteln.
Interpretieren Sie den Titel Heimsuchung in seiner Doppeldeutigkeit.
Interpretieren Sie das Grundstück als Mikrokosmos deutscher Geschichte.
Erläutern (AFB II)
Erläutern Sie, wie die politischen Ordnungen im Roman dargestellt werden.
Erläutern Sie den Begriff von Heimat, den der Roman entwirft.
Erläutern Sie die Funktion der fragmentarischen Erzählweise.
Erörtern (AFB III)
Erörtern Sie, ob Erpenbecks Verzicht auf moralische Wertung die Wirkung stärkt oder schwächt.
Diskutieren Sie: Ist der Roman pessimistisch oder nüchtern realistisch?
Erörtern Sie die Aktualität des Romans mit Blick auf Heimat, Flucht und Migration.
Vergleichen (AFB III)
Vergleichen Sie ein Gärtner-Kapitel mit einem Bewohner-Kapitel.
Vergleichen Sie zwei Kapitel aus verschiedenen Epochen im Umgang mit Besitz und Verlust.
Vergleichen Sie Heimsuchung mit Kleists Der zerbrochne Krug hinsichtlich Gattung, Aufbau und Gerechtigkeitsfrage.
Zu diesen Aufgaben im Lernzettel
Wie die Aufgabe in deinem Bundesland aussieht, ein Musterabsatz an einer echten Stelle und Sätze für die Klausur.
Nacherzählen statt analysierenErst Textstelle einordnen, dann fragen, wie erzählt wird und was das bewirkt.
Den Gärtner als bloßen Rahmen abtunDie Gärtner-Kapitel als eigene Erzählebene behandeln und gegen die Bewohner-Kapitel stellen.
Die Epochen verwechselnAm Anfang zwei Minuten investieren und die Zeitebene sicher bestimmen, bevor du deutest. Die Zeitleiste oben hilft.
Stilmittel aufzählen ohne WirkungJedes Mittel mit einem knappen Beleg und einem Wirkungssatz verbinden.
Die Systeme moralisch gleichsetzenDas wiederkehrende Muster benennen und trotzdem die historischen Unterschiede klar markieren.
Den Operator ignorierenErörtern verlangt Abwägung, Analysieren verlangt Belege. Operator unterstreichen, bevor du gliederst.
Lerncheck: 3 Fragen
Tippe deine Antwort an. Du siehst sofort, ob sie stimmt, und warum.
Das waren 3 von 10 Fragen. Die übrigen 7 Fragen gibt es bei AVO im Lernzettel deines Bundeslands, mit Erklärung zu jeder Antwort. Bundesland wählen ↑
Heimsuchung im Abitur 2027: welche Bundesländer?
Verbindliche Lektüre ist der Roman 2027 in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Brandenburg, Berlin, Sachsen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Thüringen prüft im schriftlichen Deutsch stattdessen das Thema Sprache und Politik. Dort brauchst du den Roman nicht.
Was in Klausuren fast immer verlangt wird, ist überall gleich: Erzähltechnik (Mehrperspektivität, Zeitsprünge, Fragment), die Funktion der Gärtner-Kapitel und die Motive Heimat, Vertreibung und Erinnerung. In den Ländern mit zwei Pflichtwerken kommt der Vergleich mit Kleists Der zerbrochne Krug dazu.
Prüfungsdauer, erlaubte Hilfsmittel, Zahl der Wahlaufgaben und die weiteren Themenfelder sind Ländersache. Deshalb sind die Lernzettel nach Bundesland sortiert. Zwei Beispiele:
Niedersachsen nennt im Erlass auch die Rezeption, also wie Kritikerinnen und Kritiker den Roman gelesen und bewertet haben.
Hessen prüft den Roman im Grund- und im Leistungskurs. In der Prüfung liegt ein Stück aus einem Kapitel vor dir.
Was in deinem Land dazukommt, steht in der Heimsuchung-Karte deines Bundeslands. Bundesland wählen ↑
Häufige Fragen zu Heimsuchung
Worum geht es in Heimsuchung von Jenny Erpenbeck?
Ein Grundstück am Scharmützelsee in Brandenburg, im Roman Märkisches Meer genannt, wechselt vom Ende des 19. Jahrhunderts bis nach 2000 immer wieder die Besitzer. Elf Bewohnerkapitel erzählen von den Menschen, die dort leben. Vor jedem dieser Kapitel steht ein kurzes Kapitel „Der Gärtner“; in seinem letzten Kapitel verschwindet er. Hauptfigur ist nicht ein Mensch, sondern der Ort.
Wie viele Kapitel hat Heimsuchung?
Prolog, dann 22 Kapitel, dann ein Epilog. Die ungeraden Kapitel 1 bis 21 heißen „Der Gärtner“ und stehen jeweils vor einem Bewohnerkapitel. Die geraden Kapitel 2 bis 22 erzählen je eine Figur. Nach Kapitel 22 folgt kein Gärtner-Kapitel mehr.
Was bedeutet der Titel Heimsuchung?
Der Titel ist doppeldeutig. Heimsuchung meint einerseits das Aufsuchen eines Heims, andererseits ein Unglück, das jemanden heimsucht. Beides trifft zu: Alle Figuren suchen an diesem Ort ein Zuhause, und alle werden von der Geschichte vertrieben.
Welche Funktion hat der Gärtner?
Der Gärtner bekommt keinen Namen und wertet nicht. Er arbeitet über die politischen Systeme hinweg am selben Grundstück und verschwindet in Kapitel 21, bevor die letzte Bewohnerin das Haus räumt. Die Wiederholung seiner Arbeit schafft Distanz zu den Einzelschicksalen.
Ist Heimsuchung 2027 Pflichtlektüre?
Ja, in neun Ländern: Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Berlin, Brandenburg, Sachsen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Thüringen prüft 2027 im schriftlichen Deutsch das Thema Sprache und Politik.
Welche Erzähltechnik verwendet Erpenbeck?
Multiperspektivisches, nicht-chronologisches Erzählen in Fragmenten. Die Bewohner-Kapitel nutzen personales Erzählen mit erlebter Rede, die Gärtner-Kapitel einen zeitlosen, litaneihaften Ton mit Wiederholungen und Parataxen. Traumatisches wird ausgespart statt ausgemalt.
Wie bereite ich mich am besten auf die Klausur vor?
Drei Schritte: die Kapitel sicher zeitlich zuordnen können, zu jedem Motiv zwei kurze Belegstellen parat haben und die Operatoren deines Bundeslands kennen. Den Stoff findest du oben. Operatoren, Klausurformate und die übrigen Pflichtthemen deines Landes liegen in den Lernzetteln.
Was die Lernzettel zusätzlich abdecken
Auf dieser Seite
Handlung Kapitel für Kapitel und Zeitleiste
Gärtner-Perspektive und Motive
Erzähltechnik und Sprache
Typische Aufgaben, Fehler und 3 Testfragen
In den AVO-Lernzetteln
Ein Auszug Schritt für Schritt, mit Musterabsatz
Alle Pflichtthemen deines Bundeslands 2027
Operatoren mit Definition und Aufbau
Klausurformate: Zeiten, Auswahl, Hilfsmittel
Last-Minute-Karten und Quizfragen, offline nutzbar
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